Über 25.000 Tweets:
#aufschrei schreibt Twitter-Geschichte

Deutschsprachige Twitter-Nutzer schildern seit Donnerstag Erlebnisse von Alltagssexismus. Über 25.000 Mal wurde der dazu verwendete Hashtag #aufschrei in den letzten 48 Stunden bei dem Microbloggingdienst erwähnt.

Twitter-Mems gab es schon viele. Aus einem oder einzelnen Tweets mit einem bestimmten Hashtag wird eine Lawine aus von hunderten, tausenden oder noch mehr Anwendern publizierten Twitter-Nachrichten, die Themen, Ideen oder Diskussionen im besten Fall einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich macht. Das in meinem Bewusstsein bis gestern noch immer präsenteste Beispiel für ein derartiges Phänomen in Deutschland war die kurzweilige Begeisterung über einen zerbrochenen Blumenkübel. Eine spaßige Sache, die allerdings wenig Weltveränderungspotenzial besaß.

Es mag sein, dass meine subjektive Wahrnehmung inhaltlich gehaltvollere Mems der letzten Zeit ausblendet. Doch am heutigen Samstag ist das egal. Denn gestern entwickelte sich rund um den Hashtag #aufschrei eines, das schon jetzt Geschichte geschrieben hat. Denn ein Problem von höchster gesellschaftlicher Bedeutung erreichte innerhalb einiger Stunden eine maximale Sichtbarkeit in der deutschsprachigen Twitter- und Blogossphäre – und breitete sich von dort über Mediendeutschland aus. Mehr als 25.000 Mal wurde der Hashtag innerhalb von 48 Stunden bei Twitter erwähnt (Spam nicht mitgezählt).

Das #aufschrei-Mem ist in zweifacher Hinsicht wegweisend: Zum einen sahen sich tausende zumeist weibliche Twitter-Nutzer dazu animiert, ihre Erlebnisse rund um im Alltag erlebten Sexismus zu schildern und damit Sorgen, Irritation und Frustration zu ventilieren, die sie bisher über mitunter lange Zeiträume mit sich herumgetragen haben. Gleichzeitig führte die schiere Quantität der Schilderungen zu einer breiten Auseinandersetzung mit dem Thema bei Twitter, in Blogs, bei nahezu allen Leitmedien des Landes und mit Sicherheit auch in diversen persönlichen Gesprächsrunden.

Zweifellos reichen 140 häufig emotional aufgeladene Zeichen nicht dazu aus, um sämtliche im Kontext von #aufschrei beschriebenen Situationen von heute auf morgen und für alle Ewigkeit aus dem Repertoire menschlichen Verhaltens zu streichen. Zumal das vielschichtige Feld zwischenmenschlicher Kommunikation und Interaktion einen differenzierten Blick erfordert, der in der Kürze und Spontanität von Tweets nicht zum Ausdruck gebracht werden kann.

Doch diese Aufgabe kann ein Twitter-Mem auch gar nicht übernehmen. Seine Stärke liegt darin, Menschen ein gemeinschaftliches Gefühl zu geben, gehört zu werden und auf Missstände aufmerksam machen zu können, die dann in nachgelagerten Diskursen in differenzierter Form beleuchtet werden. Wie viele Personen durch #aufschrei bei Twitter, in Blogs, auf Nachrichtenportalen und in Folge persönlicher Gespräche zumindest kurzzeitig zum Nachdenken animiert wurden, lässt sich nur schätzen. Einige Hunderttausend dürften es gewesen sein, darunter überdurchschnittlich viele Medienmacher, die gar nicht anders können, als die gewonnenen Eindrücke in ihre eigene Arbeit einfließen zu lassen. Bewusst oder unbewusst.

Insofern glaube ich, dass die #aufschrei-Debatte eine nachhaltige Wirkung haben und im Endeffekt tatsächlich Veränderungen nach sich ziehen wird. Nicht sofort, und nicht in der deutlichen Form, die sich manche der Betroffenen wünschen würden. Dass die Effekte aber spurlos verpuffen, schließe ich aus. Dazu erhielten durch den Aufschrei zu viele Personen mit publizistischer Reichweite, unternehmerischen Entscheidungsbefugnissen und gesellschaftlichem Einfluss Einblicke in eine Realität, die sie bisher verdrängt, ignoriert oder stumm akzeptiert haben.

Ich halte es für möglich, dass es sich bei #aufschrei um einen der bisher weitreichendsten gesellschaftlichen Weckrufe in Deutschland handelt, der durch den Einsatz sozialer Medien zustande kam.

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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13 Kommentare

  1. Danke für die Analyse. Ihr bringt das gut auf den Punkt. Ich sehe allerdings bei diesem Meme die Gefahr, dass ein Teil der Gesellschaft als – nun ja – gut und ein Teil als böse dargestellt wird. Und hier würde die Debatte zu kurz greifen. Die Diskussion – so richtig und wichtig sie ist – würde dann auch bloß verpuffen. Und das wird dem Thema nicht gerecht.

