Mail-Lawinen von Startups:
Der Spam, an dem wir selbst schuld sind

Viele Startups buhlten 2012 vergeblich um die Aufmerksamkeit zunehmend gesättigter Webnutzer. Verstärkt greifen die Jungunternehmen zu E-Mail-Lawinen, um dieses Ziel zu erreichen.

Vergangene Woche meldete sich Highlight noch einmal bei mir. Das Startup war in diesem Jahr eins der meist diskutierten auf der legendären Konferenz SXSW in Austin, Texas. Diese hat in der Vergangenheit so erfolgreiche Startups hervorgebracht wie Twitter, Foursquare und – …. nunja Twitter und Foursquare eben. Highlight jedenfalls bedankte sich bei mir, dass ich als einer der ersten dabei gewesen wäre, und informierte mich ungefragt, darüber, dass die Version 1.3 der iOS-App jetzt zur Verfügung stünde, und nebenbei auch eine App für Android.

Ich weiß nicht mehr, ob ich Highlight jemals erlaubt habe, mir Benachrichtigungen über Versionsupdates zu schicken. Das alleine ist auch nicht so schlimm. Das Problem ist, dass beinahe jeder Dienst, bei dem man irgendwann einmal kurz reingeschaut hat, sich plötzlich gehäuft meldet und um Aufmerksamkeit buhlt. Hinter dem Vorgehen steckt Methode. Nur ein Auszug der Mails, die mich binnen einer Woche erreichten:

  • Pinterest sendete mir gestern gleich zwei Mails. In der ersten stand, dass mein Facebook-Freund Karsten X. dem Dienst beigetreten sei. In der zweiten Mail, dass Karsten X. mir dort jetzt folgt. Beides interessiert mich nicht. Zusätzlich kam früher am gleichen Tag noch ein wöchentlicher Pinterest-Newsletter über die populärsten Boards. Ich entsinne mich nicht, ihn jemals abonniert zu haben, kann es aber auch nicht ausschließen.
  • Die Vorabmeldung, dass Flinc in wenigen Tagen neue Apps für Android und iOS veröffentlichen will. Ich gehe schwer davon aus, dass ich eine weitere Mail erhalte, wenn es tatsächlich so weit ist.
  • Auch musicplayr hat jetzt eine iPhone App.
  • Das Hotelportal HRS und die US-Technikmesse CES schicken mir täglich Werbebotschaften. Bei der CES wollte ich mich nach Jahren des Spams irgendwann einmal abmelden, folgte dafür den Unsubscribe-Links, musste bei rund 20 (!) eingetragenen Newslettern das Häkchen entfernen und bekam nach dem Klick auf den Bestätigen-Button die Info, dass der Dienst leider gerade ausgefallen sei. Da hatte ich wohl Pech gehabt. Die Mails kommen weiterhin.
  • Ein einziges Mal nur habe ich bei einem Schwesterportal von Ab-in-den-Urlaub.de ein Hotel gebucht, was der Anbieter zum Anlass nahm, mir nicht nur täglich ungefragt Mails zu schicken, die ich mit Sicherheit nie bestellt habe. Es gab auch ein Probe-Exemplar einer Zeitschrift an meine Postanschrift und einen Werbeanruf per Telefon.
  • Der Geschenkgutschein-Anbieter Wrapp schrieb mir eine Mail, um mich auf Neuigkeiten der App hinzuweisen, die ich auf keinen Fall versäumen dürfe. Ein schwedischer Modeanbieter biete dort nun Gutscheine an.
  • Mein neuer Festnetzanbieter UnityMedia schickt mir einen Newsletter, den ich ganz sicher nicht bestellt habe.
  • Von Google Plus erhalte ich seit kurzem pausenlos Einladungen zu diversen Communitys. Das Feature ging vergangene Woche live. Meine Zustimmung, dass ich für jede Einladung eine Mail bekomme, habe ich nie gegeben.
  • Soundcloud schrieb mir im Abstand von zwei Wochen gleich zweimal, dass man sich neu erfunden habe und damit jetzt an den Start gehe.
  • Hipstamatic hat eine neue App. Moviepilot empfiehlt die besten Apps für die Festtage, eine App namens Cue wies mich auf die neue Version 2.3 hin. Ich habe den Dienst vor Jahren einmal unter dem Namen Greplin ausprobiert, danach nie wieder etwas davon gehört. Jetzt unter dem Namen Cue bekomme ich wieder Mails.

Manchmal sind die Mails ganz sympathisch, gerade von Startups, manchmal allerdings auch aggressive Werbung. Teilweise sind es ganz sicher Mails, die ich ungefragt bekomme. Ich könnte die Nachrichten einfach in meinen Spam-Ordner verschieben, aber selbst den muss ich täglich kontrollieren. GMail markiert dort außerdem ungelesene Mails, mit denen ich mich dann befassen muss. Ich könnte dem meist im Footer genannten Unsubscribe-Link folgen, aber oft genug funktioniert die Abmeldung nicht. Oder ich könnte mich noch einmal einloggen, in die Einstellungen des jeweiligen Dienstes gehen und dort alle Benachrichtigungen ausschalten. In jedem Fall aber muss ich mich mit dem Anbieter befassen, für Dinge, die ich nie bestellt habe, mittlerweile ein Dutzend Mal am Tag.

