Google+:
Vom Irrtum, mehr Funktionen hieße mehr Erfolg

Leidenschaftliche Anhänger von Google+ beklatschen die Aussicht auf immer neue Funktionen bei Google+. Doch in der Welt des Social Networkings ist mehr nicht automatisch besser.

Google ist zwar das erfolgreichste Internetunternehmen der vergangenen zehn Jahre, aber sieht sich immer wieder mit dem Vorwurf konfrontiert, unbeholfen und tolpatschig zu agieren, wenn es um das Thema “Social” geht, also die digitale Vernetzung von Menschen. Nahrung für diese Behauptung gibt es genug: vom mathematisch-ingenieurswissenschaftlich geprägten Hintergrund der Google-Gründer und der Kernprodukte des Konzerns über gefloppte Social-Web-Dienste wie Orkut, Google Buzz und Google Wave bis hin zu Anzeichen für fehlende Empathie und mangelnde soziale Kompetenz der Google-Entscheider.

Insofern würde es nicht verwundern, wenn Googles Verantwortlicher für das Social-Web-Geschäft, Bradley Horowitz, tatsächlich auf einer Veranstaltung in den Niederlanden gesagt hätte, erst 20 Prozent der anvisierten Funktionen von Google+ sei bisher implementiert. So berichten es heute eine Reihe deutschsprachiger Blogs jubelnd unter Bezugnahme auf das holländische Tech-Blog Dutchcowboys, das bei dem Google-Event dabei war.

Ein derartiger Kommentar würde das Unverständnis der Googler über die Erfolgsfaktoren für ein soziales Netzwerk (oder einen “sozialen Layer”, wie es Google bezeichnet) auf ganz extreme Weise illustrieren. Funktionen statt Use Cases in den Vordergrund zu rücken, entspricht dem lange praktizierten Vorgehen der PC-Hersteller, technische Spezifikationen hervorzuheben. Dann kam Apple und zeigte, wie man Konsumenten durch eine Emotionalisierung und Fokussierung auf die tatsächlichen Alltagsbedürfnisse die Angst vor der IT nimmt.

Nicht die Features eines sozialen Netzwerks sind entscheidend für die massenhafte Adaption (Beispiel WhatsApp). Dass mehr Funktionen mehr Nutzerakzeptanz mit sich bringen, glaubt nur, wer social nicht verstanden hat. Google+ ist seit dem ersten Tag viel zu komplex. Das spricht zwar technologiebegeisterte Männer mit einem besonderen Google-Faible an, aber hilft dem ambitionierten Projekt nicht aus seiner Nische. Eine Reduktion des Funktionsumfanges um 50 Prozent – bei gleichzeitiger Fokussierung auf das Thema Kollaboration – halte ich für deutlich vielversprechender, will Google+ sich tatsächlich zu einer von der breiten Masse und allen Teilen der Bevölkerung bewusst genutzten Plattform mausern.

Wirft man einen Blick auf den Artikel bei Dutchcowboys, stellt man fest, dass der Horowitz in den Mund gelegte Kommentar gar nicht als seine Aussage dargestellt wird. Stattdessen wird Horowitz’ überaus selbstbewusste Prognose, 2013 werde das Jahr von Google+, mit einer von Dutchcowboys im Mai angefertigten Liste über mögliche und angekündigte Google+-Features in Zusammenhang gesetzt und aus dieser abgeleitet, dass davon erst 20 Prozent realisiert wurden.

Es ist somit unklar, inwieweit sich Horowitz zu diesem spezifischen Aspekt geäußert hat, oder ob Dutchcowboys hier schlicht missverstanden wurde. Da ich davon ausgehe, dass der Google-Manager in den 18 Monaten des Bestehens von Google+ durchaus das ein oder andere rund um social hinzugelernt hat, zweifle ich trotz der eingangs beschriebene Tendenz seines Arbeitgebers, die Dynamiken von Beziehungen zwischen Menschen nicht zu verstehen, daran, dass diese Anmerkung von ihm stammt. Ich habe beim Autor um eine Verdeutlichung des Sachverhalts gebeten, bisher aber keine Antwort erhalten.

Allerdings bietet allein Horowitz’ Ankündigung, das nächste Jahr werde das Jahr von Google+, Anlass zur Skepsis. Denn sie impliziert, dass man bei Google noch immer glaubt, den breitflächigen Erfolg von Google+ erzwingen zu können. Ein wenig mehr Demut stünde dem Unternehmen in Bezug auf seinen Hoffnungsträger gut zu Gesicht. Oder hat man jemals die Gründer von Facebook, Twitter, Pinterest, Instagram oder WhatsApp vor dem Durchbruch ihrer Dienste davon schwärmen gehört, dass das nächste Jahr ihr Jahr würde? Wer von seine Qualitäten überzeugt ist, hat derartige Parolen nicht nötig. Horowitz’ bewegt sich da eher auf dem Niveau von Steve Ballmer.

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

18 Kommentare

  1. schon merkwürdig, wenn man bedenkt dass Google mit einem minimalistischen Google Docs eigentlich der Funktionsüberfüllung der Microsoft Produkte den Kampf angesagt hat und jetzt selbst die Funktionsvielfalt im Social Bereich anvisiert.

