Startup-Wettbewerb “SF Japan Night”:
Japanische Jungfirmen erweitern ihren Horizont

Auch wenn sprachliche und kulturelle Barrieren japanischen Startups die Internationalisierung erschweren: Einige von ihnen wollen ausländische Märkte erobern. 15 derartige Firmen präsentierten sich am Samstag in Tokio.

Wie beschrieben stellen Sprachbarrieren eine große Hürde für die japanische Internet-Wirtschaft dar, in ausländischen Märkten erfolgreich Fuß zu fassen. Entsprechend selten sind lokale Startup-Veranstaltungen, auf denen sich junge japanische Online- und Technologiefirmen vorstellen, die tatsächlich globale Ambitionen hegen und in englischer Sprache auftreten. Das kalifornisch-japanische Beratungsunternehmen btrax trommelt für seinen jährlichen Startup-Wettbewerb genau solche Unternehmen zusammen, die diesen im Land der aufgehenden Sonne noch immer unüblichen Pfad beschreiten wollen.

Im Rahmen der SF Japan Night präsentierten sich am Samstag in Tokio 15 japanische Startups und Dienste aus der Internet- und Technologiewelt vor einer zu geschätzten 99 Prozent des Japanischen mächtigen Zuhörerschaft – auf Englisch. In fünfminütigen Demos erläuterten sie ihre Konzepte und Geschäftsmodelle, stellten sich daraufhin den Fragen einer Jury und hofften anschließend darauf, als eines der sechs Startups ausgewählt zu werden, die im März in San Francisco im Finale des Wettbewerbs wieder aufeinandertreffen dürfen. Ich habe das Event besucht und stelle hier die interessanteren Projekte vor.

WhillWhill
Whill war das einzige reine Hardware-Startup im Wettbewerb und damit gewisserweise außer Konkurrenz. Das Unternehmen entwickelt einen neuartigen Rollstuhl für körperlich behinderte sowie ältere Menschen, der sowohl in puncto Design als auch Flexibilität und Beweglichkeit herkömmlichen Rollstühlen gegenüber deutlich überlegen sein soll. Vorgesehen ist die Lancierung eines eigenständigen Modells (Anschaffungspreis rund 6000 Dollar) sowie eines Aufsatzes für existierende Rollstühle. Das Startup brachte zu seiner Demo einen Prototypen mit, der nach der Veranstaltung in der Lobby auch ausprobiert werden konnte. Wenig überraschend wurde Whill von der Jury zum Erstplatzierten auserkoren. Im November gewann das Startup schon bei TechCrunchs Tokio-Event.

Librize
Japaner aller Altersgruppen lieben Bücher, und Buchläden sind trotz des E-Book-Booms zu jeder Tageszeit gut besucht. Librize möchte Geschäfte, Cafés und öffentliche Einrichtungen in Bibliotheken verwandeln. Derzeit kostenlos und später gegen Zahlung einer Lizenzgebühr können sie einen sogenannten “bookspot” eröffnen und diesen bei Librize samt ihrer zur Ausleihe angebotenen Bücher listen lassen. Das Startup möchte auf diese Weise den Austausch von Wissen fördern und neue Treffpunkte für Menschen schaffen. Rund 150 bookspots gibt es bisher, 28.000 Bücher können insgesamt an diesen kostenlos ausgeliehen werden.

Graphic
Auch wenn in letzter Zeit eine ganze Reihe neuer Bloggingdienste das Licht der digitalen Welt erblickten, glauben die Macher von Graphic, eine nicht gerade kleine Nische gefunden zu haben: Bloggen vom Smartphone aus. Die kostenfreie iPhone-App erlaubt das Erstellen und relativ freie Formatieren von Blogbeiträgen, die sich um diverse grafische Raffinessen ergänzen lassen. Jeder erstellte Blogpost hat eine eigene URL, die somit auch von nicht-mobilen Geräten aus abgerufen werden kann.

comobaco
Bei comobaco handelt es sich um eine Plattform, die den Trend zum kollaborativen Konsum aufgreift. Bei dem Service sollen Nutzer einerseits einen Pool an gemeinsam genutzten Ressourcen anlegen können – digitale Produkte und Dienstleistungen sowie physische Gegenstände – als auch gemeinsam Güter erwerben. Anstelle dass jeder im Freundeskreis eine eigene Bohrmaschine besitzt, will comobaco Menschen stattdessen dazu bringen, diese gemeinschaftlich zu kaufen – was für jeden Teil-Besitzer niedrigere Anschaffungskosten bedeutet.

