Stilmittel der Gerüchteberichterstattung:
Schluss mit dem Fragezeichenjournalismus

Wenn die Techpresse über Gerüchte berichtet, nutzt sie dafür häufig Fragezeichen in den Überschriften. Zwingt man sich dazu, diese wegzulassen, passiert Erstaunliches.

Als ich vor fast drei Jahren den Redakteursposten bei netzwertig.com übernahm, gab mir mein damaliger Chef Peter Sennhauser einen handwerklichen Ratschlag mit auf den Weg, den ich bis heute nicht vergessen habe: “Vermeide als Fragen formulierte Überschriften, außer du beantwortest die Frage im Text oder stellst eine tatsächliche Frage an die Leserschaft”. Seitdem versuche ich ganz bewusst, auf Überschriften mit Fragezeichen zu verzichten. Kaum etwas signalisiert deutlicher geringe Substanz und geringe Wichtigkeit von Texten als der Abschluss der Überschrift mittels Fragezeichen (mit zuvor genannte Ausnahmen).

Der Fragezeichenjournalismus ist besonders typisch für die Technologiepresse. In kaum einem anderen Ressort kommen auf so wenige bestätigte Informationen so viele unbestätigte Gerüchte. Und in kaum einem anderen Sektor existieren so viele internationale Medien, die sich auf vergleichsweise wenige, mit den Kontakten zu den tonangebenden Technologiefirmen ausgestattete Primärquellen beziehen. Die Folge? Spekulative Texte zu möglichen Produktneuheiten, in denen “offenbar” und “angeblich” die prägenden Begriffe darstellen. Nicht selten ziert diese Beiträge ein Fragezeichen in der Überschrift. Das sieht dann etwa so aus:

Geht Google unter die Einzelhändler?
Ist das das Apple A7 Chipset für das iPhone 5S?
Hackerattacke auf Facebook doch kritischer als gedacht?
iPad-mini-Konkurrent: Kommt das Microsoft Surface mini?
Plant Microsoft ein Surface-Tablet mit 7-Zoll-Display?
Schlechte Arbeitsbedingungen bei Amazon Deutschland?

Mich irritiert dieser Fragezeichenjournalismus ungemein. Denn in den meisten Fällen verrät das Fragezeichen am Ende der Überschrift, dass es sich um nichts weiter als eine vermutlich sehr schnell heruntergeschriebene Meldung über ein irgendwo aufgeschnapptes Gerücht handelt – welches sich womöglich schon morgen als Ente herausstellt. Oder es erweist sich als Realität, woraufhin ohnehin nochmals ein neuer, die tatsächliche Faktenlage erläuternder Artikel publiziert wird.

Eigentlich könnte man als Leser ja den Redakteuren dankbar sein, dass sie einem schon mit der Überschrift signalisieren, welche Beiträge sich lohnen und welche man getrost ignorieren kann. Dennoch nervt mich dieses zumindest nach meinem subjektiven Empfinden immer häufiger verwendete Stilmittel der Gerüchteberichterstattung. Weil kaum etwas deutlicher die fehlende Tiefe des Technologiejournalismus und das systemische Probleme des Netzjournalismus illustriert, Fast Food statt gehaltvoller, nachhaltiger Kost zu bevorzugen.

Fragezeichen bewusst weglassen

Auch wenn dieser Text nun doch dazu verkommt: Eigentlich ist mein Ziel mit diesem Beitrag keine Schelte sondern der Vorschlag an alle Berichterstatter, einfach mal ganz bewusst die Fragezeichen in den Überschriften wegzulassen. Die Folgen sind erstaunlich. Manchmal ist das Fragezeichen überhaupt nicht notwendig. Manchmal erhält eine Aussage ohne Fragezeichen aber plötzlich viel mehr Gewicht, als dem Autor lieb ist. Aus einem “Ist das Apples neue Smartwatch?” wird dann ein “Das ist Apples neue Smartwatch”. Doch da der Autor sich bei irgendeinem im Netz herumgereichten Mockup zurecht niemals so weit aus dem Fenster lehnen würde, ist er oder sie dazu gezwungen, entweder die Überschrift umzuschreiben, etwa zu “Diese Bilder könnten Apples neue Smartwatch zeigen”, den Beitrag um einen Analyseteil zu erweitern, der anschließend den Aufhänger darstellt und die Überschrift vorgibt, oder den Text einfach ganz zu verwerfen. Das Beachtliche: Einen solchen nicht veröffentlichten Artikel würde niemand vermissen.

Ich glaube, dass eine Eliminierung von Fragezeichen als Instrument, um Gerüchte oder Thesen zu verpacken, zu einer Verlagerung des Schwerpunkts von Quantität zu Qualität führen würde. Es zwingt Redakteure dazu, sich intensiver mit dem verfassten Text auseinanderzusetzen, anstatt einfach nur ein Gerücht ohne eigene Denkleistung abzuschreiben. Denn davon hat doch eigentlich niemand etwas. Lesern sollten Antworten geboten werden, nicht Fragen. /mw

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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11 Kommentare

  1. Der meiste Tech-Journalismus sieht für mich aus wie unterster Boulevard – so à la “die aktuelle” ( http://stefan-niggemeier.…ie-aktuelle-bingo-6/ ).
    Fragezeichen, Halbwahrheiten, Exklusivbilder, Fakes usw. für den schnellen Klick.

