Versagen der Politik:
Die Empörungs-Abwärtsspirale der deutschen Netzverteidiger

Seit viele Jahren kritisieren Freunde des Netzes unermüdlich das Versagen der Politik in Internetfragen. Berechtigterweise, aber vergeblich. Es ist an der Zeit, die dabei entstandene, wirkungslose Empörungs-Abwärtsspirale zu beseitigen.

OppositionSascha Lobo hat in seiner wöchentlichen SPON-Kolumne das netzpolitische Versagen der Bundesregierung beschrieben. Wer in den letzten vier Jahren nicht unter einem Stein gelebt hat, den werden seine Schilderungen nicht überraschen. Nein, deutsche Politik und das Internet sind sich schon lange nicht grün. Sie waren es genau genommen noch nie, auch nicht in den vorherigen Legislaturperioden. Bereits vor über vier Jahren sorgte die Unfähigkeit der hiesigen “Eliten”, konstruktiv und unvoreingenommen der digitalen Zukunft zu begegnen, für Frustration in Kreisen der “Eingeweihten”. Bei uns gab es zu diesem Thema damals gar eine dreiteilige Artikelreihe mit dem prägnanten Titel “Deutschland degeneriert in ein Entwicklungsland”. Netzpolitisch hat sich seitdem gefühlt wenig verändert. Traurigerweise.

Megaprojekt Netzpolitik-Kritik 

Doch so verbreitet das Versagen von Politik in puncto digitaler Gesetzgebung und zukunftsorientierter Weichenstellungen ist, ist auch die Kritik daran in Kreisen der Netzgemeinde (bitte keine Diskussion über den Begriff). Würde man die publizierten Blogbeiträge und Kolumnen ausdrucken, die in den vergangen fünf bis sieben Jahren im deutschsprachigen Netz die Nachlässigkeiten und Versäumnisse anprangerten, dann würde der so entstehende Stapel wahrscheinlich von hier bis zum Mond reichen. Vielleicht auch zurück. Addiert man die Zeit, die Netzapologeten und Freunde des Digitalen in ihre Verisse und Kritiken an den Missständen in Internetdeutschland gesteckt haben, dann ergäbe dies eine Gesamtzahl an Arbeitsstunden, über die jeder Verantwortliche eines milliardenschweren Megaprojektes neidisch wäre. Stuttgart 21, Berliner Flughafen und Elbphilharmonie zusammengenommen. Die Ergebnisse der fleißigen, gebetsmühlenartig ihre Mantras und Einwände hervorbringenden Netzfreunde sind ähnlich ernüchternd wie die dieser Bauprojekte. Sonst müsste Sascha Lobo nicht im im Sommer 2013 einen derartigen Beitrag schreiben.

Vielleicht ist es nicht fair, zu behaupten, deutsche Blogger und Aktivisten würden es lieben, netzpolitische Versäumnisse in teils passionierter Form auseinanderzunehmen und die vielen Fehler der Alteingesessenen möglichst schmerzhaft herauszuarbeiten und fatalistisch zu skizzieren. Aber sie machen es oft. Sehr oft. Ich kenne Blogs, bei denen bestehen 95 Prozent der Beiträge aus Schilderungen von Sachverhalten und Dingen, die bei diesem Thema schief laufen. Man kann sich gut das kollektive Kopfschütteln der Stammleser während der Lektüre vorstellen, während die Autoren mit heruntergezogenen Mundwinkeln bereits den nächsten empörten Rant verfassen, über irgendwas zwischen Netzneutralität, Leistungsschutzrecht, Internetsperren, Urheberrecht oder Bezahlschranke. Auch bei uns finden sich in regelmäßigen Abständen derartige Artikel. Sie lassen sich ja auch kaum vermeiden, so desaströs ist die Bilanz der Politik in Internetfragen. Da gibt es tatsächlich nichts zu beschönigen.

Lamentieren ohne Wirkung

Dennoch frage ich mich, ob die netzaffine Gegenöffentlichkeit im Netz die Sache nicht falsch angeht. Denn augenscheinlich reichen ja auch fünf oder mehr Jahre des nachdrücklichen Nörgelns nicht aus, um bei Volksvertretern und anderen einflussreichen Lenkern dieses Landes ein signifikantes Umdenken zu erreichen. Während den bloggenden, twitternden und auf Podien diskutierenden Kritikern langsam graue Haare wachsen, ihre Frustration für die Gesundheit schädliche Ausmaße annimmt und ihr Wortschatz schon gar nicht mehr ausreicht, um ihre Entrüstung und ihren Ärger über das digital unfähige Establishment abwechlungsreich zu formulieren, ändert sich: nichts. Die Existenz des Leistungsschutzrechts, das dämlichste Gesetz der Welt, beweist dies.

