Am Tag X:
Die Abschaltung des Google Reader ist leichtsinnig

Erst der Entschluss von Google, seinen RSS-Reader dicht zu machen, offenbarte die tatsächliche Popularität des Dienstes. Am offiziellen Tag der Schließung erscheint der Schritt des Internetkonzerns fragwürdiger denn je.

Google ReaderSchon die Ausmaße der Proteste, die nach Googles Ankündigung der Schließung des Google Reader über das Netz hereinbrachen, ließen es erahnen: Google begeht einen Fehler, indem es ohne Not den Stecker bei einem Dienst zieht, der für einen signifikanten Teil von Bloggern, Journalisten, Medienleuten, Netzaktivisten und Multiplikatoren das Herzstück der täglichen Internetnutzung darstellt.

Jetzt ist es soweit: Gemäß des Unternehmens wird das RSS-Tool nach dem heutigen 1. Juli nicht mehr verfügbar sein. Für die Nutzerschaft und den RSS-Markt hat sich Googles Entschluss als keineswegs dramatisch herausgestellt. Im Gegenteil: So vielfältig wie aktuell war das Angebot an RSS-Lesewerkzeugen wohl noch nie. Viele Startups und Webdienste sehen ihre Chance, die von Google hinterlassene Lücke zu füllen.

Parallel zum Ende des Readers bestätigt sich die anfängliche Vermutung: Mit dem Einmotten des Angebots hat Google viel Sympathie bei einer Anwendergruppe zerstört, die dem Unternehmen traditionell wohlgesonnen war, und dem Konzern nebenbei reichlich Negativ-PR beschert. Ein kleiner Blick auf die Statistiken offenbart, wie massiv die Resonanz auf das Ende des Readers ausfiel – trotz der vorgeblich geringen Bedeutung.

  • Feedly, der inoffizielle Nachfolger des Google Reader als dominantester, reichweitenstärkster RSS-Reader, hat seine Anwenderzahl zwischen März und Ende Mai 2013 von vier auf zwölf Millionen erhöhen können. Dieser Wert lässt die Vermutung zu, dass sich die Zahl aktiver Google Reader-Anwender im hohen siebenstelligen oder gar niedrigen achtstelligen Bereich bewegte.
  • Laut Topsy enthielten in den letzten 30 Tagen 324.000 Tweets die Begriffe Google und Reader. Zum Vergleich: Im selben Zeitraum drehten sich 426.000 Tweets, also nur unbedeutend mehr, um Googles größtes Prestigeprojekt jemals, Google Glass. Speziell in den letzten Tagen übertrumpften die Erwähnungen des Google Reader die von Google Glass (wobei angemerkt werden muss, dass es momentan wenig Neuigkeiten zu der Cyberbrille gibt).
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  • Ebenfalls laut Topsy wurden in den vergangenen 30 Tagen 67.000 Blogartikel veröffentlicht, in denen die Begriffe “Google” und “Reader” fielen. Das macht ein Sechstel der Erwähnungen des Readers in Blogs (404.000) jemals aus. Zum Vergleich: Google Glass wurde 117.000 Mal in den vergangenen 30 Tagen erwähnt und 801.000 Mal insgesamt. Ein kleiner, seit vielen Jahren nicht mehr von Google aktualisierter RSS-Reader streicht mehr als halb so viele Erwähnungen ein wie DER Google-Hoffnungsträger schlechthin.
  • Google News findet 135.000 Nennungen des Google Reader in allen Sprachen. Leider wird bei einer zeitlichen Eingrenzung die Zahl der Suchergebnisse für die jeweilige Periode nicht aufgelistet. Eine Recherche im Zeitraum 1. Oktober 2012 bis 12. März 2013 (einen Tag vor der Bekanntgabe der Schließung) allerdings liefert kein einziges Resultat. Der Großteil dieser 135.000 Nennungen ist mit hoher Wahrscheinlichkeit in den vergangenen drei Monaten publiziert worden. Auch nicht uninteressant: Feedly taucht immerhin 16.700 mal bei Google News auf. Dies gibt einen ungefähren Eindruck von der Zahl der bei Nachrichtensites und Fachblogs erschienen Beiträge rund um Google-Reader-Alternativen.

