Ära des Post-PC:
Wie sich eine Notebook-Zwangspause auf die Produktivität auswirkt

Tablets sind eindeutig die besseren Geräte für den digitalen Medienkonsum. Doch ein erzwungener Selbstversuch zeigt: Wer häufig Texte im Netz veröffentlicht und viel recherchiert, für den ist der Verzicht auf einen vollwertigen Rechner noch nicht zu empfehlen.

Einen Monat ist es her, da beschrieb ich, wie Tablets sukzessive und schneller als man denkt, heimische Desktop-PCs und Notebooks ablösen werden. Derartige Geräte bezeichnete ich als neue Druckmaschine in Anlehnung an die Tatsache, dass unter den Heimanwendern nur noch leidenschaftliche und professionelle Contentproduzenten auf “vollwertige” Rechner angewiesen sind. Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht, dass ich einige Wochen später dazu gezwungen sein würde, genau für diese Art der Tätigkeit für einige Tage auf mein Ultrabook und damit mein primäres Arbeitsgerät für die Recherche- und Schreibarbeit verzichten zu müssen.

Denn nachdem ich in der vergangenen Woche das Blogwerk-Team in Zürich besuchte, schaffte ich es doch tatsächlich, ohne mein Netzteil wieder nach Hause zu fliegen. Ok, dachte ich mir, dann würde ich noch auf dem Heimweg einen Ersatz im Elektronikfachhandel erwerben. Denkste. Wie sich herausstellte, benötigt mein Asus Zenbook ein sehr spezielles Netzteil, das in meiner Wahlheimat Schweden nur einige ausgewählten Onlineshops führen – und dort wurde es bis gestern als “nicht im Lager” gekennzeichnet. Also blieb mir nichts anderes übrig, als meine Kollegen im Hauptquartier darum zu bitten, mir mein Netzteil hinterherzuschicken. Wie ich der Sendungsnummer entnehme, liegt es momentan beim Zoll und wird nicht vor dem morgigen Mittwoch bei mir eintreffen.

Seit nun fünf Tagen bin ich daher für meine Arbeit auf eine Ausweichlösung angewiesen, die aus einem Uralt-Desktop-PC mit Windows XP, einem dazugehörigen Bildschirm, dessen ich mich glücklicherweise noch nicht entledigt hatte, sowie einem iPad 3 mit zusätzlicher Bluetooth-Tastatur und einem Nexus-7-Tablet besteht. Effektiv kommen jedoch nur der PC und das iPad zum Einsatz, das Nexus 7 verwende ich wegen seines geringen Gewichts primär auf Reisen oder, wenn ich Android-Apps ausprobiere.

Produktivitätseinbruch um 20 bis 30 Prozent

Die Folge der Abwesenheit meines Notebooks in meinem Arbeitsalltag: Ein gefühlter Produktivitätseinbruch von 20 bis 30 Prozent und eine Tendenz, sehr leicht schlechte Laune zu bekommen, wenn allein das Öffnen eines neuen Chrome-Tabs auf dem Desktop zehn Sekunden dauert. Das Arbeiten mit diesem Rechner ist derartig frustrierend und macht so wenig Spaß, dass ich wirklich alle Aufgaben und Prozesse, die sich nur irgendwie über das iPad regeln lasse, dorthin auslagere – selbst wenn sie dort nur mit Behelfslösungen und zusätzlichen Handgriffen durchgeführt werden können. Ein Beispiel: Das Bookmarken von im iPad-RSS-Reader Reeder mit einem Stern versehenen Artikellinks bei Diigo. Da Reeder eine native Integration von Diigo fehlt, muss ich jeden zu bookmarkenden Beitrag manuell im Safari-Browser öffnen und dort das zuvor hinzugefügte Diigo-Bookmarklet (immerhin gibt es das überhaupt fürs iPad) betätigen. Ich bin zwar dankbar dafür, dass dies überhaupt funktioniert, aber es zieht die Bearbeitung von zehn oder 20 zum Bookmarking vorgemerkten Texten ziemlich in die Länge.

Dank meines zusätzlichen iPad-Keyboards ist auch das Verfassen von Artikeln im Rohbau möglich. Die fehlende vollwertige Multitaskingfähigkeit des iPads hat hier den Vorteil, dass man nicht durch Popups von Desktop-Apps oder Mailprogrammen abgelenkt wird (abgesehen von iOS-Push-Mitteilungen, die ich dann lieber abstelle). Gleichzeitig bedeutet dies aber auch, dass ich sehr viel seltener überhaupt einen Blick auf Twitter und meine Mails werfe. Womöglich ist dies ja gutes Training, aber ich bin es nicht gewohnt und fühle mich deutlich schlechter informiert – zumal nicht selten aktuelle Tweets oder eilige Mails die Grundlage für zeitkritische Artikel darstellen.

