Microblogging:
Wie Twitter Intensivnutzer in die Arme von App.net treibt

Twitters Ambitionen als werbefinanzierter Mediengigant bringt Intensivnutzern Nachteile und treibt sie in die Arme von App.net.

Wieso sollte man neben oder anststelle von Twitter App.net nutzen? Diese Frage war in den letzten Tagen im Social Web häufiger zu vernehmen, nachdem der junge kalifornische Microblogging- und Cloudservice die Tore für Gratisnutzer geöffnet hatte. Sie ist verständlich, immerhin bietet der Neuling vom Grundkonzept her für Endanwender vergleichbare Funktionen wie Twitter, kann jedoch nicht annähernd eine ähnlich große Zahl aktiver Anwender vorweisen, geschweige denn namhafte Berühmtheiten, die sich unterdessen bei Twitter die Klinke in die Hand geben und eine wichtige Rolle bei der Akquisition von Nutzern spielen.

Als jemand, der vor ungefähr fünf Jahren seine ersten Gehversuche mit Twitter gemacht hat und App.net seit dem Launch 2012 beobachtet, sehe ich zwei mögliche Antworten auf die Frage nach dem Sinn von App.net. Die erste ist gewissermaßen ideologischer Natur: Rein werbefinanzierte Social-Web-Dienste führen ultimativ zu Nachteilen für Mitglieder.

Twitter hat mit seinem umstrittenen Wandel von einer offenen, entwicklerfreundlichen Microblogging-Plattform zu einem immer mehr einem Walled Garden gleichenden Medienangebot gezeigt, dass es entschlossen ist, die Monetarisierung mit dem traditionellen, schon von Facebook angewandten Modell der Werbevermarktung voranzutreiben. Ähnlich wie beim privaten Rundfunk bedeutet dies, das Angebot so zu gestalten, dass es möglichst attraktiv für Werbekunden ist. Die Folge: Nicht die Wünsche der Nutzer haben höchste Priorität, sondern die der Anzeigenkäufer. Was der Mehrzahl der Twitter-User, die den Dienst gelegentlich verwenden, um sich über Justin Bieber auf dem Laufenden zu halten, egal ist, wird für Intensivnutzer, so genannte “Power User”, zum Problem: Für sie hat das Informieren und Publizieren über den Microbloggingservice einen nicht unerheblichen Einfluss auf ihren beruflichen, geschäftlichen oder kreativen Erfolg. Sie müssen sich darauf verlassen können, dass ihnen in ihrem Treiben nicht unerwartet Hindernisse in den Weg gestellt werden. Sie brauchen einen zuverlässigen, einigermaßen unabhängigen “Partner”, der nicht jede konzeptionelle und funktionelle Entscheidung direkt oder indirekt der Werbewirkung unterordnet. Twitter genügt diesen Ansprüchen aufgrund der selbst gewählten Strategie leider nicht mehr.

Es geht hier nicht um gut oder böse sondern darum, dass sich jeder allein werbefinanzierte Social-Web-Service in einem Spannungsfeld zwischen Anwenderinteressen und den Wünschen der Werbekunden befindet, und dass die Geschichte des Web 2.0 unzählige Male bewiesen hat, dass in kritischen Situationen stets letztere Gruppe stärkeren Einfluss auf Entscheidungen hatte – notgedrungen, immerhin steht für den jeweiligen Onlinedienst die Existenz auf dem Spiel, wenn auf Dauer nicht genug Umsätze generiert werden. Twitter hätte einen anderen Weg einschlagen können, tat dies jedoch nicht. Dies schuf Raum für eine Alternative, die auf Werbung verzichtet, Umsätze durch Mitgliederbeiträge generiert und sich somit das beschriebene Spannungsfeld erspart.

Meine zweite Antwort auf das “Warum App.net” ist persönlicher Natur: Als Konsequenz von Twitters Strategieschwenk erlebe ich momentan in vier verschiedenen Aspekten Einschränkungen meiner Arbeitsweise. Es handelt sich jeweils nur um minimale Punkte, aber sie summieren sich und führen zu einer sich anstauenden Irritation über das Verhalten von Twitter, die automatisch meine Sympathie für App.net erhöht. Denn niemand begeistert sich dafür, bei einem Produktivitätstool – das Twitter für mich partiell darstellt – regelmäßig zu veränderten Prozessen gezwungen zu werden.

