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Werbe-Widgets:
Google hatte auch schon mal bessere Ideen

Die Internet-Branche ist eine modegetriebene Welt: Letzten Monat wurde man hier in den USA von jedem VC noch gefragt “What’s your Facebook strategy?” Diesen Monat ist die Frage “What’s your widget strategy?”

Widgets (oft auch Gadgets genannt) sind diese lustigen kleinen Funktionalitätsmodule, die man sich zu personalisierten Homepages hinzufügen kann, z.B. auf MySpace, iGoogle, Facebook usw. Nix dagegen. Aber inzwischen denken viele Leute, dass man daraus ein grosses Geschäft machen kann. Es gibt schon eine respektable Anzahl an Startups, die sich ausschliesslich mit der Produktion von Widgets beschäftigen.

Und jetzt macht das auch noch Google. Heute hat der Suchmaschinengigant das neue Programm “Google Gadget Ads” vorgestellt. Selbiges ermöglicht es Werbetreibenden, auf Googles Plattform solche Widgets/Gadgets anzubieten, die eine Werbebotschaft transportieren. Die User, so die Hoffnung, sollen mit diesen Dingern nicht nur interagieren, sondern sie bitte sogar zu ihrer jeweiligen persoenlichen Homepage/MySpace-Seite hinzufügen und so subtil mehrmals täglich der zu kommunizierenden Werbebotschaft ausgesetzt werden.

Schauen wir uns mal ein paar Beispiele in Googles Gadget-Galerie an. Da gibt es zum Beispiel ein Gadget zum neuen Film mit Angelina Jolie. Mag ja nett sein für Fans, aber wen interessiert das sonst? Intel bietet uns ein kleines Spiel, bei dem man mit einem Notebook-Symbol irgendwelche herunterfallenden Icons fangen muss. Das ist ohne Übertreibung die schlechteste Version von “Breakout”, die ich je gespielt habe. Und Pepsi macht es sich ganz einfach und spielt im Widget irgendeinen Werbefilm ab.

Mein Lieblingsbeispiel: Nissan bietet ein Widget, das die aktuelle Verkehrslage anzeigt:

Nissan-1

Scheint ja noch nützlich zu sein. Aber, was ist das? Diese Funktionalität gibt es bereits als werbefreies Widget von Google selbst:

Googlemaps

Die Darstellung ist nicht nur deutlich besser, man muss sich auch nicht mit der Werbebotschaft herumschlagen, die sich bei jedem Klick aufdringlich aufpoppt.

Es bleibt angesichts dieser Beispiele wirklich ein Rätsel, welchen Anreiz User haben sollten, ihre Homepages mit solchem Zeug zuzukleistern? Die meisten Leute, die ich kenne, hätten gern weniger Werbung, nicht mehr. Klar, es mag Ausnahmen geben. Das Demo-Widget von Honda konzentriert sich auf die Band “Fall Out Boy”, deren neuste Tour vom Autokonzern gesponsert wird. Die Autowerbung ist klar Nebensache. Das mag funktionieren, aber wohl nur mit einer äusserst überschaubaren Zielgruppe.

Diese Widgets funktionieren im Moment wohl am ehesten noch als interaktive Bannerwerbung. Auftraggeber zahlen normale, kommerzielle Content-Sites dafür, dass sie solche Gadgets einbinden, und im besten Fall erreicht man damit etwas mehr Aufmerksamkeit als bei den üblichen Bannern. Aber auch da sind die wenigen publizierten Zahlen eher ernüchternd: Eine Interaktionsrate von 0.3% ist zwar etwa doppelt so hoch wie die normale Click-Through-Rate bei grossen Bannern, aber das ist nicht gerade ein riesiger Quantensprung.

Die Begeisterung für Widgets in manchen Kreisen ist darum so gross, weil laut neusten Zahlen von comScore im April 2007 angeblich 177 Mio. User ein Widget irgendwelcher Art gesehen (nicht benutzt, nicht selbst eingebaut, nur gesehen) haben. Angesichts der unzähligen Video-, Musik- und Photo-Objekte auf MySpace und Co., die dabei alle mitgezählt wurden, ist das wohl auch kaum weiter verwunderlich. Aber der Weg von lustigen Videos zu kommerziell verwertbaren Werbe-Widgets dürfte ziemlich weit sein.

Prognose: Widgets als Werbeform werden keine grosse Zukunft haben. Zumindest nicht, so lange die Werbeauftraggeber sich nicht erheblich bessere Dinge ausdenken.

