Mobile Social Networks:
Konkurrenzkampf mit bunten Bildchen

Der lukrative Zukunftsmarkt mobiler sozialer Netzwerke ist stark fragmentiert. Anders als einstmals im stationären Web deutet sich keine klare Dominanz eines konzeptionell überlegenen Anbieters an. Neue Funktionen wie etwa Emoji-”Bildbuchstaben” werden schnell kopiert.

Im mobilen Web findet gerade ein Verteilungskampf des attraktiven Messenger-Kuchens statt. Während im stationären Web die Fronten einigermaßen geklärt sind, mit Facebook als primäre und den Großteil der Nutzer auf sich vereinender Anbieter, stellt sich die Lage im Zukunftssegment Mobile anders dar: Ein klarer Sieger ist bisher nicht zu erkennen, stattdessen dominieren in den verschiedenen Regionen dieser Welt unterschiedliche Dienste: In Europa und Südamerika gibt WhatsApp den Ton an, in China ist es WeChat, in Südkorea KakaoTalk und in Japan sowie einigen anderen Ländern Asiens Line. Hinzukommen rund um den Globus mit ebenfalls signifikanten Marktanteilen ausgestattete Services wie Viber und natürlich Facebook Messenger sowie unzählige weniger bedeutende Akteure . Mit seiner in der Nacht veröffentlichten Version 3.0 gesellt sich nun auch das kalifornische Smartphone-Social-Network Path zu dieser illustren Runde – es kann ab sofort ebenfalls private Nachrichten verschicken.

Die Konstellation ist insofern spannend, als dass bisher sehr schwer vorherzusagen ist, welcher der Anbieter am Ende von der “Winner takes it all”-Dynamik sozialer Netzwerke profitieren wird. Momentan sieht die Messenger-Landkarte in etwa so aus wie die Desktop-basierter sozialer Netzwerke vor dem Aufstieg von Facebook – mit regionenspezifischen Marktführern anstelle eines globalen, alle Nutzer ungeachtet Herkunft auf sich versammelnden Networks. Der Unterschied zu damals ist jedoch, dass nicht ein Anbieter konzeptionell allen anderen haushoch überlegen ist (Facebook). Stattdessen handelt es sich um ein Segment bestehend aus Me-Too-Produkten, in dem sich nach und nach der Funktionsumfang aller ernstzunehmenden Apps einander angleicht, und in dem Facebook tendenziell eher zu den Nachahmer denn zu den Innovatoren gehört.

So kann Facebook Messenger in Nordamerika seit kurzem auch VoIP – was etwa Line und Viber schon lange ihren Usern anbieten. Zumindest in der neuesten Version der Messenger-iOS-App ist außerdem die Option integriert, Titel für Konversationen festzulegen. Für WhatsApp-User ein alter Hut. Worauf die Anwender dieses speziell in Deutschland ungemein populären Services bisher dagegen verzichten müssen, sind japanische “Bildbuchstaben”, Emoji genannt. Dass sich nicht nur Nutzer in Fernost davon begeistern lassen, anstelle von Buchstaben auch kleine bunte Emoticons in ihren Chats zu verwenden, zeigt die schnelle Adaption von Emoji-Features bei der Konkurrenz: Im November lancierte Facebook eine begrenzte Auswahl an eher simplen Emoticons für seine Nachrichtenfunktion. Path dagegen lässt sich mit seiner jüngsten Version und dem neuen Messaging-Feature eindeutig von dem japanischen Wettbewerber inspirieren: Nicht nur können Messages mit bunten Bildchen angereichert werden, sie lassen sich auch in unterschiedlichen Stiltypen nachträglich heruntergeladen – teilweise gegen Bezahlung.

Es wäre eine Überraschung, wenn nicht auch WhatsApp zeitnah den Versand von Emoji aktiviert – selbst wenn die kostenpflichtige App eine derartige Einnahmequelle weniger nötig hat als das bisher umsatzlose Path mit seinen sechs Millionen, vor allem in Tech-Kreisen angesiedelten Mitgliedern. Dass sich mit Bildbuchstaben Geld verdienen lässt, zeigt Line, das durch entsprechende In-App-Verkäufe fast vier Millionen Dollar monatlich umsetzt. Emoji gelten als einer der Gründe, wieso Line innerhalb von anderthalb Jahren von null auf 100 Millionen User wachsen konnte. Man glaubt es kaum, aber ich kenne einige erwachsene Europäer, die tatsächlich das große Spektrum an Bildbuchstaben als entscheidenden Vorteil von Line anpreisen.

Man mag unterschiedlicher Ansicht darüber sein, inwieweit ein ausgeprägtes Angebot an bunten Bildchen am Ende über Sieg oder Niederlage im Messaging-Markt entscheiden wird. Tatsache ist: Mit der Dynamik, mit der Facebook einstmals die Welt eroberte, kann heute keiner der mobilen Pendants punkten. Regionale Lock-In- und Netzwerkeffekte sind zu stark, die Funktionalität ist zu identisch und die Nachahmung der Erfolgsfeatures zu simpel, um Nutzer in großen Scharen zum Wechsel von einer App zur anderen zu bewegen. Akquisitionen wären ein offensichtlicher Weg der Konsolidierung des Marktes, eine wirklich schwer zu imitierende und User in Euphorie versetzende Innovation eine andere. Welche dies sein könnte? Emoji sicherlich nicht. /mw

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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Ein Kommentar

  1. Aufgrund der Netzwerkeffekte und Möglichkeiten Wettbewerber schnell zu kopieren, sehe ich auch nicht, warum sich ein Anbieter durchsetzen sollte. Doch eigentlich ist der mobile Messaging Markt noch jung, und es wäre ein Überraschung, wenn es keine Innovationen mehr gibt, die die Marktanteile signifikant in Bewegung bringen. Vielleicht gibt es neue User Interfaces, die für manche Zielgruppen und Use Cases besser passen (Snapchat wäre hier ein Beispiel)? Vielleicht fokussieren sich manche Anbieter auf bestimmte Segmente (z.B. Enterprise) und setzen sich dort durch?

vgwort