Blogkritik und -recycling

Die NZZ am Sonntag sagt oder besser schreibt “der Blog” statt, wie empfohlen, “das Blog”. So betitelt wird im Sportteil der Ausgabe von gestern ein langer Text von henusode über Evelyne Binsack in einer 19zeiligen Blogkritik zusammengefasst.

Ob hingegen Blog-Recycling als Content in Ordnung ist, mit nachfragen oder ohne, mit Honorar oder ohne – das wurde schon vor zwei Jahren ausführlich verhandelt – und ist doch noch nicht beantwortet.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Heisser Sommer (II)

Mit etwas Ironie hat sich der Tages-Anzeiger am 31.8.2006 von der hier besprochenen, mutig angepackten und gut umgesetzten Sommerserie “Heisser Sommer” verabschiedet. Daniela Janser schreibt:

… Der reiche Pornohändler, der unsere Serie mit Millionen gesponsert hat (ein Scherz, die Red.), sagte, …

Der Leser soll also davon ausgehen können, dass die Erwähnung des immer gleichen Händlers purer Zufall war und keine finanziellen Verbandelungen mit sich gezogen hat. Wissen sie was? Ich glaube das. Nicht nur, weil seit unserem Beitrag keine Hinweise mehr auf Händler gedruckt wurden. Nochmals: Das Problem lag nicht beim Hinweis auf Kaufmöglichkeiten, sondern beim ausschliesslichen Hinweis auf einen einzigen Händler. Wir wünschen der Redaktion, nicht allzuviele Abonnementskündigungen als Antwort darauf erhalten zu haben.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

“Anonymous Lawyer”:
Wenn Blogs zu Büchern werden

Im Frühjahr 2004 gab es ein bisschen Aufregung in amerikanischen Anwaltskreisen: Ein anonymes Blog war Grund für heftige Diskussionen und Spekulationen.

Nun gibt es Blogs von Jura-Studenten und Junganwälten natürlich wie Sand am Meer, aber der unbekannt bleiben wollende Autor von “Anonymous Lawyer” behauptete, ein mächtiger Partner bei einer der grossen amerikanischen Anwaltskanzleien zu sein. Jeden Tag berichtete Anonymous Lawyer in äusserst sarkastischem Ton von haarsträubenden Ereignissen aus seiner Big Law Firm und aus der Welt der Wirtschaftsanwälte im allgemeinen. Viele waren überzeugt, dass diese erstaunlich detailgenauen und treffenden Beschreibungen wirklich nur von einem Insider stammen konnte. Und darum wurde auch heftig darüber spekuliert, wer der Autor sein könnte. » weiterlesen

Thementerror täglich

Ganze zwei Wochen (ab dem 12. August 2006) segelte Günter Grass durch die hiesigen Medien mit einer Sommer-PR-Aktion, die nur Gewinner hervorzauberte: Aufmerksamkeit und Profilierung für Günter Grass, seine Gegner, seine Freunde sowie erhöhte Umsätze im Buchwesen. Die Journalisten wussten, über was zu schreiben ist und die Feuilletons konnten ihre, je nach Sichtweise, Unwichtigkeit oder Wichtigkeit unterstreichen, insbesondere die F.A.Z., die die Geschichte ins Rollen brachte.

Da traf es sich hervorragend, dass, als nur noch der Assistenzbibliothekar von Danzig oder eine entfernte Cousine von Grass noch nicht um ihre Meinung zu dem in den Akten schon immer vorhandenen Zeugnis seiner Mitgliedschaft in der Waffen-SS gebeten worden waren, am 23. August 2006 die 1998 entführte Natascha Kampusch auf einem österreichischen Polizeiposten auftauchte. » weiterlesen

Reaktionen auf Österreich

Österreich ist gestartet und liess den erwarteten Scoop in der ersten Nummer vermissen. Stattdessen das Bild von Natascha Kampusch auf der Titelseite, wie sie aussehen könnte, doch nicht aussieht. Es handelt es sich dabei um eine Fotomontage aufgrund einer Aufnahme, als sie 10 Jahre alt war. So ein Bild in den Umlauf zu bringen oder abzudrucken ist einerseits eine Frechheit, weil der Name einer real existierenden Person mit einem Fantasiebild in Verbindung gebracht wird. Andererseits könnte es eine Wohltat für die Betreffende sein, da sie, falls der Medienrummel nächstens abebbt, vielleicht eher mit diesem als mit dem möglicherweise nächstens erscheinenden echten Bild identifiziert wird.

