Ansturm auf die iPhone-Apps Mailbox und Tempo:
Launchstrategie mit Nebenwirkungen

In dieser Woche wurden mit Mailbox und Tempo zwei iPhone-Apps mit massiver Medienaufmerksamkeit lanciert, die Nutzer nur sukzessive Zugang gewähren. Die Folge sind unzählige negative Bewertungen im App Store. Das kann den eigentlich innovativen Diensten nachhaltig Schaden zufügen.

Als Entrepreneur und Investor Frank Thelen im Interview im Herbst vergangenen Jahres bei uns das Lean Startup für tot erklärte, zog er damit in den Kommentaren nicht gerade wenig Kritik auf sich. Einer der Gründe, der ihn zu solch einer These veranlasst, ist laut Thelen die zunehmende Bedeutung der App-Ökonomie und dabei insbesondere der hohe Stellenwert der Bewertungssysteme von Apples App Store und Googles Play Store. “Ein Startup, dessen App eine Reihe negativer Bewertungen erhalten hat, kann daran viele Monate lang leiden”, so sein Urteil. Man mag von Thelens Analyse halten was man möchte, aber in diesem Punkt gibt es wenig Raum für Widerspruch. Was passiert, wenn das Debüt einer nativen App nicht optimal verläuft, zeigen in dieser Woche zwei mit viel Aufmerksamkeit lancierte US-iPhone-Apps.

Mailbox und die Warteschlange

Da wäre zum einen Mailbox, eine Anfang der Woche veröffentlichte smarte E-Mail-Anwendung auf Basis von Gmail, sowie zum anderen Tempo, ein am Mittwochabend von den Machern von Apples intelligenter Sprachsteuerung Siri lancierter iOS-Kalender mit Parallelen zu Google Now (bisher nur im US-Store erhältlich). Die Initiatoren beider Apps haben erstklassige PR-Arbeit geleistet und eine enorme Beachtung in der Tech-Presse und in der Folge auch in sozialen Medien erhalten. Entsprechend groß ist die Nachfrage nach den zwei kostenlos angebotenen Anwendungen. Damit die Server unter der Last der neugierigen Nutzer nicht zusammenbrechen, sind beide Startups gezwungen, den Zustrom zu begrenzen.

Mailbox hat dafür eine einfallsreiche Statusanzeige entwickelt, die Anwendern präsentiert wird, sobal sie Mailbox nach der Installation auf dem iPhone öffnen. Dabei zeigt die App in Echtzeit an, wie viele Nutzer sich vor ihnen in der Warteschlange befinden, und wie viele dahinter. In meinem Fall müssen gut 280.000 User Zugriff auf das E-Mail-Tool erhalten, bevor ich an der Reihe bin. Immerhin eine halbe Million Menschen haben nach mir ihr Interesse für einen Zugang signalisiert. Es wird sich bei dem verzögerten Einlassverfahren zum Teil um eine Skalisierungsfrage handeln, wobei auch die Vermutung nahe liegt, dass die kreativ illustrierte Limitierung eine künstliche Verknappung zur Hype-Generierung darstellt. Wahrscheinlich trifft beides zu. In jedem Fall hat Mailbox mit der Methode einen der aufsehenerregendsten Launches seit langem hingelegt.

Nutzer hinterlassen Negativ-Bewertungen

Dummerweise haben nicht alle Nutzer Verständnis dafür, dass sie sich eine App herunterladen, die sie dann nicht sofort ausprobieren können. Obwohl Mailbox in Berichten mit viel Lob bedacht wird, liegt die durchschnittliche Bewertung im App Store lediglich bei drei von fünf Sternen. Während die Bewertungen von Anwendern, die bereits zur Nutzung zugelassen wurden, sich zumeist zwischen vier und fünf Sternen bewegen, ziehen zahlreiche Ein-Sterne-Reviews von über die Warteschlange erbosten Usern den Schnitt herunter. Wer im App Store nach Mailbox sucht, kennt diesen Hintergrund jedoch nicht, sondern muss davon ausgehen, es mit einer nur mittelmäßigen Anwendung zu tun zu haben.

Tempo akzeptiert keine neuen Accounts

Weniger elegant als Mailbox handhabt Tempo die Steuerung des Nutzeransturms. Wer nach dem Aufrufen der App den “Log in with LinkedIn” oder “Log in with Facebook” (oder alternativ den “Sign up with your email address”-Link) betätigt, der wird mit einer Popup-Warnung am weiteren Vordringen in das Innere der Anwendung gehindert. “Connection Failed” heißt es in unnötig dramatischer Form, ergänzt durch die Information, dass Tempo derzeit keine neuen Accounts akzeptiert, und der Bitte, es später nochmals zu probieren. Wenig überraschend ventilieren enttäuschte User ihre Verärgerung darüber in Form von negativen Bewertungen. Die durchschnittliche Bewertung beträgt trotz eines laut US-Medienberichten innovativen Ansatzes lediglich 2,5 von fünf Sternen.

Schlechte Bewertungen: Mailbox (links) und Tempo

Ein hässlicher Fleck auf einer weißen Weste

Es geht nicht um die Frage, ob das Verhalten mancher Nutzer, sich über den gedrosselten Registrierungsprozess mittels App-Store-Bewertungen zu beschweren, angemessen ist. Sie machen es einfach, und weder Tempo noch Mailbox können sie daran hindern. Die schlechten Bewertungen bleiben auch erhalten, nachdem sich die anfängliche Aufregung über die Apps gelegt hat. Da bei einer Suche im App Store als Standard nur der Bewertungsschnitt eingeblendet wird, dienen die Ratings als wichtiger, wenn auch nicht einziger Indikator für User darüber, ob sich das Zeitinvestment in einen Download und einen Test lohnt. Erst recht auch deshalb, weil über 700.000 andere iOS-Apps um ihre begrenzte Aufmerksamkeit buhlen.

