Digitale Nomaden:
Auf dem Weg nach Fernost

Digitales Nomadentum ist wie eine Sucht. Wer ortsunabhängig arbeiten kann, der schmiedet ständig Pläne, wo es hingehen könnte. Nächste Station: Japan.

Das digitale Nomadentum wird schnell zur Sucht. Hat man einmal die Voraussetzungen dafür geschaffen, unkompliziert für Wochen oder Monate den Arbeitsort wechseln und sich mit samt dem virtuellen Büro an einem beliebigen Ort dieser Welt niederlassen zu können, dann möchte man diese Freiheit nicht mehr aufgeben. Sobald man von einem Trip heimgekehrt ist, beginnt man gedanklich bereits damit, neue Reisepläne zu schmieden. Seit einigen Jahren schon bin ich im Bann der ortsunabhängigen Arbeit, wobei mir die Art meiner beruflichen Tätigkeit bei einem Onlineverlag ohne Notwendigkeit der Präsenz in einem physischen Büro dabei natürlich entgegen kommt. Gerade weil es auch in unserer vernetzten, von sich verändernden Arbeitsformen geprägten Zeit noch immer ein großes Privileg ist, einfach seine Sachen packen und in den Flieger steigen zu können, möchte ich von dieser Möglichkeit regen Gebrauch machen. Deshalb bin ich gerade in Tokio angekommen, wo ich bis Ende März meine Zelte aufschlagen werde.

Wieso gerade Tokio, wird sich jetzt vielleicht manch eine(r) fragen. Immerhin ist Japan bisher nicht gerade als großer Innovator im Web- und Mobilebereich in Erscheinung getreten – zumindest nicht auf internationaler Bühne. Zwar wurden in Fernost zahlreiche technologische Errungenschaften bereits frühzeitig zur Marktreife gebracht und von der Bevölkerung in der Praxis eingesetzt. Doch kochte man bisher so sehr sein eigenes Süppchen, dass globale Erfolge wie das iPhone oder Facebook erst mit Verspätung im Land der aufgehenden Sonne durchstarteten. Auch was Webkonzerne angeht, kommen Europäer oder US-Amerikaner nur selten mit japanischen Firmen in Berührung. Eine Ausnahme bildet hier der E-Commerce-Gigant Rakuten, der sich zuletzt mit 100 Millionen Dollar an Pinterest beteiligte und schon seit längerem den europäischen Markt im Auge hat.

Bedenkt man, wie schlecht es für Japans Traditions-Elektronikhersteller wie Sony, Panasonic oder Sharp läuft, dann erscheint offensichtlich, welch wichtige Rolle das Digitalbusiness für den Wirtschaftsstandort Japan einnehmen könnte – oder sogar muss, um sich auch in Zukunft als Hochtechnologieland in der Welt behaupten zu können. Sicher, das Internet ist nicht der einzige Innovationsbereich der kommenden Jahre und Jahrzehnte, aber aufgrund seiner Omnipräsenz und großen Bedeutung für nahezu alle anderen Industrien der Zukunft ein äußerst signifikanter.

Eine entscheidende Frage lautet also, ob Japan und dabei der Großraum Tokio also Dreh- und Angelpunkt des Landes mit unglaublichen 35,6 Millionen Einwohnern (lt. Wikipedia) in der Lage ist, anderen tonangebenden Startup- und Online-Zentren wie dem Silicon Valley, New York, Singapur, London oder Berlin Konkurrenz zu machen, und ob künftig japanische Web- und Mobile-Anbieter eine größere Rolle in unserem digitalen Alltag spielen werden. Unter anderem darauf suche ich in den kommenden Wochen Antworten.

Davon abgesehen freue ich mich auch einfach darauf, eine für mich völlig neue und nach Aussage vieler Japanreisender sehr andersartige Kultur kennenzulernen. Wobei mir auch schon die gegenteilige Schilderung begegnet ist, nämlich dass die kulturellen Unterschiede am Ende geringer seien, als dies bei uns gerne behauptet wird. Vermutlich hängt viel von der Einstellung ab, mit der man dem Land und seinen Menschen begegnet.

Für netzwertig.com bedeutet mein kleiner Trip, dass hier in den nächsten Wochen der ein oder andere Artikel rund um japanische Web- und Startup-Trends zu lesen sein wird. Davon abgesehen bleibt aber alles beim Alten. Weniger an Fernost interessierte Leser müssen nicht befürchten, dass die sonst hier im Vordergrund stehenden Themen in den Hintergrund rücken.

Falls ihr aber Wünsche für besondere inhaltliche Schwerpunkte im Bezug auf die japanische Webwirtschaft oder Vorschläge zu spezifischen Startups aus Tokio habt, die ich mir unbedingt genauer anschauen sollte, hinterlasst gerne einen entsprechenden Kommentar. Ich bin über alle Hinweise und Empfehlungen dankbar.

Mata ne!

(Foto: stock.xchng/psyclown)

 

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Google Trends gibts jetzt auch für Deutschland und mehr.