Die positiven Entwicklungen stärker hervorheben

Diese Einsicht brachte mich zu einer Überlegung: Was würde passieren, wenn sich Internetvordenker und an der digitalen Freiheit interessierte Bürger in Deutschland etwas weniger damit befassen würden, ihre schon hundertmal hervorgebrachten Mahnungen und Missstandsbeschreibung in neuen Worten und anhand anderer Beispiele zu wiederholen, sondern stattdessen eine optimistischere, positivere Grundstimmung in ihre Beiträge bringen würden? Trotz aller Probleme, Blockadehaltungen und Inkompetenz geschehen täglich genug Dinge im und rund ums Internet, die Hoffnung verbreiten, Grund zur Freude bieten oder Potenziale für die Zukunft aufweisen. Jede Stunde, die ein Autor in einen Text mit dem Arbeitstitel “Ein weiteres Beispiel, warum die deutsche Politik/Medienbranche/intellektuelle Elite das Internet nicht verstanden hat” investiert, ist eine weniger, die sinnstiftenden, spannenden und positiven Entwicklungen, Projekten und Trends gewidmet wird.

Wenn nun aber nicht mehr jeden Tag fünfzig Personen aus dem Dunstkreis der Netzgemeinde zu erklären versuchen, wieso sich Deutschland im Internet so unfähig gibt, bestünde dann nicht die Gefahr, dass alles noch schlimmer wird und Politiker noch destruktiver agieren? Vielleicht. Andererseits: Ist dies überhaupt möglich?!

Empörungs-Abwärtsspirale

Deutschlands Netzaktivisten und Blogger haben sich eine Empörungs-Abwärtsspiralte geschaffen, bei der jeder desillusionierte, verärgerte Beitrag den Frust aller anderen Partizipierenden über die Zustände verstärkt und sie zu noch drastischen Schilderungen greifen lässt, die obendrein mit jedem netzpolitischen Fauxpas an Intensität zunehmen. Doch diejenigen, die damit primär angesprochen werden sollen, machen munter mit ihren rückwärtsgewandten und auf destruktiven Kontrollbedürfnissen basierenden Handlungen weiter. Das System funktioniert also nicht, bringt jedoch haufenweise verbitterte junge Menschen (“jung” ist heute ein dehnbarer Begriff) hervor, die sich die ganze Zeit wider ihres ursprünglichen Bestrebens mit dem halbleeren Glas befassen, und dabei die andere Hälfte vollkommen vergessen.

Ich weiß nicht, ob ein bewusst hervorgerufener Stimmungswandel in der deutschen Netzgemeinde, bei dem auf jeden kritischen Beitrag ein optimistischer, gute Entwicklungen beleuchtender folgt, eine bessere Wirkung haben wird. Persönlich glaube ich an die Kraft einer konstruktiveren Grundatmosphäre, in der den Fehlgeleiteten und Falschinformierten nicht ständig aggressiv vor Augen gehalten wird, dass sie alles falsch machen – mit entsprechenden Trotzreaktionen als Konsequenz -, sondern bei denen sie von der Sogwirkung des allgemeinen Optimismus mitgezogen werden. Sicherlich darf das nicht heißen, den wachenden Blick abzuschalten und den erhobenen Zeigefinger für immer zu senken. Auf keinen Fall. Doch das ewige, teilweise krankhaft wirkende Lamentieren über die immer gleichen Missstände, die sich trotzdem nicht ändern, könnte zumindest im Rahmen eines Experiments einige Zeit pausieren. Selbst wenn dies Deutschland nicht aus seinem netzpolitischen Tal herausholt, so hat eine Reduktion an Verbitterung zumindest einen garantierten Nebeneffekt: Es verhindert Falten und erhöht die Lebenserwartung. /mw

Illustration: Word Cloud – Opposition, Shutterstock

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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15 Kommentare

  1. Hast ja recht. Ich werde es mir zu Herzen nehmen.

    Aber schön war Saschas Rant trotzdem ;)

  2. politische Prozesse dauern lange und selten werden über Nacht Meinungen verändert, daher dauert das Lamentieren auch länger an.

    aber es wirkt.

    guck mal hier, z.B.: http://frankfurter-hefte.…_September_2013.html

    da fordern Joost und Oppermann eine kritische Überprüfung der Vorratsdatenspeicherung. Das wäre nicht passiert, wenn nicht alle immer auf allen Kanälen dagegen geschrieben hätten.