WordPress gibt sich auf Tablets beschränkt

Hinzukommt, dass die WordPress-App für iOS (sowie Android) im Gegensatz zum herkömmlichen WordPress-Backend beim Zugriff über den mobilen Safari-Browser zwar durchaus komfortabel bedient werden kann, aber schlicht nicht alle Formatierungstools beinhaltet, die vor dem Publizieren eines netzwertig.com-Artikels benötigt werden. Nachdem ich in der Vergangenheit einmal einen bereits veröffentlichten Artikel zerschoss, indem ich ihn über die iOS-App nachträglich bearbeitete, vermeide ich das finale Publizieren aus der App für netzwertig.com ohnehin – und bin also jeweils zum “Umzug” an meinen Steinzeit-PC gezwungen, der dann ein gehöriges Maß meiner Geduld einfordert.

Grundsätzlich dauert das Schreiben eines rechercheintensiven Textes auf dem iPad lange – besonders, weil das Aufrufen der dazu benötigen Websites und Quellen nicht simultan sondern nacheinander erledigt werden muss, regelmäßiges Betätigen des Home-Buttons inklusive. Es ginge auch mit speziellen Fingergesten, aber weniger umständlich erscheint mir das nicht. Auf Dauer macht das keinen richtigen Spaß – und kostet Zeit.

Auch spontane Ortswechsel fehlen mir. Ein Desktop-PC lässt sich nicht einfach in einen Coworking-Space mitnehmen, weshalb ich dieser Tage an meinen heimischen Schreibtisch gebunden bin, anstatt wie sonst nach der Mittagspause einen willkommenen Tapetenwechsel vollziehen zu können und ein wenig unter Leute zu kommen. Und mit dem iPad allein loszuziehen, würde bedeuten, in diesem Zeitraum keinen Rechner in der Nähe zu haben und damit keine Texte veröffentlichen zu können.

Contentproduzenten benötigen “echten” Rechner

Nachdem ich mich hinreichend über meine Fauxpas geärgert hatte, begann ich, den Vorteil der Zwangspause vom Arbeitsrechner zu erkennen, nämlich testen zu dürfen, wie es wäre, komplett vom Tablet abhängig zu sein (die schlechte Verfassung meines Ausweich-Desktops kommt nahezu einer Nicht-Existenz gleich). Und ich fühle mich in meiner anfänglichen These mehr als bestätigt, dass – wer regelmäßig umfangreichere Inhalte produziert und dabei einem gewissen Anspruch gerecht werden möchte – auf einen tragbaren, vollwertigen Rechner nicht verzichten kann.

Die Mehrzahl der Gelegenheitsnutzer wird dies kaum tangieren – sie können ernsthaft darüber nachdenken, sich statt einem neuen Notebook lieber ein Tablet zuzulegen (sofern sie nicht gerade PC-Gamer sind). Wer jedoch von seinem Heimgerät journalistisch arbeitet, häufig und umfangreicher bloggt und sich dabei eine gewisse Flexibilität beibehalten möchte, den wird ein Tablet-only-Ansatz derzeit noch nicht vollständig zufriedenstellen. In zwei Jahren könnte das natürlich schon ganz anders aussehen.

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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14 Kommentare

  1. Mir ging es ganz ähnlich. Als Ergänzung für meinen Büro-iMac habe ich mir damals ein iPad geholt. Doch obwohl die WordPress-App immer besser wird, macht das Verfassen inkl. Recherche einfach keinen Spaß (besonders ohne echte Tastatur).

    Deswegen habe ich mir noch ein MacBook Air geholt, um die Lücke zu schließen. Auf lange Sicht wird wohl das MacBook den iMac ablösen, so dass iPad und MacBook übrig bleiben werden.

  2. Ich benutze ein Android Tablet mit Tastatur-Dock. In der Tastatur hat es einen Netbook-Formfaktor. Android’s Multitasking ist ziemlich perfekt, ich vermisse nichts. ABER, zum finalen Publizieren gehe ich immer an den PC, weil auch mir (ziemlich basale) Formatierungsmöglichkeiten fehlen. Und ich finde auch die Übersichtlichkeit eines größeren Monitors für die finale Korrektur und Ansicht bisher essentiell.

    • Zur Perfektion von Androids Multitasking fehlt mindestens noch die Möglichkeit, mehrere Browserfenster zu öffnen. Ein paar Programme im Mediamarkt z.B. Office für Android wären auch nicht schlecht.

  3. Meine Empfehlung für langsame Rechner: Opera Browser nehmen (und Plugins on demand laden). Chrome mit vielen Tabs ist ohnehin sehr lahm geworden.

