Fließbandproduktion von Inhalten:
“Churnalism Tracker” deckt Copy-Paste-Journalismus auf

Ein neues Online-Tool vergleicht den Inhalt eines Artikels mit Texten aus Pressemitteilungen, Wikipedia und anderen Quellen. Auf Knopfdruck sieht man so alle Teile des Beitrags, die der Autor durch Copy und Paste übernommen hat. Ob das deshalb schlechter Journalismus ist, steht auf einem anderen Blatt.

Ein Testergebnis des Churnalism Trackers.

Ein Testergebnis des Churnalism Trackers.

Hinter dem Projekt steht die Sunlight Foundation, die sich als gemeinnützige und unabhängige Organisation beschreibt. Sie hat sich vor allem auf die Fahnen geschrieben, für mehr Transparenz in der Politik zu sorgen. Ein Beispiel ist der “Lobbying Tracker”, der öffentlich zugängliche Informationen darüber sammelt, wer in Washington für Unterstützung in eigener Sache wirbt. Die Sunlight Foundation nutzt somit die Digitalisierung von Informationen, um sie auf neue Weise miteinander zu verknüpfen und daraus Erkenntnisse zu gewinnen. Für das neue Tool arbeitet sie mit dem Media Standards Trust zusammen, der sich für höhere Standards im Nachrichtengeschäft einsetzt.

Den “Churnalism Tracker” gab es zuvor bereits für Medien aus Großbritannien und nun gibt es ihn außerdem in einer Version für die USA. Der Begriff Churnalism wird dabei laut Wikipedia dem BBC-Journalisten Waseem Zakir zugeschrieben. Er beschreibt einen Journalismus, bei dem der Redakteur seine Artikel am laufenden Band produzieren muss (englisch “to churn out”). Ein Phänomen, das vielen Journalisten bekannt vorkommen wird, denn der Druck auf viele Redaktionen ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Die Zahl der Redakteure hat sich im Zuge dessen reduziert, die Menge an Inhalten aber nicht immer. Um dennoch ihr Pensum erfüllen zu können, übernehmen manche Journalisten deshalb Inhalte aus Pressemitteilungen und anderen Quellen und machen das dem Leser gegenüber zugleich nicht immer deutlich. 

Den Churnalism Tracker gibt es als Webformular, in das man den fraglichen Artikel hineinkopiert oder dessen URL angibt. Auf der Folgeseite werden einem alle Passagen angezeigt, die mit einem anderen Text übereinstimmen. Hier gibt es ein Beispiel dafür.

Noch einfacher und eleganter ist das Churnalism-Addon für den Browser. Es warnt automatisch, sobald in einem aufgerufenen Artikel kopierte Inhalte entdeckt werden. Auch hier kann man die übernommenen Passagen per Knopfdruck anzeigen lassen.

Das folgende Video gibt eine Einführung:

Die schwierige Bewertung von Churnalism

Kopierte Inhalte müssen allerdings nicht grundsätzlich schlecht sein, sofern der betreffende Redakteur offenlegt, woher diese Informationen stammen. Und nur dadurch, dass man Inhalte selbst formuliert, ist man noch kein unabhängiger Journalist. Stattdessen können sich dadurch sogar Fehler einschleichen. Es bedeutet im Umkehrschluss also nicht, dass ein Artikel “guter Journalismus” ist, nur weil sich keine kopierten Textpassagen finden.

Es sollte klar sein, dass eine objektive Berichterstattung immer nur das Ziel sein kann, das sich aber nie erreichen lässt. Jeder Mensch ist beeinflusst und es ist de facto nicht möglich, jede Nachricht mit all ihren Zusammenhängen und Implikationen stets vollständig und ausgewogen darzustellen. Zur Aufgabe des Journalisten gehört es, aus dem Meer an Informationen eine Kelle an Informationen herauszuschöpfen, die so repräsentativ wie möglich ist. Generell stellt sich bei Medienberichten die Frage nach Interessenslagen und Beeinflussungen. Das fängt schon bei der Themenauswahl an. Man denke hier nur an die verbreitete Jagd nach möglichst vielen Zugriffen im Online-Journalismus oder an die Wichtigkeit von Einschaltquoten im Fernsehen.

Nur sind solche Hintergründe eben nicht so leicht und schnell sichtbar zu machen wie kopierte Textpassagen. Insofern ist ein Tool wie der Churnalism Tracker sicher geeignet, für mehr Transparenz zu sorgen und vielleicht stößt er sogar eine nützliche Diskussion an. Die Problemlage des Journalismus ist allerdings deutlich komplexer.

Weitere Informationen und Hintergründe in der Pressemitteilung zum Churnalism Tracker.

 

Jan Tißler

Jan Tißler ist Redakteur bei netzwertig.com. Er ist fasziniert von Technik und ein leidenschaftlicher Internetintensivnutzer.

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Ein Kommentar

  1. Ist für den deutschen Journalismus, sowie den Rest der Welt außer Großbritannien und den USA also noch nicht verfügbar.

    Am Ende des Artikel wird behauptet, das es unmöglich sei, 100% Objektiv zu schreiben. Ja klar, aber das will das Tool ja auch nicht, sondern zeigen, wer offensichtlich einfach nur abschreibt und nix selber macht.

    Wie ist denn da so die Quote in der Redaktion von netzwertig?

Ein Pingback

  1. [...] Jan Tißler stellt den Churnalism Tracker vor, der Copy-und-Paste-Texte entlarven soll. Zum Beitrag: Copy & Paste aufdecken mit Churnalism [...]