Internetwirtschaft im Wandel:
Duzkultur in Gefahr

Bisher war es in Startup- und Internetkreisen Usus, sich zu duzen. Doch langsam aber sicher scheint sich das “Sie” in die Kommunikation einzuschleichen. Es lohnt sich, bewusst dagegen anzukämpfen.

Duzen oder Siezen?Wer in der Internetbranche und verwandten Industrien tätig ist, der duzt sich – auch wenn man sich zuvor noch nie getroffen hat. Dies galt lange Zeit als unangefochtener Konsens. In der Wikipedia heißt es schön altbacken: “In der Kommunikation per Computer (DFÜ) ist es zumeist selbstverständlich, sich zu duzen, insbesondere für Bereiche, in denen nur junge Leute und Computerfreaks verkehren. In einigen dieser Bereiche gilt das Siezen als eine der stärksten denkbaren Beleidigungen.” Da sich in der Startup- und Webbranche alles um die Kommunikation per Computer dreht und ein Großteil der partizipierenden Personen relativ jung sind, war eine Einbürgerung des Duzens auf breiter Front auch im geschäftlichen Alltag von Onlinefirmen die logische Konsequenz.

Viele Jahre wurden wir im Großteil der Mails an die netzwertig.com-Redaktion ebenfalls geduzt. Doch in letzter Zeit stellen wir eine Veränderung fest. Immer häufiger erhalten wir Siez-Mails. Üblich war dies schon immer bei Mails von PR-Agenturen, woran wir uns gewöhnt hatten. Vermehrt aber beginnen auch die Anfragen von Startups mit einem förmlichen “Sehr geehrtes netzwertig.com-Team” oder “Sehr geehrter Herr…” – selbst wenn sie von Gründern kommen, die gerade erst die Universität verlassen haben. Jüngst erhielt ich eine Mail von einem Twitter-Kontakt. Dieser begann seinen Text damit, darauf hinzuweisen, dass er sicherheitshalber das “Sie” verwende, da er sich unsicher war, ob ein “Du” akzeptabel sei. 

Nun handelt es sich hier lediglich um ein subjektives Gefühl und nicht um eine fundierte Untersuchung dazu, ob das Duzen in der deutschsprachigen Webwirtschaft und angeschlossenen Branchen auf dem Rückzug ist. Allein bin ich mit diesem Eindruck aber zumindest nicht.

 

Es ist nachvollziehbar, wenn frischgebackene Jungunternehmer bei der Kontaktaufnahme mit der Mainstreampresse Skrupel haben, die zuständigen Redakteure sofort zu duzen. Wenn in deren Kommunikation nach außen zu 99 Prozent das Sie Anwendung findet, dann empfiehlt es sich für an einer Berichterstattung interessierte Entrepreneure, auf Nummer sicher zu gehen. Wenn sich aber ein Webunternehmer bei uns per Mail vorstellt und mit “Sehr geehrter” beginnt, dann verrät er uns ungewollt, dass wir es nicht mit einem regelmäßigen Leser zu tun haben. Denn diese wissen, dass wir im Dialog mit der Leserschaft das Du bevorzugen – wie in manchen Texten, in den Kommentaren und auf unseren Social-Media-Kanälen (sowohl die von netzwertig.com als auch die privaten der Autoren) ersichtlich wird.  Peinlich wird das Sie in solchen Mails, wenn sie mit einem Lob für unsere “regelmäßig guten Artikel” beginnen.

Ich bin der Meinung, dass es sich lohnt, sich bewusst für die Fortführung der Duzkultur in Startupkreisen einzusetzen. Und dazu gehört eben nicht nur die Verfahrensweise bei der internen Kommunikation – und in den meisten Jungunternehmen gilt natürlich weiterhin uneingeschränkt das Du – sondern auch beim Austausch mit anderen Akteuren der Branche, seien es im Netz beheimatete Kooperationspartner, Dienstleister, Veranstalter, Business Angels, Investoren oder Berichterstatter.