MySpace ist nutzerstärkstes Social Network in Deutschland

Der Online-Marktforschungsspezialist comScore hat heute einen Bericht über die Nutzung sozialer Netzwerke in Deutschland veröffentlicht. Demnach besuchten insgesamt 14,8 Millionen Deutsche im Juli 2007 mindestens eine Community-Site. Wenn man den Zahlen von comScore glauben darf, dann ist nicht studiVZ das meist genutzte Social Network hierzulande sondern MySpace: 3,7 Millionen einzelne Besucher aus Deutschland besuchten Rupert Murdochs Social Network im Juli. Mit 3,1 Millionen Unique Visitors liegt studiVZ hinter MySpace. Facebook, das seit einigen Wochen auch zwischen Ostsee und Alpen merklich an Beliebtheit gewinnt, spielte im Juli in der deutschen Community-Landschaft mit 177.000 einzelnen Besuchern noch keine große Rolle. » weiterlesen

Zwei US-Webangebote, die Deutschland braucht

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Das deutsche Web-Startups ihre Ideen gerne auf bestehenden Diensten aus den USA basieren, ist bekannt. Doch trotz des ständigen Blicks hiesiger Gründer und Investoren auf den US-Markt gibt es interessante Services, die ich in Deutschland vermisse und für deren deutsche bzw. europäische Adaption handfeste Argumente vorliegen. Es fehlt nur jemand, der diese Ideen hier umsetzt. Zwei Konzepte, denen sich ein hiesiges Startup liebend gerne annehmen darf, sind die von MizPee und Who is Sick?. » weiterlesen

Unternehmensgründungen:
Timing ist entscheidend

Oft wird bei Diskussionen über Unternehmertum darüber gestritten, welches der wichtigste Erfolgsfaktor für ein Startup ist: Ist es die Idee? Das Geschäftsmodell? Die Technologie? Das Gründerteam? Die Investoren?

Häufig wird ein Faktor übersehen, der schwer zu greifen und zu beeinflussen ist, aber einen ganz entscheidenden Einfluss auf Überleben und Erfolg einer neuen Firma hat: Das richtige Timing. Spezifisch: Der Zeitpunkt, an dem eine Firma in den Markt eintritt. Man beobachtet in vielen (Technologie-)Märkten, dass die erfolgreichen Firmen alle in einem Zeitfenster von 2-3 Jahren entstanden sind.

Als Beispiel: Ich habe mal analysiert, wann die Firmen im Konkurrenzumfeld meiner “alten” Firma namics AG gegründet wurden. Ergebnis: Bis auf ein oder zwei Ausnahmen sind alle erfolgreichen Internet-Dienstleister zwischen 1995 und 1997 gegründet worden. Nicht später, aber auch nicht früher. Auch starke internationale Firmen, die später in den deutschsprachigen Markt eintreten wollten, sind fast ausnahmslos gescheitert.

Anderes Beispiel: Erinnert sich noch jemand an die Website SixDegrees.com? Das war das erste Social Network, gegründet 1997. SixDegrees war seiner Zeit voraus, und zwar um etwa sechs Jahre. Die heute dominierenden Social Networks (MySpace, Facebook, LinkedIn, Xing) wurden 2003 oder 2004 gegründet. Erst da war die Zeit offenbar reif.

Und noch eins: Für meine Master’s Thesis am MIT habe ich eine Auswahl von 108 Firmen im Bereich “Software as a Service” untersucht, also Anbieter von web-basierter Unternehmenssoftware. Ergebnis: Es gab zwei grosse Gründungswellen, nämlich 1999 und 2005.

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Die bisher erfolgreichen Firmen (z.B. Salesforce.com, RightNow, NetSuite, 37signals) sind alle 1997-99 entstanden. Die Startups der zweiten Welle müssen erst noch beweisen, dass sie überleben können.

Auch scheinbare Ausnahmen sind oft nur Ausreisser nach unten oder oben. Klar, Google war nicht die erste Suchmaschine. Aber alle noch heute erfolgreichen Suchmaschinen sind zwischen 1996 und 1998 gegründet worden, Google halt nur am Ende dieser Zeitspanne. Danach kamen bisher keine erfolgreichen Firmen mehr in den Markt.