  2. Insgesamt glaube ich auch nicht, dass die Features Nutzer zum wechseln bringen. Das kann Facebook ja normalerweise ganz schnell kopieren. Was G+ derzeit viel mehr hilft sind die Sponsored Posts bei Facebook. Wenn die Timeline immer mehr vollgemüllt wird mit kommerziellen Botschaften irgendwelcher Firmen, die irgendeiner meiner Facebook-Freunde zufällig ge-liked hat, denke ich, dass G+ mehr und mehr eine interessante Alternative werden könnte. Allerdings nicht wegen der Features.

  3. Kann dem Artikel nicht ganz zustimmen. Facebook war in der Zeit, in der der Boom in Deutschland einsetzte, wesentlich unübersichtlicher, komplexer in der Bedienung und zusätzlich noch weniger hübsch, als es Google+ jemals war. Im Bereich Kollaboration ist Google+ Facebook mit den Hangouts meilenweit voraus.

    Meiner Meinung nach liegt der Erfolg von Facebook nahezu ausschließlich an seiner unveränderlichen Stellung als First Mover. Der Markt war also schon auf ein Netzwerk eingeschossen, bevor Google+ ihn betrat. Das heißt für mich aber nicht, dass diese Vormachtstellung auf alle Zeit in Blei gegossen ist.

    Warten wir doch erstmal das nächste Jahr ab und kommen dann wieder auf diesen Artikel zurück.

    Edit: Ich würde den Begriff “Funktion” hier auch nicht auf reine Dinge auslegen, die man mit Google+ machen kann. Vielleicht handelt es sich auch um Integration, Verknüpfung, Fusion oder wer weiß was.

    • Ihre Gedankengänge haben nur einen Schönheitsfehler: Trotz damals übermächtigem myspace und gefühlten 100 anderen Portalen setzte sich Facebook durch. Facebook war nicht der 1st mover.
      Facebook ist unübersichtlich (auch heute noch), wenig Benutzerfreundlich und und blubbert einen mit unnötigen Statusmeldungen zu, aber trotzdem mit knapp. 1 Milliarde Usern die Nummer 1.

  4. An der Algorhitmen- und Techniklastigkeit von Google ist natürlich was dran. Deshalb hat Google trotz Fortschritten leider auch wenig Neigung zu Ordnung und Strukturen. Die wertvollen komplexen Funktionalitäten von Google+ deshalb um die Hälfte zu rasieren, würde ich aber gerade für, diese Vorteile “mit dem Bade auszuschütten” halten. Sie in der Anwendung einfacher darzustellen böte sicher gute Verbesserungsmöglichkeiten, sie zu beschneiden, halte ich für keine gute Idee. Das ist ja gerade der Vorteil von Google+ als komplexes Online-Managementtool. Diese Vorteile gehören m.M. vielmehr weiter ausgebaut und weiter vernetzt – und eben zugleich einfacher dargestellt. Es geht um bestmögliche Vernetzung und Organisation bei best- d.h. einfachstmöglicher Umsetzung.
    Zweitens geht es natürlich in der Tat auch darum, Google+ als Soziales Netzwerk sozial “sexyer” und attraktiver zu machen. Eine gute Möglichkeit dafür wäre m.M. Googles Schwerpunkt als Informationsdienst. Also der Ausbau zu einem Sozialen Netzwerk mit Schwerpunkt Wissen und Information. Wofür man diesen Bereich viel mehr promoten und hervorheben und stärker ordnen und strukturieren müßte.

  5. Weniger ist mehr: Alle Dienste, die sich in den letzten 10 Jahren weltweit etabliert haben, haben sich in der Regel nicht wegen ihrem Funktionsumfang durchgesetzt, sondern weil sie einen Use Case besonders gut umgesetzt haben.

  6. Ein gewohnt negativer Bericht von netzwertig über Google+.

    Ich kann mich dem Arikel auch nicht anschliesen.

  7. Hm, ich teile zwar deine Meinung bzgl. mehr Features nicht bessers/erfolgreiches Produkt. Was das mit Social-Media zu tun hat weiß ich nicht. Feature creep gibt es überall und nützen tut es überall gleich viel. Das Killer-Feature von Facebook ist schlicht seine Nutzerbasis und die kann man halt nich nachbauen.

  8. Nur wer schon seit Jahren diverse Google-Dienste wie Gmail, Google Maps, Google Latitude, den Google-Kalender, Drive und Picasa nutzt, begreift den Mehrwert den Google+ hier bietet – Endlich die perfekte Integration und Symbiose
    aller Google-Dienste. In Verbindung mit Android nicht zu toppen.

    Nur wer es mal sebst ausprobiert hat, wird verstehen was ich meine.

    Sapere aude

  9. Vielleicht will Google mit dem umgekehrten Ansatz von Facebook Nutzer gewinnen?

    Bei Facebook ist man, weil die Kollegen dort sind, nicht primär wegen den Features.