13 Kommentare

  1. Zunächst mal viel Spaß natürlich. Wäre ja mal spannende zu erfahren, ob die Gründe für den fehlenden Durchbruch eines japanischen Startups die Gleichen sind wie die für Europa (Sprachbarrieren, Kulturbarrieren).

  2. Sehr sehr cool. Ein bisschen beneide ich dich für dieses Nomadentum.
    Viel Spaß in Japan! Genieße es. Es soll grandios sein, sagten mir Freunde.

  3. Da wird der ortsgebundene Redakteur aber neidisch. Japan würde ich gerne mal „mitnehmen“, zur Not halt während eines ausgedehnten Urlaubs. In drei Monaten wirst du sicher einiges erleben, soviel steht fest.

    Artikeltechnisch würde ich mir (wie Daniel) einen Einblick in die japanische Startup-Szene wünschen. Auch wenn die jeweiligen Unternehmen in Deutschland keine Rolle spielen, ist ein Einblick in die Unternehmenskultur bestimmt spannend. Das Miteinander dort drüben ist ja doch ein vollkommen anderes.

  4. Wow, coole Sache! Hier ein interessanter Quora Thread zum Thema Japan: http://quora.com/Japan/Wh…l-they-come-to-Japan
    Viel Spaß!

  5. Viel Spass und super Sache!

  6. Ich vermute, dass es bei vielen Entwicklungen in Japan so ähnlich ist wie mit deren wissenschaftlichen Publikationen: eigentlich läuft da relativ viel, wir bekommen es aber aus Relevanz- und Sprachgründen nicht so richtig mit.

    Viel Erfolg in Tokyo! Der nächste Ausflug führt Dich vielleicht nach Nairobi, ins iHub?

  7. Japan ist ein bisschen wie Deutschland. Hcohtechnologisch, industriell führend, stark exportlastig aber im Bereich Web und Internet Startups ein wenig hinterher.
    Vielleicht liegt’s an der Sprache oder der Sicherheitskultur in beiden Ländern.

  8. Danke für die Tipps und Vorschläge.

    @ jke
    Auszuschließen ist nichts. Hätte schon mal Lust!

    @ Thomas
    Kürzer und prägnanter könnte man die Parallele vermutlich nicht auf den Punkt bringen. Genau das war und ist bisher mein Eindruck.

    Ich glaube, auch der hohe Respekt vor dem Alter hat damit zu tun. In beiden Ländern scheinen Menschen mehr Einfluss und Autorität zu haben, je älter sie sind. In Schweden, wo ich seit 2006 lebe, ist das beispielsweise ganz anders.

  9. Warum hast du denn Stockholm gar nicht als StartUp-Zentrum genannt?

    Wie ist es mit Mobilfunk / Internet – ich hatte vor einiger Zeit mit dem Gedanken gespielt, einen ausgedehnten Urlaub in Japan zu verbringen. Während der Vorbereitung hab ich gelesen, dass man nur dann einen bezahlbaren Mobilfunk-Anbieter findet, wenn man eine längerfristige Aufenthaltsgenehmigung hat.

    • Hehe ich erwähne Stockholm/Schweden so oft, dass ich mir dachte, ich muss es nicht ständig machen. Aber du hast vermutlich recht – wenn London und Berlin genannt werden, dann darf Stockholm eigentlich nich t fehlen.

      Zu deiner Frage: Ja das mit Prepaid ist sehr kompliziert hier. Die Lösung heißt http://www.bmobile.ne.jp/english/
      Ist Daten-only, also keine Nummer. Reicht aber, und geht mit Skype. 1 Gig kostet so 30 Euro oder so. Teuer aber praktisch, kannst du dir direkt an den Flughafen liefern lassen und bei Ankunft von der Post dort abholen.

  10. Wenn möglich, gerne auch paar Beobachtungen zu Auswirkungen der japanischen Staatsfinanz-Dauerkrise auf japanische Gesellschaft und Wirtschaft aus der speziellen Sicht eines Web-Bloggers. Stand wohl auch einiges Beunruhigendes im vorletzten (Silvester-) Spiegel dazu.

  11. Lieber Martin,
    viel Freude in japan. Ich habe dort fast 1 1/2 Jahre verbracht und habe gute Verbindungen zu der dortigen Start-Up-Szene.

    Gerne vermittele ich dir einen Kontakt und kann dir auch noch gleich einen der besten Wohnorte organisieren, wenn du magst.

    Schreib mir doch einfach mal eine E-Mail.

    Viele Grüße, weiter so!

2 Pingbacks

  1. [...] Anwendung zu einer ernsthaften mobilen Konkurrenz für WhatsApp und Facebook.Seit knapp zwei Wochen befinde ich mich in Tokio. Mittlerweile habe ich mich einigermaßen aklimatisiert und an die neue Umgebung gewöhnt. Für [...]

  2. [...] bin freiberuflich unterwegs und mache eine Menge verschiedener Sachen: Den Hauptteil meiner Brötchen verdiene ich mittlerweile [...]

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