Nun, die Erkenntnis, dass Timing eine entscheidende Rolle spielt, ist ja schön und gut, aber noch interessanter wäre es natürlich, diesen Faktor einigermassen zuverlässig vorhersagen zu können. Das ist natürlich ausgesprochen schwer. Aber es gibt ein paar beobachtbare Faktoren, die man in Erwägung ziehen sollte:

- Konjunkturzyklen: Alle Firmen, aber besonders stark Startups, werden von der allgemeinen wirtschaftlichen Lage beeinflusst. Es ist erheblich leichter, neue Kunden zu finden, wenn die Wirtschaft brummt. Den Konsumenten sitzt das Geld lockerer in der Tasche, und Firmen investieren lieber in unerprobte Ideen. In einer Rezession zu starten, ist ungleich schwerer. Am leichtesten haben es Firmen, die am Beginn einer Aufschwungphase in den Markt eintreten.

- Investment-Klima: Eng an die Konkunktur gekoppelt, aber oft zeitlich ein bisschen vorgelagert, ist die Stimmung der Investoren, sei es im Venture-Capital-Bereich oder an der Börse. Da VCs immer nach einem Exit in den nächsten fünf Jahren suchen, sind sie ebenfalls am Anfang einer starken Börsenphase deutlich investitionsfreudiger. Gegen den Höhepunkt einer Phase, wie zum Beispiel gerade jetzt, werden sie langsam nervös, und im Abschwung sind sie kaum von Investments zu überzeugen. Das hat nicht mal viel mit den eigentlichen Startup-Projekten zu tun. VCs wissen, dass ihr eigener Erfolg mindestens so stark vom Timing abhängt wie von der Qualität der finanzierten Ideen. Für Startups wird es darum erheblich schwieriger, an Geld zu kommen.

- Konkurrenzlage: Entgegen einer oft gehörten Meinung ist es für ein Startup ausgesprochen schlecht, keine Konkurrenten zu haben. Wenn man nämlich der Welt ganz allein klarmachen muss, warum ein neuartiges Produkt nützlich sein könnte, hat man es schwer. Ideal ist eine Lage wie damals beim Start von Google: Etwa zehn Konkurrenten, aber niemand, der es wirklich gut macht. Umgekehrt: Wenn sich Dutzende von rivalisierenden Firmen mit sehr ähnlichen Angeboten im gleichen Markt drängeln, wird es schwer, sich abzuheben. Mit anderen Worten: Man sollte nie der absolute Pionier sein, aber doch zu den ersten zwanzig Firmen gehören, die in einen Markt eintreten.

- Adoptionskurve: Auch auf Kundenseite gilt: Ideal ist der Zeitpunkt für einen Markteintritt, wenn schon erste Kunden sich für einen neuen Produkttyp begeistern konnten (und sei es für das Produkt der Konkurrenz), aber die breite Masse noch nicht eingestiegen ist. Die finanziell interessantesten Kunden sind nicht die innovationsfreudigen Pioniere, sondern die Gruppen direkt danach, also die “Early Adopters” und die “Early Majority”. Das Problem dabei ist, den Zustand des Marktes herauszufinden. Ernsthafte Marktforschung setzt meistens erst ein, wenn der Markt schon eine gewisse Grösse hat. Darum: Wenn Marktforschungsunternehmen schon Studien über die Zielgruppe anbieten, ist man meistens zu spät dran. Es führt darum kein Weg daran vorbei, in einer frühen Phase selbst mit potentiellen Kunden zu reden.

Diese Faktoren sind also ein ziemlich komplexer Mix aus makroökonomischen und marktspezifischen Einflüssen. Genaue Entwicklungskurven sind immer schwer vorherzusagen, aber man kann trotzdem mit diesen Überlegungen recht gut entscheiden, ob ein Zeitpunkt für die Unternehmensgründung eher vorteilhaft oder problematisch ist.

Aber was tun, wenn man nun wirklich eine gute Geschäftsidee hat, aber das Timing nicht gut aussieht? Sollte man die ganze Sache dann einfach abblasen? Nicht unbedingt. Aber man muss seine Strategie den Realitäten anpassen und nicht einfach nach dem Prinzip Hoffnung agieren. Beispielsweise muss man sich in einem schwierigen Investment-Klima halt alternative Geldquellen suchen, statt auf Venture Capital zu hoffen. Und auch die Wachstumskurve einer Firma sollte so ausgelegt werden, dass sie die Marktlage reflektiert.