Noch nie wurde öfter nach "Google Reader" recherchiert als 2013

Noch nie wurde öfter nach “Google Reader” recherchiert als 2013

  • Eine Recherche bei Google Trends zeigt: Noch nie war das Suchvolumen nach dem Term “Google Reader” hoher als in den vergangenen drei Monaten.
  • Der vielleicht beeindruckendste Beleg für die stille Popularität des Google Reader: Eine die Begriffe “Good Bye Google Reader” (ohne Anführungszeichen) enthaltende Suche liefert 13,2 Millionen Ergebnisse (bei google.com, nicht personalisiert).

Angenommen, der Google Reader kam auf geschätzte zehn bis 20 Millionen monatlich aktive Anwender, dann waren dies im Vergleich zu der Gesamtzahl an Usern, die jeden Tag mit Google-Diensten in Berührung kommen, mit den 425 Millionen aktiven Gmail-Nutzern sowie den 500 Millionen bei Google+ registrierten Mitgliedern natürlich Peanuts. Doch die gerade geschilderten Eckdaten der Resonanz unterstreichen, dass es sich bei der Nutzerschaft des Google Reader um besonders meinungs-, einfluss- und reichweitenstarke User handelte. Viele davon nehmen Google den Schritt übel und werde künftig bewusst oder unbewusst härter mit dem Internetgiganten ins Gericht gehen – verfolgt von Millionen Lesern von Blogposts und journalistischen Beiträgen.

In der Google-Führungsetage muss man zu dem Schluss gekommen sein, dass die mit dem Abschalten des RSS-Dienstes verbundene schlechte Stimmung in Kreisen eingefleischter User  em Unternehmen nicht langfristig schaden würde. Das mag sogar stimmen. Wenn es demnächst Google Glass, selbstfahrende Autos oder Google Jetpacks für alle gibt, werden viele begeistert zugreifen. Die meisten Nutzer vergessen und vergeben schnell.

Doch schaut man sich das in Blogposts und Tweets zu bezeugende Engagement der ehemaligen Reader-Enthusiasten an und versteht, wie sehr für manche von ihnen Reader DER wichtigste aller Google-Dienste war, so kann ein nachhaltiger Negativeffekt nicht ausgeschlossen werden. Risiken einzugehen, lohnt sich, wenn man dabei auch gewinnen kann. Doch mit der Schließung des Google Reader hat Google nichts zu gewinnen. Nennungen von Google+ sucht man in all den Artikeln über Ausweichlösungen für Google Reader vergeblich. Die Kosteneinsparungen dürften minimal sein, und um Fokus kann es dem Konzern auch nicht gegangen sein.

Wie man es auch dreht und wendet: Die Schließung des Google Reader ist im besten Fall leichtsinnig und im schlimmsten Fall ein großer Fehler. Die Nutzer brauchen Google Reader nicht länger. Aber für Google wäre es taktisch klug gewesen, die RSS-Nutzer bei sich zu behalten.

Ein Hinweis in eigener Sache: Gegen 12:00 Uhr plaudere ich im WiWo Lunchtalk über das Thema/mw

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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21 Kommentare

  1. Sehr schön geschrieben und recherchiert! Ich war auch immer ein Fan von Google und bin auch sehr darüber enttäuscht. Es gehört zu meinem täglichen Leben schon seit Jahren. Aber wahrscheinlich werde ich trotz alledem Google Mail z.B. “treu” bleiben. Eigentlich ein falsches Zeichen.

  2. wow, interessante Zahlen.
    Was mich am Tod des Readers verblüfft: Bei Google muss es doch jemandem klar sein, dass diejenigen “Feedreader” sind, die für ein Erfolg von Google+ wichtig sind. Und die jetzt zu verärgern? Finde ich seltsam.

    Aber da kommt mir die Idee, dass vielleicht ab morgen eine Art “Reader” in G+ zu finden ist? Oder ist das nur schiere Hoffnung?