Die Siez-Frage schafft mentale Kosten

Die Frage des Duzens und Siezens schafft mentale Kosten, sie erfordert es, dass man sich Gedanken darüber macht, welche Anrede in welcher Situation mit welcher Person passend ist. Es entsteht eine Unsicherheit über die korrekte Verhaltensweise. Ergreift einer von zwei Gesprächs- oder Mailpartnern nicht sofort die Initiative, zum Du überzugehen, kommt es entweder zu unbehaglichen und unpraktischen Zwischenlösungen, bei der sowohl das Du als auch das Sie vermieden werden, oder man landet unweigerlich beim Sie – das zwar höflich wirkt, aber das beste Mittel ist, um eine in der Webbranche mit ihrer Unkonventionalität und Spontanität vollkommen kontraproduktive Distanz aufzubauen.

Siez-Kultur baut sinnlose Distanz auf

Der Erfolg von Startups basiert auf guten Ideen, die beim inspirierenden Austausch zwischen Menschen zustande kommen. Die beim Siezen geschaffene Distanz führt zu Bürokratie durch fehlendes Vertrauen und baut unnötigerweise Mauern zwischen Personen auf, deren nicht durch sprachliche Verhaltensregeln behinderter persönlicher Dialog in Ideen gipfeln könnte, welche die Welt verändern. Wer einander siezt, nimmt automatisch eine förmlichere Haltung ein, mit allen Barrieren, die dadurch aufgebaut werden – sei es nur, für jede experimentelle Mini-Kooperation einen mehrseitigen Vertrag aufsetzen zu wollen, als sie einfach mal formlos zu testen.

Es mag Alltagsbereiche geben, in denen die Distanz des Siezens sinnvoll ist (ich bezweifle dies, aber verstehe, dass man dazu unterschiedlicher Ansicht ist). Für die Webbranche aber existieren schlicht keinerlei Vorteile dabei, dem Siezen zuviel Raum zu geben. Im Gegenteil: Es wäre ein weiterer Standortnachteil gegenüber dem in puncto Startupkultur ohnehin schlagfertigeren angloamerikanischen oder auch skandinavischen Raum.

Ich werde im Netzkontext – online wie offline – auch weiterhin bewusst duzen, sofern ich nicht ganz große Bedenken dabei habe, wie das beim Adressaten ankommt, und sofern nicht das Alter oder ein eine besondere Höflichkeit erfordender Status der vor mir stehenden Person doch zum Sie drängen. Je mehr Leute nach dieser Prämisse verfahren, desto sicherer können wir sein, dass wir auch noch in einigen Jahren in der Webwirtschaft von der entspannten, einen hervorragenden Nährboden für unkonventionelle, neuartige Ansätze bietenden Duzkultur profitieren können, und nicht die Mehrzahl unserer Mails mit einem hölzernen “Sehr geehrte(r) Herr/Frau…” beginnen müssen.

Welche Erfahrungen habt ihr zum Thema gemacht?

(Foto:Flickr/BitchBuzz, CC BY 2.0)

 

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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41 Kommentare

  1. Guter Beitrag, dem ich im wesentlichen zustimme.

    Was mir aber schon öfter mal unangenehm aufgestoßen ist: Mails von PR- und SEO-Agenturen, die mich auf bemüht “kumpelige” Weise ansprechen, dabei selbstverständlich duzen und doch nur ihr Anliegen mittels Zielgruppen-typischer Ansprache vermitteln wollen: ich soll über ihr Thema/Produkt schreiben und dabei ihre Keywords und Ziel-Seiten verlinken. Diese Zumutung kommt mit einem Impetus daher, als würden SIE etwas für mich tun, weil das ja interessante Inhalte für meine Leser seien…

    Wenn überhaupt, antworte ich da per SIE….

