foursquare:
Im Niemandsland zwischen Geek-App und Dienst für die Masse

Der Locationdienst foursquare befindet sich irgendwo im Niemandsland zwischen Geek-App und Massenphänomen, während jüngere mobile Apps schnell den Mainstream erobern. Das ist schade, denn nützlich ist der Service.

Kein anderer renommierter Dienst der späteren Web-2.0-Ära macht eine derartig eigenartige Entwicklung durch wie der New Yorker Locationservice foursquare. Anders als andere bekannte Internetunternehmen, die ungefähr zeitgleich an den Start gingen, befindet sich das Anfang 2009 lancierte Unternehmen seit längerem schon im Niemandsland zwischen Early-Adopter-Phänomen, also Nische, und dem Mainstream – da wo Twitter, Tumblr, Instagram, WhatsApp oder Dropbox angekommen sind. Diese Situation ist äußerst selten, verläuft der Produktlebenszyklus der meisten an Endnutzer gerichteten Webdienste und Apps doch in der Regel so, dass sie entweder trotz aller Bemühungen gar nicht erst aus der Geek-Sphäre herauskommen, oder aber diese Grenze mit schnellen Schritten Richtung Durchschnittsnutzer durchbrechen und dann exponentiell wachsen.

Mit laut eigenen Angaben “über 30 Millionen registrierten Mitgliedern” ist foursquare keineswegs mehr ein kleiner Fisch. Dennoch gelingt es dem Service, der mit regelmäßigen Produktanpassungen und Funktionserweiterungen sichtlich für Anerkennung und Nutzerinteresse kämpft, auch vier Jahre nach dem Debüt in US-Städten nicht, so richtig aus dem Knick zu kommen. Schon sieben Monate nach der Lancierung wuchs Instagram so schnell wie foursquare erst nach über zwei Jahren. Heute ist der jetzt zu Facebook gehörende Fotodienst mit über 100 Millionen aktiven Mitgliedern mehr als dreimal so groß wie der Locationservice.

Die Gründe für den zögerlichen Fortschritt sind vielseitig. Zahlreiche Konkurrenten im Discovery- und Social-Bereich dürften ebenso dazugehören wie ein noch immer nicht hundertprozentig klares Alleinstellungsmerkmal. Immer wenn ich Leuten foursquare zu erklären versuche, merke ich, wie ich bei der Beschreibung zwischen “Check-Ins”, “sehen wo Freunde sind”, “Empfehlungen für gute Locations beziehen” und “persönliches Archiv besuchter Orte” hin- und herwechsle (den Punkt gelegentlicher Freebies spare ich mir meist in der Aufzählung). Klar, dass weniger geduldige und experimentierfreudige Menschen da schnell abwinken. Die meisten Konsumenten wollen ein (!) klares Argument, warum ein spezielles Angebot ihre Zeit und Aufmerksamkeit wert ist.

Die Vielseitigkeit von foursquare mag den Dienst vom Big Apple an der Akquisition von eher “alltäglichen” Usern hindern, für mich als treuen Nutzer allerdings ist es ein Vorteil. Denn anstatt dass ich den Service nur zur Zufriedenstellung eines Bedürfnisses einsetzen kann, bereichert er meinen mobilen Alltag gleich in mehrfacher Hinsicht. Besonders stark merke ich das gerade während meines Aufenthalts in Tokio. Durch Check-Ins an und in den den von mir besuchten Plätzen, gastronomischen Einrichtungen und Geschäften lege ich eine Art “Tagebuch” meines Aufenthalts an. Gleichzeitig sortiere ich Locations in verschiedene Listen ein, um sie später leichter wiederzufinden – was sich schon deshalb anbietet, da ich etwa bestimmte Bars aufgrund der japanischen Namen im Nachhinein nicht einfach per Namenseingabe in foursquares Suche wiederfinden kann (der Check-In ist aufgrund der Sprachbarriere häufig auch kompliziert, aber meist klappt es dann doch). Zusätzlich verwende ich häufig die Explore-Funktionalität von foursquare, um mir angesagte und populäre Locations in der Umgebung anzeigen lassen. Habe ich etwa genug von Ramen und Sushi, finde ich so schnell ein trendiges Hamburgerrestaurant. Praktisch ist auch, den ein oder anderen Check-In bei Facebook zu publizieren, wenn ich aus irgendwelchen Gründen möchte, dass meine Freunde dort davon erfahren. Lediglich die soziale Komponente von foursquare bringt mir in Tokio wenig, weil ich unter meinen Kontakten quasi niemanden habe, der sich ebenfalls hier aufhält oder in der Vergangenheit hier war. Besucht von ihnen aber künftig jemand die Stadt, dann stoßen sie vielleicht auf meine Tipps und Kommentare, die ich an verschiedenen Locations hinterlassen habe.

