Digitales Nomadentum im Selbsttest:
Zehn Tage auf Reise ohne einen festen Arbeitsplatz

Kann man Reisen und Arbeiten kombinieren? Bei uns im Selbsttest zeigte sich, dass der Gewinn an Ideen und Erkenntnissen hoch ist, schlechte Erfahrungen sich aber nicht vermeiden lassen.

Büro ist, wo der Laptop ist.

Büro ist, wo der Laptop ist.

Ende August brach ich zu einer zehntätigen Reise quer durch Norddeutschland auf. Urlaub war es allerdings bis auf die Wochenenden nicht – ich wollte unterwegs ganz normal meinem Tagesgeschäft nachgehen. Alles in allem eine gute Erfahrung mit unerwarteten Ergebnissen, bei der mir jedoch auffiel, dass es auf Kleinigkeiten eben doch ankommt.

Nicht im Büro zu arbeiten, ist für mich als Blogger Gewohnheit geworden. Ich schrieb bereits im Studium in meiner Studentenbude Texte für einige Publikationen und verfasste dort auch meine Abschlussarbeit. Seitdem hatte ich viele entspannte Auftraggeber, denen es schlicht egal war, von wo ich arbeitete, solange meine vereinbarten Texte in der gewünschten Qualität pünktlich per Mail eingingen. Einige meiner früheren Chefs, gerade im Angestelltenverhältnis, bestanden allerdings darauf, dass ich täglich zur Arbeit erschien. Selbst wenn ich ihnen vorrechnete, dass ich zu Hause produktiver wäre, bestanden sie dennoch auf meine tägliche Anwesenheit und erlaubten Telearbeit nur in Ausnahmefällen. Es war einer der Gründe, warum ich das Engagement meinerseits nach meist nicht all zu langer Zeit aufkündigte.

Seit rund einem Jahr arbeite ich wieder im Home Office – was meinem liebsten Arbeitsumfeld entspricht. Seit ich mir ein schlankes Notebook mit langer Akkulaufzeit zugelegt und endlich ein Smartphone gefunden habe, das mich in meiner Arbeit unterstützt, wollte ich probeweise einen Schritt weiter gehen. Zehn Tage versuchte ich ohne festen Arbeitsplatz zu arbeiten. Hier einige Erkennisse aus dieser Zeit:

