Ein-Personen-Startups:
Vorbild für die Verlage

Reeder, Newsblur, Instapaper und Pinboard sind erfolgreiche Ein-Personen-Startups für den modernen, strukturierten Informationskonsum. Verlage sollten genau hinschauen.

Der traditionelle Qualitätsjournalismus hat im digitalen Zeitalter ein Refinanzierungsproblem. Diese Erkenntnis ist schon viele Jahre alt, wirklich gelöst wurde das sich daraus ergebende Dilemma aber nach wie vor nicht. Womöglich gibt es gar keine nachhaltige Lösung, die sich auf dem Fundament bisher existierender Pressestrukturen aufbauen lässt.

Ein Aspekt, der bei der Debatte gerne unter den Tisch fällt, sind die sinkenden Vertriebs- und Verwaltungskosten journalistischer Produkte. Das digitale Pendant zur Zeitung beansprucht letztlich extrem geringe Ressourcen, um zu den Lesern zu gelangen. Der gesamte Overhead, der nicht direkt an der Erstellung der Inhalte beteiligt ist, war für die Produktion von Zeitungen unersetzlich, ist aber für die schlanken Medienplayer der Zukunft nicht mehr in dieser Form notwendig.

Dieser Gedanke mag unbehaglich klingen, erscheint aber unumgänglich, wirft man einen Blick auf vier ganz besondere Startups, die maßgeblich den Medienkonsum von systematisch Informationen beziehenden Netzbürgern gestalten. Vier Startups, die sich dadurch auszeichnen, jeweils von einer einzigen Person betrieben zu werden. Sie heißen Reeder, Newsblur, Instapaper und Pinboard. Einmal von der Produktion der eigentlichen Inhalte abgesehen decken sie nicht alle, aber einen Großteil der Bedürfnisse ab, die der moderne Leser heute hat. Vier Personen. Mehr sind dafür nicht notwendig.

Reeder, Newsblur, Instapaper, Pinboard

Reeder, die beliebte RSS-Applikation für iOS und Mac, liefert ein elegantes Interface, um eine beliebige Zahl von RSS-Feeds zu verfolgen. Noch basiert Reeder auf dem Google Reader, wird aber vor dessen Schließung am 1. Juli andere Quellen für den RSS-Import anzapfen. Verantwortlich für die App ist der Schweizer Silvio Rizzi, der Reeder in großen Teilen in einem Zürcher Café entwickelt hat. Wer Reeder verwenden möchte, muss dafür einmalig einen kleinen Eurobetrag zahlen.

Wenn beim Google Reader demnächst der Stecker gezogen wird, könnte dessen Wettbewerber Newsblur in die Bresche springen und Reeder-Macher Rizzi als Feedquelle dienen. Newsblur bietet ein Webinterface sowie mobile Apps für iOS und Android. Wer unbegrenzt viele Feeds mit dem Dienst lesen möchte, muss die kostenpflichtige Premiumversion beziehen. Deren Erlöse erlaubten es Newsblur-Initiator Samuel Clay vor einem Jahr, seinen Vollzeitjob an den Nagel zu hängen und sich ganz seinem RSS-Projekt zu widmen. Bis heute ist er der einzige Mitarbeiter, wobei wohl nicht ausgeschlossen werden kann, dass er sich angesichts des jüngsten Ansturms irgendwann Verstärkung suchen wird.

Eine andere Möglichkeit, Inhalte aus dem Netz bequem zu lesen, sind Read-It-Later-Dienste. Mittlerweile existieren davon eine ganze Reihe, Pionier war jedoch Instapaper. Und wieder reicht eine Person, um Nutzern das (spätere) Lesen von im Web oder via Social Media aufgefundenen Artikeln am PC, auf iPhone/iPad oder via E-Book-Reader zu ermöglichen. Gründer Marco Arment, der Einnahmen aus dem Verkauf der Instapaper-App sowie mit einer kostenpflichtigen Premiumversion erzielt, findet nebenbei sogar noch die Zeit, ein eigenes iPad-Magazin zu produzieren und fleißig zu bloggen.

