Zattoo-Manager Jörg Meyer:
“Von den Umsätzen der illegalen TV-Apps kriegt kein Sender etwas ab”

Der TV-Dienst Zattoo erlebt nach Aussage von Manager Jörg Meyer seinen zweiten Frühling. Speziell im deutschen Markt sieht das Zürcher Unternehmen noch großes Potenzial – trotz der komplexen Rechtslage.

2008 schrammte der Zürcher TV-Dienst Zattooknapp am Abgrund vorbei“, als eine geplante Finanzierungsrunde nicht abgeschlossen werden konnte. Entlassungen und ein Eindampfen von ambitionierten Expansionsplänen waren die Folge. Doch sukzessive rappelte sich das Schweizer Startup wieder auf, auch dank der Beteiligungen des Medienhauses Tamedia sowie der Schober-Gruppe. Nachdem 2012 der Break-Even erreicht wurde, rückt nun die Internationalisierung wieder verstärkt in den Fokus, erklärt Jörg Meyer, Vice President im Bereich Content and Consumer, im Interview mit netzwertig.com. In Deutschland sieht er noch viel Potenzial – auch wenn einige Hindernisse dem maximalen Erfolg im Wege stehen.

Wie läuft es bei Zattoo?
Sehr gut läuft es. Wir konnten das Thema werbefinanziertes Internet-TV im Markt etablieren. Zattoo existiert ja schon recht lange, es wurde 2006 gelauncht und erlebt nun seit zwei Jahren seinen zweiten Frühling, sowohl was Nutzerzahlen betrifft, als auch in Hinsicht auf das Geschäftsmodell. Wir haben 2012 den Break-Even erreicht und insgesamt über die Jahre elf Millionen registrierte Nutzer gewinnen können, 5,5 Millionen davon in Deutschland. Gut eine Million User verwenden Zattoo pro Monat, davon stammen 60 bis 70 Prozent aus Deutschland. Im Schnitt nutzt jeder aktive Anwender Zattoo gute zehn Stunden im Monat. Die Streamingleistung, die da zusammenkommt, ist schon beachtlich. Es zeigt, dass wir eine gute Ergänzung neben dem klassischen TV im Wohnzimmer sind. Nachdem wir uns in den letzten drei Jahren darauf fokussiert haben, in unseren Kernmärkten Schweiz und Deutschland zu beweisen, dass unser Geschäftsmodell funktioniert, verstärken wir nun auch wieder unsere Internationalisierungsbemühungen. Im Dezember haben wir in Spanien erneut ein Gratis-TV-Angebot lanciert, zuvor gab es dort in den letzten Jahren nur ein Bezahlmodell. Auch andere Auslandsmärkte rücken nun stärker ins Visier.

Zattoo verdient Geld mit Werbeeinblendungen beim Umschalten sowie mit kostenpflichtigen Premiumpaketen. Plant ihr weitere Erlösquellen?
Wir haben kürzlich begonnen, Partnerschaften mit Netzbetreibern einzugehen, wo wir unsere Technologie für deren mobile Angebote einsetzen. In der Schweiz bietet etwa der Kabelnetzbetreiber GGA Maur seinen TV-Haushalten mobiles Fernsehen über Zattoo. Das gleiche Modell praktizieren wir auch in Luxemburg mit dem staatlichen Telekomanbieter P&T. Neben unserem B2C-Geschäft sorgt damit auch verstärkt das B2B-Geschäft für Umsatz.

Sind das White-Label-Anwendungen?
In den genannten Fällen handelt es sich um ein Co-Branding, die Apps laufen also unter Zattoo und der Marke des Partners. Wir sind die einzigen, die solch eine für den Partner kostengünstige TV-Lösung anbieten können. White-Label-Lösungen schließen wir aber auch nicht aus.

Ihr kooperiert mittlerweile auch mit einigen Second-Screen- und Social-TV-Apps wie Tweek und Couchfunk sowie diversen TV-Programm-Applikationen, damit deren App-Nutzer in den Anwendungen gelistete Sendungen direkt in Zattoo öffnen und anschauen können. Gibt es da ebenfalls eine monetäre Komponente?
Auf die genauen Vertragsdetails möchte ich nicht eingehen. Aber natürlich haben die Partner auch eigene Interessen. Wir möchten, dass überall da, wo über TV-Inhalte informiert wird, Nutzer die Möglichkeit erhalten, diese über Zattoo anzuschauen. Das Internet bietet zum ersten Mal die Möglichkeit, dass dort, wo man sich über das TV-Programm informiert – sei es im EPG oder in Social TV-Applikationen – man direkt ohne Medienbruch auf die Inhalte geführt wird. Das gab’s so bisher nicht. Diesen Ansatz bauen wir mit anderen Partnern weiter aus, weil es ein absoluter Mehrwert für die Nutzer des Partners ist, und für uns schafft es Reichweite.

Die Integration der genannten Partner-Apps öffnet zwar automatisch einen Zattoo-Stream, aber nicht innerhalb der jeweiligen App, sondern über Zattoo. Einfacher wäre es, wenn Anwender die Zattoo-App gar nicht benötigen würden…
Aus lizenzrechtlichen Gründen können wir derzeit in Deutschland unsere Inhalte nicht in Drittangebote integrieren. In der Schweiz machen wir das aber. Beispielsweise hat der Tagesanzeiger unser Live-TV-Produkt in seine eigene App eingebettet.