Auch viele andere Medien verwenden dieses Bild einer Wahrheit, wie sie sein könnte, vergessen dabei aber meist nicht, das im Bildtext zu erwähnen. Auf der Titelseite von Österreich steht aber nur: “Natascha: Nächste Woche im TV”. Eine solche Montage in der allerersten Ausgabe auf Seite 1 zu bringen, sagt vielleicht mehr aus über diese Boulevard-Zeitung als manche darin oder darüber erscheinenden Artikel. Gemäss dieser Quelle soll die omnipräsente Fotomontage auch bereits zweimal den Titel des Standard geziert haben.

Wir wollten auch eine Österreich kaufen, doch auch ein grösserer Schweizer Bahnhofskiosk hat nur den Kurier und die Kronenzeitung. Und von Österreich noch nie etwas gehört. Wir sammeln deshalb einige Reaktionen, angefangen mit einer Zusammenstellung des Standard, geschlossen mit dem Eigenlob von Österreich: » weiterlesen

Der Blogger, das unbekannte Wesen

Wie es um die Eigenständigkeit und Unverwechselbarkeit von Webportalen deutscher (Print)medien steht, zeigt uns Google News mit Der Blogger, das unbekannte Wesen.

Dieser Text mit dem nicht ganz taufrischen Titel ist seit gestern nachmittag nicht weniger als 33 mal erschienen, vom ersten Eintrag des Reutlinger General-Anzeigers bis zum zurzeit aktuellsten der Lübecker Nachrichten. Mal wird Caroline Bock als Autorin angegeben, mal soll es Thomas Cloer sein. Mal wird die Geschichte pageimpressionsrelevant auf drei Seiten verteilt, mal werden einzelne Wörter verlinkt, mal werden Zwischentitel kopiert und eingefügt, mal wird unter “Übrigens” noch ein selbstgeschriebener Absatz angehängt, mal werden zur besseren Lesbarkeit die Absätze herausgenommen. » weiterlesen

noch 2 Tage bis 3+

3+ ist ein neuer Schweizer TV-Sender, der am 31. August 2006 um 20 Uhr erstmals seine Programme sendet. Dann wird Viola Tami, Moderatorin der Castingshow “Superstar” die vor den Geräten versammelten Zuschauer begrüssen. Nachher folgt der James-Bond-Film “Goldeneye” (satnews.de)

Die angepeilte Zielgruppe von 3+ ist 15- bis 49-jährig oder junggeblieben. Jung sein ist wichtig, denn

    3+ ist ein Schweizer Unterhaltungssender. Volksmusik-Kapellen und lange Diskussionsrunden mit Pfeifenrauchern sucht man hier also vergebens. Wenn Sie jedoch an frischen, frechen Schweizer Produktionen mit hohem Unterhaltungswert interessiert sind: 3+ bringt?s.

So das Programm. Persönlich bin ich sehr enttäuscht, dass auch dieser Sender keine langen Diskussionsrunden mit Pfeifenrauchern bringt, denn genau das vermisse ich seit der Auflösung von Club 2 dringend. Doch ich bin jung und denke, Volksmusik sei Unterhaltung und gehöre somit wie alle Alten nicht zur Zielgruppe. Die Zielgruppe ist nämlich jung und denkt, Volksmusik sei keine Unterhaltung. Widmen wir uns also den frischen, frechen Schweizer Produktionen mit hohem Unterhaltungswert: » weiterlesen

Ö wie Österreich

Eine neue Zeitung erscheint ab 1. September 2006 sieben Tage die Woche mit einer Auflage von 250’000 Exemplaren (600’000 am Sonntag). Österreich ist der Arbeitstitel, die Website unter oe24.at zu finden. Lanciert wird das Blatt als Boulevardzeitung für 25-50jährige, die im Einzelverkauf 50 Cent die Ausgabe zahlen sollen, ein Preis, der sämtliche Konkurrenzangebote unterbietet (Kronen-Zeitung 90 Cent, Der Standard 1,30 Euro).

