Amen-Gründer Felix Petersen:
“Amen ist eben nicht Lieferheld”

Das einst bejubelte Berliner Startup Amen hat eine neue App namens “Thanks” herausgebracht. Mitgründer Felix Petersen sieht darin eine Ergänzung zu Facebooks Graph Search. Im Interview erklärt er, warum er neben Amen eine zweite App hochzieht und wieso er es für wichtig hält, ein Startup langsam aufzubauen.

Anderthalb Jahre nach dem großen Trubel um den Start von Amen brachte das gleichnamige Berliner Startup in dieser Woche eine zweite App heraus. Thanks durchsucht die Einträge, die Nutzer bei Amen hinterlassen haben, und findet dadurch die besten Filme, Bücher, Apps, Alben oder auch Restaurants und Bars in der Nähe.

Amen-Mitgründer Felix Petersen sieht in Thanks ein Gegenstück zu Facebooks neuer Graph Search, ergänzt um die Komponente Social Q&A. Im Interview erklärt er, warum seine Investoren wie der Hollywood-Star Ashton Kutcher einen langen Atem beweisen, wieso für ihn die Berliner Startup-Szene erst an ihrem Anfang steht und warum man ein kleines Startup wie Amen anders aufbauen muss als ein Unternehmen mit dem Schwerpunkt E-Commerce.

Bereits im vergangenen Jahr auf der NEXT Berlin hast du eine App wie Thanks angekündigt. Warum hat es bis zum Start doch noch vergleichsweise lange gedauert?

Streng genommen konnte man mit Amen auch die Daten schon strukturiert nutzen. Denn sie waren ja schon immer strukturiert. Das ist ja der Witz, es war immer unser Ziel, Rankings für alles zu erstellen. Aber das war halt nicht der Fokus in der UX und so haben es scheinbar viele Leute einfach nicht kapiert. Nicht das Potential dahinter, aber auch nicht die praktischen Anwendungen für sie selbst.

Amen-Mitgründer Felix PetersenDie Frage nach Sinn und Unsinn von Thanks stelle ich heute nicht. Im Vergleich zu Amen wird mir das auf den ersten Blick klar. Auch auf Thanks kann ich mich nun an Umfragen wie “What is the best TV series ever made” beteiligen. Ein Pivot ist das euren Angaben nach nicht. Aber wer braucht jetzt eigentlich noch Amen?

Thanks hat eben nicht nur Antworten auf die Standardfragen, TV, Restaurants etc. Wegen unserer aktiven Amen Community haben wir eben auch die Antwort auf die Frage “Best place for a first kiss in Berlin?” oder “Best non-chronological movie”. Man sieht das vor allem, wenn man zum Beispiel das Nearby-Feature benutzt. Thanks ist nützlich aber macht trotzdem Spaß. Und dafür braucht es eben auch weiterhin eine aktive Amen-Community.

Über Erfolg und Misserfolg, Hype und Realität von Amen wurde viel geschrieben. Wie zufrieden ist das Team selbst mit der bisherigen Entwicklung? Wie lange reicht das Geld? Habt ihr das Team bislang zusammen halten können oder gab es Entlassungen?

Es gab Entlassungen, aber nicht aus betrieblichen Gründen. Wir haben einen sehr, sehr hohen Standard, was die Performance angeht. Außerdem hat uns noch nie jemand von sich aus verlassen. Ich denke, wir haben eine tolle Firma gebaut. Das Problem, das wir versuchen zu lösen, ist kein kleines. Aber wenn, dann kriegt unsere Crew das hin. Wir sind ein reines Produktteam von zehn Leuten ohne jeglichen Overhead und wir sind hervorragend kapitalisiert. Wir haben ja eine größere Seed Runde gemacht als die meisten Startups in Deutschland, weil wir schon wussten, dass das dauern kann. In dieser Hinsicht teilen wir eine Philosophie mit Dave Morin von Path, der ja auch Investor bei uns ist.

Beteiligt sich Ashton Kutcher als Finanzier eigentlich an der inhaltlichen Ausrichtung eurer Apps? Macht er Vorschläge oder lässt er euch freie Hand? Ist er zufrieden, auch wenn Amen bislang nicht zum nächsten Soundcloud oder Facebook geworden ist und auch ein ROI noch in weiter Ferne liegt?

