Werbefreies Facebook gegen Bezahlung:
Twitter-Mitgründer Biz Stone zeigt uns seine Fantasiewelt

Twitter-Mitgründer Biz Stone sinniert über eine kostenpflichtige Premium-Variante von Facebook. Seine Darlegungen klingen, als hat er viele Jahre unter einem Stein gelebt.

Facebook PremiumMan stelle sich folgende Situation vor: Eine beliebige Person registrierte sich vor einigen Jahren bei Facebook und schuf sich schnell ein großes Kontaktnetzwerk aus Freunden, Bekannten, Kollegen und anderen an einem Austausch interessierten Menschen. Doch weil die Einstellungen zur Privatsphäre ständig komplexer wurden und sich parallel der Funktionsumfang immer wieder veränderte, verlor die Person irgendwann das Interesse an dem sozialen Netzwerk. Jeder Versuch, erneut aktiv zu werden, scheiterte aufgrund einer gefühlte Überflutung mit nicht relevanten Informationen.

Doch irgenwann lernt besagte Person jemand kennen, der bezüglich Facebook den Durchblick hat. Jemand, der selbst einmal beruflich viel mit dem Social Network beschäftigt war und deshalb genau weiß, welche Schalter man umlegen muss, um das Nutzungserlebnis angenehmer zu gestalten und sich von allzuvielen für einen selbst unwichtigen Inhalten im Newsfeed zu befreien. Mit Hilfe dieses Facebook-”Experten” ist unser Protagonist in der Lage, die Einstellungen seines Facebook-Kontos so zu optimieren, dass er anschließend tatsächlich wieder Spaß dabei empfindet, über den Dienst Kontakt zu Freunden und Familienmitgliedern zu halten, etwa zu seiner Schwiegermutter, einer leidenschaftlichen Nutzerin des sozialen Netzwerks.

Facebook ohne Werbung für zehn Dollar pro Monat

Nachdem sie erfolgreich in das Facebook-Universum zurückgefunden hat, kommt der in dieser Geschichte beschriebenen Person eine glorreiche Idee: Facebook sollte eine kostenpflichtige Version einführen, die Mitgliedern das Betrachten der lästigen Anzeigen erspart, die im Newsfeed und an anderer Stelle auftauchen. Ein solcher Vorstoß würde nicht nur alle User entzücken, die sich von der Werbung genervt fühlen, sondern er könnte dem Unternehmen auch eine neue Erlösquelle eröffnen, so malt es sich die erwähnte Person aus. Wenn zehn Prozent der eine Milliarde aktiven Anwender zehn Dollar pro Monat hinblättern würden, ergäbe dies beachtliche eine Milliarde Dollar pro Monat. Wow.

Milchmädchenrechnung

Was der Akteur in dieser Erzählung nicht bedacht hat: Das Gedankenspiel eines Freemium-Modells für Facebook wurde in den vergangenen Jahren schon unzählige Male durchgespielt. Es ist ungefähr so alt wie Facebook selbst und basiert meist auf falschen Einschätzungen zur Zahlungsbereitschaft der User. Wären tatsächlich zehn Prozent der User – 100 Millionen Menschen – daran interessiert, dem Unternehmen pro Jahr 120 Dollar für eine werbefreie User Experience auszuhändigen, dann hätte der kalifornische Webkonzern diesen Schritt schon längst getan. In Wirklichkeit sind wohl zwei bei drei Prozent, die 20 Dollar jährlich opfern würden, realistischer. Die sich daraus ergebenden Erlöse lägen bei 600 Millionen Dollar pro Jahr. Weniger als halb so viel wie der momentane Quartalsumsatz. Unter Annahme einer erheblich geringeren Nachfrage und Zahlungsbereitschaft klingt die Idee einer Bezahlvariante von Facebook schon nicht mehr so brilliant. Zumal nur schwer messbar ist, welche langfristigen Auswirkungen die Einführung eines “Zwei-Klassen-Facebook” auf den Dienst und die Nutzerzahlen hat. Und natürlich lassen sich mit Paid-Mitgliedern keine Anzeigenumsätze mehr generieren.

Derartige Überlegungen jedoch kann man von einem Gelegenheitssurfer, der externe Hilfe benötigt, um sich bei Facebook häuslich einzurichten und die notwendigen Einstellungen vorzunehmen, natürlich nicht erwarten.

Biz Stone, willkommen im Internet

Wenn es sich tatsächlich um einen Gelegenheitssurfer handeln würde. Doch die skizzierten Gedanken stammen von keinem geringeren als Biz Stone, Mitgründer von Twitter und der Obvious Corporation. Ein erfahrener Internetunternehmer entdeckt im Jahr 2013 Facebook wieder, bloggt über eine uralte, vollkommen abgenutzte These und geht dabei von Annahmen aus, die nur von jemandem stammen können, der sich das erste Mal mit der Ökonomie des Webs auseinandersetzt.

Für viele Medien spielt das jedoch keine Rolle. Sie berichten über die Schnapsidee* von Stone, als hätte sie irgendeine wegweisende Bedeutung. Willkommen im Sommer.

*Es ist nicht ausgeschlossen, dass Facebook sich sukzessive in Richtung eines Freemium-Modells bewegt. Das kostenpflichtige Hervorheben von Status Updates passt bereits dazu. Effekte und Rahmenbedingungen sind aber komplett andere, als Stone sie vor seinem inneren Auge sieht. /mw

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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2 Kommentare

  1. Ja, die große Mehrheit würde für Facebook allein für die Werbefreiheit nichts bezahlen. Für die zwei Prozent angenommen zahlungsbereiten User würde es sich meiner Meinung allerdings schon lohnen, eine werbefreie Variante einzuführen. Das ist immer noch eine Menge Geld ohne Aufwand. Wenn zwei Prozent der User keine Werbung mehr sehen, bedroht das noch nicht das Werbegeschäft von Facebook.

    Werbefreiheit alleine wäre allerdings nicht das, was ich empfehlen würde. Stattdessen sollte Facebook Premium-Tarife mit Zusatzleistungen einführen, bei denen Werbefreiheit EINE der Optionen wäre.

    Bessere Personalisierungsmöglichkeiten für das Aussehen des eigenen Profils beispielsweise würden sich bestimmt ebenfalls einige Leute etwas kosten lassen – allerdings andere als die, die auf Werbung verzichten wollen. Neben einer niedrigen Grundgebühr von sagen wir einem Dollar könnte das über einmalig einzeln zu bezahlende Extras laufen.

  2. Der Mitgründer eines Dienstes, der selbst noch kein so richtig brauchbares Monetarisierungskonzept gefunden hat, gibt anderen Unternehmen Ratschläge zur Monetarisierung.

    Keine Pointe.

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