  1. Kleinigkeiten sind entscheidend. Ich arbeitete einmal in der Wohnung meiner Schwester zwischen tobenden Kindern, einmal auf einer Presseveranstaltung in einem Berliner Club und einmal im hektischen Pressezentrum der IFA. In allen Fällen machte mir der Trubel um mich herum erstaunlich wenig aus. Viel entscheidender war für mich eine feste Unterlage. Es klingt banal: Aber nur an einem stabilen Tisch konnte ich vernünftig arbeiten und dabei fast alles andere ausblenden.
  2. Ideen entwickelt man nicht am Schreibtisch, aber man schreibt sie am besten dort auf. Die besten Einfälle hatte ich in der Tat, wenn ich unterwegs im Zug war. Wenn ich Langeweile hatte, ließ ich mich vom Smartphone über Feeds informieren oder schaltete einfach einmal komplett ab. Einige gute Einfälle entstanden aus Gesprächen mit Bekannten oder Fremden. In der Bahn zu schreiben allerdings funktionierte wegen schlechter Internetverbindungen und Schreibunterlagen bei mir überhaupt nicht gut.
  3. Kreativität lässt sich leider nicht erzwingen. Ich wusste aus der Vergangenheit, dass ich meine besten Einfälle für Artikel unterwegs hatte, was auch ein Grund war, warum ich diese Reise nun antrat. Meine Hoffnung auf Inspiration während der Reise allerdings bewahrheitete sich nur bedingt. Viele Tage fiel mir gar nichts Neues ein. Der Ort scheint egal zu sein und Kreativität lässt sich auch unterwegs nicht erzwingen.
  4. Der Körper leistet Schwerstarbeit und nimmt sich, was er braucht. Die vielen neuen Eindrücke, die Abwechslung, der Stress, die Mehrarbeit, die man durch nicht perfekte Arbeitsbedingungen meist leistet, zollen Tribut. Ein paar Tage gelang mir all das problemlos, dann allerdings forderte mein Körper Schlaf in rauen Mengen und es half nichts, wenn ich mich dem widersetzen wollte.
  5. Die Tageszeit ist egal. Ich verbrachte etwa den vergangenen Mittwochmorgen damit, mir die Braunschweiger Innenstadt anzuschauen. Die versäumte Arbeit holte ich am späten Nachmittag und am Abend nach. Vielleicht die schönste Erkenntnis meiner Reise: Es bringt nichts, sich zur Arbeit zu zwingen. Körper und Geist entscheiden, wann die beste Zeit dafür ist.
  6. Zwei Stunden Arbeit sind manchmal besser als fünf. Weite Teile Norddeutschlands sind entlang der Bahnstrecken noch mobiles Brachland. Einmal mühte ich mich stundenlang damit ab, unterwegs für einen Beitrag zu recherchieren, während mein mobiler Datenstick und mein Smartphone keine Verbindung aufbauten. Irgendwann gab ich auf – und schrieb die Meldung später an einem Bremer Hotelschreibtisch mit guter Netzverbindung in einer Stunde runter. Die Vorarbeit hatte ich da im Geiste schon geleistet, was das Schreiben deutlich vereinfachte.
  7. Die Arbeitszeiten verschieben sich, aber der Aufwand bleibt gleich. Den Montag vergangener Woche verbrachte ich größtenteils unterwegs. Die Bahn leitete meinen Zug von Bremen nach Hannover über Hamburg um – was mir die Chance auf noch einen weiteren, nicht geplanten Ausflug gab. Zum Arbeiten kam ich an jenem Montag praktisch nicht. Am nächsten Tag holte ich die versäumte Arbeit wie selbstverständlich nach und stellte am Abend verblüfft fest, dass ich meinen Arbeitsplatz den ganzen Tag lang nicht verlassen hatte. Die Erholung am ersten Tag gab mir die Ruhe und die Kraft, die versäumte Arbeit am zweiten nachzuholen.
  8. Ohne Papier geht es nicht. Wenn auf eine gute Netzverbindung unterwegs kein Verlass ist und der Akku im Smartphone sich verhältnismäßig schnell leert, ist Papier am geduldigsten. Meine Artikelideen oder Ergebnisse einer Recherchie hielt ich deswegen in einem kleinen Notizbuch fest.
  9. Ein starker Akku verändert alles. Mein Notebook ist nicht nur relativ klein und leicht, was den Transport vereinfacht. Der Akku hält hier auch gute zehn Stunden durch. Das führt dazu, dass der Akkustand völlig an Bedeutung verliert. Die Ladung reicht, immer. Man kann an jedem beliebigen Ort arbeiten und muss sich nie wieder Sorgen um eine Steckdose machen.
  10. Ein Rundum-sorglos-Paket entlastet. Ich verwendete für die Fahrt nur ein Bahn-Ticket, das aufgrund eines Startpunkts im Ausland 30 Tage gültig ist (das Prinzip Extrembahnfahren, das der Biberacher Dierk Andresen kürzlich in mehreren Online-Zeitungen vorstellte). Es hatte den Vorteil, dass ich mir um Geld und Tickets keine Sorgen mehr machen musste und unterwegs den Kopf für andere Dinge frei hatte. Bis auf einen Schaffner akzeptierten alle mein Ticket kommentarlos.
  11. Besitz belastet. Als ich mir vor ein paar Wochen das neue Notebook kaufte, entschied ich mich bewusst nicht für das teuerste Modell, sondern eins mit einer etwas geringeren Leistung für “nur” 1.000 Euro. Ich hatte ähnliche Reisen wie die hier beschriebene bereits im Kopf und kaufte das preiswertere Gerät mit dem Hintergedanken, dass mir ein eventueller Verlust oder Diebstahl nichts ausmachen würde. In Nachhinein betrachtet sind mir 1.000 Euro dafür aber doch noch zu viel. So brachte ich es nicht fertig, meinen Laptop in meinem Zimmer in einer Berliner Pension zu lassen, die mir etwas zwielichtig vorkam. So nahm ich das Gerät immer mit und hing auch gedanklich daran. Wenn mir ein Verlust wenig ausmachen sollte, dürfte ein solches Notebook nicht mehr als 300 Euro kosten und müsste im Verlustfall umgehend neu zu beschaffen sein. In der Preiskategorie gibt es aber noch kein Gerät, das mir für meine Ansprüche genügen würde.
  12. Urlaub und Arbeit lassen sich nicht vereinen. Ich nutzte die Reise für Verwandtenbesuche und Freizeit, etwa ein Stadtfest, eine Fahrt an die Nordsee und einen Besuch im Bremerhavener Auswandererhaus. Wie gehabt, arbeitete ich unter der Woche und genoss am Wochenende die Freizeit. Trotzdem: Um den Kopf frei zu bekommen, taugt eine solche Reise nicht. Da hilft nur Urlaub.
  13. Optimismus hilft. Es kam auf der Reise mehrmals vor, dass ich hart gearbeitet aber doch das eigene Tagesziel nicht erreicht und einen Beitrag zu wenig in petto hatte. In zwei Fällen half mir dabei ein glücklicher Zufall. Einmal sendete mir einer unserer Autoren, der nur selten etwas schreibt, überraschend einen Beitrag. Ein anderes Mal meldete sich just zur richtigen Zeit ein interessantes Startup, über das ich in kurzer Zeit ein Review schreiben konnte. Man sollte sich nicht darauf verlassen, aber man darf gerne damit rechnen, dass alles irgendwie gut gehen wird.