    Politik ist mühselig.

    • @Nico
      Bei allem Respekt: Was Gesche und Opermann machen ist Blendwerk. Wem nützt es, wenn die beiden in esoterischen Zeitungen schöngeistige Artkiel schreiben, aber in der SPD der Wind ihnen in die Fresse weht? Die SPD ist mehrheitlich für die Vorratsdatenspeicherung. Parteitagsbeschluss. Und es ist kein innerparteilicher Diskurs dagegen zu hören.

      Im Gegenteil: heute empfiehlt Gesche einen FAZ-Artikel, in dem die Aktion von Julia Zeh gestern am Kanzleramt beschrieben wird, gegen die Spionageaffäre, wo massenhaft von amerikanischen, deutschen, englischen und britischen Geheimdiensten unschuldige Bürger brutalstmöglich, rechtswidrig und auch als Beihilfe zum Massenmord (BND bei Drohnen-Todesschwadrohnen in Afghanistan) ausspioniert werden, weit mehr als Horst Herold (SPD) mit seiner Sozialhygiene je konnte. Warum kommt denn da nkcht ein Aufschrei aus der SPD? Warum muss Gesche da schon auf APO-Aktionen hinweisen? Warum prüft keiner der vielen Juristen in der SPD, ob die Merkelregierung nicht längst Landesverrat begeht mit ihrer Beihilfe zur Spionage für eine fremde Macht gegen deutsche Bürger? Das muss alles ausserhalb des Parlamentes und der SPD passieren.

      Zudem ist der Artikel in den Blättern selbst schwach. Sieh Dir zum Vergleich meinen Kommentar Nr. 4 hier an:
      http://netzpolitik.org/20…quisition-notwendig/
      Die SPD pennt bei der Neugestaltung des Gehimdienstwesens.

      Mir hat Lars Klingbeil leid getan. Ich war auf dem netzpolitischen, öffentlichen Event der SPD-Bundestagsfraktion. Er hatte es geschafft, dass sich Steinmeier (nicht -brück) nicht nur mit der Ablehnungen von CIA-Häftlingen wie Kurnaz beschäftigt, sondern auch mal mit Netzpolitik in Deutschland. Es war grauenhaft, was der abgesondert hat. Er hat die Legitimation der Souveräns in Frage gestellt, wenn der sich im Netz politisch artikuliert und hatte wohl übersehen, dass die Parteien nur bei der Willensbildung helfen.

      Das was die SPD mit Gesche und Oppermann macht und der Verzicht auf die Diskussion von Fehlern von Zypries ist feinste Abschreckung von Wählern nach Kalter Kriegs Manier.

      Netzpolitisch gibt es keinerlei Anzeichen, dass die SPD innerhalb der demokratischen Gremien irgendwas positives bewirken könnten. Es ist gemein, wie sie mit Klingbeil umgeht. Wenn ich Steinbrück trotzdem wähle, liegt das an Mindestlohn, doppelter Staatsbürgerschaft und Aufhebung der Einschränkung des Adoptionsrecht für Heteros.

  3. Wenn ich den Artikel jetzt richtig verstanden habe, dann wendet sich die Empörung von den Politikern gegen die nicht zu diskutierende “Netzgemeinde”. Kann man machen :-)

    Meiner Meinung nach ist aber nicht die Empörungskultur der Kern des Problems, sondern unser politisches Establishment. Unser Parlamente kommen mit dem Internet einfach nicht zurecht. Auch der Vorschlag, mal was positiv zu sehen, nützt nichts. Du kannst Vorschläge machen, den tausende von Leuten lesen und gut finden, du kannst die Parlamentarier direkt ansprechen, usw. Es nützt nichts. Sie sind in ihrer Folterblase gefangen und Netzpolitik hat keinen Stellenwert.

