Onlineservice des Jahres:
Warum die Abstimmung
dieses Jahr ausfällt

Das zur Neige gehende Startup- und Internetjahr war trotz zahlreicher neuer Apps und Dienste von Kontinuität geprägt. Anbieter, die 2011 Popularität genossen, sind heute umso beliebter, während man nachhaltige Shooting-Stars suchen muss. Unsere Wahl zum Onlineservice pausieren wir daher in diesem Jahr.

Die vergangenen zwei Jahre haben wir bei netzwertig.com jeweils mit einer großen Leserumfrage zum Onlineservices des Jahres abgeschlossen. Dabei baten wir zuerst mehrere Dutzend Bloggerinnen und Blogger mit Tech-Kompetenz aus dem deutschsprachigen Raum sowie einige freiwillige Leser um ihre Top-5-Apps oder -Dienste des Jahres. Daraus erstellten wir eine Liste der am häufigsten genannten Anbieter, aus welcher unsere Leser anschließend eine Woche lang ihren absoluten Favoriten wählen konnten. Sowohl 2010 als auch 2011 ging Dropbox als eindeutiger Sieger aus der Abstimmung hervor. 26 Prozent der 1674 Umfrageteilnehmer wählten den Speicher- und Synchronisationsdienst vor einem Jahr zu ihrem favorisierten Onlineservice.

In diesem Jahr aber haben wir uns entschieden, die Umfrage ausfallen zu lassen.

Sinn und Zweck der Aktion war und ist es, die neuen (!) Apps und Services zu identifizieren, die in den zwölf vorhergegangenen Monaten am meisten für Furore gesorgt und sich und im Bewusstsein der Nutzerschaft verankert haben. Das war auch der Grund, warum wir bei der Vorauswahl darum baten, die bereits etablierten Anbieter wie Facebook, Twitter und die Google Suche nicht zu nennen. Dass diese Dienste populär sind und viel genutzt werden, weiß jeder.

Nachdem wir nun einen Blick auf die elf im Vorjahr zur Abstimmung stehenden Apps und Dienste warfen, kamen wir zu der Erkenntnis, dass die diesjährige Vorauswahl ein im Prinzip identisches Resultat zu Tage fördern könnte: Google+, WhatsApp, Instagram, ifttt, Wunderlist, SoundCloud, Evernote, Reeder, Instapaper, Hootsuite – alles Startups und Angebote, an deren Beliebtheit sich in Kreisen technologiebegeisterter Nutzer ein Jahr später wenig geändert haben dürfte – eventuell mit Ausnahme von Wunderlist, das in den letzten Monaten in Erwartung von Wunderlist 2 nicht mehr merklich weiterentwickelt wurde.

Grübelt man ein bisschen, fallen einem zwar noch eine Handvoll Dienste ein, die es in diesem Jahr ebenfalls in das finale Voting schaffen könnten: Spotify etwa, das seit 2012 auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz verfügbar ist. Pinterest, dessen kometenhafter Aufstieg erst während unserer Umfrage begann. Womöglich könnte auch der Twitter-Konkurrent App.net hinreichend oftgenannt werden, gleiches gilt für die Schnellblog-Plattform Tumblr, deren Durchbruch im angloamerikanischen Raum sich bisher in Europa noch immer nicht vollständig wiederholt hat. Airbnb wäre ein weiterer Kandidat, dito foursquare, das 2010 in der Abstimmung dabei war, es 2011 jedoch nicht in die finale Liste schaffte.

Die Frage, die sich uns stellte: Lohnt es sich, eine für Leser mit einem gewissen “Dauerrauschen” in Form diverser Artikel verbundene Umfrage-Aktion durchzuführen, wenn die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass dabei ein Ergebnis entsteht, mit dem halbwegs informierte Menschen bereits rechnen konnten? Wir glauben, nein, auch wenn wir natürlich nicht ausschließen können, dass uns so die unerwartete Beliebtheit eines überraschenden Newcomers entgeht. Sollte euch ein Service 2012 in besonderer Weise begeistert haben, der in diesem Text nicht genannt wird, dürft ihr diesen sehr gerne in den Kommentaren erwähnen.

Schon im vergangenen Jahr äußerten einige der von uns für die Vorauswahl befragten Experten ihre Zweifel, überhaupt fünf brandneue Dienste nennen zu können, die sie wirklich begeisterten. Auch deshalb halten wir eine Pause für sinnvoll.

Mit ziemlicher Sicherheit lässt sich sagen, dass die bisher vergangenen zehn Monate von 2012 im Vergleich zu den früheren Jahren seit dem Boom des Web 2.0 von Kontinuität geprägt waren, was die Startup- und App-Landschaft betrifft. Obwohl radikal gesunkene Entwicklungskosten, Best Practices, die Verlagerung vom Desktop zu Mobile sowie die idealen Distributionskanäle über soziale Netzwerke eigentlich ideale Bedingungen für in Windeseile die Herzen von Millionen Nutzern erobernden Shooting-Stars bieten, scheint es, als wenn der Löwenanteil unseres Online- und Mobile-Zeitbudgets dennoch für Dienste verwendet wird, die bereits länger existieren – sofern wir sehr kurzfristigen Trends und hohen Fluktuationen ausgesetzte Social Games ausklammern.