Unterm Strich hat sich die Fahrt für mich gelohnt. Ein ruhigeres, weniger anstrengendes Arbeiten hätte ich mit Sicherheit zu Hause erlebt, dann allerdings hätte ich auf einige kulturelle Höhepunkte, Zeit mit Freunden und sicherlich auch ein paar gute Einfälle verzichten müssen. Ich möchte solche Touren wiederholen; zum einen um zu sehen, ob mir das Arbeiten unterwegs mit der Zeit leichter fällt. Und zum anderen, weil es mir die Chance bietet, die Welt nahezu kostenlos zu entdecken. Als Freiberufler habe ich im Prinzip die Möglichkeit, in fast jedem Land der Welt zu arbeiten. Für einen solchen Trip ins Ausland gelten natürlich noch einmal ganz andere Grundsätze; dennoch plane ich auch eine solche Reise in absehbarer Zeit.

Was am Ende bleibt: zehn durchaus anstrengende aber auch produktive Tage – und zwei mögliche Geschäftsideen, die mir unterwegs unerwartet einfielen. Eine davon werde ich so schnell nicht in Angriff nehmen können. Die andere werde ich umsetzen, wenn ich sie nach einer zweiwöchigen Italien-Reise noch immer für eine gute Idee halte. Dorthin geht es für mich in den kommenden zwei Wochen – diesmal aber wird es eine reine Urlaubsreise.

 

Jürgen Vielmeier

Jürgen Vielmeier ist Redakteur bei neuerdings.com, netzwertig.com und dem Euronics Trendblog. Neue Gadgets und Software? Liebend gerne! Aber nur, wenn sie das Leben auch wirklich leichter machen.

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5 Kommentare

  1. Guter Artikel! Welches Notebook nutzt du?

    • Verrate ich an dieser Stelle mal nicht. Tut nichts zur Sache. Ein Ultrabook der neuesten Generation.

  2. Schade, für mich hätte es schon etwas zur Sache getan;)

    • Sorry für die späte Antwort – war im Urlaub:
      Es ist das neue MacBook Air mit 13 Zoll. Es tut in meinen Augen deswegen nichts zur Sache, weil einige neue Ultrabooks der Konkurrenz in meinen Augen gleichwertig sind und weil ich an dieser Stelle keinen Glaubenskrieg heraufbeschwören wollte. Ich sehe inzwischen einige gleich gut ausgestattete Modelle mit ähnlichen Maßen und Akkulaufzeiten von anderen Herstellern. Jetzt weißt du auf jeden Fall Bescheid.

  3. Wie ist denn die Geschichte mit dem Schaffner ausgegangen? Hat er dich aus dem Zug geworfen? Musstest du nachlösen?

    @Anni: Zu deiner Notebook-Frage: Manchmal sagen Bilder mehr als 1000 Worte ;)

Ein Pingback

  1. […] kann, er hat die Frage nämlich schon beantwortet – in seinem Blogpost auf Netzwertig: http://netzwertig.com/201…entum-im-selbsttest/. Zehn Tage war er unterwegs und trotzdem auf Arbeit. Bei diesem Selbstexeriment hat er sich […]