    Wenn Google+ noch ausgebaut wird, ist man dort, weil man:
    - auf YouTube ist
    - von Android Fotos automatisch hochlädt
    - Dokumente bearbeitet
    - Dateien in Google Drive speichert
    - mit Picasa arbeitet
    - …

    Irgendwann sind die Kollegen dann auch dort und man merkt, dass es einfacher ist, ihnen eine Datei über Google+ zugänglich zu machen als den Link zu Google Drive zu mailen oder bei FB zu posten… Dann beginnt man immer mehr die “sozialen” Funktionen wie Messenger etc. zu verwenden.

    Von daher sind in diesem Fall möglichst viele Features wichtig. Nicht viele Features in G+ direkt, sondern für die Interaktion mit anderen Diensten.

    Mir geht es jedenfalls so: relativ wenige “Nicht-Nerd-Kollegen” nutzen G+ aktiv. Es sind aber immer mehr im Messenger zu finden, weil der bei Android einfach dabei ist.

  10. “Oder hat man jemals die Gründer von Facebook, Twitter, Pinterest, Instagram oder WhatsApp vor dem Durchbruch ihrer Dienste davon schwärmen gehört, dass das nächste Jahr ihr Jahr würde?”

    Ich würde die Frage genau andersrum stellen:
    Haben jemals die Entwickler eines neuen Dienstes NICHT seinen Kapitalgebern oder potentiellen neuen Nutzern erzählt, dass der Dienst die Branche revolutionieren wird? Jede zweite News auf Techcrunch strotzt doch nur von sowas, das scheint mir in der Branche ganz üblich zu sein.

    • Das stimmt natürlich. Für mich ist es aber ein Unterschied, ob man ankündigt, eine Branche revolutionieren zu wollen, oder sagt, dass nächste Jahr sei das Jahr von Dienst XY.

      Vielleicht übertreibe ich, Aber: Selbst wenn ein Großteil der Gründer die Klappe anfänglich weit aufreist, habe ich den Eindruck, dass diejenigen, die wirklich erfolgreich werden, sich am Anfang eher zurückhalten.

  11. Wo war denn Google+ beim Start bitte “zu komplex”??? Einkreisen, lesen, schreiben – das war’s. Und DAS haltet Ihr schon für ZUVIEL für alle ausser “technologie-begeisterten Männern”???

    Google+ ist auch jetzt noch WESENTLICH schlichter bzw. VIEL übersichtlicher als das überladene Facebook, bei dem sich zudem alle 2 Wochen irgendwas ändert. Und selbst das ist für massenhaft nicht-maskuline Menschen ganz offensichtlich kein Problem.

    Google+ ist eine “soziale Klammer” rund um immer mehr Google-Dienste – wer die Funktionen nutzen mag, kann sich dran erfreuen, drauf angewiesen ist Google nicht. Schon gar nicht muss da ein FB2 entstehen mit all dem nervigen KlickiBunti, den Werbe-Strecken und den Mini-Fensterchen, die vom länger schreiben abschrecken.

    Ich bin gespannt auf “mehr Funktionen”, denn ich vermute, die Zusammenbindung aller Google-Dienste macht perspektivisch mehr Nützliches möglich als alles, was FB je angehen könnte. (Ist ja auch klar, die haben ja nur EINE Seite).

    • Ich halte Circles für unnötig komplex. Die Funktionsweise so zu erklären, dass ein Neuling sie versteht, ist deutlich umständlicher, als du es hier tust.

    • Wobei Netzwerke und Netzwerken, das Internet insgesamt natürlich auch gewisse Grundfertigkeiten an komplexem Denken erfordern. Die werden beim Neueinstieg sicher stark gefordert, aber im Erfolgsfall eben auch herausgefordert und entwickelt.
      Es wäre außerdem mal zu untersuchen, ob Google+ tatsächlich so stagniert – also wie die Zahlen und das Entwicklungstempo im Vergleich mit Facebook denn so aussehen.
      Gesetzt, Google+ stagniert tatsächlich, würde man außerdem den selben “Fehler” wie Google selbst machen, die Ursache hierfür vor allem in dessen Techniklastigkeit zu sehen, also selbst den Hauptfokus auf die Technik des Netzwerkes zu richten. Google+ ist meiner Meinung nicht zu technisch, sondern zu wenig sozial. Da passiert inhaltlich zu wenig und wird inhaltlich-strukturell auch zu wenig angeregt und promotet. Die Technik kann noch so gut sein, sie richtet es in einem Sozialen Netzwerk eben tatsächlich nicht allein. Es muß insbesondere in seinem sozialen Hauptzweck attraktiv sein. Deshalb muß man aber seine technischen Vorzüge nicht gleich mit dem Bade ausschütten.

  12. Wem nützen all die coolen Features, wenn Google gerade bei den Unternehmensseiten wie Google+ Local oder aber auch Google+ Seiten nicht auf seine Nutzer eingeht. Wenn ich mir das offizielle Hilfeforum von Google anschaue frage ich mich, warum es hier keinen funktionierenden Support gibt.
    Weniger ist auch im social mehr.

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