Scheitern:
Ein wichtiger Beitrag für alle Gründer

Nach fast drei Jahren und diversen Transformationen streicht das österreichische Startup Wappwolf die Segel. In einem ausführlichen Blogbeitrag blickt Gründer Michael Eisler auf die ereignisreiche, von einigen Höhen und vielen Tiefen geprägte Zeit zurück. Alle Web-Entrepreneure sollten ihn gelesen haben.

WappwolfWenn Gründer den Stecker ihrer Startups ziehen, geschieht dies mal mit längeren Abschiedsworten, mal mit einigen spärlichen Sätzen und mal kommentarlos. Einige wenige Entrepreneure mit Projekten, die nicht die erforderlichen Ziele erreichten, schildern mitunter ihre Erfahrungen und Erkenntnisse in Beiträgen bei einschlägigen Techblogs. Das aber ist eine Seltenheit. Was wirklich ungewöhnlich ist: Unternehmer, die im eigenen Blog ausführlich Stellung zur Schließung ihres “Babys” nehmen und Erfolge, Fehler sowie die einzelnen Entwicklungsstadien ausführlich Revue passieren lassen. In Erinnerung ist einigen vielleicht noch der gelungene Text von 6Wunderkinder-Macher Christian Reber zum vorzeitigen Ende von Wunderkit. Michael Eisler, Gründer des österreichischen Startups Wappwolf, setzt nun mit einem äußerst umfangreichen Beitrag noch einen drauf. Ihm gelang es, mich beim Lesen 15 Minuten lang regelrecht zu fesseln.

Der Anlass für Eislers Blogbeitrag ist aus Sicht des Wieners weniger erfreulich: Das von ihm und einigen Mitstreitern vor gut drei Jahren gegründete Unternehmen, das eine Reihe von “Pivots” hinter sich brachte, ohne aber vom grundsätzlichen Konzept der Automatisierung von Workflows in der Cloud abzurücken, streicht aufgrund ausbleibenden Erfolgs die Segel. Noch sind zwar sowohl wappwolf.com als auch das im Dezember 2012 als letzte Hoffnung lancierte separate Angebot iBeam.it online, aber das Schlussresümee von Eisner ist klar: “Ich habe mit Co-Founder Harald Weiss gemeinsam in den letzten Wochen herausgearbeitet, dass wir am Ende einer spannenden, anstregenden, lehrreichen, teuren Reise angekommen sind. Wir versuchen ein totes Pferd zu reiten und wir beide sind die Gebrüder Frankenstein, die das Pferd zum Zombie gemacht haben.”

Was Eislers langen Text so faszinierend und lehrreich macht, ist der offene, kritische und teils selbstironische Blick, mit dem er das eigene Treiben der vergangenen drei Jahre aus heutiger Sicht analysiert. Einige Highlights:

Über Sinn und Zweck der ersten Version von Wappwolf:

“Warum wir eigentlich gleich was bauen wollten bevor wir alle anderen Hausaufgaben gemacht haben? Wie zum Beispiel den Markt zu analysieren oder zu schauen, ob das was wir machen auch ein Problem löst, das auch gelöst werden will. Leider nein, ein großer Fehler damals bereits. Wir bauen mal die Technologie und das Produkt und erklären den Kunden dann schon, dass das the next big thing ist, dass sie unbedingt brauchen. Wir waren zu dieser Zeit nicht mal in der Lage 2 von 10 Leuten zu erklären, was wir eigentlich wirklich machen. Wie konnte ich das nur zulassen?”

Über die Teilnahme an der DEMO-Konferenz im Silicon Valley:

“Harald, Chris und ich flogen also nach San Francisco etwa 3 Tage vor dem pitch und in Österreich haben Manuel Berger und fleissige Mithelfer, die ich hier nicht namhaft machen kann, sich die Nächte um die Ohren geschlagen, um ein Produkt zu bauen, das man irgendwie herzeigen kann. Mit einem unternehmerischen Vorhaben hatte das wirklich wenig zu tun. [...] Der Auftritt damals war Nervenkitzel pur und wahrscheinlich die am besten vorbereitete Präsentation, die ich bisher in meinem Leben gemacht habe. Natürlich kann ich heute auch nur mehr lachen, was wir da aufgeführt haben und in Wahrheit haben wir hergezeigt, wie man ein Foto auf Facebook lädt – unglaubliche Alien Technologie also.”

Doch guter Auftritt hin oder her – der Ansturm blieb aus:

“Wir hofften auf Investorenandrang und Medienwirbel, aber mehr als 250 user haben sich nicht auf unser Produkt verirrt, was eine große Ernüchterung hätte sein müssen, aber wir waren so im Rausch der Gefühle – oder ich – dass uns das nichts ausmachen konnte.”

“Was wir lange nicht kapiert haben war, dass uns jemand fehlt, der echt was von Produktentwicklung versteht.”

“Wir haben sogar für Nokia eine App gebaut, obwohl wir wissen konnten, dass das völliger Schwachsinn ist.”

