Mit Gamification zu mehr Lebensqualität:
Wie mySugr Diabetiker zur Datenerfassung bewegen will

Das Wiener Startup mySugr will die Lebensqualität von Diabetikern erhöhen. Gamification und Sponsoring sollen dabei helfen, Nutzer zur erforderlichen Dateneingabe zu bewegen.

Wir haben eine besondere Sympathie für Startups, die digitale und mobile Technologien dafür verwenden, verbreitete Probleme der Menschen zu lösen oder bestehende Problemlösungsverfahren nennenswert zu optimieren – etwas, das uns in der boomenden Internethauptstadt Berlin zur Zeit noch zu selten geschieht. Entsprechend interessiert waren wir, als vor einem Jahr das Wiener Startup mySugr mit seiner App an die Öffentlichkeit trat, die ultimativ für 350 Millionen Diabetiker weltweit die Lebensqualität erhöhen soll.

Die Kollegen von deutsche-startups.de gaben vor einigen Tagen einen ausführlichen Überblick zum aktuellen Stand bei den Österreichern. Nach einer längeren Anlaufphase ist mySugr seit einigen Monaten für iPhone-Besitzer verfügbar. Der Lancierungsprozess zog sich in die Länge, da sich das junge Unternehmen für eine CE-Zertifizierung für Medizinprodukte angemeldet hatte, was eine umfangreiche Dokumentation und Risiko- sowie Qualitätskontrolle erforderte. Mittlerweile ist mySugr in der Risikoklasse 1 (von insgesamt vier Klassen) zertifiziert.

Das Ziel der Anwendung ist es, durch regelmäßiges Eintragen von Blutzucker- und Insulinwerten, Daten zu verzehrter Kost, Stimmungslage und äußeren Faktoren Diabetikern dabei zu helfen, mittels Statistiken und Visualisierungen Muster zu erkennen und ihren Blutzuckerspiegel unter Kontrolle zu halten. “Diabetes ist eine Daten getriebene Krankheit, die als Algorithmus dargestellt werden kann”, so beschrieb es einst mySugr-Mitgründer Frank Westermann in einem Gespräch mit Diabetes Austria.

Nicht alle Diabetiker wollen ihre Daten erfassen

Diese Eigenheit der Krankheit erlaubt es dem Deutschen und seinen zwei Co-Foundern Gerald Stangl und Fredrik Debong zwar, allein über eine mobile App ohne weitere notwendige Hardware oder medizinische Ausrüstung positiven Einfluss auf den Alltag von Diabetikern zu nehmen. Gleichzeitig stellt die Notwendigkeit zur manuellen Datenerfassung allerdings auch eine entscheidende Herausforderung für das Trio dar: Denn die meisten Betroffenen kümmern sich nicht groß um die Krankheit, erklärt uns ein Kenner der Materie, der drei Jahre lang bei einem Pharmaunternehmen im Diabetes-Segment tätig war. Seiner Aussage nach misst das Gros der Diabetiker den Blutzuckerspiegel nur sporadisch und häufig gar nicht. “Diabetes ist etwas Lästiges, entsprechend wollen die meisten so wenig wie möglich damit zu tun haben. Solange keine Folgeschäden vorhanden sind, gibt es auch keine Schmerzen oder sonstigen Beeinträchtigungen”.

Gamification soll zur Datenerfassung animieren

Für das mySugr-Team heißt dies, dass es in erster Linie diejenigen erfolgreich ansprechen kann, die sich bewusst und eventuell aufgrund von Beschwerden mit der Krankheit auseinandersetzen und welche die nötige Selbstdisziplin dafür besitzen, um in regelmäßigen Abständen Blut-, Kost- und Verhaltensdaten einzutragen. Mit Hilfe von Gamification-Elementen möchten die Wiener jedoch erreichen, dass auch weniger disziplinierte oder ihren Blutzucker im Auge behaltende Diabetiker von der Applikation Gebrauch machen. Deshalb gibt es für das Eintragen von Therapiedaten sowie andere Aktivitäten in der App Punkte. Sogenannte “Health Challenges” sollen Nutzer dazu ermuntern, Punkteziele zu erreichen und damit Belohnungen in Aussicht gestellt zu bekommen – wie etwa eine kostenfreie Nutzung der Premium-Features.

Pharmaunternehmen als Sponsor

mySugr setzt auf ein Freemium-Modell, bei dem die Basisvariante der App kostenlos ist. Für die die Pro-Version fallen per In-App-Kauf 3,99 Euro im Monat oder 39,99 Euro im Jahr an. In seinem Heimatmarkt hat das Unternehmen nun mit Sanofi Österreich einen ersten Sponsor für eine Health Challenge gewinnen können. Fleißige mySugr-Anwender können sich dank der Unterstützung durch den französischen Pharmakonzern eine kostenfreie Nutzung aller mySugr-Features erspielen. Ziel ist es etwa, an fünf Tagen im Monat mindestens 50 Punkte pro Tag zu erreichen. 50 Punkte erhält, wer ungefähr fünf Mal pro Tag den Blutzuckerwert, die Insulinmenge und die Anzahl der Kohlenhydrate einträgt. Dafür gibt es dann einen Monat Gratis-Zugriff auf die Premium-Funktionen sowie die Möglichkeit, im nächsten Schritt einen kostenfreien Zugang für ein ganzes Jahr zu erspielen. Neben Werbung in der App erhält Sanofi als Gegenleistung für das Sponsoring auch Zugriff auf die E-Mail-Adressen der Challenge-Teilnehmer – nachdem diese der Weitergabe zugestimmt haben.

Eine derartiges Engagement bei einem Mobile-Startup sei auch für eine etablierte Pharmafirma etwas völliges Neues, freut sich mySugr-Produktchef Debong. Bemerkenswert ist das Sponsoring, weil Sanofi ein eigenes Blutzuckermessgerät inklusive mobiler App vertreibt und damit in gewisser Weise einen potenziellen Konkurrenten unterstützt – oder eben rechtzeitig zähmt.

Nicht ohne Herausforderungen

Bezüglich des Geschäftsmodells scheint mySugr also bereits recht gut aufgestellt zu sein – mit direkten Umsätzen aus In-App-Verkäufen sowie Werbe- und Sponsoringmöglichkeiten für Firmen, die für Diabetiker geeignete Produkte und Dienstleistungen anbieten. Ob das Projekt zum Erfolg wird, hängt primär davon ab, ob sich genug Betroffene finden, welche die App ausprobieren und sich dazu durchringen können, mehrfach täglich ihre Daten einzutragen. Immerhin handelt es sich bei der Mehrzahl der Diabetiker um ältere Jahrgänge, die mitunter wenig mit Smartphone-Apps und Gamification anfangen können. Hinzukommen Bedenken über die Sinnhaftigkeit von Blutzuckermessungen beim verbreiteten Diabetes Typ 2, denen sich mySugr stellen muss, sowie allerlei ähnliche Apps, mit denen das Startup konkurriert. