Medienwandel:
“Weniger ist mehr” am Beispiel von The Magazine

Die Nachrichten-App The Daily von Rupert Murdochs News Corporation hatte 100.000 zahlende Abonnenten und ist trotzdem gescheitert – vor allem an deutlich überzogenen Plänen. Einen ganz anderen Ansatz verfolgt The Magazine und ist mit der kleinsten und schlichtesten denkbaren Version an den Start gegangen.

“Wer mehr bieten will, muss weniger bieten”, so formulierte es Martin Weigert gestern mit Blick auf Online-Journalismus und die Qualitätsdebatte. Tatsächlich liegt der Blick vieler Online-Redaktionen heute auf Masse statt Klasse. Dafür gibt es zwei Gründe: Zum einen geht es um Seitenabrufe, die sich schließlich derzeit am sichersten in Einnahmen verwandeln lassen. Zum anderen sind es alte Gewohnheiten der Medienmacher, die mit gedruckten Zeitungen und Zeitschriften aufgewachsen sind.

Was das Scheitern von The Daily zeigt

Das beste Beispiel dafür ist die nun gescheiterte Nachrichten-App The Daily, die so etwas wie eine digitale Zeitung auf dem iPad sein sollte. Sie war der bekannte Mischmasch an Inhalten, wie man ihn von der Zeitung her kennt, aber knallbunt und mit viel Multimedia verpackt. Der finanzielle Aufwand für dieses Projekt war offensichtlich enorm. Denn The Daily hatte immerhin 100.000 zahlende Abonnenten. Ein Abo kostete vier US-Dollar im Monat oder 40 US-Dollar im Jahr. Es stand also ein Jahresbudget von rund vier Millionen US-Dollar zur Verfügung – abzüglich Apples Anteil von 30 Prozent und zuzüglich Werbeeinnahmen in unbekannter Höhe. The Daily aber hätte offenbar 500.000 Abonnenten gebraucht, um sich zu refinanzieren. Und das mit einem Angebot, dessen Zielgruppe nie wirklich klar geworden ist, dessen Nutzungserlebnis vielfach als unterirdisch beschrieben wurde und dessen Inhalte sich kaum von dem unterschieden, was man andernorts lesen konnte. Ein Verweis auf einen besonders gelungen Artikel in The Daily ist mir jedenfalls nie untergekommen.

Rupert Murdoch und seine News Corporation konnten hier vielleicht gar nicht anders als gleich den ganz großen Wurf landen zu wollen. Der aber ging daneben, auch weil The Daily am Ende eben doch nur eine Kreuzung aus Tageszeitung und Multimediashow war.

The Daily steht mit seinem Ansatz nicht allein da. Ich hatte hier schon einmal zusammengefasst, woran Tablet-Magazine meiner Meinung nach derzeit scheitern. Ein ganz klares Grundproblem: Sie sind digitalisierte Printmagazine. Die “Wired” auf dem iPad beispielsweise ist ganz klar ein Nebenprodukt der gedruckten “Wired”. Deshalb erscheint die iPad-Version nur, wenn die gedruckte erscheint – obwohl es dafür technisch gesehen keinen Grund gibt. Deshalb sind die Artikel auf Seiten angeordnet, obwohl es im Digitalen keine Blätter mit festen Grenzen gibt. Deshalb ahmt die digitale “Wired” die Optik der gedruckten nach, obwohl andere Lösungen lesefreundlicher wären. Und damit es nicht ganz so auffällt, ergänzt man die iPad-Version um allerlei Kinkerlitzchen wie animierte Titelbilder, die keinerlei Informationswert haben, aber die Ladezeiten verlängern. Wir haben eine Chimäre aus Printmagazin und CD-ROM vor uns, aber kein Magazin, das “digital geboren” wurde.

The Magazine überrascht mit seinem Minimalismus

Anders das Projekt The Magazine. Schaut man es sich das erste Mal an, ist man von der konsequenten Schlichtheit verblüfft. Dem Macher Marco Arment geht es als erstes um die Inhalte. Deshalb gibt es in seinem Magazin momentan nur Texte und kein einziges Bild. Jetzt, wo es erfolgreicher läuft, möchte er sich die erste Illustration leisten.

Dafür legt er viel Wert darauf, die Inhalte auszuwählen. Alle 14 Tage bekommt man fünf neue Beiträge automatisch auf iPad oder iPhone geliefert. Das ist alles. Die Kunst liegt in der Auswahl plus ein wenig nützlicher Magie durch Automatismen von iOS. Marco Arment nutzt mit seinem Magazin als einer der wenigen Apples “Zeitungskiosk”-System so, dass man überhaupt einen Sinn darin erkennen kann. Bei anderen Zeitschriften ist es kaum mehr als ein Ordner, in dem die jeweilige Zeitschriftenapp liegt, in der sich dann wiederum die Hefte finden. Die Ladezeiten für neue Ausgaben sind teils schier endlos, die neuen Artikel von The Magazine sind dagegen von einem Augenblick zum nächsten heruntergeladen. Es gibt keine einzelnen Ausgaben, das Magazin erweitert sich stattdessen alle 14 Tage um die neuen Beiträge. Es gibt nur zwei Anzeigemodi: Das Inhaltsverzeichnis oder den Artikel. Eine Anleitung wie bei anderen iPad-Magazinen ist nicht notwendig. Man blättert nicht, man scrollt – so wie man es von dem Gerät bereits kennt. Möchte man einen neuen Artikel lesen, wählt man den im Inhaltsverzeichnis aus. So einfach kann die Welt sein, wenn man das Prinzip “weniger ist mehr” verstanden hat und nicht stattdessen auf “viel hilft viel” setzt.

