Selbstdarstellung vs Wissensaustausch:
Die zwei Seiten des Teilens im Netz

Das Netz erlaubt Menschen, rund um die Uhr externe Bestätigung für ihre Leistungen und Aktivitäten zu bekommen. Gleichzeitig ist damit ein wichtiger Erfahrungs- und Wissensaustausch verbunden. Es gilt, die richtige Balance zu finden.

BergLetztens stolperte ich über ein in seiner Tiefe faszinierendes Zitat: “Climb A Mountain, Tell No One”. Seitdem kreisen meine Gedanken um die Frage, welche Bedeutung diese Aussage im vom permanenten öffentlichen Zurschautragen der eigenen Leistungen geprägten digitalen Zeitalter hat und inwieweit sie dabei helfen könnte, das richtige Maß des Teilens eigener Erlebnisse mit Freunden, Kontakten und Followern im Netz zu finden.

Schon immer suchten wir Menschen Bestätigung für unsere Taten, Kreationen und Ziele. Durch das Internet und insbesondere Social Media stehen uns heute bisher nicht gekannte Werkzeuge zur Verfügung, um diesem Drang ununterbrochen freien Lauf zu lassen. Likes, Kommentare, Shares und Retweets versichern uns “on Demand”, dass andere uns in unserem Treiben unterstützen, uns Respekt zollen – und uns teilweise auch beneiden. Selbst wenn wir uns darüber nicht immer bewusst sind.

Der Anfangs zitierte Spruch spielt deshalb eine ganz entscheidende Rolle. Denn er bietet eine Art Realitätscheck für die Motive, die uns bei unseren täglichen Aktivitäten und gelegentlichen Abenteuern antreiben. Sind es intrinsische Motive wie eigenes Interesse oder der Spaß an der Sache, die uns antreiben, oder extrinsische wie Anerkennung? Zudem hilft das Zitat auf simple Weise, die eigene Selbstdarstellung in sozialen Netzen zu hinterfragen. Die meisten von uns würden schlicht lügen, wenn sie behaupten, einen einigermaßen als anspruchsvoll geltenden Berg besteigen zu können, ohne anschließend einen Tweet, ein Facebook-Update oder ein Instagram-Foto von der Spitze zu verschicken oder wenigstens bei foursquare einzuchecken. Der Berg stellt hierbei lediglich eine Metapher für sämtliche Erlebnisse und Aktivitäten dar, auf die wir stolz sind. Aufgrund der menschlichen Veranlagung, nach Anerkennung zu streben, ist es freilich nicht verwerflich, für persönliche Leistungen ein paar Likes einheimsen zu wollen. Geraten wir jedoch an den Punkt, wo es uns nicht mehr möglich ist, einen persönlichen Meilenstein zumindest im öffentlichen oder semi-öffentlichen Netz für uns zu behalten und nur unseren Freunden in privaten Gesprächen davon zu berichten, dann gibt das schon zu denken.

Die weisen Worte vom Artikelbeginn zu genau zu nehmen und für jeden Aspekt des Lebens anzuwenden, erscheint auf der anderen Seite auch nicht zielführend. “Sharing is Caring”, so lautet ein geflügelter Spruch, den sich einschlägige Social-Web-Angebote gerne auf die Fahnen schreiben. Sie leben davon, dass Nutzer möglichst alles mit anderen Menschen teilen – Wissen, Erlebnisse, Fragen und Erfahrungen. Und in der Tat gehört der fast grenzenlose Austausch von Menschen untereinander zu den ganz besonderen Vorzügen des digitalen Zeitalters. Anstatt dass Individuen mit ihrem Know-how geizen und es ausschließlich beim Vorhandensein von Gegenleistungen anbieten, teilen Millionen Menschen Wissen im Netz. Das können Blogbeiträge und Wikipedia-Einträge ebenso sein wie kurze Tweets, längere Facebook-Posts oder beantwortete Fragen bei Quora. Als Post-Privacy-Advokat Jeff Jarvis über seinen Prostatakrebs bloggte, brach er damit ein unter Männern verbreitetes Tabu – half aber nicht nur sich selbst sondern auch anderen Betroffenen.