  4. Die WordPress App für das iPad ist zwar besser geworden, aber immer noch völliger Schrott. Probier mal Blogsy, aus dem anfänglichen “kannfastnix” ist inzwischen ein sehr mächtiger Blog Editor geworden. Ich hab schon einige Artikel damit geschrieben -und- veröffentlicht, ohne sie am PC nachzubearbeiten.

    Es dauert natürlich länger bis man Links und Screenshots im Blogartikel hat, aber es funktioniert inzwischen recht gut.

  5. Meiner Ansicht nach sind es auch klar die Konsumenten die von Tablets und ähnlichem profitieren. Die Produzenten haben sich so an effektive Abläufe und schnelles Bedienen gewöhnt und gehen mit Multitasking um als würden ihnen 4 Arme und Augen gleichzeitig zur Verfügung stehen.

  6. Das iPad ist bei mir reines Konsummittel. Zum Programmieren oder wie geschrieben zum Recherchieren eignet sich ein Tablet nur sehr bedingt. Mittlerweile nutze ich das iPad gar relativ wenig.

    Im Gegenzug die Frage nach deinem Zenbook. Wie sind die Erfahrungen damit? Lässt sich mit der sehr hohen Auflösung (was mir entgegenkommen würde) gut arbeiten?

    • Ich bin, was Auflösung betrifft, ziemlich anspruchslos, weshalb ich dir glaube ich gar keine genaue Auskunft darüber geben kann. Grundsätzlich bin ich zufriedne, allerdings ist es doch gerade im Akku-Betrieb ziemlich langsam, selbst wenn ich es im High Performance Mode betreibe. Welches Modell ich genau habe, kann ich leider mometan gar nichtnachschauen (kein Strom). War aber nicht höchstperformante, als ich es im Frühjahr erwarb. Insofern vielleicht mein eigener Fehler, da zu sparen.

  7. Word! Ich denke aber mal, dass die technische Entwicklung bald zum Tablet als Einsteckmodul auch als Desktop-PC bzw. heute ja schon als Kombi-Netbook geht. Also als PC eine Art Kasten, wo man das Tablet reinsteckt und an dem dann Tastatur, großer Monitor, Drucker, Anschlüsse für USB und Speicherkarten – evtl. noch DVD-Laufwerk und andere Geräte hängen. Der herkömmliche PC dürfte bald weitgehend Vergangenheit sein. An der Verknüpfung der Peripherie muß freilich noch etwas gefeilt werden.

  8. Es gibt ein Sprichwort, in der Not erkennt man seine Freunde, gleiches gilt auch für Technik. Wenn ein Gerät erstmal ausfällt, merkt man wie man es einsetzt und das es manchmal nicht so leicht zu ersetzen ist.
    Ich habe gleiche Erfahrungen gemacht, nach Ausfall des Notebooks, war ich an einen veralteten Desktop gebunden und ein Tablett gebunden. Dein geschätzter Produktivitätseinbruch empfinde ich zu meinem erlebten sehr gering.

  9. Das mit dem Netzteil kann mir zwar nicht Passieren (ich habe für mein HP EliteBook ein Netzteil für unterwegs und ein zweites das immer zuhause an der Docking Station hängt).
    Trotzdem hatte ich schon einma eine ähnliche Situation mit dem Unterschied das nur ein Uralt Rechner und keine Tablet vorhanden war.
    Darmals (anfang 2008) gabe es bei mir zuhause einen Desktop (Athlon 64 mit Windows XP unn 1GB RAM), der kurz vor Garantiende plözlich nicht merh Booten wollte, und einige Bauteile älterer Computer, der andere (darmals) noch halbwegs Atuelle PC (Athlon XP, 512MB Ram, Windows XP) hatte sich schon eine halbes Jahr zuvor verabschiedet. Also habe ich aus den Alten PC Teilen einen PC zusammengeschraubt um überhaupt ins Internet auf die Support Webseite meines PC Herstellers zu kommen sowieo um meine Mails abzurufen.
    Heute habe ich neben meinem Notebook aber zum GlÜck noch ein 17″ Schlepptop der sogar halbwegs transportabel ist (der Akku mitt ca. 30 Min Laufzeit nur noch als USV dient) und falls das auch versagen sollte noch ein halbwegs schneller Desktop (Athlon 64 X2 4GB RAM ubnd Windows 7) so das ich wohl so schnell nicht zum alleinigen Nutzen des Tablets gezwungen werde :-)

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  3. [...] und foppt die Niederlande. Das Netz ist völlig unnütz, aber großartig! Und auch alt. Laptop nicht dabei haben ist doof, Twittern für 825 Tausend Accounts in Deutschland und den Papst nicht mehr. Die [...]

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