Ashton ist EIN Investor. Wir haben auch und vor allem andere richtig gute Investoren: Index, Sunstone. Warum sollten die uns nicht freie Hand lassen? Amen ist eben nicht Lieferheld. Wenn man eine Firma skaliert und ein Investor 30-40 Millionen Wachtumskapital reinschießt, hat man sicher ganz andere Diskussionen im Board über Strategie und Pläne. Wir machen etwas mit hohem Risiko aber auch enormem Potential und wir sind wie alle innovativen Early-Stage Firmen auf der Suche nach dem richtigen Product-Market fit. Dabei kann ein Investor wenig helfen, die Antwort kann nur das Team selber finden. Gute Investoren wissen das und lassen einen arbeiten.

Ich bin ja selbst Angel-Investor. Ich würde nie in eine Firma investieren, bei der ich der Meinung bin, es braucht mich, um es hinzubekommen. Dann könnte ich es ja gleich selbst machen.

In letzter Zeit könnte man den Eindruck erhalten, dass in der Berliner Startup-Szene ein Generationswechsel stattgefunden hat. Wie wichtig sind “kreative Startups” wie Amen noch für die Szene, deren Ziel nicht in erster Linie das schnelle Geldverdienen ist?

Es gibt halt verschiedene Arten von Startups. E-Commerce sind für mich verstandene Modelle. Das heißt noch lange nicht, dass es einfach ist, eine solche Firma aufzubauen. Aber das eine hat halt mit dem anderen nichts zu tun. Es muß halt jeder das tun, wo er sein Talent am besten eingesetzt sieht. Ich denke nicht, dass das Ende der “kreativen” Startups in Berlin gekommen ist. Wenn eine gewisse Reife eines Ökosystems erreicht und eine kritische Masse an schlauen Köpfen vorhanden ist, werden immer wieder disruptive Ideen entstehen. Wir haben ja mit Soundcloud und Researchgate auch schon zwei solche Erfolgsgeschichten. Das finde ich keine schlechte Bilanz, wenn man sich überlegt, wie jung die Szene ist.

Was uns natürlich immer noch brennend interessiert: Hat dein Plazes-Verkauf 2008 auch zum finanziellen Aufbau von Amen beigetragen? Wie viel Geld ist damals eigentlich geflossen?

Amen haben wir mit eigenem Geld bis zur ersten funktionsfähigen App über ein Jahr entwickelt. Es steckt also schon eigenes Geld drin.

 

Jürgen Vielmeier

Jürgen Vielmeier ist Redakteur bei neuerdings.com, netzwertig.com und dem Euronics Trendblog. Neue Gadgets und Software? Liebend gerne! Aber nur, wenn sie das Leben auch wirklich leichter machen.

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7 Kommentare

  1. Cooler Typ und Structured Data ist ein cooles Thema. Trotzdem habe ich nie Amen genutzt, ich fand den Hype zu übertrieben.
    Wünsche den Gründern weiterhin viel Erfolg und nen langen Atem. Vielleicht müssen es erst mehr Leute kapieren, was man mit so einem Service alles reißen kann.

  2. Sehr sympathischer und bodenständiger Mensch, wünschen dem Team auf jeden Fall viel Erfolg.

  3. Amen ist klasse – “war” klasse, denn ich habe nun kein iPhone mehr! :( Mit Thanks haben sie genau das herausgebracht, was sie von vorne herein mit Amen eigentlich wollten. Ich schätze das Team sehr und wünsche allen eine erfolgreiche Zukunft! ps. bitte an Android denken :)

  4. Und – wie immer auf dieser Seite – nicht EINE EINZIGE kritische Frage.

    • Das kannst du sicher näher darlegen bzw. beweisen, wenn du das behauptest. Leg los!

  5. Man kann von Amen halten was man will. Die Aussage von Felix Petersen bezüglich der Skalierung seiner Idee nötigt Respekt ab.

    Was passiert wenn Skalierung das Einzig ist was zählt sieht man zu genüge an StartUps wie Lieferheld, …

    Bleibt Felix Petersen und Team viel Erfolg zu wünschen.

  6. hört sich interressant an, aber so richtig, weiß ich nicht, an welcher Stelle Geld verdient werden soll?

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  1. [...] only the team can solve, not the investor. Good investors know that, and let you work.” [Netzwertig] [photo: Amen / feature picture: HeartBeaz, Flickr] Subscribe here to receive more news like this [...]