An Neugründungen und neu aus dem digitalen Erdboden gesprossenen Apps mangelte es 2012 wahrlich nicht. Der ganz große Durchbruch allerdings blieb eine absolute Ausnahme – hierzulande, aber genauso im Silicon Valley.

Vielleicht wird 2013 anders. Womöglich erweist sich 2012 als Jahr, in dem der Grundstein für zahlreiche Mobile-First-Angebote gelegt wurde, die nun in den kommenden Monaten ihren Siegeszug antreten. Spätestens mit der Wahl zum Onlineservice des Jahres 2013 werden wir die Antwort erhalten.

Anstelle des Votings haben wir uns diesmal etwas anders einfallen lassen, um das Jahr Revue passieren zu lassen. Mehr dazu demnächst!

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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11 Kommentare

  1. schade – war immer eine nette liste um neues zu testen – aber kann ich verstehen

    aus meiner sicht wären mögliche neue in 2012 gewesen
    - square klone apps wie izettle und payleven
    - passbook
    - justbook

  2. Hm, ich bin nicht überzeugt von dieser Argumentation. Das letzte Jahr war m.E. kaum besser als dieses. Gründungen, die 2011 in den Himmel gehoben wurden, haben sich z.T. nicht bewährt (z.B. 6Wunderkinder). Auch 2012 gab es tolle neue Produkte wie etwa Stuffle, 10stamps, Honest.ly, SumUp u.s.w. Die hätten m.E. dieses Forum verdient.

    • Es geht nicht darum, dass es 2012 keine tollen Produkte gab – es gab viele – sondern dass die mit ganz großer Wahrscheinlichkeit die gleichen Produkte Konsenstauglichkeit haben wie 2011. Und die Umfrage in ihrer Form bildet diesen Konsens (unter Early Adoptern) ab.

      Alle von dir als Beispiel genannten Anbieter sind 2012 quasi Long Tail. Vielleicht im nächsten Jahr mehr.

  3. Gute Entscheidung!
    Mich hat das beschriebene Grundrauschen tatsächlich gestört.

  4. Wie wäre es statt dessen mit einer Umfrage im B2B Umfeld ;-)

    die letztjährigen hatten ja alle eher Consumer-Fokus

  5. Im Artikel steht: “Grübelt man ein bisschen, fallen einem zwar noch eine Handvoll Dienste ein, die es in diesem Jahr ebenfalls in das finale Voting schaffen könnten: Spotify etwa, das seit 2012 auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz verfügbar ist.”

    Spotify ist für mich definitiv der Durchstarter 2012. Grund: Bisher hatte ich seit Jahren ein Abo bei Napster. Im März diesen Jahres entschied man sich in deren Chefetagen jedoch, die einwandfrei funktionierende Software durch einen unbenutzbaren Schund zu ersetzen. Also habe ich mich nach Alternativen umgesehen und landete so bei Spotify. Das Napster-Programm ließ ich noch auf der Festplatte und gab Napster einen Monat, das Müllprogramm wieder gegen das alte, einwandfrei funktionierende auszutauschen. Daraufhin erhielt ich eine Mail vom Napster-Kundenservice aus unverständlichen Textbausteinen. Zwischenzeitlich werkelte bei mir bereits erfolgreich das Spotify-Programm. Nachdem auch nach einem Monat bei Napster nicht nachgebessert wurde, habe ich da gekündigt.

  6. Vielleicht müsst ihre einfach die Anforderungen an die zur Wahl stehenden Unternehmen ändern…?!
    Aus Nutzersicht ist es doch sehr spannend zu sehen, welche neuen Plattformen/Apps sich bereits nach kurzer Zeit größerer Beliebtheit erfreuen. Daraus lassen sich a) Trends ablesen und b) zahlreiche neue Services entdecken.

    Beispielsweise könnte man als Kriterium das Alter des Unternehmens (zB max. 3 Jahre?) heranziehen. Oder Unternehmen, die bereits 2011 zur Wahl standen, nicht mehr in die Shortlist aufnehmen (daraus ergäbe sich dann eine Art “Newcomer des Jahres”. Die Aufdeckung der Tatsache, dass Dropbox & Co im Mainstream angekommen sind, ist ja mE nicht Sinn und Zweck Eurer Umfrage.)
    Mich würde es sehr freuen, wenn ihr die Entscheidung nochmal überdenkt.
    VG

    • Danke für die Anregungen. Die Kriterien zu verändern, ist tatsächlich ein Mittel, über das wir nachdenken müssen.

      In diesem Jahr allerdings bleiben wir bei unserer Entscheidung. Auch weil wir die Ressourcen, die in die Durchführung der Umfrage gehen würden, für ein anderes cooles Jahresabschlussprojekt stecken. Dazu wie erwähnt demnächst mehr.

  7. Das klingt natürlich auch spannend.

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  1. [...] Jahr haben wir unsere jährliche Abstimmung zum Onlineservice des Jahres ausfallen lassen. Warum, erläuterten wir vor einigen Wochen. Die Zeit verwendeten wir stattdessen für ein anderes Projekt, das wir in den nächsten Tagen [...]

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