Was machen leidenschaftliche “Newsjunkies” mit Artikeln, die sie für spätere Zwecke aufbewahren möchten? Sie speichern und verwalten sie bei einem Social-Bookmarking-Dienst. In Early-Adopter-Kreis beliebt ist Pinboard, ein weiteres Ein-Personen-Startup. Gründer Maciej Ceglowski setzt auf ein sehr innovatives Preismodell: Wer Pinboard verwenden möchte, zahlt dafür bei der Registrierung einmalig eine Gebühr. Mit jedem neuen Mitglied erhöht sich diese um 0,001 Dollar. Derzeit sind 10,06 Dollar fällig, um Pinboard verwenden zu können. Usern, die eine Kopie eines gebookmarkten Artikels archivieren möchten, steht das Premiumpaket für 25 Dollar pro Jahr zur Verfügung.

Inspiration für Verlage 

Um dem Einwand vorzubeugen, dass diese vier Angebote nicht die Leistungen eines typischen Qualitätsmediums übernehmen könnten: Das stimmt. Es geht mit der Auflistung nicht darum, die totale Ersetzbarkeit der Presse zu demonstrieren, sondern darum, aufzuzeigen, wie wenig Mittel und Personenstunden heutzutage noch notwendig sind, um die wesentliche Infrastruktur für eine moderne, effektive und effiziente Versorgung der Leser mit Medieninhalten zu ermöglichen. Egal wo auf der Erde sie sich befinden. Legt man noch einige zusätzliche Entwicklerstunden obendrauf, kann man weitere ähnliche Dienste wie etwa Flipboard (heute mit neuer Version), Pulse, Pocket, Feedly oder Quote.fm in die Betrachtung einbeziehen.

Nur die Inhalte selbst fehlen noch. Speziell die, die das Prädikat “Qualitätsjournalismus” wirklich verdienen, sind in der Produktion in der Tat sehr teuer. Dies zu refinanzieren, so dass alle am Entstehungprozess beteiligten Akteure angemessen entlohnt werden, ist die einzige wirkliche Herausforderung. Wobei angemerkt werden sollte, dass Anwender der oben aufgeführten Services problemlos aus tausenden durchaus lesenswerten privat geführten Quellen auswählen können, bei denen Autoren allein aus Leidenschaft Texte schreiben. Diese liefern vielleicht nicht die neuesten Infos aus Nordkorea oder von den Krisentreffen zu Zyperns Schuldenproblem, aber können bei weniger tagesaktuellen Inhalten und Fachthemen mitunter mit den entlohnten Texten mancher Journalisten mithalten.

Zu oft baut die Debatte um die künftige Finanzierung von gutem Journalismus auf der fehlerhaften Annahme auf, alles müsse und werde so bleiben wie es war, nur der Medienträger wandele sich. Selten bis nie wird laut darüber gesprochen, ob das Gesamtmodell dessen, was bisher einen Verlag ausmachte, mit allen Funktionsbereichen, Hierarchien, Fixkosten und mit durch viel Füllmaterial aufgeblähten Webangeboten noch zukunftstauglich ist. Silvio Rizzi, Samuel Clay, Marco Arment und Maciej Ceglowski lassen erahnen, wie die Antwort auf diese Frage ausfällt. /mw

Foto: stock.xchng/lusi

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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2 Kommentare

  1. Eine App ersetzt noch keinen Verlag. Dessen Leistung sollte u.a. das humane Kuratieren im Gegensatz zu toolgestützem maschinellen Auslessen von Informationen sein. Günstigstenfalls. Und nicht zu vergessen: das Gros der Verlage IST der Klein-Verlag, der Ein-Personen-Betrieb – also das Ein-Personen-Startup.

  2. Martin, ich schätze Deine Artikel immer sehr hoch ein, aber dieses mal verstehe ich wirklich nicht worauf Du mit diesem Artikel hinaus willst?

    Hat das was mit einer persönlichen Faszination für den Mega-Deal von Summly / D’Aloisio und Yahoo zu tun?

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