    Denn ich bin mit allen Alternativen nicht so ganz glücklich. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich mich nicht umgewöhnen will. Aber der Google Reader erledigt seinen Job schon sehr perfekt…

  3. naja ich bin auch recht zügig zu Feedly gewechselt, bin im großen ganzen auch zufrieden. Leider kann ich nun neue google Alerts nich mehr über den rss feed bekommen. sehr ärgerlich, die alten alerts konnt ich noch improtieren, aber leider kann ich neue nicht nach feedly bringen….Wer ne Lösung weiß- immer her damit.

  4. An anderer Stelle wurde schon die Vermutung angestellt, in wie weit Google durch seine Abschaltung nicht die Nutzer mehr auf ihre eigene Plattform Google+ drängen wollen.

    Ich selber nutze den recht abgespeckten deutschsprachigen hawkReader. Finde die Grundidee klasse, auch wenn mir im Moment noch einige Funktionen fehlen.
    Was meint Ihr?

    • Google hat ein Interesse an Kundenbindung. Wahrscheinlich haben die sich gedacht, sie würden mehr Leute zu g+ drängen als langfristig über die Abschaltung des Reader zu vergraulen.

      Immerhin gibts Alternativen. Gerade im Bereich der Alerting-Dienste bewegt sich gerade viel (Bsp. Kuerzr fürs deutschsprachige Netz). Es muss ja nicht immer google sein.

  5. Die Abhängigkeit von Management-Entscheidungen bei Google und das jetzige Aus für den Reader haben mich nun dazu bewogen mich wieder mit Alternativen – für alle Dienste – zu beschäftigen.

    Good bye Google Reader – es war gut!

  6. Ich habe die Schließung des Dienstes zum Anlass genommen, gleich alle meine Konten bei Google zu löschen.

    Habe Newsblur ausgiebig getestet (nicht schlecht) bin aber nun bei Feedbin gelandet. Spielt hervorragend mit Reeder (iPhone), Mr. Reader (iPad) und ReadKit (Mac) zusammen.

  7. Bei Feedly gibts nen Direktimport der Feeds aus dem Google Reader. Nicht mal ne Minute, schon sind die Feeds rübergeschaufelt. Müßt ich bloß noch wissen, ob das jetzt weiter als Account gilt oder ob man sich extra bei Feedly anmelden muß. Kann man sich da immer via Google verifizieren, wenn man mal ausgeloggt ist?

  8. PS. Feedly ist sogar erstmal übersichtlicher, weil die einzelnen Feed-Ordner immer links an der Seite stehen bleiben. Werde ich sie wahrscheinlich viel mehr nutzen.

  9. Ist es nicht auch so, dass im journalistischen Bereich, bei Bloggern und PR Leuten der Reader 100mal häufiger genutzt wird als im IT Bereich?

    Dadurch entsteht natürlich auch einen mediale Verzerrung die mehr Nutzer suggeriert als es tatsächlich sind.

  10. Die 500 Millionen Google Plus User sind ja auch nur Augenwischerei. Wie viele davon nutzen Google Plus wohl regelmäßig? Wahrscheinlich nur ein Bruchteil. 500 Millionen Accounts – ja. 500 Millionen User – niemals!

    Bei den Google Reader Usern kann man dagegen schon viel eher davon ausgehen, dass sie den Reader regelmäßig, viele wahrscheinlich sogar täglich, genutzt haben. Google gibt damit nicht nur einflussreiche, sondern vor allem auch sehr aktive User auf und versaut sich bei diesen Usern auch noch das Vertrauen in seine Dienste.

    Ausgesprochen unklug.

    • Muss man sich überhaupt bei g+ anmelden, um dort einen Account zu besitzen? Dachte das geht automatisch über den Google Account.

    • @Phinphin: Zumindest alte Accounts aus der Prä-G+-Ära bekommen G+ nicht zwingend automatisch. Ich glaube, wenn man sich über manche Google-Dienste (z.B. Blogger) registriert, wird G+ auch nicht automatisch dem Account hinzugefügt.