Wo stehen wir derzeit in der makroökonomischen Entwicklung? Nun, in den USA häufen sich langsam die Stimmen, die von einer baldigen Abkühlung ausgehen. Venture Capitalist Fred Wilson (del.icio.us, Feedburner, Twitter etc.) beschreibt das in einem neuen Beitrag sehr treffend. Europa und Asien reagieren meistens zeitversetzt. Dort sieht die wirtschaftliche Entwicklung derzeit noch positiv aus, aber erfahrungsgemäss dauert es selten mehr als ein Jahr, bis sich die Konjunktur in eine ähnliche Richtung entwickelt.

studiVZ vs Facebook – der kleine Unterschied

facebookstudivz.gifJe länger ich Facebook nutze, je mehr Kontakte ich dort haben und je mehr Informationen ich dadurch nach dem Einloggen in Form des News-Feeds erhalte, desto seltsamer empfinde ich das, was einem auf der Mitglieder-Startseite von studiVZ präsentiert wird – nämlich nichts. Außer der rechten Leiste mit zufällig ausgewählten Profilen und der Übersicht der Nutzer, die zuletzt mein Profil angesehen haben, bietet sich bei studiVZ nach dem Login stets das gleiche, leere, inhaltslose Bild. Lediglich die omnipräsente Werbung wechselt. » weiterlesen

Datenschützer, wetzt eure Messer – yasni kommt

yasni.gifHeiß her ging es vor einigen Wochen, als die US-Personensuchmaschine Spock ihren Betrieb aufnahm. Viele deutsche Onlinemedien sahen Spock und ähnliche Anbieter (mein persönlicher Favorit und schon länger im Netz: Wink) den Datenschutz mit Füßen treten. Bald werden Kritiker neues Futter bekommen, denn mit yasni steht mittlerweile auch eine deutsche Personensuchmaschine in den Startlöchern. Der von der Frankfurter yasni GmbH betriebene Dienst befindet sich zur Zeit noch in der geschlossenen Alpha-Phase. Die Beta-Version, zu der man sich bereits auf der Website anmelden kann, soll innerhalb der nächsten Wochen gestartet werden. » weiterlesen

Abmahnr – bequem online abmahnen

abmahnr.gif

Ein bisschen Spaß am Sonntagabend (mit eigentlich ernstem Hintergrund): Abmahnr. via Rivva

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog zweinull.cc veröffentlicht. Im Mai 2008 wurden zweinull.cc und netzwertig.com zusammengeführt.

Newsquellen:
Komfort geht vor Qualität

Die Unternehmensberatung McKinsey hat in einer neuen Studie das Medienverhalten von US-Konsumenten untersucht, und zwar mit einem besonderen Fokus auf Nachrichtenquellen (Volltext nur gegen Registration; via Bruno Giussani). Die Ergebnisse sind recht bemerkenswert und decken sich mit vielem, was man in letzter Zeit aus anderen Quellen zu diesem Thema gehört hat. Als Vorbehalt sei erwähnt, dass nur die USA abgedeckt wurden, die einen etwas anders strukturierten (z.B. deutlich fernsehlastigeren) Medienmarkt haben als viele europäische Länder.

Zunächst mal stellte sich heraus, dass der Medienkonsum enorm fragmentiert ist. Die meisten Befragten nutzen pro Woche 12 bis 16 verschiedene Newsquellen. Dominierend ist weiterhin das Fernsehen, aber das Internet ist bereits klare Nr. 2, deutlich vor Printmedien. Besonders die fleissigsten News-Konsumenten nutzen das Web sehr stark als Quelle.

Recht erstaunlich sind die Kriterien für die Wahl einer bestimmten Quelle:

Mckmedia

Die Bequemlichkeit des Zugangs und die Breite der inhaltlichen Abdeckung wird von den Befragten als wesentlich wichtiger beschrieben als die Qualität der Inhalte. Kein Wunder, dass Internet-basierte Quellen da eine zunehmend wichtigere Rolle spielen.

Auch interessant: Alter, Einkommen und Bildungshintergrund haben einen weniger grossen Einfluss auf das Nutzungsverhalten, als man es vielleicht annehmen könnte. Sehr viel wichtiger ist die grundsätzliche Einstellung zur Wichtigkeit “informiert bleiben zu müssen” und die generelle Haltung zu Medien überhaupt. Wie immer stattete McKinsey die verschiedenen Meinungscluster mit knackigen Namen aus und identifizierte zum Beispiel die “Digital Cynics”, die traditionellen Medien gegenüber skeptisch eingestellt sind und sich lieber über Blogs oder die “Daily Show” informieren.