Die einzelnen erwähnten Elemente von foursquare sind jeweils auch bei diversen anderen Apps und Anbietern zu finden. Doch all die beschriebenen Features und Prozesse aus einer Anwendung heraus erledigen zu können, ist nicht nur bequem sondern auch effizient.

Vielleicht wächst foursquare auch deshalb vergleichsweise langsam, weil sich sein voller Nutzen erst nach und nach und mit relativ geringem Tempo entfaltet. Wer nicht gerade tausende Kontakte hat, der wird immer wieder in Gegenden kommen, in denen zumindest aus dem eigenen “Social Graph” keine Empfehlungen existieren. Allerdings zeigt meine Erfahrung: Es geht auch sehr gut ohne. foursquare eignet sich prima als Single User Utility, selbst wenn die volle Wirkung erst mit einem hinreichend großen Netzwerk zu spüren ist.

Jüngst erhielt ich zu meiner Überraschung die foursquare-Kontaktanfrage eines ganz und gar nicht sonderlich techaffinen Freundes. Kurz darauf fing er an, sich in Kommentaren darüber zu beschweren, dass er bei jedem Check-In von mir eine Push-Mitteilung auf seinem Smartphone erhält. Die Funktion, mit der sich dies deaktivieren lässt, kannte er nicht. Das Beispiel ist vielleicht symptomatisch für den Konflikt, den foursquare bewältigen muss, will es aus dem Schatten der eingangs erwähnten Smartphone-Trafficmaschinen herauskommen. foursquare muss Early Adopter und Geeks bei Laune halten – ohne die es (noch) nicht geht – aber gleichzeitig Wege finden, um sich auch bei Menschen mit eher durchschnittlichem Onlineverhalten beliebt zu machen. Ich würde mich freuen, wenn dies gelingt. Denn profitieren würde davon die gesamte foursquare-Community. /mw

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

Mehr lesen

Linkwertig: BRAGER, Kultur, Spione, Swarm

10.7.2014, 1 KommentareLinkwertig:
BRAGER, Kultur, Spione, Swarm

Die Deutsche Bibliothek berichtet über die Ergebnisse vom Kultur-Hackathon und mehr.

Massiv finanzierte Internetfirmen: Der Fluch, um jeden Preis wachsen zu müssen

3.7.2014, 3 KommentareMassiv finanzierte Internetfirmen:
Der Fluch, um jeden Preis wachsen zu müssen

Viele einstige Hoffnungsträger der Internetbranche treffen Produktentscheidungen, die nicht im Sinne der Nutzer sind. Oft bleibt ihnen keine andere Wahl: Hohe Bewertungen und Wagniskapital im dreistelligen Millionenbereich verpflichten sie dazu, um jeden Preis zu wachsen.

Aus für Friendticker: Die deutsche Antwort auf Foursquare ist Geschichte

10.6.2014, 2 KommentareAus für Friendticker:
Die deutsche Antwort auf Foursquare ist Geschichte

Foursquare hat es nicht gerade leicht, kämpft aber. Beim einstigen deutschen Rivalen Friendticker sind mittlerweile die Lichter ausgegangen.