“Nicht mal die Gründer oder die Leute aus dem Team, die Familien, Freunde oder die eigenen Kinder haben Wappwolf verwendet – also nicht freiwillig jedenfalls. Auch für mich beachtlich was man mit Geld alles erreichen kann und wie einem die Leute folgen, wenn man die Überzeugung ausstrahlt richtig zu liegen. Geschichtlich spannend, aber anderes Thema.”

Über den unerwarteten Erfolg des Nebenprojekts “Dropbox Automator”:

“Zu Hause in Eidenberg am selben Abend, 21 Uhr oder so, mittlerweile schon zwei Kinder statt eines zum Schlafen gebracht (mit Hilfe von Susi sicher) – beginnt mein iPhone wie wild zu blinken und Alerts auszuspucken. Ein völlig aus dem Häuschen befindlicher Manuel schreibt mir, dass sich in den letzten zwei Stunden plötzlich 800 user – in Worten achthundert – angemeldet haben. Der erste Lifehacker Artikel http://ht.ly/jdYJT ist erschienen und plötzlich lief die Bude heiss. [...] Wir hatten auf Lifehacker einen Artikel mit 180.000 views. Die Insider unter Euch wissen, dass das fast Highscore ist. Egal, dieser Artikel liefert nach 1 Jahr immer noch traffic auf die Seite und für uns waren 5 Lifehacker Artikel mehr wert als 100 der anderen Erwähnungen, insbesondere Techcrunch.”

“Medienrummel hatten wir immer wieder mal, aber schon lächerlich im Vergleich zum ersten Start. Natürlich waren wir verwöhnt und wir wussten, dass wir unser month-2-month growth so steigern müssten, dass wir den Investoren auffallen. Irgendwie meldeten sich keine bei uns. Da habe ich keinen Vergleich, aber mir scheint wir waren die einzigen auf der Welt, die super Presse hatten extrem intensiv, aber dennoch keine Investorenanrufe bekamen.”

Zum Start von iBeam.it, nachdem die Weiterentwicklung von Wappwolf/Automator auf Eis gelegt wurde:

“Wenn wir mit Wappwolf zu Beginn unserer Zeit nur 2 von 10 Leuten überhaupt von der Idee überzeugen konnten, gelang es plötzlich 8 von 10 Leuten zu erklären, was wir vorhaben und zur großen Begeisterung waren bei den 8 Leuten auch sicherlich gleich mal 7 dabei, die auch einen pain spürten, wo iBeam.it die Lösung sein könnte.”

Doch signifikantes Nutzerwachtum blieb aus:

“In den vergangenen Wochen habe ich durch viele Gespräche und Termine mit tollen und erfolgreichen Menschen sowie mit Investoren feststellen müssen, dass wir in einem schwierigen Umfeld sind und die nötige Traction blieb leider auch aus. Ok, 4000 user ist nicht ganz schlecht, aber es wächst nicht und ist nicht viral. Und fundable ist es nicht, weil so viele Dinge einfach nicht passen, die wir vor 2 oder 3 Jahren hätten verstehen lernen müssen.”

Im Laufe des Beitrags, den Eisler dem Anschein nach relativ spontan verfasst hat, erwähnt er auch die ein oder andere Unstimmigkeit mit ehemaligen Teammitgliedern und Unterstützern. Dies bestätigt das Bild, welches einige anonyme Mails an uns vermitteln, in denen Eislers Entscheidungen und Rolle kritisiert wird. Angesichts der holprigen Entwicklung des Dienstes ist das Aufkommen von Animositäten nicht wirklich eine Überraschung.

700.000 Dollar Seedkapital hat Wappwolf aufgenommen, 400.000 Dollar davon steuerte Eisler laut eigenem Bekunden bei.

Ich bin der Meinung, jedes Startup sollte den kompletten Text des österreicher Unternehmers lesen. Den Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen und nicht zu erkennen, dass ein Projekt eigentlich schon längst gegen den Baum gefahren wurde, gehört zu den immer wieder von Entrepreneuren geschilderten Problemen. Der Beitrag könnte manch einem Gründer dabei helfen, die eigene Situation besser einzuschätzen.

Wenn mehr Gründer einen derartig tiefen Blick auf ihre gescheiterten Vorhaben zuließen, dann wäre die Startup-Szene wahrscheinlich ein besserer, weil stärker vom Austausch von Best Practices und Know-how profitierender Ort. /mw

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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Ein Kommentar

  1. Ich habe überraschend festgestellt, daß knapp drei Monate nach dem Wappwolf “aufgegeben” hat, sowohl der Dropbox Automator als auch ibeam.it weiter online sind und supported werden. Laut Mitgründer H. Weiss wird das auch so bleiben, solange sich dies selbst trägt – die Anzahl der Subscriber steige noch.
    Den Massenmarkt hat Wappwolf nicht erreicht und die Investoren/Gründer werden ihr Geld wohl nicht wiedersehen, aber vielleicht ist hier doch noch zumindest ein Nischenprodukt gelungen…

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  2. [...] bin ich im netzwertig-Blog auf einen sehr ausführlichen Erfahrungsbericht von Michael Eisler, Co-Founder & CEO of [...]

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  4. [...] Netzwertig hat einen schönen Beitrag über das Scheitern von Gründern. Lesens- und beachtenswert! [...]

 
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