1. Deaktivierter IFTTT-Support
In der Vergangenheit konnte ich von Twitter-Nutzern empfohlene Artikel-Links aus jeder beliebigen Twitter-App dank IFTTT direkt zum späteren Lesen zu Instapaper schicken. Ich veranlasste das Web-Automatisierungswerkzeug, einen Link aus einem Tweet bei Instapaper zu speichern, sobald ich einen Tweet favorisierte. Doch leider musste IFTTT diese und sämtliche anderen Twitter-”Trigger” deaktivieren, weil sie nicht Twitters API-Richtlinien entsprechen (für App.net funktioniert dieses Verfahren via IFTTT). Das Unternehmen möchte nicht, dass innerhalb des Dienstes empfohlene Artikel “unkontrolliert” über einen anderen Service gelesen werden, also den Walled Garden verlassen, weshalb Twitters native iPhone-App etwa keine direkte Option enthält, URLs bei Instapaper abzulegen. Nachtrag: Der Export zu Instapaper aus Twitters offizieller App funktioniert doch, muss zuvor in den Einstellungen aktiviert werden. Gelegenheitsuser mag das nicht stören, für mich ist es eine unnötige Begrenzung.

2. TweetDecks iOS- und Android-App wird eingestellt
Vielleicht bin ich der einzige verbliebene TweetDeck-iPhone-Nutzer auf diesem Planeten, aber noch immer bevorzuge ich den von Twitter für 50 Millionen Dollar übernommenen Client vor Twitters offizieller Anwendung, primär aufgrund der netten, zoombaren Spaltenfunktion. Leider wird Twitter Ende Mai für die iOS- und Android-Version den Stecker ziehen. Ich werde es überleben, schade ist es dennoch.

3. TweetDecks AIR-Client wird eingestellt
Ende 2011 musterte Twitter den auf Adobe AIR basierenden Desktop-Client zugunsten einer nativen App aus. Ich erinnere mich nicht mehr, was mir an der neuen, funktionsärmeren nativen Anwendung missfiel, aber nachdem ich diese ebenso wie die TweetDeck-Chrome-Erweiterung ausprobiert hatte, entschloss ich mich, zum AIR-Client zurückzukehren. Dieser wird zwar seitdem nicht mehr offiziell angeboten, funktioniert aber bisher noch. Laut TweetDecks gestriger Ankündigung soll damit demnächst Schluss sein. Für mich heißt das, unfreiwillig umsatteln zu müssen. Sicher ist das kein Weltuntergang und ich werde mich irgendwie mit dem nun verbleibenden Desktop-Client arrangieren. Doch mein Glaube in den Willen von Twitter, diesen noch lange Zeit unterstützen zu wollen, ist nicht groß. Der Blogpost betont ganz klar, dass der Fokus künftig auf der Browser-App liegt. Diese ist nicht schlecht, aber keine perfekte Lösung.

4. Rivva und Twitter
Es ist eigentlich weniger mein Problem als das von Rivva-Macher Frank Westphal, aber unansehnlich ist es auch für mich und alle anderen regelmäßigen Besucher des Aggregators: Die neuen API-Richtlinien des Microblogginganbieters zwingen Rivva dazu, auf einen Artikel verweisende Tweets nicht mehr in einem maßgeschneiderten, formschönen Design darzustellen, sondern mittels eingebetteter Tweets im von Twitter vorgegebenen Layout. “Die visuelle Hierarchie ist dadurch völlig dahin – das Gewicht und Spiel der Informationen stimmt vorne und hinten nicht mehr”, so Westphal in eine Blogbeitrag. Als Betrachter erschwert die neue Lösung den schnellen Überblick über die Popularität von Artikeln in der Twittersphäre.

Nochmal: Es handelt sich nicht um dramatische Einschnitte in meinen Onlinealltag. Es ist die Frequenz von unwillkommenen Neuerungen, die alle eine Konsequenz von Twitters Ambitionen als im Werbegeld schwimmender Mediengigant darstellen, die meine Loyalität zu dem Service sukzessive verblassen lässt. Für mich ist Twitter ein wichtiges Arbeitswerkzeug, weshalb ich sensibel auf den fortschreitenden Rückbau von als nützlich empfundenen Features reagiere. Repräsentativ bin ich damit nicht. Es ist jedoch meine Erklärung dafür, warum ich mir ein Gelingen des Experiments App.net wünsche. /mw

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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