Aus für Friendticker: Die deutsche Antwort auf Foursquare ist Geschichte

10.6.2014, 2 KommentareAus für Friendticker:
Die deutsche Antwort auf Foursquare ist Geschichte

Foursquare hat es nicht gerade leicht, kämpft aber. Beim einstigen deutschen Rivalen Friendticker sind mittlerweile die Lichter ausgegangen.

iBeacon und standortbasiertes Marketing: Im stationären Handel weht ein frischer Wind

21.1.2014, 7 KommentareiBeacon und standortbasiertes Marketing:
Im stationären Handel weht ein frischer Wind

Apples Positionierungssystem iBeacon lässt den Durchbruch für standortbasiertes mobiles Marketing in greifbare Nähe rücken. Konsumenten, die lieber "unsichtbar" bleiben wollen, müssen dafür schlicht Bluetooth abschalten.

aka-aki schließt: Viele Jahre seiner Zeit voraus

23.5.2012, 22 Kommentareaka-aki schließt:
Viele Jahre seiner Zeit voraus

Die mobile App des Berliner Startups aka-aki erlaubte es Anwendern seit 2008, mit interessanten Personen in der unmittelbaren Nähe Kontakt aufzunehmen. Jetzt gibt der Dienst seine Schließung bekannt. Er war seiner Zeit voraus.

Reisen ohne Zettel und gedrucktem Reiseführer: 10 Travel-Apps, die man kennen sollte

20.8.2014, 8 KommentareReisen ohne Zettel und gedrucktem Reiseführer:
10 Travel-Apps, die man kennen sollte

Wer sich auf eine Reise begibt, kann heute per Smartphone auf unzählige Informationsquellen und Hilfsmittel zurückgreifen. Hier sind zehn Empfehlungen.

Reiseblogger geht unter die App-Macher: Swapp kombiniert Gesten und E-Mail für minimalistische Notiz-Anwendung

20.8.2014, 1 KommentareReiseblogger geht unter die App-Macher:
Swapp kombiniert Gesten und E-Mail für minimalistische Notiz-Anwendung

Der Reiseblogger Sebastian Canaves war auf der Suche nach einer minimalistischen, schnellen Notiz-App für das iPhone, die direkte E-Mail-Integration bietet. Weil er nicht fündig wurde, ließ er sie einfach selbst entwickeln. Das Resultat heißt Swapp.

Entbündelungs-Strategie: Netzriesen verschärfen die Depression der App-Ökonomie

30.7.2014, 3 KommentareEntbündelungs-Strategie:
Netzriesen verschärfen die Depression der App-Ökonomie

Der Goldrausch in der App-Ökonomie ist vorbei. Mit der von einigen führenden Webfirmen praktizierten Multi-App-Strategie verschlechtern sich die Chancen für Entwickler abermals, dass ihre Apps von Nutzern wahrgenommen und aktiv genutzt werden.

11 Kommentare

  1. finde 4square seit der ersten stunde an cool u bin immer überrascht, wenn es “social media-experten” erklärt werden muss – es ist eine art hybrid aus eleganterem qype und location-instagram. auch gefällt mir, dass es nischenportal bleibt und nicht ambitioniert markttypisch explodiert – vielleicht ist genau das der/die USP..

  2. Hm – ich glaub ja dass sich Foursquare Richtung B2B entwickelt und seine Datenbank anderen Apps zur Verfügung stellt – siehe Instagram und Vine. Location ist nur ein Puzzleteil eines größeren Ganzen, ich glaube nicht, dass das langfristig als Fundament reicht, um einen eigenständigen Dienst zu betreiben.

    • Yo Leute, ich hab´s ja gesagt – jetzt sagt es Dennis Crowley höchstpersönlich

      http://techcrunch.com/201…d-the-marauders-map/

    • Die Datenbank ist sicher gut und sinnvoll. Aber sie allein ist imo kein Next Big Thing. Und bringt foursquare bisher auch kein Geld. Wobei ich in meinem Beitrag ja die Userperspektive betrachtete und weniger die Business-Seite.
      P.S. Crowley hat in den vergangenen Jahren schon viel gesagt. Aber das ist vielleicht auch ein Problem: Immer wieder werden andere Aspekte von foursquare in den Fokus gerückt. Auch das hilft nicht direkt dabei, Nutzern den Kernzweck verständlich zu machen.

  3. Ich möchte doch noch etwas zu dem vernachlässigten Punkt “Freebies” ergänzen: Mich ärgert es schon, dass es hier in München eine Starbucks Filiale gibt, bei der ich 19 Mal eingecheckt habe, ohne dass es jemand registriert.