  2. Aber die Ursachen afür sind relativ klar. Zum Einen werden diese Artikel heftig geklickt. Für die techmagazine gab es lange Zeit keinen größeren Klickfänger als den Appley-Hype. Die Story wird dann zwischen den Produktvorstellungen am Kochen gehalten, fleißig befeuert durch gezielete Indiskretionen oder gar Falschmeldungen der Pr-Abteilungen. Das zweite Problem ist, dass die meiste Werbung pro Blickkontakt läuft, das heißt, es muss einfach Masse an Artikeln mit möglichst klickwürdigen Titeln produziert werden. Das Einzige, was noch mehr zieht sind kontroverse Themen, wo sich die Leute die Schädel im Forum einschlagen können. Das Anzeigensystem mag antiquiert sein, aber solange es ist, wie es ist und die Nutzer ihr Verhalten nicht ändern wird die Situation so bleiben. Nur ein Beispiel, ein sachlicher Artikel bei Zeit-online hat vielleicht 20 Kommentare, sobald es um Sarrazin oder die Stasi geht sind es in kurzer Zeit mehr als 200 Kommentare.

  3. Ich dachte schon, dass es nur mir aufgefallen wäre. Manche Überschriften lesen sich wie Feststellungen und sollen nur den Leser dazu bewegen, den Artikel zu lesen. Mittlerweile habe ich schon mehrere Feed Abonnements gekündigt da ich mich von den Erstellern dieser Artikel vera….t vorkomme. Vielen Dank für diesen Artikel!

  4. Dazu passt ein interessanter Artikel zum Lokaljournalismus “Wozu recherchieren?”, der sich teilweise auf den TechJournalismus übertragen lässt.

    http://berlinergazette.de…n-lokaljournalismus/

  5. Kommt mit auch in immer mehr Fällen vor, angefangen bei Fussballerverpflichtungen, “Gomez zu Dortmund?” bis hin zur tagesschau-Qualität von “kippt die Energiewende?” Hier möchte man doch einfach sagen: “Nö, ist nicht so. sonst noch Fragen?” Grund ist m.E., dass immer mehr geschrieben werden muss, ohne dass es mehr Nachrichten gibt. Also schreibt man überall irgendwas über die Zukunft – kann ja aktuell eh noch keiner sagen, ob es wahr oder unwahr sein wird. Und später ist es ohnehin vergessen.

  6. Nun ja, in manchen Fällen macht das Fragezeichen nicht nur Sinn, sondern ist im journalistischen Sinne angezeigt. Wir Journalisten können unsere Finger eben nicht von Gerüchten und Angeblichkeiten lassen, dazu sind sie einfach zu verlockend. Und schließlich will jeder der Erste sein, der darüber berichtet. Eine Meinung wird man sich da als Journalist aber (noch) nicht bilden können, insofern verdeutlicht das Fragezeichen nur: hier könnte sich was entwickeln und es ist spannend, weil es noch nebulös/unklar/unsicher ist. Wieso sollte das den geneigten Leser abschrecken? Das macht`s doch spannend – wenn es nicht inflationär betrieben wird.

    • @ Dennis
      Ich persönlich habe gar nichts gegen Gerüchte.Es sollte aber als solches zu erkennen sein. Wenn ich aber als Überschrift lese “7 Zoll ASUS Fonepad erscheint mit Intel CPU für 299 Euro?”, dann ist das definitiv eine Feststellung und dort hat ein Fragezeichen am Satzende nichts verloren. Erst im Artikel wird deutlich, dass es sich um ein Gerücht handelt, was man irgendwo auf einer anderen Seite gelesen hat. Auf solche Artikel kann ich echt verzichten. Mit gutem Journalismus hat das nichts mehr zu tun. Mich schrecken solche Überschriften jedenfalls ab und ich meide dann lieber die Seite komplett.

  7. Im Prinzip richtig, und ich lese von Fragezeichen-Artikeln möglichst meist nur die Überschrift. AABER Gerüchte haben gerade auch im Tech-Bereich eine wichtige Funktion. Sie kündigen Neues an, führen es ein, bereiten es vor. Insofern ein mitunter nerviges wie interessantes Übel, das wohl zum Grundrauschen der Medien unausrottbar dazugehören wird.

  8. Aber sind die Fragezeichen nicht auch ein Resultat des “dichtens für Google”? (ups, ein Fragezeichen!)
    User geben heute bevorzugt Fragen in das Suchfeld ein, wie z.B. “ist mein Baby richtig entwickelt?” und Seitenbetreiber wollen natürlich eine möglichst gleiche Aussage auf ihrer Seite anbieten, um im Suchranking die Nase vorn zu haben. Leider wird beim Schreiben immer häufiger an die Suchmaschinen gedacht als an die Leser – aber ohne Suchmaschine bleibt ja der Artikel auch ungelesen und die Frage des Lesers zeigt beeinfluss natürlich beides … da beißt sich dann der Hund in den Schwanz ;-)

  9. Wir bräuchten so eine Art von Plattform ähnlich wie Tracour: http://tracour.com/

    “There’s a copious amount of raw information on the Internet and deciphering the signal from the noise is not a simple task. Tracour, powered by our custom built Honesty Engine, is a database and statistics tool to track rumors, projections and speculation to help identify quality sources of information.”

  10. Meine Begeisterung für den Fragezeichen-Journalismus hält sich auch in Grenzen.
    Danke für Ihren Beitrag. Das müsste endlich mal gesagt werden. Ich hoffe nur, dass es nicht zur Selbstverständlichkeit wird.

Ein Pingback

  1. [...] Schluss mit dem Fragezeichen-Journalismus hatte Kollege Martin Weigert kürzlich in unserem Schwesterblog netzwertig.com geschrieben und wir bei neuerdings.com können das alle unterschreiben. Wir lesen auch alle Gerüchte, aber wir rennen nicht jeder Sau hinterher, die gerade durchs digitale Dorf getrieben wird. Es ist auch einfach zu verrückt. Manchmal können wir dann auch nicht widerstehen, denn dass Apple und Samsung vielleicht beide Smartwatches herausbringen, wäre doch wirklich eine Schau. [...]

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