Potenzieller Megatrend im E-Commerce:
Lieferung am selben Tag als Brücke zur mobilen Web-Ökonomie

Heute bestellt, heute geliefert: Ist das einfach nur eine weitere Logistikdienstleistung? Nein. Das disruptive Potenzial dieser Idee kann nicht nur den Handel, sondern auch das mobile Web verändern.

Der 2010 gegründete Münchener Mobilitätsdienstleister Tiramizoo startet in diesen Tagen einen neuen Zustellservice für Käufer auf der Hamburger Shoppingplattform Luxodo, einem Marktplatzbetreiber für Anbieter von Fashion-Beauty- und Lifestyle-Produkten im Luxussegment: 1.200 Kuriere, die als Stadtkuriere bei Tiramizoo registriert sind, stellen gegen Aufpreis in zwölf Ballungsräumen Bestellungen zum Wunschtermin zu. Befindet sich ein Shop in der Nähe des Kunden, ist eine Zustellung innerhalb von vier Stunden möglich. Eine Abendzustellung von 18:00 Uhr bis 20:00 Uhr gehört ebenfalls zum Leistungsumfang. Die taggleiche Lieferung in zwölf Großstädten stellt in diesem Umfang auf Bundesebene ein Novum dar. Anlass genug, die Entwicklung dieses noch jungen Geschäftsmodells und deren wichtigste Player zu betrachten und zu fragen: Wenn Onlineshopping immer mobiler wird, gleichermaßen nun aber auch lokaler, welche Auswirkungen werden die Innovationen im “Same Day Delivery”-Segment dann auf die Entwicklung des mobile Web selbst haben?

Logistikdienstleister für den lokalen Handel

Tiramizoo folgt mit seinen Expansionsbestrebungen vor allem dem internationalen Wettbewerber Shutl, der das Konzept ebenfalls nicht nur auf lokale Spots beschränkt sieht, sondern diese auch als Ausgangspunkt für einen weiteren Ausbau in der Fläche begreift, um künftig auch in ländlichere Regionen vorstoßen zu können. Der dritte interessante Anbieter Postmates hingegen stellt einen hyperlokaler Fokus in den Vordergrund. Einen ausführlichen Bericht zu Shutl und Postmates gibt es hier.

Das “My Taxi-Prinzip” angepasst an die Bedürfnisse des Güterverkehrs

Das Grundprinzip ist jedoch bei allen Anbietern vergleichbar und folgt im technischen Ansatz dem Modell von MyTaxi und Co: Händler und über ein Netzwerk verbundene Kurierfahrer sind gleichermaßen an ein Fahrtenvermittlungsystem eines Dienstleisters angebunden, über das die jeweiligen Abhol- und Zustellaufträge möglichst automatisiert vergeben werden, die vorab von Händlerkunden durch deren Bestellungen ausgelöst wurden.

Direktverkehre für Waren anstatt für Personen. So wie in der Personenbeförderung die Taxi-Zentralen als Intermediäre überflüssig werden, entfällt in diesem Konzept die klassische Rolle des Spediteurs als Vermittler und Organisator lokaler Güterverkehre, da die Tourenplanung rein softwarebasiert erfolgt. An dieser Stelle kommen die neuen Logistikdienstleister ins Spiel, die die entsprechende Systeminfrastruktur zur Verfügung stellen, und zuverlässige Kurierfahrer für ihr Netzwerk gewinnen müssen.

Eigentlich in der Logistik schon für gescheitert erklärt, erlebt hier das Konzept des 4PL sein Comeback: Fourth-Party-Logistics, Dienstleister, die gänzlich ohne eigene Assets am Markt operieren, sondern lediglich Supply Chains auf der Basis von IT-Infrastruktur koordinieren. Galt dieser Ansatz vor nicht einmal fünf Jahren aufgrund technischer Restriktionen als kaum realisierbar, ist er nun dank moderner Technologie in kostengünstigen mobilen Endgeräten umsetzbar.

Amazon, eBay, Google, Daimler, DHL, Nokia und Otto als Markttreiber und Investoren

Das disruptive Potenzial dieses Ansatzes ergibt sich jedoch nicht nur allein aus der technischen Innovation, sondern setzt sich aus mehreren Faktoren zusammen, die deutlicher werden, wenn man die Intentionen der einzelnen Interessenten an diesem Modell betrachtet.