  11. Warum nutzen wir nicht einfach den NSA-Reader ? ;-)

  12. Vollste Zustimmung.
    War definitiv der meistgenutzter Googledienst von mir.
    Jetzt hab ich das ganze in grün.

  13. Hoert einfach auf Google zu nutzen.

  14. leichtsinnig, fragwürdig, taktisch unklug, signifikant, großer Fehler usw. usf.

    Jetzt ist der Stecker gezogen und gut und aus ist.

    Man kann sich da auch hineinsteigern, oder?

    • Wie im Text erwähnt: Für User ist das alles kein Problem. Ich vermisse den GR schon gar nicht mehr. ABER: Ich werde nicht vergessen, dass Google ihn ohne Not aufgegeben hat.

    • Google hatte sicher keine “Not”, aber es war eben (sehr wahrscheinlich) eine Entscheidung der Wirtschaftlichkeit. Wie ich schon beim letzten Artikel dazu ausführte…

      Ich find die Trotzigkeit, mit der google daraus ein Strick gedreht wird so seltsam. Es gäbe ganz andere Dinge, die man an google besser kritisieren könnte.

    • Google betreibt zig Dienste ohne auf deren Wirtschaftlichkeit zu schauen. Reader hat Google Peanuts gekostet. Wenn überhaupt.

9 Pingbacks

  1. [...] Vor knapp vier Monaten hat Google den Exodus des Google Reader zur Jahresmitte 2013 bekannt gegeben. Auch wenn viele Nuter inzwischen eine Alternative gefunden haben – ich nutze jetzt Feedly -, wird das Aus als leichtsinnig bezeichnet. [...]

  2. [...] man bei netzwertig.com lesen kann, konnte Feedly von März bis Mai 2013 von 4 Millionen auf 12 Millionen Nutzer zulegen. [...]

  3. [...] Am Tag X: Die Abschaltung des Google Reader ist leichtsinnig | netzwertig.com I Internetwirtschaft I… Die Schließung des Google Reader ist im besten Fall leichtsinnig und im schlimmsten Fall ein großer Fehler. Die Nutzer brauchen Google Reader nicht länger. Aber für Google wäre es taktisch klug gewesen, die RSS-Nutzer bei sich zu behalten. [...]

  4. [...] Weigert hat auf netzwertig passend zu dem Thema einen Artikel veröffentlicht, in dem er Google eine leichtsinnige Entscheidung attestiert und damit meiner Meinung nach genau [...]

  5. [...] hat, wie angekündigt, seinen RSS Reader abgeschaltet. In dem Vorgang sieht Martin Weigert ein Problem – insbesondere für das Image Googles, denn: “*bei der Nutzerschaft des Google Reader [...]

  6. [...] Netzwertig.com (2013): Die Abschaltung des Google Readers ist leichtsinnig. URL: http://netzwertig.com/2013/07/01/am-tag-x-die-abschaltung-des-google-reader-ist-leichtsinnig/ (01.07.2013) [...]

  7. [...] hat Google angekündigt, den Betrieb ihres RSS-Reader-Dienstes einstellen zu wollen. Diesen Schritt mag man als leichtsinnig bezeichnen – Fakt ist, er wurde am vergangenen Montag vollzogen. Frühzeitig war klar, dass man sich nach [...]

  8. [...] Am Tag X: Die Abschaltung des Google Reader ist leichtsinnig: Erst der Entschluss von Google, seinen RSS-Reader dicht zu machen, offenbarte die tatsächliche Popularität des Dienstes. Am offiziellen Tag der Schließung erscheint der Schritt des Internetkonzerns fragwürdiger denn je. – http://netzwertig.com/201…er-ist-leichtsinnig/ [...]

  9. […] Offensichtlich  sehr schwer, wie man jetzt mal wieder bemerkt. Seit dem 1. Juli ist Google Reader nicht mehr da, einfach weg, der Platzhirsch. Einige Plattformen sind damals wahnsinnig schnell in die Bresche […]

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