    • Nicht alle Männer sind schlecht aber sexuelle Belästigung und Demütigung ist schlecht. Das ist ein unterschied! Nur warum identifizieren sich Männer so sehr mit sexueller Erniedrigung….?

  2. Ich habe selbst an Diskussionen teilgenommen, die #aufschrei ausgelöst hat.
    Die Diskussionen hatten interessanterweise aber fast nichts mit den Situationen zu tun, die Menschen schildern, sondern, wie dein Beitrag, allein mit der Metaebene, nämlich dem Umgang mit der Kenntnis von solchen Vorfällen im (sozialen) Netz. Das ist ein bemerkenswerter Reflex. Die Sachebene wurde, anders als üblich nicht kurz abgehakt, sondern direkt übersprungen.
    Schöne Grüße
    CK

  3. “Ich halte es für möglich, dass es sich bei #aufschrei um einen der bisher weitreichendsten gesellschaftlichen Weckrufe in Deutschland handelt, der durch den Einsatz sozialer Medien zustande kam.”

    JA, das sehe ich auch so!

    Dieses Thema geht uns alle an.
    Es ist hoch komplex und eines ist sicher: Auf vielen Ebenen findet gerade eine Sensibilisierung statt, ein neues BEWUSSTSEIN entsteht.

    Das Thema Sexismus reicht tief in unsere Gesellschaft hinein.

    Wenn wir davon ausgehen, dass Sexismus Menschen anhand ihrer biologischen Geschlechtsmerkmale in Frauen + Männer unterteilt, ihnen damit eine grundlegende Unterschiedlichkeit bescheinigt + aufgrund dieser Annahme unterschiedliche Rechte und Pflichten zuweist, wird klar, dass sowohl Männer als auch Frauen von Sexismus betroffen sind.

    Meistens LEIDEN jedoch Frauen mehr darunter.
    Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel.

    Ausgeübter Sexismus hat oft etwas mit Macht(gefälle) zu tun.

    Und da Männer im Allgemeinen körperlich stärker sind und / oder qua Funktion meinen, “mächtiger” zu sein, ist dieses Machtgefälle der Knackpunkt in der Diskussion.

    Ich bin mir sehr sicher, es hätte eine große Auswirkung auf die Lebenswirklichkeit und Lebensqualität für alle Menschen unserer Gesellschaft, wenn mehr qualifizierte Frauen in den oberen Etagen (in Wirtschaft, Medien, Politik, Kultur) das Sagen hätten.

    Es würde nämlich ein Gleichgewicht bringen.
    Das heißt ja nicht, dass es dort keine Männer mehr geben soll. Es geht um ein Gleichgewicht, das allen Beteiligten gut täte.

    Nur die “Männer von gestern”, die “Grauen Herren” versuchen natürlich, ihre Reviere zu verteidigen. Es sind übrigens auch genau diese “Männer von gestern”, die – etwas pauschal gesagt – unsere Wirtschaftskrise zu verantworten haben.

    Mehr dazu unter:

    http://kulturplanet.wordp…r-sexismus-bruderle/

    • so ein Quatsch

    • Diese Pauschalisierungen über Männer und ihren Sexismus zeigen, wie unfair und unehrlich diese Debatte ist. Bei Sten TV zeigte eine der aufgeklärten Frauen, wie sie auf gute und sachliche Argumente reagiert… Nämlich unsachlich, unlogisch und nicht intelligent. In 2 Monaten ist der ganze Mist vergessen… Die “Gesellschaftsverbesserinnen” sind oftmals selbst intolerant und engstirnig. Jeder sollte sich gegen ungerechte Angriffe wehren… Aber die Debatte ist lächerlich. Und natürlich sind alle 25000 Twittermeldungen authentisch … Und die Aussagen natürlich alle wahr. Unglaublich … Aber so werden Debatten von Ideologen geführt.

    • Irgendjemand muss solche Debatten eben führen.

  4. Ich persönlich kann Ihre Einschätzung nicht teilen. Eine Diskussion auf Twitter wird nur von einem verschwindend geringen Teil der Bevölkerung wahrgenommen. Verstärkt wird der Effekt einzig von ein paar SpOn & Co Artikeln sowie höchstwahrscheinlich Erwähnungen auf der Re:publica und ähnlichen Veranstaltungen. Das reicht nicht, um die Bevölkerung zu erreichen und ist nicht mit wirklich historischen “Weckrufen” wie beispielsweise dem Stern-Titel “Wir haben abgetrieben” zu vergleichen.

    • Das reicht nicht, um die Bevölkerung zu erreichen und ist nicht mit wirklich historischen “Weckrufen” wie beispielsweise dem Stern-Titel “Wir haben abgetrieben” zu vergleichen.