Gratiszeitungen, so Herausgeber Wolfgang Fellner, seien ein “unbrauchbares Geschäftsmodell”, weil so keine Leserbindung zustande komme (handelsblatt.com). Seltsam, denn in der Schweiz hat unlängst exakt dieses unbrauchbare Geschäftsmodell gleich zwei Gratiszeitungen hervorgebracht, 20 Minuten und Heute. Auch in Österreich war das kostenlose Heute die in den letzten zehn Jahren einzige überlebensfähige Gründung (taz.de). » weiterlesen

Web 2.0-Bubble weit entfernt vom Platzen:
Sony kauft ein, Youtube macht Werbung

Bei all den Jubelmeldungen über die explodierenden Zuschauerzahlen der Videosite YouTube stellt man gern mal zwei naheliegende Fragen: Wo ist das Businessmodell? Und was ist diese Firma, die bisher keinen Umsatz macht und pro Monat $1 Million für Netzwerkbandbreite ausgibt, ungefähr wert?

Seit dieser Woche wissen wir mehr: YouTube bringt jetzt auch Werbung. Die Homepage zeigt jetzt populär jeweils ein bezahltes Werbevideo, das neue Filme, neue Musik und dergleichen anpreist. Pionierin der Youtube-Werbung war ausgerechnet Paris Hilton, was ja einiges darüber aussagt, was wir in diesem Bereich noch zu befürchten haben. Derzeit läuft auf der Homepage gerade ein Trailer für die Saufkomödie “Beerfest”, was niveaumässig sogar noch eine Verschlechterung darstellt. Aber wenn’s wenigstens ein wenig Umsatz bringt…

Einen Anhaltspunkt für eine Bewertung gibt ein Deal, den Sony diese Woche angekündigt hat: Der japanische Elektronikriese kauft für $65 Millionen die Videosite Grouper, die deutlich weniger User als YouTube, dafür aber (angeblich) eine überlegene Technologie anbietet. Auf die Userzahlen hochgerechnet, wäre YouTube dann locker so gegen eine Millarde $ wert. Gar nicht schlecht für ein gerade 18 Monate altes Unternehmen. Und die Analysten rechnen inzwischen sogar mögliche Bewertungen für alle möglichen anderen Videosites aus, von denen noch nie jemand was gehört hat. Wohlgemerkt: Die meisten dieser Sites haben noch nie irgendwelchen Umsatz gemacht, geschweige denn Gewinne. Erinnert uns das irgendwie an… 1999 ?!

Dass die Web-2.0-Bubble etwas ausser Kontrolle ist, zeigt auch noch ein weiterer aktueller Deal: Die schon totgesagte Social-Networking-Plattform Friendster (die mal vor langer, langer Zeit — vor Myspace — populär war) hat $10 Millionen neues Kapital erhalten. Das zeigt meiner Meinung nach vor allem eines: Venture Capitalists haben keine Ahnung, wie die junge Zielgruppe dieser Plattformen tickt. Friendster ist etwa so hip wie Schuhe mit Plateausohlen. Da kann man mit noch so viel Geld werfen, die User wird das leider nicht interessieren.

Kopien, Kopien

Was macht das Facts, wenn die Ideen ausgehen? Man liest den Guardian aus England und setzt den dort veranstalteten Ipod-Tausch unter Musikern fast 1:1 um. Festgestellter Unterschied: es sind Schweizer Musikschaffende. Online ist das nicht verfügbar, es erschien in der Ausgabe 31/2006.

Zur Street-Parade veröffentlichte das Magazin den hervorragenden Text von Antia Blasberg über DJ Mark Spoon. Zum Schluss des Artikels wurde verraten, dass Frau Blasberg Autorin der “Zeit” sei und in Hamburg lebe. Das ist interessant, aber wieso schreibt man nicht, dass der Artikel vormals dort erschienen ist? Mich hätte das nicht gestört.

Gleich dreimal erschienen ist das von Journalist Roger Köppel orchestrierte Zusammentreffen von Kanzlerin Angela Merkel und Schauspieler Klaus Maria Brandauer. Nämlich zweimal bei seinem altem Arbeitgeber (welt.de, morgenpost.de) und einmal bei seinem neuen (weltwoche.ch).

Auf der Homepage der Südostschweiz folgen nach den Hauptnews die Ressorts Graubünden, Glarus und Gaster/See. Irritierend dabei ist, dass diese Regionalteile sehr oft über die identische Top-Story verfügen und man sich so beim scrollen dreimal das gleiche Bild mit der dazugehörigen Story ansehen darf. Ebenfalls fragwürdig: “der grösste Witz der Südostschweiz” (eine interne Werbung oben in der Mitte) ist so sehr Blickfang, dass man auch meinen könnte, es handle sich um den Leitspruch der Zeitung.

Im Pendlerblog: Klaut 20 Minuten Inhalte von der Netzeitung?

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.