  2. Neee: “Peinlich wird das Sie in solchen Mails, wenn sie mit einem Lob für unsere “regelmäßig guten Artikel” beginnen.”
    -> Ich lese euch fast täglich, würde aber bei der Vorstellung meiner startUps auch auf das “Sie” ausweichen!
    Es ist einfach (für mich) eine Selbstverständlichkeit, dass ich Personen erstmal mit “Sie” anpreche, egal in welcher Branche!

    Bei Kommentaren hier ist sicherlich das “du” angebracht, aber wenn es um etwas offizielles geht würde ich sofort das “Sie” wählen!
    Jetzt muss ich mir merken, dass ihr das “du” wollt! Wie kompliziert :D

    • Hehe ja also mir geht es nicht darum, irgendwelche Extrawürste zu erwirken. Für mich war es eben bisher immer eine Selbstverständlichkeit, dass man in der Internetbranche duzt. Insofern sehe ich dein “Es ist einfach (für mich) eine Selbstverständlichkeit, dass ich Personen erstmal mit “Sie” anpreche, egal in welcher Branche!” als einen Bruch mit einer für alle Beteiligten bisher guten Konvention.

    • Ich glaube das Problem ist, dass die ganze Internetbranche in den letzten Jahren so unglaublich gewachsen ist.

      Und dennoch, komme ich mir irgendwie komisch vor, wenn ich jemanden eine Email schreibe (was für mich ein “formeller” Vorgang ist) und dabei das du benutzte!
      Ich hätte einfach Angst, dass ihr meine Anliegen einfach in die “Tonne kloppt”…

      Ich will nur nochmal betonen, dass diese Aussage falsch ist:
      “Peinlich wird das Sie in solchen Mails, wenn sie mit einem Lob für unsere “regelmäßig guten Artikel” beginnen.”
      -> Meine Mail wäre auch mit einem Sehr geehrte Damen und Herren oder vllt noch mit “Liebe netzwertig-Redaktion” gekommen!

    • Wir nehmen es aber anders wahr, wenn wir solle Mails erhalten. Auch wenn es gut für unser Verständnis ist, zu wissen, dass das Sie nicht automatisch bedeutet, man würde uns nicht lesen.

      Im Gegensatz zu dir sehe ich den Unterschied “ok in Kommentaren zu duzen, aber bei offiziellen Anliegen zu siezen” allerdings nicht.

      Anyway, letztlich wird genau das deutlich, was ich im Artikel moniere: Mentale Kosten, weil man eben ständig von Fall zu Fall entscheiden muss ;)

  3. Also ich lese auch regelmäßig die guten Artikel von netzwertig.com, aber ich hätte jetzt nicht spontan sagen können, ob der der Leser geduzt oder gesiezt wird.

    Viele Grüße von Zippo!

  4. Ich arbeite in Frankreich und hier wird auch in der Startupszene generell gesiezt, online (auch in der Ansprache der User auf den Homepages der Startups) wie offline. Wenn ich das mit Deutschland vergleiche, denke ich, Du hast auf jeden Fall recht, wenn Du sagst, dass die Kommunikation damit anstrengender wird und keine Vorteile bringt. Es schafft eine Distanz und Starre, die dann schwer zu überwinden ist, vor allem im Vergleich mit dem kontaktfreudigen amerikanischen Raum! Fände ich also auch sehr schade, wenn das Sie jetzt auch bei deutschen Startups mehr wird.

  5. Ich denke das ein Großteil der sogenannten Webwirtschaft einfach nicht mehr so Jung ist wie man glaubt. Zum anderen ist mittlerweile wesentlich mehr Geld im Spiel als noch vor 5 Jahren so dass man nicht mehr ganz so offen ist. Außerdem hat jeder der ernsthaft was mit dem Netz macht Kontakt zu einen Anwalt gehabt. Das zeigt einem deutlich die Grenzen und schafft mehr “Vorabmisstrauen”.

