Just.me:
Knalleffekt für eine Unified Inbox, die zwei Jahre zu spät kommt

Just.me kombiniert zahlreiche Kommunikationsmedien und Social Networks in einer App und will damit die zentrale Anlaufstelle auf dem Smartphone sein. Dass die Nutzer in Scharen kommen werden, steht so schnell dennoch nicht zu erwarten.

JustMeFast zwei Jahre brauchte das Startup des Techcrunch-Mitgründers und Valley-Veterans Keith Teare, um Just.me zu starten. Weil eine derart lange Vorbereitungszeit einen Start mit Knalleffekt beinahe schon voraussetzt, feuerte die Marketing-Maschinerie aus allen Rohren: Journalisten aus aller Welt wurden bereits Wochen vor dem geplanten Start informiert, zu einem Google Hangout eingeladen, sollten eine Verschwiegenheitserklärung unterzeichnen und vor Mittwoch keine Inhalte der App veröffentlichen. Grund war eine Teilnahme des Startups an der Konferenz Demo Mobile. Eine Vorab-Veröffentlichung hätte Just.me vom Wettbewerb ausgeschlossen.

Je mehr eine solche Marketing-Maschinerie auf die Pauke haut, desto eher erreicht man oft das Gegenteil: die Anwender schauen ganz genau hin, nehmen das längste Maßband heraus und bewerten die App besonders kritisch. Just.me will die eine Kommunikationszentrale sein, die man auf dem Smartphone benutzt. Egal ob E-Mails, SMS, Facebook- oder Twitter-Nachrichten, alles läuft hier hinein und lässt sich auch von dort wieder verschicken. Der Nutzer kann auswählen, welche Nachrichten er veröffentlicht, mit Freunden oder nur mit einer anderen Person teilt – oder ob er Notizen nur für sich selbst als eine Art Tagebuch festhält. Verschiedene Apps bieten einzelne dieser Funktionen. Just.me will alle an einer Stelle vereinen.

Keine echte Zeitersparnis, kein nennenswerter Vorteil

Just.me startet vom Fleck weg in 155 Ländern in 32 Sprachen, allerdings zunächst nur für das iPhone. Der Nachrichtenversand unterscheidet sich nicht sonderlich von anderen Chat-Clients, das Speichern persönlicher Nachrichten und Notizen erscheint mir noch etwas komplizierter als in Apps wie Evernote oder den Notizzetteln, der öffentliche Bereich erinnert optisch an Facebook Home. Der Vorteil gegenüber anderen Chat-Clients: Der Empfänger muss Just.me nicht installiert haben. Das eigene Adressbuch soll zwar benutzt, aber nicht bei Just.me gespeichert werden. Von der Typographie her richtet sich Just.me offensichtlich an ein älteres Publikum als der junge Rivale Line aus Japan.

Just.me Screenshots

Just.me Screenshots

Auch wenn die Idee einer gemeinsamen Inbox nicht schlecht klingt: Ich fürchte, auf Just.me werden die wenigsten gewartet haben. Gegen WhatsApp mag man zwar einiges ins Feld führen, trotzdem erfüllt die App für Millionen von Nutzern den Traum kostenloser Textnachrichten in endloser Menge, des Group Chats und des Austauschs zumindest einiger Bilder. Die App ist simpel gestrickt und fast alle Freunde sind mittlerweile da. Just.me bietet wenig Anreiz, um zu wechseln. Teare und seine 13-köpfige Mannschaft haben noch weitere Funktionen innerhalb der einen App untergebracht. Man darf allerdings dagegen argumentieren, dass das Navigieren innerhalb der App kaum Zeit und Nerven gegenüber dem Springen von App zu App spart. Ganz abgesehen davon ist eine Unterteilung der Informationen in verschiedenen Apps für viele Nutzer sogar wünschenswert.

Auswahl gibt es mittlerweile reichlich

Auch beim Thema Nutzerfreundlichkeit scheint mir Just.me nicht unbedingt eine Offenbarung zu sein. Nachrichten laufen in verschiedenen Kanälen ein, die man nacheinander ansteuern muss. Ein Schritt zu viel im Vergleich etwa zu anderen Unified-Lösungen wie Notifications (Android, iOS) oder dem Blackberry Hub, die man, wenn auch teils von anderen Systemen, längst kennt.

Zumindest den Ansatz von Just.me finde ich dennoch nicht unsympathisch, wenn sie auch kaum etwas Neues oder Unverzichtbares bietet. Man hat die Möglichkeit, sich ein eigenes Nachrichtenarchiv aufzubauen. Man kann die App benutzen ohne von Freunden zu verlangen, sie ebenfalls zu installieren. Und nicht zuletzt werden auch Inhalte aus sozialen Netzen schön aufbereitet. Wäre Just.me vor zwei Jahren an den Start gegangen, hätten Teare und sein Team sicherlich für großes Aufsehen gesorgt. Heute aber sind die Nutzer mit ähnlichen Apps bereits derart überfüttert, dass sie getrost abwinken können. Just.me kommt reichlich spät, dem großen Presse-Tohuwabohu wird die App zu diesem Zeitpunkt nur in Ansätzen gerecht.

Link: Just.me

 

Jürgen Vielmeier

Jürgen Vielmeier ist Redakteur bei neuerdings.com, netzwertig.com und dem Euronics Trendblog. Neue Gadgets und Software? Liebend gerne! Aber nur, wenn sie das Leben auch wirklich leichter machen.

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4 Kommentare

  1. Alles in einem ist meistens nie so gut wie einzelne, fokussierte Lösungen. Auch Facebook unterteilt seine Services immer mehr in einzelne Apps.
    just.me hätte sich lieber auf einen Messaging Bereich fokussieren sollen, bei dem es noch Verbesserungsbedarf gibt. z.B beim Group Messaging und Sharing…hier gibt es zwar Lösungen, aber noch genug Potential sich zu differenzieren.

  2. Wie viele Apps soll es doch noch geben? Noch nicht mal Facebook und Co. kriegen ihre Probleme beseitigt…

  3. Tja wie war das mit dem berühmten Satz von Herrn Gorbatschow, „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ oder in diesem Fall der Konsument. Just.Me ist nicht die erste und auch nicht die letzte Lösung die dieses Schicksal ereilt. Bei solch gepuschten Projekten stelle ich mir immer die Frage, wie wollen die wirtschaftlich funktionieren um diesen enormen finanziellen Aufwand wieder reinzuholen. Da erinnere ich mich schnell wieder an die Geschichten vom „Neuen Markt“ Anfang 2000. Jeder wollte mit aller Macht unbedingt auf den Zug aufspringen und ein Stück vom Kuchen abhaben, koste es was es wolle. Wie auch schon im Bericht erwähnt, sehe ich auch eine gute Idee hinter der Lösung aber ob das wirklich reicht wird am Ende der Nutzer entscheiden, gerade weil es halt viele Alternativen gibt. Ich selber nutze zum Beispiel nur Facebook im Moment, sprich für mich lohnt sich solch eine Big-Lösung im Augenblick gar nicht.

  4. wo ist bei dieser app der vorteil?
    ich finds super, dass meine apps getrennt sind: mails an mich sind meistens geschäftlich, also sind für mich emails wichtig & werden gleich gelesen. facebook- & Twitter-nachrichten ist für mich extrem umwichtig, also lese ich das kaum.
    die aufteilung der dienste ist für mich folglich super, ein zusammenführen wäre übel…

    aber viel erfolg dem team beim verkauf, irgendwer kaufts ja dann meistens :)

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