    Mit dem derzeitigen Personalbestand hast Du keine andere Chance, als die Netzpolitik außerhalb des Parlamentes zu entwickeln. Den ganz harten APO-Weg: Petitionen, Kampagne (Change.org, usw.), Demonstrationen. Nur dieser harte Weg führt zu Änderungen:
    - das Zugangserschwerungsgesetz hat es gezeigt: die Parlamentarier sind willenlose Opportunisten: heute so, morgen entgegengesetzt. Wer zahlt mehr? (Lobbyisten, Wähler, straffreie Korruption). Wie bei der Atompolitik, wo die CDU alle paar Monate 180-Grad-Schlnker fährt. Die kommen nicht mal hinterher, ihre tagesaktuelle Position im Grundsatzprogramm zu aktualisieren. Da wird mit der Unverzichtbarkeit der Kernenergie der Wähler verspottet.
    - Bei ACTA hast Du gesehen, dass erst die Straße dazu führte, dass der Blödsinn aufhörte.
    - Beim Geheimdienste-Skandal (NSA, BND, BKA, …) werden wir vielleicht sogar zum Strafrecht greifen müssen (z.B. Strafanzeige wegen vorsätzlicher, gesetzeswidriger, unterlassener Spionageabwehr oder gar Landesverrat)

    Es ist schon lange nicht mehr damit getan, einfach frohgemut neue Vorschläge zu machen. Und da hat Sascha Lobo völlig recht, dass auch in populistischen Boulevardmedien wie dem SPON breite Kreise über die entsetzliche Performance des rückwärtsgewandten, gegen die Bevölkerung sich richtende Establishment gewarnt werden muss. Nicht nur zu Wahlen, wenn man Stimme und Verstand abgibt, sondern vier Jahre von Wahl zu Wahl.

  4. Es ist sicher hilfreich, wenn Kritik sachlich und ohne Schaum vor dem Mund vorgetragen wird. Eine ordentliche Portion Humor kann ebenfalls Wunder wirken.

    Andererseits ist die zunehmende Emotionalisierung und Dramatisierung der Debatte verständlich. Denn es ist ja nicht so, dass hier nur Fortschritt ausgebremst wird.

    Innovationen werden aktiv bekämpft, Leistungsträger ausgeplündert, Bürgerrechte ignoriert, Demokratie und Rechtstaatlichkeit abgebaut.

    Vier Jahre “weiter so” und Deutschland verliert nicht nur endgültig den Anschluss, sondern auch seine wertvollsten Kräfte.

    Denn die werden den Lobby- und Vasallenstaat verlassen, wenn sie nicht vollends vor die Hunde gehen wollen.

    Ein Volk der Bewahrer, Duckmäuser und Fortschrittsgegner wird sich dann gewohnt seinem Schicksal ergeben.

  5. @ Nico
    Es ist natürlich schwer, zu identifizieren, welche Strategie welche Effekte gebracht hat. Auch weiß man nicht, ob ein anderer Ansatz bessere oder schlechtere Resultate nach sich ziehen würde.

    Politik ist mühselig, ja. Und Politik kann auf unterschiedlichen Wegen beeinflusst werden. Der “ihr seid einfach zu inkompetent”-Ansatz als Reaktion auf Inkompetenz ist ein Weg. So richtig gut funktioniert er meines Erachens nach aber nicht.

    @ Wolfgang Ksoll

    “Auch der Vorschlag, mal was positiv zu sehen, nützt nichts”

    SO natürlich nicht.

    Am Ende ist es ein Mentalitätswechsel, den ich skizziere. Der braucht Zeit und könnte kurzfristig Nachteile für die Netzanhänger mit sich bringen. Aber ich finde, viel schlechter als bisher kann es kaum laufen.

    Ein wenig lasse ich mich hier auch durch die Vorgänge in meiner Wahlheimat Schweden inspirieren (was ich zur Abwechslung mal nicht in dem Text geschrieben haben – will damit niemandem auf die Nerven gehen). Hier ist die Blogosphäre deutlich konstruktiver, das ganze Gift, was so in Deutschland von beiden Seiten versprüht wird, existiert hier nicht. Und bis auf Ausnahmen (http://en.wikipedia.org/wiki/FRA_law) treffen die Politiker hier deutlich weniger netzfeindliche Beschlüsse.

    Dass sich das so in einer komplett anderen Gesellschaft wie der deutschen nicht ohne weiteres replizieren lässt, ist klar. Aber die Grunderkenntnis, dass eine dauerhafte aggressive Konfrontation eher destruktiv statt konstruktiv ist, die kann man daraus schon lernen.

    Aber das gilt natürlich nicht nur im Bereich der Netzpolitik, sondern generell für jede Art der innerdeutschen Konflikte und Debatten.

    @ Thomas
    “Vier Jahre “weiter so” und Deutschland verliert nicht nur endgültig den Anschluss, sondern auch seine wertvollsten Kräfte.”