    Außerdem haben sich die Internet-Medien mittlerweile Respekt erarbeitet.

  6. dann verrät er uns ungewollt, dass wir es nicht mit einem regelmäßigen Leser zu tun haben. Denn diese wissen, dass wir im Dialog mit der Leserschaft das Du bevorzugen

    Für einige Menschen ist das SIE jedoch eine Erziehungs- und Anstandssache. Ich Duze wenn ich jemanden Kennengelernt habe, im Internet kommt zwar recht häufig das DU vor, auch bei mir. Jedoch nicht im B2B-Bereich, bzw. dort eher selten.

    Ich finde das Duzen auch völlig in Ordnung und es entspannt auch, aber jemanden quasi zu bestrafen/verurteilen das er jemanden nicht Duzt sondern das Sie bevorzugt, na was ist denn das bitte schön?

    • Es geht nicht um bestrafen oder verurteilen, sondern darum, dass ein Startup, dass uns mailt, weil wir über es berichten sollen, seine Chancen auch dadurch erhöht, indem es eine personalisierte Ansprache duchführt.

    • @Martin

      Durchaus richtig, dagegen sage ich auch nichts :) Aber beim lesen des Artikel kam mir schon das Gefühl, das man das “Sie” doch etwas abwertet.

  7. “dann verrät er uns ungewollt, dass wir es nicht mit einem regelmäßigen Leser zu tun haben. Denn diese wissen, dass wir im Dialog mit der Leserschaft das Du bevorzugen”

    Na und? Am Ende geht es darum, was die Leute zu “verkaufen” haben. Wenn es der heiße Scheiß ist, ist mir doch ein Sie oder Du egal.

    Zudem habe ich im Gegensatz zu Dir ein besseres Gefühl mit dem Sie. So sehr Martin das Gefühl hat, das Sie schaffe eine Distanz, empfinde ich das Du häufig als unangenehme erzwungene Nähe. Gerade bei Startups, die mir mehr als Lifestyle verkaufen wollen, gibt eine entsprechende Ansprache auch eine gewisse Seriösität.

    Zudem ist eine gewisse Distanz und Förmlichkeit immer gut, wenn es mal knallt.

    • Du glaubst nicht, dass das nur reine Gewöhnungssache ist?

      Zudem ist eine gewisse Distanz und Förmlichkeit immer gut, wenn es mal knallt.

      Stimmt. Aber mal ein wenig weiterzuspinnen: Genau weil das “Sie” Konflikte leichter macht, bin ich sogar der Ansicht, dass Streitigkeiten dadurch unnötig ausarten. Deutsche sind in der Welt als sehr konfliktfreudig bekannt, ähnlich wie die Franzosen. Zwei Länder, in denen sehr penibel zwischen Du und Sie getrennt wird. Ich sehe hier einen Zusammenhang. Und nicht unbedingt einen, für den es sich lohnt, einzutreten. Deutschland könnte ein wenig mehr Konsens- und Kompromisssuche imo gut tun. Meine These: Würden sich alle duzen, wäre dies sehr viel einfacher.

    • Das von Dir beschriebene Deutsch- (oder Franzosen-)sein beruht bestimmt nicht auf Du bzw. Sie. Das ist doch etwas tiefer verwurzelt.

      Und wenn man sich den Global Peace Index (ja, ich weiß, das ist sehr weit hergeholt), kann man kein Muster anhand von Du oder Sie festmachen:
      http://de.wikipedia.org/wiki/Global_Peace_Index

  8. Lieber Martin,
    ich duze Dich, da wir uns schon länger kennen. :-)
    Ich finde den Gedanken vor allem deswegen wahnsinnig interessant, weil ich eine fast zu 100 Prozent gegensätzliche Position vertrete. Bevor ich mich allerdings abschließend dazu äußere, wozu ich wahrscheinlich auch mehr Raum brauchen werde, muss ich noch mindestens ein Mal darüber schlafen.