Erst wenn Mailbox und Tempo neue Versionen lancieren, bekommen sie eine neue Chance. Der auf den Web-Profil-Seiten von Apps angezeigte Schnitt “aller Versionen” verändert sich zwar nur sukzessive, aber Apple listet jeweils für die aktuelle Version einen eigenen Schnitt. Der ist es auch, der auf iOS-Geräten bei der Suche nach Anwendungen auftaucht.

Doch bis ein Update fertig ist und von Apple freigegeben wurde, können Monate vergehen. Das Presseecho vom Debüt lässt sich dann auch nicht mehr wiederholen. Viele enttäuschte User werden weitergezogen sein, andere aufgrund der schlechten Ratings einen Bogen um die Apps gemacht haben.

Eine signifikante Zahl an kritischen Bewertungen zum Launch einer App muss nicht das Ende des Liedes darstellen. Doch sie sorgt für einen hässlichen Fleck auf einer ansonsten weißen Weste, der erst im Zeitverlauf verschwindet und der besonders dann ärgerlich ist, wenn die Qualität einer Anwendung eigentlich ein deutlich besseres Rating rechtfertigen würde. Skalierbarkeit ist deshalb das A und O – zumindest dann, wenn geplant ist, zeitgleich bei sämtlichen renommierten Portalen und Blogs als Top-Thema vorgestellt zu werden. /mw

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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4 Kommentare

  1. Ich denke, dass der Einfluss der AppStore Bewertungen bei der Entscheidungsfindung durch den Nutzer in diesem Artikel ziemlich überwertet wird. Die gesamte Bewertungsgeschichte ist gerade im AppStore ziemlich mies umgesetzt und hier muss Apple dringend nachbessern.

    Viele Nutzer verwechseln die Bewertung mit einem Support-Forum und oftmals werden die Apps in den Texten hochgelobt und am Ende wurde trotzdem nur 1 Stern vergeben. Hier gibt es also noch viele Baustellen für Apple und daher fordern wir Entwickler schon lange eine Bewertung wie sie beispielsweise auf YouTube zu finden ist.

    Darüber hinaus orientieren sich fast alle Nutzer in meiner persönlichen Umgebung eher an den Berichten in Blogs und nicht mehr an den Bewertungen im AppStore, denn auch die Nutzer haben bereits erkannt, dass die Bewertungen oftmals nur wenig Substanz bieten.

  2. Danke für die Gedanken dazu, einige Argumente die es abzuwägen gilt. Wenn etwas richtig gut ist (später) werden die negativen Bewertungen zu Beginn IMHO nicht mehr ins Gewicht fallen.

  3. Man muss aber sagen, dass es völlig legitim ist, einer Anwendung nur einen Stern zu geben, wenn sie auch in mehrfachen Versuchen nicht funktioniert.
    Da hilft auch die beste Warteschlange nichts.

    Wenn man eine App mit so viel Vorschusslorbeeren und Hype hat, muss man auch mit dem Ansturm umgehen können.

    Und wenn die Warteschlange nicht pro Sekunde um mehrere User kürzer wird, dann scheint die Firma dahinter nicht vorbereitet gewesen zu sein. Dabei ist das heute dank günstiger, kurzfristig verfügbarer, Rechenkapazität von amazon und co einfacher als je zuvor.

  4. Fakt ist:
    Die Nutzer möchten keine App die erst in unbestimmte Zeit funktioniert. Sie möchten diese hier und jetzt ausprobieren und interessieren so gar nicht für Skalierungseffekte.

    Auch die Statusanzeige fand ich nur befriedigend gelöst. Viel lieber wäre mir ein ungefähres Zeitfenster gewesen welches mir die Freischaltung anzeigt. In meinem Fall waren es ca. 36,000 User bevor ich am nächsten Tag vollen Zugriff hatte.

    Und so sehe ich Mailbox und tempo als Paradebeispiel wie man einen vielversprechenden Start fast komplett in den Sand setzt.

4 Pingbacks

  1. [...] und scheinbar muss ich noch über 4 Wochen warten, bis ich die App verwenden kann. Geht gar nicht. Bei netzwertig.com wurde das Thema auch nochmal gut thematisiert und Enno hatte ein kleines Gespräch mit einem [...]

  2. [...] Ansturm auf die iPhone-Apps Mailbox und Tempo: Launchstrategie mit Nebenwirkungen: In dieser Woche wurden mit Mailbox und Tempo zwei iPhone-Apps mit massiver Medienaufmerksamkeit lanciert, die Nutzer nur sukzessive Zugang gewähren. Die Folge sind unzählige negative Bewertungen im App Store. Das kann den eigentlich innovativen Diensten nachhaltig Schaden zufügen. – http://netzwertig.com/201…aunchstrategie-mit-n… [...]

  3. [...] In jedem Fall hat Mailbox mit der Methode einen der aufsehenerregendsten Launches seit langem hingelegt. (…) Dummerweise haben nicht alle Nutzer Verständnis dafür, dass sie sich eine App herunterladen, die sie dann nicht sofort ausprobieren können. [Quelle] [...]

  4. [...] Dropbox hat die Mailapp Mailbox übernommen. Und das nur einen Monat nachdem Mailbox mit viel Furore gestartet [...]

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