Kreditkarten-Reader für Smartphones:
Vom Blickfang zum Allerweltsprodukt

Aufsätze für Smartphones, um Kreditkarten lesen zu können, sind mittlerweile eine Commodity. Startups in diesem Segment müssen sich zu Plattformen entwickeln.

Als das von Twitter-Macher Jack Dorsey gegründete US-Startup Square Ende 2009 einen Aufsatz für das iPhone präsentierte, mit dem das Apple-Smartphone in ein Kartenlesegerät verwandelt wurde, hatte dies schon einen Hauch von Magie. Während das Unternehmen aus San Francisco in den folgenden Jahren seine Geschäftstätigkeit ausweitete und sich nicht länger nur auf den Cardreader für Smartphones beschränkt, erschienen in Europa zahlreiche Nachahmer auf der Bildfläche. Die Lösungen von iZettle, mPowa, Payleven, SumUp und streetpay unterscheiden sich in kleineren Details vom Original und voneinander, aber im Grunde versprechen sie alle das Gleiche: Händler, Gastronomen und Gewerbetreibende sollen Kartenzahlungen per Smartphone akzeptieren und sich somit teure Terminals sparen können.

Erschien ein solches Verfahren vor drei oder vier Jahren noch innovativ, hat das Segment aufgrund der Vielzahl an nahezu identischen Anbietern und der spitzen Zielgruppe – die wenigstens Privatpersonen haben tatsächlich regelmäßigen Bedarf an einer derartigen Lösung – mittlerweile seinen Glanz verloren. Selbst myTaxi arbeitet gerade an einem Kartenlesegerät für Smartphones, damit Taxifahrer die ohnehin geöffnete myTaxi-App auch gleich dafür nutzen können, die Kredit- und Debitkarten der Passagiere einzulesen.

Cardreader für das Smartphone sind, wie es neudeutsch so schon heißt, zu einer “Commodity” geworden. Eine Ware oder ein Rohstoff, der für sich genommen kein sonderlich lukratives Geschäft verspricht. Eine Grundfunktion, die bei B2B-Applikationen für den Einsatz im Handel oder in der Gastronomie zu einem Standard wird. Für die zahlreichen Akteure, die momentan Cardreader unter eigenem Branding anbieten, bedeutet dies, dass sie sich in Plattformen verwandeln müssen, um nicht aus dem Geschäft gedrängt zu werden. Der Trend geht ganz klar in diese Richtung.

Gerade heute hat das deutsche Cardreader-Startup SumUp eine Kooperation mit dem Hersteller kaufmännischer Softwarelösungen blue:solution bekannt gegeben. Handwerker erhalten so die Möglichkeit, über die von blue:solution betriebene mobile App TopReparatur an Ort und Stelle beim Auftraggeber Kartenzahlungen zu akzeptieren. Die SumUp-API macht es möglich. Die Notwendigkeit zum Download der SumUp-App entfällt, nur der Smartphone-Kartenleseaufsatz muss vorab bestellt werden. Das in Berlin ansässige, aber formell in Dublin angesiedelte Unternehmen gab im November den Startschuss für die Schnittstelle, die auch vom myTaxi-Konkurrent taxi.de genutzt wird.

Auch SumUp-Wettbewerber Payleven aus dem Hause Rocket Internet gab im Herbst den Startschuss für eine API. Zu den ersten Kunden gehört pepperbill, ein aus Erfurt stammender Anbieter eines iOS-basierten Kassensystems für die Gastronomie. Dank der Integration kann das Restaurantpersonal die mit der pepperbill-App versehenen, mit dem Payleven-Cardreader ausgestatteten iPhones und iPads direkt den Gästen zum Bezahlen per Karte in die Hand drücken.

Neben dem Vertrieb der Cardreader über Kooperationspartner wie Mobilfunkanbieter ist es die Positionierung als Plattform, die den Startups die besten Aussichten einräumt, die Zahl der Transaktionen möglichst schnell zu erhöhen und auch einen gewissen Lock-In-Effekt zu erreichen. Denn ist Payleven erst einmal in pepperbill oder SumUp in TopReparatur integriert, dann sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass Nutzer dennoch einen anderen Dienstleister für die Abwicklung von Kartenzahlungen wählen, etwa weil dessen Transaktiongebühr einen Tick niedriger ist. Der Starnberger Anbieter streetpay bietet bisher keine API an, der schwedische Konkurrent iZettle lancierte seine Entwicklerschnittstelle bereits im Sommer.

Branchenprimus Square, der nach wie vor nur in Nordamerika präsent ist, bietet interessanterweise bis heute keine API an. Allerdings dominieren die Kalifornier dort den Markt und verstehen sich weniger als Kartenzahlungsdienstleister sondern mehr als “Fernbedienung für den Handel”. Die neuere App Square Wallet (früher “Pay with Square” genannt) erspart Konsumenten gänzlich das Zücken der Kreditkarte.