Diese Ergebnisse werfen ein interessantes Licht auf ein paar Themen, die ich in letzter Zeit hier diskutiert habe: Das spezifische Verhalten der User von Community-Newssites à la Digg scheint typisch für die Zielgruppe der “Digital Cynics” zu sein, die etwa 18% der US-Bevölkerung ausmacht. Wenn man dieser Studie hier glauben darf, bezieht diese Gruppe keineswegs nur ihre Tech-News auf Community-Sites; vielmehr scheinen solche alternativen Kanäle das mediale Zentrum für diese Zielgruppe zu sein.

Die gute Nachricht für die Internet-Strategie von Zeitungsverlegern ist, dass noch ein grosser Teil der Bevölkerung keine bevorzugte Online-Newsquelle hat. Man kann also noch grosse Marktsegmente erobern, und die vertrauten Marken der Zeitungen sind da sicher im Vorteil bei den Late Adopters. Ausserdem sind lokale Nachrichten die wichtigste inhaltliche Kategorie, und da haben Zeitungen traditionell ihre Stärke.

Die schlechte Nachricht ist, dass die inhaltliche Qualität anscheinend kein herausragend wichtiges Kriterium für die Kosumenten ist. Man kann sich aber auch fragen, ob diese relativ geringe Wertschätzung der journalistischen Qualität nicht auch damit zu tun hat, dass die meisten Online-Angebote (und auch viele Zeitungen) ihre wenigen inhaltlichen Juwelen in einem Meer kaum redigierter Agenturmeldungen verstecken. Es ist da für den Kunden oft schwierig, überhaupt echte Qualitätsunterschiede zu finden.

Etwas unklar ist die zukünftige Rolle von reinen Aggregatoren wie Google News. Haben die Verleger, angesichts der Wichtigkeit von Vollständigkeit und Komfort im Urteil der Konsumenten, vielleicht doch recht mit ihrer Ablehnung von Suchmaschinen? Kein Zweifel, Aggregatoren könnten in Zukunft eine zunehmend wichtige erste Anlaufstelle für die Konsumenten sein. Aber offensichtlich ist auch, dass Klagen und inhaltlich eingeschränkte Gegenprojekte nichts helfen werden. Die Medienkonsumenten sind längst mündig und stellen sich ihr News-Menü selbständig aus einer Vielzahl von Quellen zusammen. Gewinnen kann man da nur, wenn man die richtige Mischung aus Komfort und Qualität bietet.

Bei Joost tut sich was:
jetzt mit “richtigen” Filmen

joost.gifInternet-TV in Deutschland macht Fortschritte. Erst vor wenigen Tagen wurde Zattoo offiziell in Deutschland gestartet, und nun gibt es auch eine erfreuliche Meldung vom Frühjahres-Medienliebling Joost. War das bisherige Programmangebot von Joost hierzulande bisher wenig beeindruckend und umfasste hauptsächlich (englischsprachige) Special-Interest-Inhalte, so hat man nun Paramount Pictures ins Boot geholt und bietet damit in Deutschland zum ersten Mal eine Reihe bekannter Filme zum kostenlosen On-Demand-Abruf an. » weiterlesen

Verleger gegen Google News:
Die Antwort

Mein Beitrag von neulich über die Konflikte der Schweizer Verleger mit Google News hat auch in den Printmedien einen Niederschlag gefunden: Die Zeitschrift “Werbewoche” fragte mich an, einen Gastkommentar zu schreiben, der neulich auch tatsächlich publiziert wurde (in der Printversion sogar mit Bild!).

Die Redaktion liess mich ausserdem wissen, dass man einen Verleger suche, der eine Antwort verfassen sollte. Nun, einen schreibwilligen Verleger hat man leider (und vielleicht bezeichnenderweise) nicht gefunden, aber diese Woche wurde die indirekte Replik auf meinen Beitrag publiziert, verfasst von Josefa Haas, Leiterin des Medieninstituts.