    • Lieber Sachar, da bin ich beruhigt, schließlich glaube ich, dass ich Mit-Auslöser des Artikels bin, indem ich Martin neulich zunächst gesiezt habe. Das Thema und die Debatte finde ich aber hochinteressant – und ich lerne mit jedem Kommentar dazu. Interessanterweise habe ich auch Siez-Kontakte, mit denen ich extrem eng und vertrauensvoll arbeite und wo das “Sie” so gar keine Distanz beinhaltet. Die Diskussion werde ich mit Sicherheit weiter verfolgen.
      Wigan

  9. Ich bin ein großer Sie-Freund, um eine professionelle Distanz zu be- und erzeugen. Andererseits tue ich mich sehr leicht mit dem Übergang zum Du. Die mentalen Kosten bei der Duzerei sind auch nicht ohne, wenn man von der digitalen Seite angequatscht wird.

    Letztlich sehe ich Du und Sie unabhängig vom Kanal. Wer offline das Du bevorzugt, kann dieses gerne auch online tun, wenn es zur Marke passt. Aber bitte in einer gewissen Konsistenz.

  10. Wer stur duzt, ist ein Idiot.

    Es wird versucht, das amerikanische “you” ins Deutsche zu übertragen – bloß gehört dazu auch das “Sir” und “Mam”. Deswegen ist dieses anbiedernde Zwangsduzen fürs Deutsche auch so extrem lächerlich unprofessionell. Es ist im Internet verbreitet, weil es von Kindern getragen ist. Werbemenschen und Nichtskönner halten die leichtgläubigen Fanboys für das Maß aller Dinge und treten auf Augenhöhe mit diesen in Kontakt, daher das Duzen. Schönreden hilft nichts.

  11. Ich bevorzuge auch das Du, absolut, dennoch würde ich bei (förmlichen) Mails vermutlich auch erstmals auf das Sie ausweichen. Ich finde es ist ein Unterschied, ob ich eine unpersönliche Mail sende oder jemandem auf einem Branchentreffen oder Termin persönlich gegenüber stehe. Bei letzterm würde ich auch (abgesehen von den im Artikel stehenden Ausnahmen)das Du verwenden, bei Mails dann eher das Sie.

  12. Es gibt kein SIE Argument. Jeder der drauf besteht, ist ein Vollidiot. So.

    • Schlüssiges Argument Chris, es kann nur so sein. Wie kann man auch kein Idiot sein wenn man pro Sie ist… ganz großes Kino!

  13. Kürzlich ist in China ein Sack Reis umgefallen und in Korea eine Panflöte vom Tisch gerollt.
    Mal im Ernst: Solche Dinge lohnen keine hitzige Diskussion, die regeln sich von selbst – auf dem Weg dorthin sind kleine Ausschläge nach beiden Seiten normal.

  14. Lieber Herr Weigert, das ist ein interessanter und gut geschriebener Beitrag, an dem nichts richtig ist. Ich lösche grundsätzlich jeden Erstkontakt, der mich duzt, aber nicht nur, weil ich das ungehörig finde. Sondern auch, weil ich dann weiß, dass der Absender die Differenzierungsmöglichkeit, die unsere Sprache bietet, nicht nutzen kann oder will. Und das ist doch tödlich in der Kommunikationsbranche, oder?
    Was die “mentalen Kosten” (schönes Wort) angeht, die gibt es doch gar nicht: Wen ich nicht kenne, den sieze ich; und die paar Leute, die ich duze, weil wir uns darauf geeinigt haben, die kann ich mir gerade noch so merken.
    Ich wüsste im übrigen auch nicht, warum in der Startup- und Webszene mehr geduzt werden sollte als in anderen Branchen. Wahrscheinlich, weil mehr jüngere Leute am Start sind, aber sobald es ums Geschäft geht, muss man doch alles Kumpelige sein lassen. Die Amerikaner und Engländer sind mir da auch kein Vorbild: Sie duzen mangels verfügbarer Siez-Wörter.
    Es lebe der Unterschied, finde ich, die Menschen sind nicht gleich begabt, nicht gleich nett, nicht gleichaltrig und nicht gleichrangig. Und weil das so ist, haben wir das Sie – hoffentlich noch sehr, sehr lange.