Europas Square-Nachahmer beschränken sich bisher auf die B2B-Komponente, nämlich die Bereitstellung eines Cardreaders. Damit kann nur siegen, wer das vorhandene Marktpotenzial auf effektive Weise ausreizt. Als mit viel Risikokapital finanziertes Startup einfach nur einen Kartenleseaufsatz für Mobiltelefone anzubieten, ist heute keine Kunst mehr. Deutlich mehr zu holen gibt es mit einer Plattform, die Drittanbietern mit wenigen Handgriffen die Einbettung von Kartenzahlungsfeatures in ihre Apps erlaubt. Zumindest so lange, wie Verbraucher überhaupt noch ihre Karte hervorkramen möchten, wenn es ans Bezahlen geht. /mw

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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9 Kommentare

  1. Ich habe neulich mit den Leuten von SumUp gesprochen und man könnte fast denken: Du auch. Dieselben Bedenken sind dort auf jeden Fall angekommen. Allerdings scheinen die Investoren weniger ängstlich: denn die nächste Runde ist dort gerade durch.

    Schöne Grüße

    ChK

  2. Allerweltsprodukt? Vielleicht in einer Parallelwelt – Ich habe so einen Cardreader jedenfalls noch nie in freier Wildbahn gesehen.

    • Das ist natürlich im übertragenen Sinne gemeint. Ich denke, im Kontext des Artikels wird deutlich, was damit gemeint ist.

  3. weshalb wohl nicht MasterCard oder VisaCard ein App anbietet? Eigentlich wäre das doch sowohl für die Kartenhersteller, wie auch für Private interessant:
    Ein Kollege will dir einen Betrag zahlen? Foto von der Kreditkarte einlesen. PIN-Code eintippen lassen – Betrag wird eigenem Konto gutgeschrieben…

  4. Wieso brauche ich überhaupt noch einen Cardreader? Kreditkarten kommen aus der Vergangenheit…und Cardreader bauen auf diese “Altlasten” auf. Wieso kann ich nicht einfach nur mit meinem Handy bezahlen? Direct payment from Mobile Device to Mobile Device. Direct payment from Mobile Device to Shop Dealer…usw. Aber ohne Karten, Reader, etc. Das Paymentsystem der Zukunft sollte sowas drauf haben.

  5. Hallo,

    mal ein paar praktische Erfahrungswerte aus meinem Umfeld.
    Wir haben mit ein paar dieser Cardreader experimentiert.

    Ziel war es die mobilen POS Kartengeräte abzulösen
    um die monatlichen Kosten für die Hardware von zum Teil 25 -35 EUR pro Monat und die hohe Gebühren zu verringern.
    und um ev. neue Zielgruppen zu erschließen.

    Der Einsatz der mobilen Cardreader auf;
    lokalen Kunstmärkte mit hochwertiger Kunst,
    Kunsthandwerkermärkte,
    spezialisierte Flohmärkte,
    u.s.w….
    wäre ein Markt mit Potential.

    Aufgrund meiner Erfahrungen gibt es zum Teil massive Bedenken von Händlern + Endnutzern gegen den Einsatz der Cardreader.

    Zum einen durch die unvorteilhaften Geschäftsbedingungen (wir haben deshalb von iZettl Abstand genommen) für die Händler
    Und durch die Enduser/Konsumenten.
    Menschen die auf den oben aufgeführten Märkten einkaufen, kaufen meist für höhere Beträge ein, die 50 oder 100 EUR hat man ev. immer in bar dabei.
    Darüber hinaus und für den spontanen Kauf kann es mit dem Bargeld eng werden.
    Diese Zielgrupe in Bezug auf die oben aufgeführten Märkte sind überwiegend ältere Menschen, Ende 40 und höher,
    und hier ist eine sehr große Skepsis gegenüber diesen Cardreadern aus Sicherheitsgründen vorhanden.
    Ein weiterer Nachteil, man erhält keinen ausgedruckten Zahlungsbeleg zur Sicherheit nach der Zahlung.
    Bei den herkömmlichen mobilen POS Cardreadern bekommt man einen Ausdruck, der mit allen Daten ( Händler tel u.s.w.)
    unterlegt ist.
    Touristen brauchen diese Belege auch für die Ausfuhr.
    Es gibt noch viele weitere Probleme im praktischen Einsatz.

    Ich habe per Mail und Telefon mit einigen dieser neuen Cardreaderanbieter über diese Problematiken gesprochen und dafür = (null) Verständniss bekommen.
    So nach dem Prinzip, Old fashion, alte leute, lokale Märkte ? Was ist das? Brauchen wir nicht als Kunden.
    Obwohl ich ohne Probleme ein paar Dutzend dieser Cardreader genommen hätte + befreundete Händler.

    Das mal so als kurzer Ausflug in die Praxis.

    Grüße

  6. Meine Erfahrung mit mehreren Lesern ist
    a) eine lächerlich schlechte mechanische Qualität bei den Modellen, die in die Kopfhörerbuchse gesteckt werden

    und

    b) die Trefferquote beim Einlesen von Magnetstreifen bei höchstens 10% liegt – steht man dann schön blöd vor dem Kunden mit so einem innovativen Teil, wenn man die Karte wieder und wieder durchzieht. Hämische Kommentare der Umstehenden inclusive.

vgwort