Aufmerksamkeit um jeden Preis

Ein automatisches E-Mail-Management von Anbietern wie Alto, Unroll.me oder SaneBox kann da etwas Linderung verschaffen. Eine Lösung des Problems ist es aber nicht. Der Benachrichtigungswahn muss aufhören. Früh registrierte, einst befürwortende Nutzer mit einer Lawine ungewünschter Mails zu bombardieren, hat etwas von Verzweiflung. Der Branche geht es nicht mehr so gut, deshalb wird nun alles getan, um sich bei Nutzern wieder in Erinnerung zu bringen. Martin stellte bereits im März die Masche fest, dass Startups gerne ungefragt auf der Facebook-Timeline eines Nutzers posten. Die neueste Unsitte ist also offenbar das ungefragte Anklopfen per Mail.

Bei der Recherche für diesen Beitrag ist mir aufgefallen, dass die letzte klassische Spam-Nachricht, die ich bekommen habe, schon Wochen her ist. Paypal-Konto ausgesetzt, kanadische Potenzhilfen, Junggesellinnen aus Russland – Nachrichten, von denen ich in meinen gängigen E-Mail-Konten seit einiger Zeit geschützt werde. Die neue Art von Spam kommt gezielt; Adresshändler war in dem Fall ich selbst. Den Adressaten habe ich meine Adresse und weitere Daten unter anderen Voraussetzungen gegeben. In Zukunft werde ich wieder sparsamer mit meinen Daten umgehen. Von der neuartigen Spam-Lawine hat also keiner etwas gehabt.

 

Jürgen Vielmeier

Jürgen Vielmeier ist Redakteur bei neuerdings.com, netzwertig.com und dem Euronics Trendblog. Neue Gadgets und Software? Liebend gerne! Aber nur, wenn sie das Leben auch wirklich leichter machen.

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7 Kommentare

  1. Volle Zustimmung – einige Exemplare (- hallo Musicplayr) hatte ich selbst im Posteingang; mein Favorit bleibt sicher fab.com.

    Ganz aktuell ergänze ich noch die Newsletter-Hydra: ich habe bei Eventbrite ein Ticket für einen General Assembly-Kurs gebucht und mit Paypal bezahlt. Noch am selben Nachmittag erhalte ich an die bei Paypal verwendete Emailadresse nicht nur einen freundlichen Hinweis von Eventbrite, dass meine Facebook-Freunde schon weitere Events ausfindig gemacht haben, sondern auch den General Assembly-Gruß mit Verweis auf weitere Kurse, natürlich zusätzlich zu Paypal-Bestätigung und E-Ticket. Immerhin klappte das Abbestellen schnell.

  2. “Der Branche geht es nicht mehr so gut, deshalb wird nun alles getan, um sich bei Nutzern wieder in Erinnerung zu bringen.”

    Möchtest du damit sagen, wenn es der Branche gut gehen würde, man dann weniger Werbemails zugeschickt bekommt? Ich kann mich nicht an eine Zeit erinnern, wo ich weniger Werbemails (was ich nicht als Spam ansehe, da du ja gewollt mal Kontakt zu dem, was du bekommst, mal hattest) bekommen habe.

    • Möchtest du damit sagen, wenn es der Branche gut gehen würde, man dann weniger Werbemails zugeschickt bekommt?

      Nicht zwingend. Es gab immer schon lustige Gesellen, die ihr Heil in möglichst vielen Mails gesehen haben. In letzter Zeit kommen aber gehäuft Mails von Startups, die früher eher die Klappe gehalten haben und jetzt verstärkt auf sich aufmerksam machen. Daraus spricht Verzweiflung: Bemerkt mich, ich brauche euch, sonst drehen sie mir den Geldhahn zu.

    • Hehe, gebe ich dir Recht… Und der eine Teil deiner Überschrift passt echt gut dazu: “…an dem wir selbst Schuld sind” – hatte ich vorhin ein bisschen vergessen, als ich mein Kommentar geschrieben habe.

      Ein bisschen muss man sie aber verstehen – Deutschland hat da noch keinen richtigen Draht zu der hohen Anzahl an neue Start-Ups die gegründet werden – da müssen sie sich einfach so aggressiv um Aufmerksamkeit “betteln”. Und bei mir hat es ein paar Mal schon geklappt, muss ich ehrlich sein. ;)

  3. Als nach der US-Wahl die Journalisten sich gefragt haben, wie Obama denn diesmal noch mehr Geld für den Wahlkampf eingeworben hat als im Jahr zuvor, kam man schnell auf das Thema personalisierte Emails mit Spendenaufforderungen zurück.
    Eine Erkenntnis, die das Wahlkampf-Team dabei gefunden hat, ist, dass es keine Unterschied macht, ob man 1 oder 20 Emails an die gleiche Adresse in kurzer Zeit schickt, da die wenigsten sich die Mühe machen die Emails beim Versender abzubestellen, sondern einfach im Email-Konto zu löschen.

    Mal sehen, ob die Obama-Taktik auch 1:1 auf Online-StartUps übertragbar ist.

  4. Ein Hoch auf die Lean-Startup-Bewegung, die so langsam auch zu uns rüberschwappt und besagt, dass ein Produkt überzeugen muss, nicht das Marketing. Mein Motto: Je mehr Werbung, desto schlechter der Film.

  5. Ach, da gibt es noch einige mehr: Xing, LinkedIn, Visual.ly. Spamordner hilft da wenig. Bei besonders penetranten Absendern habe ich einfach Filterregeln definiert, die diese Mails auf ewig in den Datenjordan befördern. Funktioniert übrigens auch besser als jeder mir bekannte Spamalgorithmus.

Ein Pingback

  1. [...] Mail ein um die ich nicht gebeten habe. Oft sind es PR Agenturen, Backlink Agenturen, Pseudo SEO`s, Startups oder auch Toolanbieter. Bei keinem dieser Spammer habe ich jemals um eine Mail oder gar einen Newsletter gebeten. Ok, eine [...]

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