    • So unterschiedlich kann man das sehen. Ich vermute auch, Deutschland wird das Sie noch lange erhalten bleiben, Insofern werden auch all die Unterschiede und Ränge weiterhin deutlich zum Tragen kommen.

    • Unsere Sprache – und Kultur – hat diese Differenzierungsfähigkeit, und so ist es auch mehr als o.k. diese zu nutzen. (Dieses Argument wird hier angesprochen, und so sehe ich das auch.) Ich schreibe in Blogposts auch “Sie”, finde das zu mir passend bzw. authentisch; wer Deutsch kann, kann auch damit umgehen.

    • Ich finde es etwas eigenartig, dass Differenzierungsmöglichkeit anscheinend pauschal als etwas Positives empfunden wird.

      Diese Annahme kann man ruhig einmal hinterfragen, finde ich. Egal, zu welchem Schluss man kommt.

      Sprache entwickelt sich auch weiter. Das Argument ” unsere Sprache kann das, als mache ich es” kann ich nicht nachvollziehen.

      Zumal unsere Sprache vor 200 Jahren noch ganz anders klang.

  15. Ich hätte ehrlich gesagt auch ein Sie bei einem Anschreiben an euch verwendet. Auch wenn ich schon langjähriger Leser bin und in den Kommentaren du natürlich Usus ist.

    Manche Leute reagieren allergisch auf ein du und dann geht man lieber auf Nummer sicher.

    • Insofern war es gut, dass ich diesen Aspekt im Text angesprochen habe – so lernen auch wir die uns Mailenden besser zu verstehen. Also danke für den Hinweis.

  16. Kurz und knapp: Ich halte das Duzen für unseriös und das Siezen für das Richtige.

    In Blogkommentaren und bei Twitter mag es angehen, aber ich mag weder in Blogartikeln noch von irgendwelchen Personen, mit denen ich auch nur eventuell geschäftlich zu tun haben könnte, geduzt werden – und verbitte mir das gelegentlich auch oder verzichte auf einen Kontakt. Das Duzen ist in meinem Augen eine Auszeichnung, die man sich jahrelang verdienen muß und die sich nicht einfach einer in Selbstbedienung nehmen darf.

    Ich freue mich zu hören, wenn es denn stimmt, dass die Internetbranche, sich nun auch zunehmend des “Sie” bedient und endlich, endlich seriös wird – wurde aber auch Zeit.

    • @ Tom

      Ich schliesse mich ausnahmslos dem Kommentar von “Tom” an. Das “Du” bietet man jemanden an wenn das Vertrauen dafuer vorhanden ist. Bis zum Schritt des “Du” loest das “Sie” alle notwendigen Formen der Kommunikation. Wenn die jugendliche Startup Szene sich aus welchen Gruenden auch immer “duzen” muss, soll und kann sie es tun. Es ist aber grundsaetzlich meine Entscheidung, wem ich das “Du” anbiete bzw. wer mich “duzen” darf.

      Uebrigens, das “You” im Englischen beinhaltet das freundliche “Du” genauso wie das “Sie”, naemlich in der Form des Angebotes z.B. “call me Paul”, oder das man es bis dahin beim “Sir – Madam” oder “Mr – Mrs” belaesst.

      Anyway, there is a wide range of showing respect and being polite to a stranger in the US as well as UK. North Americans would think twice before stepping over someones personal lines by calling him or her by the first name.

      The above German discussion is ridiculous.