The Magazine soll seinen Lesern dabei eines bieten: interessanten Lesestoff. Marco Arment muss nicht auf Klickzahlen schauen. Er muss zusehen, dass seine Leser die Texte interessant und spannend genug finden, um das Projekt zu unterstützen. Das ist eine vollkommen andere Herangehensweise, die vielen der deutschen “Qualitätsmedien” gut zu Gesicht stünde. Wann traut sich einer vom Schlage der Zeit, der FAZ, der Süddeutschen, aus dem täglichen Wettlauf um immer mehr Klicks auszusteigen und stattdessen auf das zu setzen, was ihr Printprodukte einst groß gemacht hat? Gerade wichtige Themen würden dann vielleicht wieder mit dem gebührenden Abstand und der journalistisch angemessenen Sorgfalt behandelt. Man kann im Internet schnell sein, man muss es aber nicht. Man kann in digitalen Medien im Gegenteil sogar so sorgfältig und ausführlich arbeiten, wie es in Printmedien durch begrenzte Seitenumfänge und den stets fest definierten Redaktionsschluss gar nicht möglich ist.

Zweites Beispiel Smashing Magazine

Das Prinzip “weniger ist mehr” ist mir an anderer Stelle schon begegnet: beim aus Deutschland stammenden Smashing Magazine, das sich mit Webdesign beschäftigt. In einem Interview erzählte mir Vitaly Friedmann als einer der Macher, wie sehr sie den Bearbeitungs- und Begutachtungsprozess für jeden Beitrag immer weiter aufgebaut und verfeinert haben. Vor allem haben sie die Erfahrung gemacht, dass ihr Konzept nur bis zu einer bestimmten Artikelanzahl funktioniert. Gehen sie darüber hinaus, nehmen die Zugriffe ab. Mit zu vielen Postings werden die Leser schließlich schon überall im Netz herausgefordert, mit zu gut gemachten Inhalten allerdings selten.

Smashing Magazine ist dabei kein Produkt aus einem alteingesessenen Verlag. Es ist ein Projekt, das direkt im Internet entstanden ist und aus der Blogszene heraus. Es fing klein an und hat sich über die Jahre weiterentwickelt und gesteigert.

Schlusswort

Sowohl The Magazine als auch Smashing Magazine sind dabei in dem, was sie tun, nicht perfekt und eignen sich auch nicht als Vorbild für jedes Thema und jede Zielgruppe. Das ist klar. Aber sie zeigen, dass man auch und gerade im Digitalen ganz anders herangehen kann. Man muss nicht auf Masse als einziges Heilmittel setzen. Man kann es auch mit einem Höchstmaß an Qualität versuchen.

Meine persönliche Überzeugung ist: Es gibt eine Zielgruppe für verlässliche und hilfreiche Informationen, die einen Überblick verschaffen, einordnen und auf hohem Niveau bewerten. Dafür wurde früher bezahlt und dafür wird auch künftig bezahlt.

Es muss den Lesern nützen. Und es muss so gut, so einzigartig, so sympathisch, so treffend oder so unverzichtbar sein, dass die Leser geradezu das Bedürfnis verspüren, es unterstützen zu wollen.

 

Jan Tißler

Jan Tißler ist Leitender Redakteur von neuerdings.com und Autor auf netzwertig.com. Er ist fasziniert von Technik und ein leidenschaftlicher Internetintensivnutzer.

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2 Kommentare

  1. Als gutes Beispiel sollte man auch ruhig netzwertig.com erwähnen:
    Da hier auch immer nur ein paar Artikel pro Tag erscheinen, bin ich ein recht treuer Leser geworden und surfe die Seite (fast) jeden Tag an.

2 Pingbacks

  1. [...] des falsche Assoziationen weckenden Begriffs “Zeitung” verzichtet. In etwa so wie The Magazine von Instapaper-Macher Marco Arment, nur eben für eine breitere Zielgruppe.Qualität vor Quantität. Weniger ist mehr. Selten trafen [...]

  2. [...] nicht nur in Deutschland. Murdochs News Corporation ist gerade mit ihrer News-App „The Daily“ gescheitert. Nun könnte man Leser-Schelte betreiben und die Gratis-Mentalität der User dafür verantwortlich [...]

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