    Stimmt. Aber “weiter so” würde ja bedeuten, weiter das halb leere Glas zu thematisieren, weiter Feindseligkeiten voranzutreiben. Was bisher eben nicht so viel gebracht haben zu scheint.

    • ““Auch der Vorschlag, mal was positiv zu sehen, nützt nichts”

      SO natürlich nicht.”

      Ich habe mich offenbar missverständlich ausgedrückt. Ich habe nicht nur im Netz irgendwas gemacht, sondern ich bin hingegangen und habe mit denen gesprochen. Grün, Rot, FDP (CDU blockt auf Twitter :-) Habe denen angeboten, manche Sachen zu erklären, in denen sie drin Stecken. Bei einem hieß es ein halbes Jahr vor Beratung im Parlament, wir warten bis zur Beratung, dann wurde die Beratung durchgepeitscht wie Meldegesetz (wo Uhl seine eigenen Parteigenossen von CDU und CSU verraten hatte) und nichts geschah. Es funktioniert nicht mit Gutmütigkeit innerhalb der Parlamentarischn Ordnung. Du kannst Sie nur durch Petitionen, großen Kampagnen ausserhalb des Parlamentes zur Arbeit zwingen.

      Der Hinweis auf die Zeit ist auch verfehlt. 25 Jahre bin ich nun in Deutschland im Internet. Alle nutzen es. Wie lange willst Du denn noch warten? 1939 haben wir in 6 Jahren Europa verwüstet (auch viele SPD-Politiker (Helmut Schmidt im Panzer in Richtung St. Petersburg, Ben Wisch im Kaukasus). Aber für das Internet brauchen wir drei Generationen und koppeln uns aktiv von der internationalen Entwicklung ab (Zypries mit §3a VwVfG)? Ne, das muss schneller gehen. Wer im Parlament nicht arbeiten will, wird von draußen dazu ermuntert. Immer lauter.

      Ich halte es da klassisch mit Cicero gegen Catilina: “Wie lange noch willst Du unsere Geduld missbrauchen?” Catilina ist dann übrigens aus Rom geflohen :-)

  6. Hallo,
    wir müssen als Netzgemeinde den harten Weg gehen. Das heißt, wir müssen Netzaffine Kandidaten in Parlamente oder Räte bringen. Sie können nicht gleich viel erreichen, aber das nach bohren dieser Mandatsträger nervt. Auch macht es klar, das die Netzbürger den Volksparteien nicht mehr trauen.

    Jede Prozentpunkt den eine Netzpartei gewinnt, kostet den anderen Parteien Geld. Das schmerzt vermutlich am meisten die Alt Parteien. Die machen Wahlkampf mit einer bestimmten Summe, die sie erhalten, wenn sich an den Prozenten nichts ändert. Sobald die Prozentpunkte nach unten gehen, machen sie ein Minusgeschäft.

    Und das für 4 oder 5 Jahre. Politik ist ein Geschäft.

    Wir müssen klar machen, das wir uns nichts mehr gefallen lassen. Das geht leider nach meiner Erfahrung nur auf diesen Weg.

    Bis dann
    LG von Jürgen Hey

  7. “Netzpolitik” gibt es nicht. Das wäre mal als erstes festzustellen.

    Das Internet und Digitalisierung der Gesellschaft geschieht nach systemischen Machtstrukturen.

    Eine kapitalistische Marktwirtschaft befördert eben neoliberale Strukturen, die sich dann eben in der Monopolisierung und Kommerzialisierung des Web nach sich zieht.

    Wer ein anderes Web will, sollte anfangen sich Gedanken zu machen, in welcher Gesellschaft er/sie leben will. Das mit den richtigen Gesetzen, Regeln, Anreizen und Anwendungen im Web/fürs Web kommt dann automatisch mit.

    • @Jens: sorry, aber mit dem Böser-Kapitalismus-Arguments kannst du das “Problemfeld Netzpolitik” nicht mal eben so vom Tisch wischen!

      In den USA (quasi der Schoß, aus dem der Neoliberalismus kroch) können Menschen in den sozialen Netzen locker Bilder, Filme, Texte und ganze Blogartikel TEILEN, ohne wg. einer “Veröffentlichung fremden geistigen Eigentums” Abmahnungen befürchten zu müssen. Denn das gilt als FAIR USE, solange keine kommerziellen Absichten verfolgt werden.
      Hierzulande gibt es so etwas leider IMMER NOCH nicht – und ich sehe in den großen Parteien auch nicht den Willen, daran etwas zu ändern.