ChatPerf

ChatPerf

ChatPerf

Dieses Startup mit dem etwas unglücklich gewählten Namen “ChatPerf” bietet einen Duftspender als iPhone-Aufsatz an. App-Entwickler können über das ChatPerf-SDK Duft-Funktionalität in ihre Anwendungen integrieren. Eine Messenger-App ließe sich so etwa um Duft-Emoticons erweitern, Marken-Apps könnten zu ihren Produkten passende Gerüchte verbreiten. Eine Duftmodul soll rund acht Dollar kosten. Zu Beginn enthält jedes Duftmodul nur einen Dufttyp, später sind auch Module mit drei unterschiedlichen Düften geplant. Als Zielgruppe fasst das Unternehmen vor allem Teenagern ins Auge. Sofern die Macher mit ChatPerf auch außerhalb Japans Chancen haben möchten, werden sie um eine Namensänderung nicht herumkommen.

TexaGPS
Äußerte sich die durch sprachliche Schwierigkeiten entstehende Hürde für die internationale Expansion bei ChatPerf in der Namenswahl, so war es bei TexaGPS die Präsentation: Der Macher dieser konzeptionell interessanten App las während seiner fünfminütigen Demo die ganze Zeit von einem Zettel ab. Während es Respekt verdient, dass er trotz begrenzter Englischkenntnisse nicht den Auftritt scheute, so verhindert dies augenscheinlich jeden positiven Eindruck bei internationalen Startup-Wettbewerben. Die Idee des Dienstes: GPS-Tethering. Mit der TexaGPS-iPhone-App lässt sich jedem WLAN-only-iPad per Tethering GPS-Funktionalität spendieren.

BestStyle.me
BestStyle.me verspricht, Nutzern gut aufeinander abgestimmte Outfits zu empfehlen. Nach Aussage der Gründer haben Modeexperten rund 10.000 Regeln, die für die Auswahl zueinander passender Kleidungsstücke gelten. BestStyle.me vereint diese in einem Service. Anwender wählen aus dem BestStyle.me-Katalog, welches Kleidungsstück sie tragen möchten, woraufhin der Service ihnen Ratschläge für gute Kombinationen und geeignete Farbkompositionen gibt. Während der Präsentation war auch von einem BestStyle.me-Button für Onlineshops die Rede, mit dessen Hilfe modeinteressierten Käufern die Suche nach stimmigen Outfits erleichtert wird. Leider gibt es die Website bisher nur auf Japanisch.

Neben Whill, Graphic und comobaco schickte die Jury außerdem die Crowdsourcing-Design-Plattform designclue, den gamifizierten Lerndienst ShareWis sowie die Mobile-App-Usertest-Plattform UIscope zum Finale nach San Francisco. /mw

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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5 Kommentare

  1. Danke Martin. Man sieht echt nur selten nach Japan, dabei kommen da eigentlich einige sehr beeindruckende wirtschaftliche Innovationen her. Angefangen mit “Lean”, was ja jetzt auch in Startups Einzug erhalten hat.

    • Lean kommt aus Japan?

      Besonders bekannt ist wohl auch die “Just in Time”-Produktion in der Industrie.

  2. “Lean manufacturing” kommt von Toyota (http://en.wikipedia.org/wiki/Lean_manufacturing). “Just in time” – ist ein Teil davon. Mit “Lean” ist eigentlich etwas ganz bestimmtes gemeint, nämlich, dass mann systematisch Verschwendung in Prozessen identifiziert und diese los wird.

    Das ist auch der Kern von “Lean StartUp”, was nicht mit Bootstrappen verwechselt sollte. Es geht darum, nur das nötigste für die Überprüfung der kritischsten Hypothese zu machen und nichts mehr. Weil alles darüber hinaus mit hoher Wahrscheinlichkeit verschwendete Zeit ist.

  3. Hello I’m so glad i discovered your coverage of this event! I also wrote a post on Japan Night that you might be interested in. Any feedback is greatly welcome. Thanks

    http://weirdsauce.com/201…v-announces-winners/

vgwort