In Deutschland fehlen euch mit den Sendern von RTL und ProSiebenSat.1 die zwei wichtigsten privaten Sendergruppen. Wie ist der Stand?
Da kann ich nur sagen, dass wir uns nach wie vor im konstruktiven Austausch mit den Sendern befinden.

Anders als für Schweizer Nutzer gibt es für Anwender in Deutschland auch keine Aufnahmefunktion (“Zattoo Recall”). Warum nicht?
Auch hier hindern uns rein rechtliche Gründe. In der Schweiz existiert ein klarer Tarif für “Net PVR”, also webbasierte personalisierte Videorekorder. In Deutschland ist das Thema einfach rechtlich noch nicht sauber geregelt. Solange es keine rechtliche Klarheit gibt, müssen wir mit der Einführung von Recall warten. Wenn wir könnten, würden wir es sofort einführen, wollen diesen Schritt aber erst vollziehen, wenn dies mit den Verwertungsgesellschaften, Sendern und Rechtegebern abgestimmt ist.

Was genau ist denn das Grundproblem in Deutschland?
Dass es keine Vereinbarung über Cloudrecording gibt.

Würdet ihr ein derartiges Angebot in Deutschland lancieren, dann müsstet ihr euch auf einen Rechtsstreit einstellen, den ihr euch ersparen wollt?
Wir klären lieber vorher ab und definieren die Spielregeln gemeinsam mit unseren Partner, anstatt dass wir einfach loslegen und uns dann schlagen. Zattoo sieht sich ganz klar als Partner der Sender

Wie viele zahlende Anwender hat Zattoo?
Unser Ziel sind fünf bis zehn Prozent zahlende Nutzer unter allen aktiven Anwendern. Das haben wir erreicht. In der Schweiz zahlen deutlich mehr User als in anderen Ländern.

Behindern die Einschränkungen bei den Funktionen und beim Angebot die Premium-Sales in Deutschland?
Sicherlich hat das Auswirkungen, nicht nur auf die Konversionsrate sondern auch auf die Reichweite. Das Fehlen der zwei großen Senderketten ist für uns in Deutschland ein klares Wachtumshemmnis.

Gleichzeitig seid ihr der einzige Anbieter dieser Art in Deutschland…
…der einzige legale Anbieter! Das betonen wir, denn in den vergangenen Jahren gab es hier einige reichweitenstarke illegale Angebote, die auch die Sender von ProSiebenSat.1 und RTL zeigen. Im App Store müssen mehrere hunderttausend Downloads erfolgt sein, damit einschlägige illegale Apps so weit hoch in die Rankings klettern konnten. Von deren Umsätzen kriegt kein Sender etwas ab. Wir verweisen da gerne auf die Schweiz, wo illegale Plattformen de facto keine Rolle spielen, weil es legale Angebote gibt, die Gebühren für die Inhalte an die Sender abführen, wodurch die Rechtegeber mitverdienen. Wenn es aber wie in Deutschland kein legales Angebot mit Partizipation der führenden Privatsenderketten gibt, greifen Nutzer eben auf illegale Alternative zurück.

Mussen Zattoo-User angesichts der rechtlichen Komplexität des deutschen Markts damit rechnen, dass ihr irgendwann das Interesse an Deutschland verliert?
Nein, ganz im Gegenteil. Gerade in diesem Jahr geben wir nochmal richtig Gas, weil wir hier bei weitem noch nicht das Potenzial erreicht haben, das wir sehen. Wenn wir das prozentual mit der Schweiz vergleichen, sind wir in Deutschland noch marginal vertreten. 700.000 aktive Nutzer im Monate ist zwar eine stolze Zahl, aber angesichts der deutlich größeren Bevölkerung sehen wir noch viel Luft nach oben.

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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3 Kommentare

  1. Na da hoffen wir mal, dass die “konstruktiven Gespräche” zwischen den privaten Senderketten gut verlaufen. Ich würde sehr gern zumindest ab und zu mal Pro7 über Zattoo schauen. Da ich einen Premium Account habe würde es mich auch nicht stören, wenn es nur über den Premium Account verfügbar wäre.

    Sehr schönes Interview ;)

  2. wie kann ich mein sky go sport abo über zattoo ansehen

  3. 14.7,2013
    Sehr geehrte Damen u. Herrn,
    warum kann ich seit ein paar Tagen über das Zattoo keine Fernsehsendung ohne zusätzliche Gebühren mehr herholen? Ich bezahle jahrzehnte lang Fernsehgebühren- Habe seit 2011 aber nur noch die Möglichkeit per PC fernsehen zu können. Ich bin 100 % körperbehindert u. bin auf den PC u. Fernsehen angewiesen.
    Gibt es eine Möglichkeit wieder die wichtigsten Sender ohne Gebühren einzuschalten?
    Übereine baldige Antwort würde ich mich freuen.
    Mit freundlichen Grüssen
    Siegfried Mann

Ein Pingback

  1. [...] eine IPTV-Offensive startet halten sich Sat.1 und ProSieben noch weitgehend aus Zattoo heraus. Gegenüber der Seite Netzwertig.com sagte Zattoo-Manager Joerg Meyer, dass man sich noch in konstruktiven Gesprächen mit dem Unternehmen befinde. Die Sendergruppe hat [...]

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