      Klaus Kramer
      Canadian

  17. Für die Erstkommunikation (meistens Mail und Telefon) bevorzuge ich bei allen Gesprächspartnern das Sie. Im direkten Gespräch gehe ich sehr gerne und schnell zum Du über.

  18. in dem zusammenhang gefiel mir joel’s gründerszene interview mit rene obermann gut und konsequent ;-)

  19. Hallo du :)

    ich muss ja mal sagen, dass ich Startups, die dich siezen durchaus verstehen kann. In meinem Fall habe selbst ich damals auch lange überlegt, wie ich dich anspreche, wenn ich dir zum Beispiel eine Pressemitteilung schicke. Immerhin hatten wir noch nie Mailkontakt, obwohl auch ich eine regelmäßige Leserin eures Blogs bin. Ich habe dann ernsthaft einen gemeinsamen Bekannten gefragt, ob ich dich in meiner Mail duzen kann :) Erst dann habe ich das gemacht, weil ich dich eben nicht persönlich kannte oder mit dir schon mal Mailkontakt hatte. Viele Journalisten und Blogger trennen das Private vom Beruflichen auch im Netz und würden sich auf die Füße getreten fühlen, wenn man sie quasi kalt mit Du anspricht.

    Ich glaube auch, dass es bezüglich der Unsicherheit oft keinen großen Unterschied zwischen PR-Agenturen und Startups gibt. Auch wenn ich privat im Blog logischerweise mit “Du” kommentieren würde, so ändert sich doch irgendetwas im Kopf, sobald ich als Firma oder eben PR-Verantwortliche für die Firma agiere. Das hat sicher in vielen Fällen nichts damit zu tun, dass man euer Blog nicht liest. Wenn vielleicht ein 2-Mann-Startup kurz vor dem Launch steht und es jetzt daran geht, der Außenwelt mitzuteilen, was man da die letzten Monate so entwickelt hat und ggfl. der PR-Verantwortliche im Startup noch nicht sehr erfahren ist bzw. die Kontakte zur Presse und Blogosphäre noch aufbauen muss, da kann ich durchaus verstehen, dass sie sicherheitshalber erstmal siezen. Immerhin habt ihr schon eine große Reichweite mit netzwertig und die Angst, sich es mit euch aufgrund so einer Formalität zu “verscherzen” ist sicher groß.

    Von daher sollten eigentlich mehr Blogger mal so einen Artikel schreiben.

    Viele Grüße
    Kathi

    • “Ich habe dann ernsthaft einen gemeinsamen Bekannten gefragt, ob ich dich in meiner Mail duzen kann :) Erst dann habe ich das gemacht”

      Find ich sehr gut!

      Und mir hilft so ein Artikel natürlich auch, die Siezer besser zu verstehen. Denn deine Ausführungen kann ich natürlich nachvollziehen.

  20. Uebrigens, das “You” im Englischen beinhaltet das freundliche “Du” genauso wie das “Sie”, naemlich in der Form des Angebotes z.B. “call me Paul”, oder das man es bis dahin beim “Sir – Madam” oder “Mr – Mrs” belaesst.

    Im Englischen verhält es sich etwas anders, da das “you” von der förmlichen auf die informelle Anrede übertragen wurde (als das “thou” verschwunden ist).

    Nichtsdestotrotz habe ich Amerikaner und Engländer als “duzfreundlicher” kennengelernt als Deutsche und Schweizer. Beim Support per Mail nennen sie mich sowieso beim Vornamen, aber auch im persönlichen Gespräch hat sich noch jeder mit Vornamen vorgestellt. Das hat mich sehr erstaunt, zumal es nicht nur in der “hippen IT” so war und die Leute zum Teil wesentlich älter waren als ich.

  21. Ich behelfe mir gelegentlich mit dem unverfänglicheren IHR … also “habt Ihr eigentlich dies und jenes”

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