Kooperation mit Grooveshark:
Flattrs Beitrag zum Wandel der Musikbranche

Flattr-Nutzer, die Musik beim umstrittenen Streamingdienst Grooveshark anhören, können sich künftig bei Interpreten mit einer finanziellen Gabe bedanken. Weitere Partnerschaften mit Musikdiensten sollen folgen.

Seit bald drei Jahren kämpft der soziale Microspendendienst Flattr um die Aufmerksamkeit der breiten Masse und darum, dass Nutzer dem schwedischen Service eine monatliche Geldsumme bereitstellen, die anschließend unter den Machern des von ihnen favorisierten Onlinecontents verteilt werden kann. Ein durchschlagender Erfolg außerhalb gewisser thematischer Nischen blieb leider bisher trotz der sehr lobenswerten Idee aus. Doch ungebrochenes Durchhaltevermögen der Nordeuropäer sorgt immer wieder dafür, dass sie neue Hoffnung darüber aufkeimen lassen, dass aus Flattr doch noch eine ganz große Nummer werden könnte. Der jüngste Streich des Startups: Eine Kooperation mit dem Musikstreamingdienst Grooveshark.

Der US-Dienst Grooveshark ist soetwas wie das schwarze Schaf der On-Demand-Musikangebote. Im Gegensatz zu Spotify, Rdio, Deezer und simfy hat der Service keine Lizenzverträge mit Labels und Verwertungsgesellschaften, die ihn daher als illegal ansehen. EMI befindet sich derzeit in einem Rechtsstreit mit dem Unternehmen, dessen Website außerdem seit Jahresanfang nicht mehr aus Deutschland erreichbar ist – initiiert durch Grooveshark selbst, das damit einem eskalierenden Streit mit der GEMA aus dem Weg gehen will.

Flattr-Nutzer in Deutschland werden somit auch nicht in der Lage sein, von der neuen Partnerschaft mit Grooveshark zu profitieren. Diese erlaubt es Flattr-Anwendern, den Interpreten angehörter Titel über Flattr einen Obolus zukommen zu lassen. Das funktioniert, indem sie ihr Grooveshark-Konto mit ihrem Flattr-Account verbinden. Anschließend können sie das sogenannte “Listen and Flattr”-Feature aktivieren. Dieses sorgt dafür, dass jedes Mal, wenn sie bei Grooveshark einen Titel bis zum Ende angehört haben, der dahinterstehende Musiker einen Flattr-Klick gutgeschrieben bekommt.

Flattr hebt hervor, dass 90 Prozent des so von allen Flattr-Anwendern übermittelten Guthabens direkt an den Interpreten geht – Flattr behält standardmäßig zehn Prozent der Umsätze ein. Diese 90 Prozent liegen deutlich über dem, was der durchschnittliche Musiker von den Erlösen aus legalen Streamingangeboten sieht – denn da halten üblicherweise die Labels kräftig ihre Hand auf.

Damit Musiker etwas von ihren Flattr-Einnahmen sehen, müssen sie sich natürlich erst einmal bei dem sozialen Micropaymentdienst anmelden. Bis dahin setzt Flattr auf das schon beim Flattern von Twitter-Konten bewährte Verfahren, Klicks intern zu “speichern”. Die Vergütung für einen Musiker wird also erst in dem Monat anteilig vom Flattr-Guthaben abrechnet, in dem sich dieser bei dem Dienst registriert.

Für die unmissverständliche Zuordnung von Interpreten bei Grooveshark und Flattr-Guthaben setzten die Schweden auf die Dienste der offenen Musikenzyklopädie MusicBrainz. In dem Moment, in dem Nutzer bei Grooveshark einen Interpreten flattern, weist Flattr diese Aktion der eindeutigen MusicBrainz ID des Musikers zu. Taucht der Künstler dann bei Flattr auf, um sein bisher gesammeltes Guthaben einzukassieren, verifiziert das Startup ihn auf Basis der persönlichen MusikBrainz ID. Der entscheidende Vorteil dieser Praxis: Auch andere Musikservices können Flattr bei sich einbauen. Am Monatsende kann Flattr dann einfach überprüfen, wie viele Flattr-Klicks von unterschiedlichen Streamingservices und Musikportalen zu den individuellen MusicBrainz IDs eingegangen sind, und entsprechend vergüten. Flattr-Chef Linus Olsson erklärte uns, dass Gespräche mit weiteren bekannten Musikangeboten zur Integration mit dem Paymentservice aus Malmö laufen. Bereits seit März arbeiten Flattr und SoundCloud eng zusammen.

Durch die Zusammenarbeit bietet Flattr seinen Nutzern eine neue Gelegenheit, ihr freiwillig monatlich bereitgestelltes Guthaben den Erschaffern von kreativem Content zukommen zu lassen – selbst wenn diese den Dienst nicht aktiv nutzen und den Flattr-Button nicht in ihre eigenen Onlinepräsenzen eingebettet haben.

Der kritische Punkt des Prinzips Flattr bleibt weiterhin, wie viele Menschen sich bereiterklären, Monat für Monat ihr Flattr-Konto aufzuladen. Dies wiederum hängt zumindest in Teilen davon ab, ob Nutzer das Gefühl bekommen, mit einer Mitgliedschaft bei Flattr auch tatsächlich diejenigen belohnen zu können, die dies ihrer Ansicht nach verdienen. Aus diesem Gesichtspunkt stellt jede zusätzliche Integration in andere Services eine Verbesserung dar. Und sofern Musiker durch Flattr tatsächlich ihr Einkommen aufbessern können, gewinnt nicht nur Flattr neue Fürsprecher – sondern auch Grooveshark.

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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Ein Kommentar

  1. Ich finde flattr macht in letzter Zeit viele gute Dinge. Auch die Integration in Podcatcher wo dann von den 10% die Flattr selber einbehält ein Teil an den Softwareproduzenten geht der den Flattr-Button bei sich eingebaut hat, finde ich richtig klasse. So bekommt der Inhalte-Ersteller egal wo geflattr wird 90% und die 10% sind für die “Infrastruktur”.

    Da brauchen nur 100.000 Leute die Software nutzen und 5 mal im Monat was flattr. Und wenn der Entwickler jedes mal nur 1 cent abbekommt kann er davon leben und die Software dauerhaft weiterentwickeln.

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