      Das kann aber noch kommen und so habe ich Martin auch verstanden. Twitter beeinflusst die Medien, die Medien reagieren jetzt schon zum Teil und später (bewusst oder unbewusst) weiter. Es ist vielleicht kein Weckruf, aber ein Initialimpuls, der Bewegung, Veränderung anstoßen wird.

  5. #aufschrei wird gar nichts ändern. Nie hat sich irgendwas durch den Aufschrei des Volkes verändert. Der deutsche ist gegen Krieg, wir sind in noch nie soviele Kriege gezogen wie bisher. Wir sind gegen AKWs, wir setzen immer noch auf AKWs. Keiner will den Euro, wir werden ihn behalten uswusw.
    Merkt ihr nicht, dass diese Pseudobeteiligung im Netz, dazu noch in den Datenkraken zu nichts führt? Ändert könnt ihr nur was, wenn ihr euch selber ändert. Und das radikal. Aber das hat der Deutsche nicht unter dem Kaiser, nicht unter Hitler, und nicht unter Merkel geshcafft.

  6. Doch diese Aufgabe kann ein Twitter-Mem auch gar nicht übernehmen. Seine Stärke liegt darin, Menschen ein gemeinschaftliches Gefühl zu geben, gehört zu werden und auf Missstände aufmerksam machen zu können, die dann in nachgelagerten Diskursen in differenzierter Form beleuchtet werden.

    Ich kann nur hoffen, dass die nachgelagerten Diskurse die Dinge auch wirklich differenziert beleuchten. In den Massenmedien habe ich davon noch nicht viel wahrnehmen können.

    Das Problem an den 140-Zeichen-Konsumeinheiten und den Hashtags, die das ganze noch Kanalisieren, ist vorallem eines: sie polarisieren, nicht mehr, nicht weniger! Es ist gerade mal Platz für eine schubladenhafte Meinung (oder für einen Link auf die schon vorgekochte Fertignahrung auf einer News-Site oder einem Blog), aber so ein Tweet bietet keinen Platz für Erklärungen.

    Die Diskussion an und für sich finde ich Ok, obwohl ich dazu wenig beisteuern kann.

    Aber Twitter ist wahrlich das falsche Medium dafür!

    Auf Twitter kann man sich positionieren, eine Seite wählen, seine Fronten stärken (falls die eigene Meinung z.b. ausschlaggebend für die soziale Integration in das gewünschte oder abgelehnte Umfeld ist), … hey, wer kennt diese Situationen nicht, und wer kann sich dem immer enthalten?

    Wieauchimmer, etwas, dass es vollbringt, “Menschen ein gemeinschaftliches Gefühl zu geben” ist nicht zwingend etwas, dass die Menschen voran bringt! Die Gegenbeispiele will ich erst garnicht auflisten, die kennt Jeder ;-)

8 Pingbacks

  1. [...] Okey, ich guck hin! Ich mach die Augen nicht zu. Ich gebe dem Thema noch eine Stimme mehr. Es ist so klein und zerbrechlich und wird plötzlich so LAUT UND FORDERNT! Gut so. Natürlich ist das geschriebene Wort hierfür nicht wirklich geeignet. Und doch ist es wichtig dem Ausdruck zu geben. Martin Weigert beleuchtet hier das Phänomen dieses Meme und seine gewaltige Wirkung #aufschrei schreibt Twitter-Geschichte. [...]

  2. [...] An erster Stelle kommt der Text von Helga in dem sie anspricht, dass es oft nichts nützt sich zu wehren und dass “Wehrt Euch!” keine Generalstrategie sein kann. Netzwertig bringt einen Beitrag über die Ausbreitung des Aufschrei-Mem. [...]

  3. [...] die auf Twitter geschildert wurden und möchte deshalb nichts dazu sagen). Dann habe ich den Text von Martin Weigert auf netzwertig.com gelesen und möchte diesen einen, sehr treffenden Satz daraus zitieren: Ich halte es für [...]

  4. [...] || keine Kommentare 10000flies.de, filtr.de Ausgelöst durch einige journalistische Artikel ist das Thema Sexismus im Alltag durch Twitter zum Selbstläufer geworden, der sicherlich noch lange – vor allem auch außerhalb von Twitter – nachhallen wird. [...]

  5. [...] #aufschrei schreibt Twitter-Geschichte (netzwertig.com) [...]

  6. [...] Weckrufe in Deutschland handelt, der durch den Einsatz sozialer Medien zustande kam. Aus: netzwertig.com f. #Aufschrei – ich breche ein Tabu Eine Gruppendynamik, in der Widerspruch nicht mehr [...]

  7. [...] Tagen geht ein #Aufschrei durch das Netz, der nicht nur Twitter-Geschichte schreibt, sondern hoffentlich eine Revolution auslöst, die die Machtgefüge in unserer Gesellschaft [...]

  8. [...] sehr starke Auswirkungen auf die Informationsverteilung hat. Ich brachte das Beispiel des Phänomens #aufschrei. Doch er blieb unbeeindruckt, was genau bedeute es denn wenn die Informationsflut der Kommunikation [...]

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