Last.fm:
Lieber ein Schrecken ohne Ende statt ein Ende mit Schrecken

Kein anderer Internetdienst quält sich und Nutzer so sehr mit wiederholten funktionellen Einschnitten wie Last.fm. Jetzt ist es wieder soweit – zum vierten Mal in weniger als vier Jahren.

Die typische Entwicklung eines Onlinedienstes verläuft so: Er startet mit einer funktionell meist recht beschränkten Version, dem “Minimum Viable Product”, und wird je nach Akzeptanz bei der Zielgruppe sukzessive ausgebaut und erweitert. Den umgedrehten Weg gehen wenige Angebote. Kaum verwunderlich, immerhin verbindet man mit einem anhaltenden Schritt-für-Schritt-Rückbau nicht gerade unternehmerische Prosperität. Nur ein bekannter Webservice schafft es, sein Angebot Jahr für Jahr ein bisschen zu limitieren und damit jedes Mal aufs Neue negative Presse zu produzieren: Last.fm, ein Pionier im Bereich der Musikdienste mit Streaming-Funktion.

Der schon zehn Jahre alte, von einer Reihe Deutscher und Österreicher gegründete Dienst, der 2007 vom US-Medienkonzern CBS für 280 Millionen Dollar übernommen wurde, begann mit seiner Demontage im Frühjahr 2009, als die Funktion personalisierter Radiostreams für Nutzer außerhalb der USA, Großbritannien und Deutschland kostenpflichtig wurde. Drei Euro pro Monat kostete das Anhören der interpreten- und genrespezifischen Radiokanäle fortan für alle Anwender, die nicht in den drei Ländern lebten.

Genau ein Jahr später folgte die nächste Einschränkung: Das On-Demand-Streaming von Titeln, das bis dahin in den drei Kernmärkten USA, Großbritannien und Deutschland kostenfrei möglich war, wurde aufgrund zu hoher Lizenzkosten eingestellt.

Zehn Monate danach war es wieder Zeit für eine Hiobsbotschaft: Sei dem 15. Februar 2011 ist die kostenlose Verfügbarkeit der personalisierten Radiostreams für Nutzer in Deutschland nur noch über die Last.fm-Website möglich. Der Zugriff über die mobilen Applikationen für iPhone und Android sowie andere Hardware kostet seitdem drei Euro monatlich.

Fast wäre es den Londonern gelungen, im Jahr 2012 den Trend des Rückbaus von Funktionalität zu brechen. Fast. Jetzt gab das Unternehmen bekannt (via), abermals sein Radioangebot zu beschneiden: In allen Ländern außer Kanada, Australien, Neuseeland, Irland, Brasilien, Deutschland, Großbritannien und den USA wird das Last.fm-Radio abgeschafft. Die Möglichkeit des Gratiszugriff existiert lediglich in Deutschland, Großbritannien und den USA, und dort nur noch über die Website. Wer über den Desktop-Client oder mobile Apps streamen will, muss für die Abo-Version bezahlen. Immerhin: Die Maßnahme tritt erst am 15. Januar 2013 in Kraft, insofern wird das Angebot am Ende dann doch im gesamten Jahr 2012 unangetastet geblieben sein.

Dennoch erscheint die Art und Weise, wie Last.fm seinen Schrumpfkurs durchführt, aus kommunikationspolitischer Sicht und im Hinblick auf die Außenwirkung äußerst unglücklich. Anstatt einmal für sämtliche, mit Lizenzkosten verbundenen Streamingfunktionen den Stecker zu ziehen und sich anschließend auf die Kompetenzen als Empfehlungsmaschine und Social Music Network zu konzentrieren, scheint das Unternehmen einen langwierigen, qualvollen Abspeckprozess vorzuziehen, bei dem es alle zehn bis 14 Monate abermals das Skalpell zücken muss, weil die Kalkulation nicht mehr stimmt. Frei nach dem Motto “Lieber ein Schrecken ohne Ende statt ein Ende mit Schrecken”.

Wie glaubt noch daran, dass Last.fm in etwa einem Jahr NICHT die komplette Einstellung des Radiofeatures bekanntgeben wird?

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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7 Kommentare

  1. Noch nicht erwähnt, dass einer der lastfm Gründer dabei erwischt wurde, als er versuchte, seinen p.nis in der ubahn an einer dame zu reiben.

    http://gruenderszene.de/n…-belastigungsskandal

  2. Nicht wirklich ein großer Verlust. Ich persönlich nutze last.fm eh nur fürs scrobbeln aus Spotify heraus, solange das erhalten bleibt bin ich zufrieden ^^

  3. Ich stehe eigentlich auf die Last.fm Streams. Aber im Moment bin ich kein zahlender Kunde und nutze sie daher auch so gut wie gar nicht.
    Wichtig ist für mich an dem Dienst vor allem das Scrobbeln von Musikdaten. Dadurch baue ich mir natürlich kontinuierlich eine Empfehlungsdatenbank auf.
    Vor einem Jahr dachte ich noch, Last.fm könnte ein Streaming-Anbieter a la Spotify werden. Jetzt sehe ich eigentlich eher eine Zukunft als integrierter Service IN den bestehenden Streaming-Clients. Keiner hat so gute und ausführliche Daten wie Last.fm. Sie könnten die personalisierten Streams einfach über ihre Spotify-App anbieten, dann haben sie nicht mehr das Lizenzen-Problem, oder sie lassen sich als Recommendation-Service direkt einbauen. Das wäre cool.

  4. War doch nicht anders zu erwarten. Die Firma wurde von den Gründern (auch dem oben erwähnten U-Bahn Fahrer) nach typischer VC-Manier aufgepumpt um dann einen Idioten zu finden, der 280 Mio. dafür bezahlt.
    Martin, mach dir doch den Spaß und gucke mal bei duedil in die Jahresabschlüsse rein. 20 Mio. Verlust angehäuft. Wieso haben die dann 280 Mio. gezahlt?

    Fazit: Wenn der große Exit geschafft wurde und sich alle vom Acker machen, geht es leider oft bergab. So wie bei der Reise nach Jerusalem, da hört die Musik auf und derjenige ohne Stuhl ist der Depp, der die Firma völlig überteuert gekauft hat.

  5. Ich finde das schade, so schade, dass ich fast wünsche, Google, bandcamp oder soundcloud würde das Ding übernehmen …
    Das Srobbeln ist das eine wichtige Ding von last.fm, das andere ist die Möglichkeit, Musik zu entdecken. Ich habe sofort Spotify gebucht, als es auf dem deutschen Markt war, aber ich nutze oft bei Last.fm die Möglichkeit, das Multi Artist Radio oder das Multi Tag Radio zu hören.
    Dadurch entdecke ich entweder viele neue Künstler, die zu den jeweiligen Musikstilen gehören oder habe ein abwechslungsreiches Radio, z. B. mit Elektronic, Neuem Jazz und Neuer Musik.
    Diese Einstellungen sind bei last.fm einzigartig. Dazu gehört natürlich, dass viele gute Künstler ihre Musik last.fm zur Verfügung stellen.

  6. Und noch 2 kleine, aber ärgerliche Änderungen, die nicht sauber kommuniziert wurden: Statt Abos mit freier Wahl der Nutzungsdauer (x Monate) ist jetzt die Verlängerung zwangsautomatisch und muß extra gekündigt werden. Und die Bezahlung funktioniert über PayPal anscheinend nur noch über Kreditkarte, nicht mehr über Lastschrifteinzug. Beides ist um so ärgerlicher, weil meine geliebte Squeezebox nur last.fm und spotify unterstützt.

vgwort