Um voneinander lernen und gemeinsam ein besseres Leben führen zu können, müssen wir Erfahrungen austauschen. Selbst eine rein extrinsisch motivierte Aktivität, über die ein Nutzer bei Twitter berichtet, kann für andere Personen interessante Informationen erhalten. Ich bezweifle jedoch, dass wir auf Dauer glücklich damit werden, wenn alle ihre Unternehmungen und Visionen nur noch daran ausrichten, ob sie im Web dafür andere in Staunen versetzen können und bestätigt werden. Ich behaupte nicht, dass wir jemals an einen solchen Punkt gelangen, aber gewisse Tendenzen lassen sich nicht von der Hand weisen. Aus diesem Grund halte ich das Motto “Climb A Mountain, Tell No One” für einen idealen Indikator, um das eigene Handeln in einer narzisstischen Welt besser zu verstehen und um zu erkennen, wann eine Modifikation des Kurses erforderlich wird. Spätestens dann, wenn man ein geplantes Unterfangen abblasen würde, sofern man es nicht im Social Web kommunizieren könnte.

Wann habt ihr zuletzt einen Berg bestiegen, ohne anderen online davon zu berichten? /mw

(Foto: stock.xchng/peaces)

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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4 Kommentare

  1. Hi,

    interessanter Beitrag, aber einen Punkt hast du vergessen. Ab einem bestimmten Punkt braucht man keine externe Bestätigung. Gerade in sich selbst ruhende Menschen, die ihre Mitte gefunden haben, sind nicht unbedingt auf die Außenwirkung bedacht.
    Zudem ist die Bestätigung über soziale Netzwerke meist eh sehr fragwürdig und die Meinung eines Freundes im persönlichen Gespräch ist sicherlich höher zu bewerten.

    Beste Grüße

  2. Schöner Beitrag, ein sehr komplexes Thema schön auf den Punkt gebracht.

    Die Frage, mit welchen Motiven wir Informationen im Internet einstellen und von uns Preis geben, ist immer wieder spannend und hat sicherlich viele verschiedene Seiten (ist hier auch immer wieder ein beliebtes Thema für Studien im Rahmen von Bachelorarbeiten). Sicherlich spielt die (soziale) Anerkennung immer irgendwo eine Rolle aber für manche Menschen ist vielleicht die Tätigkeit an sich schon “Befriedigung” genug. Ohne diese würde niemand von dem Wissensschatz, den uns das Internet bietet, profitieren.

    Was mir dazu grad einfällt: Eine Studie der NY Times Identifiziert verschiedene Motive des Teilens im Internet: http://nytmarketing.whsites.net/mediakit/pos/

  3. Ich würd mal sagen, mediale Selbstdarstellung ist eine Art Muttermilch für Leute in den Medien und speziell im Internet. Vor allem für Leute, die “irgendwas mit Internet” machen, aber auch für viele andere vernetzte Leute. Sicher eine der besonderen Neuheiten des Internets und Web 2.0. Wer sich im Internet vernetzen will, muß irgendwas von sich zeigen.
    Richtige Balance? Das ist wohl das, was man selbst und in der Folge auch für Andere interessant und irgendwie wertvoll findet. Ich würde jedenfalls zwischen eigenem Erleben und dessen Darstellung keinen Gegensatz sehen, beides gut nebeneinander möglich. Beides bedingt einander ja – wenn man darstellt, was man selbst erlebt.

  4. Es gibt sie in der Tat, diese Menschen, die Berge besteigen, ohne davon jemandem zu berichten. Frei nach dem Motto: “Wer etwas wissen will, wird mich fragen.” Ich ertappe mich oft genug, wie ich mich frage, ob es ihnen überhaupt Spaß gemacht hat, wenn sie niemandem davon erzählen wollen. :)

7 Pingbacks

  1. [...] was an unserem Leben grad toll läuft (Übrigens, einige schöne Gedanken dazu gab es heute auf netzwertig). Sehen wir uns also die schönen Erlebnisse anderer an, kann das zu sozialem Vergleich führen und [...]

  2. [...] Selbstdarstellung vs. Wissensaustausch: Die zwei Seiten des Teilens im Netz [...]

  3. [...] Selbstdarstellung vs Wissensaustausch: Die zwei Seiten des Teilens im Netz | netzwertig.com I Intern… – [...]

  4. [...] Teilens. Hingegen volle Unterstützung fand Martin Weigert aka. Netzwertig bei seinem Artikel über Die zwei Seiten des Teilens im Netz. Auch volle Begeisterung beim Thema Internet: Ein Phänomen namens Häkelschwein. Leider sind die [...]

  5. [...] Selbstdarstellung vs Wissensaustausch: Die zwei Seiten des Teilens im Netz: Das Netz erlaubt Menschen, rund um die Uhr externe Bestätigung für ihre Leistungen und Aktivitäten zu bekommen. Gleichzeitig ist damit ein wichtiger Erfahrungs- und Wissensaustausch verbunden. Es gilt, die richtige Balance zu finden. – http://netzwertig.com/201…seiten-des-teilens-i… [...]

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