Vorab: Wo alte Mittelsmänner und Gatekeeper durch eine technische Innovation obsolet werden, hier durch Smartphones mit GPS-Modul in Kombination mit webbasierter Tourenplanungssoftware, ergeben sich Potenziale für neue Geschäftsmodelle: Weitere Stufen in der Wertschöpfungskette selbst, wie Point to Point-Verkehre im lokalen Handel vom Händler zum Kunden, die nunmehr rentabel erbracht werden können, oder auch eine gewinnbringende Verknüpfung dieser mit webbasierten Location Based Services, die ebenfalls erst durch diesen neuen Formen einer lokalen Netzlogistik überhaupt erst ermöglicht wird.

Dementsprechend hat das Konzept viele Interessenten auf den Plan gerufen, die sich in diesem neuen Geschäftsbereich entweder direkt engagieren, oder aber Finanzmittel gegen Beteiligung zur Verfügung stellen. Lokale Direktverkehre sind für den Online- wie für den Offline-Handel interessant, für Transportdienstleister und Technologieanbieter. In einer weiteren Stufe auch für die Hersteller von Mobilfunkgeräten und Systemanbieter und damit auch für die Entwicklung des mobilen Internets selbst.

Das Engagement der einzelnen Interessenten folgt demnach auch unterschiedlichen Motiven:

  • Die Otto Group wiederum wartet zwar als Retailer die weitere Entwicklung ab, hat aber über ihre Beteiligungsgesellschaft eVentures bei Shutl ebenfalls einen Fuß in der Tür.
  • Google hingegen ist aus seiner Rolle als Technologiekonzern aktiv: Der Suchmaschinengigant testet zur Zeit mit eigenen technischen Ansätzen einen Same Day Delivery Service für seine Belegschaft. Hintergrund ist der zunehmende Bedeutungsverlust als Suchportal im E-Commerce: Je etablierter die großen Retailer und Marktplatzbetreiber werden, desto weniger nutzen Konsumenten die Suchmaschine für Preis- und Produktsuchen, sondern informieren sich direkt auf den Seiten der großen Marktplätze. Hier möchte man den Anschluss nicht verlieren und die Möglichkeiten ausloten, automatisierte Vermittlungssysteme zukünftig gewinnbringend mit anderen seiner Services verknüpfen zu können.
  • Nokia nimmt in diesem Kanon bis dato noch eine Sonderrolle ein: Zwar engagiert sich der Smartphonehersteller bisher nicht offenkundig in diesem Geschäftsbereich, wird die Entwicklung aber aufmerksam beobachten. CEO Stephen Elop hat sich jüngst klar bekannt: “Scale matters in location, so I want this on as many products as possible.” Anschließend wurde der hauseigene Map-Dienst Nokia Here plattformübergreifend veröffentlicht. Ein Novum. Hier werden weitere Initiativen folgen, denn die Zeichen stehen günstig: Je mobiler das Internet wird, desto mehr werden Location Based Services an Bedeutung gewinnen. Nach einer langen Durststrecke spielt hier die Zeit für den finnischen Hersteller: Je mehr das mobile Internet an Bedeutung gewinnt, desto mehr wird das hauseigene Kartenmaterial aus der Navteq-Übernahme zu einem Asset, was ebenso wie die Erfahrungen als Anbieter von Navigationslösungen gilt. Massenmarkttaugliche Location Based Services, die Navigation, Mobile Commerce und lokale Logistikservices miteinander verschmelzen lassen, stellen hier den nächsten logischen Entwicklungsschritt dar.

Spannende Nische, Megatrend oder disruptive Innovation?

Etwas von allem: Noch ein “zartes Pflänzchen”, oder eine “spannende Nische” für den Handel, in der E-Commerce-Fachwelt erstreckt sich das Meinungsspektrum von “Skepsis” bis hin zu einem “Megatrend” und von Seiten der BWL wird der “disruptive Charakter” hervorgehoben: Wenn jeder ein Kurier werden und sich ohne Zwischenhändler und Disponenten via Smartphone seine Aufträge selbst beschaffen kann, dann wird das das Nahverkehrstransportgewerbe weiter verändern. Wenn die Organisation von Transporten aber gleichermaßen mobil und lokal wird, wird die Lieferung am selben Tag damit letztlich auch das mobile Internet beeinflussen: Als Brücke zu einer Ökonomie im mobile Web, die auf Smartphones Erlösmodelle jenseits der App-Ökonomie oder klassischer Werbevermarktung möglich macht.

(Foto: stock.xchng/mai05)

 

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