Die New York Times inspiriert:
Zeitung wird zu Contentlieferant

In den USA serviert die New York Times Nutzern der kostenfreien Starbucks-WLANs eine spezielle Onlineausgabe mit ausgewählten Artikeln. Mehr Zeitungen sollten sich als Inhaltelieferanten betätigen.

Zeitungen, welche gestärkt aus dem Medienwandel hervorgehen wollen, kommen um Experimente nicht herum. Die weltweit diesbezüglich wohl umtriebigste Blattmarke ist die New York Times – nicht nur, weil es ihr gelungen ist, eine dem Anschein nach erfolgreiche Paywall zu implementieren – die als Geschäftsmodell natürlich nicht nur Befürworter hat. Das Zeitungshaus vom Big Apple fällt auch regelmäßig mit innovativen Partnerschaften und neuartigen Konzepten auf – sei es in Form einer Entwickler-API (seit kurzem gibt es eine solche auch bei Zeit Online), einer Zusammenarbeit mit dem Social-News-Reader Flipboard, aufwändigen, interaktiven Specials oder einer Werbevermarktung von zu einem aktuellen Zeitpunkt besonders angesagten Themen.

Insofern verwundert es nicht, dass ein weiterer potenziell als Vorbild für andere journalistische Onlineangebote dienender Vorstoß ebenfalls aus New York kommt: Besucher von Starbucks-Kaffeehäusern in den USA erhalten nun die Möglichkeit, bei der Nutzung des kostenfreien Starbucks-WLAN-Zugangs gratis 15 Artikel der New York Times zu lesen, während sie ihren Kaffee schlürfen. Das Blatt liefert dazu extra eine speziell angefertigte Landingpage für Starbucks-Kunden, auf der es täglich ausgewählte Beiträge aus verschiedenen Ressorts zugänglich macht.

Primären Mehrwert bietet die Aktion für Café-Besucher freilich, weil die Zahl der monatlich auf nytimes.com gratis verfügbaren Artikel auf lediglich zehn Stück begrenzt ist. Dennoch zeigt das Projekt eine mögliche Richtung für alle gebeutelten Zeitungshäuser auf: Sie können spezialisierte Versionen ihrer Onlineangebote für Gastronomie-, Hotel-, Transport- oder Dienstleistungsbetriebe bereitstellen, die im gemeinsamen Branding erscheinen und den Kooperationspartnern Einfluss bei der Contentauswahl gegeben. Die Partner profitieren von einer höheren Kundenzufriedenheit und können mit klug gewählten Inhalten im besten Fall den eigenen Abverkauf steigern, oder etwa durch eigene Community-Elemente innerhalb der Zeitung die Konsumentenbindung erhöhen.

Selbst wenn keine Informationen zu den geschäftlichen Konditionen der Vereinbarung zwischen der New York Times und Starbucks bekannt wurden, so profitiert auch die Zeitung ganz klar in mehrfacher Hinsicht von dem Deal: Sie fördert die eigene Markenbekanntheit und bringt sich bei einer breiten Zielgruppe ins Gespräch, kann “Leads” generieren, also neue Leser gewinnen, die durch die präsentierten Inhalte auf den Geschmack kommen und sich später für das kostenpflichtige NYT-Angebot entscheiden, und sie erhält womöglich auch Werbefläche, um die Special Edition zu vermarkten. Ob dies vom Partner akzeptiert wird, hängt natürlich vom Verhandlungsgeschick ab. Auszuschließen ist es jedoch nicht.

Auch für Nachrichtenangebote, die für die Onlinenutzung kein Geld verlangen, könnte sich ein Art “White Label”-Dienstleistung lohnen. Allein die Auswahl von fünf oder zehn besonders lesenswerten, für das jeweilige Umfeld geeigneten Texten könnte dazu führen, dass sich Verbraucher in Restaurants, Hotels oder in Zügen diesen widmen, anstatt bei Facebook Zeit zu verbringen oder zu spielen. Theoretisch könnte jede größere Kette im Servicesegment ihre eigene, von einem Medienpartner produzierte Qualitätszeitung anbieten – ungeachtet davon, ob das restliche WLAN dann kostenfrei ist oder nicht.

Nicht zu vergessen sind auch Flugzeuge. Nicht jeder Passagier hat Lust, sich mit den nicht mehr ganz aktuellen Bordexemplaren der Printzeitungen abzukämpfen. Eine omnipräsente Verfügbarkeit von Internet auf sämtlichen Flügen zu akzeptablen Konditionen wird noch viele Jahre auf sich warten lassen. Wie wäre es, wenn ein führendes deutsches Nachrichtenportal eine spezielle “Zeitung” für Fluggesellschaften generiert, die über ein flugzeuginternes “Offline-WLAN” mit kurz vor dem Start aktualisierten, sorgfältig ausgewählten Inhalten auftrumpfen kann? Auch hier wieder inklusive einer Option zur Lead-Generierung sowie vielen anderen vorstellbaren Interaktionen mit den Lesern.

Im besten Fall lassen sich die Blätter diese spezielle Dienstleistung von ihren Kooperationspartnern direkt monetär vergüten. Ansonsten erhalten sie mit Content, der ohnehin schon produziert wurde, immerhin zusätzliche Reichweite und die Chance, neue Stammleser zu gewinnen. Verlage können der New York Times für diese Inspiration dankbar sein. /mw

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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