    Stattdessen bekomme ich zufälligerweise beim 20. Check-in einen halb Meter langen Ausdruck vom Kassierer auf dem eine Codenummer und eine Webseite genannt sind. Dort soll ich mich registrieren, damit ich mein Freigetränk bekomme. Gehts noch komplizierter???

    Der Kassierer “Michael” war regelrecht geschockt, als ich ihm mit Foursquare nachweisen konnte, dass ich schon 20 Mal da war ohne Reaktion. Sprich: ich halte dieses Feature eigentlich für ein optimales Kundenbindungsinstrument unterhalb der Kundenkarte.

    Nur liegt der Bekanntheitsgrad von Foursquare in Deutschland irgendwo knapp über Null. Solange Foursquare dagegen nichts tut, also z.B. Geschäfte aktiviert, wird sich der Nutzen, so wie im Artikel beschrieben, auf den einzelnen User bzw. eine kleine Zahl von Geeks und Nerds beschränken. Die kritische Masse werden sie damit nicht überschreiten, was aus den nunmehr hier vollzählig genannten Gründen bedauerlich ist.

  4. bald ist wieder #4sqday nach dem Event steigen die Nutzerzahlen ;-)

  5. Ich frage mich, wie weit sich dieser Trend fortsetzt. Ich sehe es eher Website App Dienste erscheinen. Auch in den Niederlanden, folgen wir dieser Entwicklung eng. @ Markus Jakobs, was meinst du genau?

    Grüßen Jan Artikel

  6. Ich sehe das ganz ähnlich wie Martin. foursquare ist im Gegensatz zu z.B. Instagram ein sehr komplexer Dienst. Zwar ist die App inzwischen schon beim ersten Öffnen sehr ansprechend und zeigt was die Vorteile sind, der wirkliche Nutzen dahinter offenbart sich aber erst nach einiger Nutzung.
    Jedoch beobachte ich mit Freude, wie in den letzten Monaten die Aktivität von foursquare auch hier in Deutschland zunimmt und glaube dass dies dazu beitragen kann, den Dienst weiter bekannt zu machen. Besonders wenn große und bekannte Marken auf foursquare aktiv werden.

  7. Die App lag eine gefühlte Ewigkeit ungenutzt auf meinem iPhone. Bis ich zu einer Weltreise aufbrach und sie wurde fast wichtiger als MAPS. Wo war ich, was gibt es hier feines, waren nützliche Funktionen. Und die Badges eine lustige Sache, wenn ich am Schluss insgeheim auch auf einen Round the world Badge gehofft habe. Vergeblich.

    Seit meiner Rückkehr? Kein Check-in mehr, nur noch Mails mit Mayors, die ich von wunderschönen Orten verliere. Auch aus Japan. Enjoy your stay!

    • Deshalb hast du so lange nicht mehr kommentiert ;)

      Da scheinen wir also die gleiche Erfahrung gemacht zu haben: Der Nutzwert von foursquare vervielfacht sich bei Reisen stark.

7 Pingbacks

  1. [...] March 8, 2013 1:55 pm ⋅ Leave a Comment ⋅ editor Click here to view original web page at netzwertig.com [...]

  2. [...] foursquare: Im Niemandsland zwischen Geek-App und Dienst für die Masse Kein anderer renommierter Dienst der späteren Web-2.0-Ära macht eine derartig eigenartige Entwicklung durch wie der New Yorker Locationservice foursquare. Anders als andere bekannte… [...]

  3. [...] foursquare aktiv werden, kann dem Dienst helfen auch hierzulande populärer zu werden. In einem lesenswerten Artikel von Martin Weigert auf netzwertig.com wird das Problem, warum foursquare in Deutschland noch nicht [...]

  4. [...] Tran. Die SXSW hat einst die sehr erfolgreiche Zwitscher-App Twitter hervorgebracht, dann noch das semi-erfolgreiche Location-Startup Foursquare und seitdem eigentlich wenige Apps, deren ein Welterfolg beschwert war. Während die einen noch [...]

  5. [...] Martin Weigert setzt sich kritisch mit Foursquare auseinander: foursquare: Im Niemandsland zwischen Geek-App und Dienst für die Masse [...]

  6. [...] Foursquare: wo entwickelt sich dieser Location Based Service hin? Ein paar Gedanken hierzu bei netzwertig.com. [...]

vgwort