      Dabei ist die Kriminalisierung des Sharens eine KRASSE BESCHRÄNKUNG, die uns faktisch von einer immer wichtigeren und wirkmächtigeren Kulturtechnik praktisch ausschließt.

      Dass viele (noch) nicht um die Gefahren wissen oder die Rechtslage ignorieren, (und offenbar viele “Urheber” halbwegs vernünftig sind) ändert am Übel gar nichts.

      Das ist nur EIN Beispiel von vielen (das LSR ein weiteres), bei dem nicht erst der Kapitalismus abgeschafft werden müsste, um etwas zu ändern!

  8. “Ich kenne Blogs, bei denen bestehen 95 Prozent der Beiträge aus Schilderungen von Sachverhalten und Dingen, die bei diesem Thema schief laufen. ”

    #glashaus ? Wird hier nicht immer gerne gebloggt, was alles schlecht läuft in Deutschland / bei XY?

    • Ab und an. Aber keineswegs so, dass es überhaupt nimmt. Wir versuchen, eine Balance zu halten und berichten grundsäztlich lieber über positive Neuigkeiten aus der Internetbranche und Startup-Welt.

  9. Immerhin eine neue Idee!

    Das Problem mit dem “Positiven” ist – ganz abgesehen vom Thema – dass es nicht kickt. Dass etwas GUTES passiert, ist für die meisten Menschen das, was EIGENTLICH der Normalfall sein sollte. Erst das Abweichende, das Schlechtere, das falsch Laufende und fehlende Not-wendige wird zum bemerkenswerten Ärgernis. (Only bad news are good news).
    Du nennst es “nörgeln”, dieses Jahre lange Anschreiben gegen Missstände, Probleme, Blockadehaltungen und Inkompetenz. Und bringst als positives Beispiel Schweden:
    “Hier ist die Blogosphäre deutlich konstruktiver, das ganze Gift, was so in Deutschland von beiden Seiten versprüht wird, existiert hier nicht. Und bis auf Ausnahmen (http://en.wikipedia.org/wiki/FRA_law) treffen die Politiker hier deutlich weniger netzfeindliche Beschlüsse.”
    Mir scheint, das ist eine Henne-Ei-Frage – und ich kenne die schwedische Situation zu wenig, um sie zu entscheiden. Was ich aber von Schweden mitbekomme, so scheint der Stil des Umgangs miteinander dort insgesamt ziviler, weniger aggressiv.
    Dass die Netzpolitik so im Argen liegt, verdankt sich m.E. der traurigen Tatsache, dass etablierte Politiker/innen die damit zusammenhängenden Probleme und Beschränkungen im eigenen Leben in aller Regel nicht erleben.
    Denn WANN hatten und haben sie z.B. Zeit, sich einfach mal so zweckfrei (ohne Kalkül) im Web zu bewegen? Es als Medium zur Debatte mit XY über Z Themen zu erleben – ganz abseits ihrer Rolle/Funktion? Die Möglichkeiten, “Kultur zu machen” spielerisch zu nutzen – in Blogs und sozialen Netzen, in Foren und Communities?
    Sie erleben das Netz nicht als ihren sozialen Raum – denn IHR RAUM ist ein anderer, mal so lebensweltlich betrachtet. Das hat mit “Netz-Feindlichkeit” noch gar nichts zu tun, nicht mal unbedingt mit dem Alter – sie haben einfach keine Zeit dafür.
    Klar, es gibt ein paar Netz-Affine – aber das sind Ausnahmen, die die Regel bestätigen.
    Also hilft nur die mühsame “harte Tour” – und langfristig das Hineinwachsen der jüngeren Generation: Menschen, die schon im und mit dem Netz sozialisiert sind bevor ihre Politiker-Laufbahn startet.

  10. Hast Recht.

    Und wie bei den meistens Rants, so wirft auch Lobo sorglos und gedankenlos mit Forderungen und Ansprüchen um sich. Naja…

    “Nicht wer gibt, sondern wer fordert, wird geliebt.” – Cesare Pavese, Handwerk des Lebens

    Von Staat und Regierung darf Jeder fast Alles fordern. Deshalb ist es so leicht einen Rant darauf zu schreiben, und so leicht dafür auch Applaus einzuheimsen, ohne viel Arbeit investiert zu haben.

    Deshalb wird das auch immer wieder gerne getan.

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