Das Medieninstitut ist die Ausbildungsstätte des Verbands Schweizer Presse, und insofern ist Frau Haas als dessen Leiterin natürlich ausgezeichnet positioniert, die Meinung der Print-Branche wiederzugeben. In ihrer gerade erschienenen, sehr eloquenten Kolumne — da sieht man noch, welche Branche das Schreibhandwerk wirklich beherrscht — schreibt sie:

“Beim Aufbau von sogenannten Partnerschaften mit Win-Win-Situationen verhandelt der Konzern [Google] individuell. Dadurch werden die Anbieter von Inhalten unter Konkurrenzdruck gesetzt: Wer kann schneller die besseren Bedingungen aushandeln? Für die vielen, die darum feilschen, dass sie einen Teil der Erträge erhalten, bleibt jedoch eine Gemeinsamkeit: Der Verhandlungspartner am anderen Tischende ist immer der gleiche.

Go with the flow, lass dich treiben, empfehlen Internetspezialisten. Widerstand ist unnötig, aber auch unmöglich, wird suggeriert. Schmidt spricht gerne von Partnerschaft. In einer fairen Partnerschaft beeinflussen jedoch beide Seiten den Gang der Dinge.”

Nun ja, die internationale Geschäftswelt hat es halt so an sich, dass die stärkere Partei die Regeln bestimmt. Und da Google nun mal die dominierende Suchmaschinenfirma ist, überrascht es wohl kaum, dass das Unternehmen seine starke Position in Verhandlungen ausspielt.

Dass die Medienbranche das unfair findet, ist ziemlich ironisch. Ich habe vor Jahren als kleiner Internetunternehmer mehrmals das eher zweifelhafte Vergnügen gehabt, mit alteingesessenen Verlagen über Partnerschaften zu verhandeln. Immer liessen einen die Medienhäuser ziemlich schnell spüren, dass sie in ihrer Region die dominierende Kraft sind und es absolut nicht nötig haben, mit jedem dahergelaufenen Internet-Unternehmen zu kooperieren. Und wenn überhaupt, dann zu ihren Bedingungen.

Frau Haas’ Beitrag zeigt auf, wie tief das Misstrauen der Verleger gegenüber Google und dem Internet generell sitzt und wie diffus diese Skepsis gleichzeitig ist. Sie schreibt aus der Perspektive einer Branche, die seit Jahrzehnten Dominanz gewohnt ist und nicht damit umgehen kann, dass in einem wichtigen Bereich plötzlich jemand anders am längeren Hebel sitzt. Schadenfreude ist da nicht angebracht, aber man würde den Verlegern schon eine etwas realistischere Einschätzung der Lage und entsprechend angepasste Strategien wünschen.

Weiter schreibt Frau Haas:

“Zwar sieht [Google-CEO] Schmidt seine Leistung darin, den Zugang zu Information weltweit zu ermöglichen und damit Transparenz zu schaffen. Sucht man jedoch detaillierte Informationen, stösst man auf verschlossene Türen.
[...]
Doch welche Daten wie abrufbar sind, weiss niemand. Wo die Server stehen, ist ein Geschäftsgeheimnis.”

Natürlich kann man Google berechtigterweise Intransparenz vorwerfen, aber das ist ein ziemlich starkes Stück aus Richtung einer Branche, die an Kartellisierung grenzende Marktmacht-Strategien praktisch erfunden hat. In den meisten Regionen der Schweiz (und anderer Länder) dominiert inzwischen ein einziges Medienunternehmen praktisch alle traditionellen Medien. Dass der Steuerzahler zudem durch reduzierte Mehrwertsteuersätze und verbilligte Posttarife für Zeitungszustellung die immer noch ansehnlichen Gewinne der Verlage mitfinanziert, ist da nur eine störende Tatsache von vielen (über die in der Presse natürlich eher selten kritisch berichtet wird). Meines Wissens kriegen Internet-Suchmaschinen keine vergleichbaren Vergünstigungen.

Die Schlussfolgerung meines ursprünglichen Beitrags ändert sich nicht: Die Verlage müssen akzeptieren, dass die Online-Welt deutlich anders funktioniert als ihr traditionelles Umfeld. Mehr Kundenorientierung und eine Strategie, die echte Werte schafft, sind der einzige Weg zum Erfolg. Nur über böse Suchmaschinen zu lamentieren, hilft wirklich nicht weiter.

Noch eine Bemerkung am Rande: Beide Seiten verstehen die Welt der anderen offenbar immer noch nicht gut, und das reflektiert sich in der Sprache. Es ist möglicherweise bezeichnend, dass offenbar weder Frau Haas noch die Redaktion der “Werbewoche” wissen, wie man den hochtechnischen Begriff “Algorithmus” richtig schreibt. Kleiner Tipp: Auch Fremdwörter kann man googeln… :-)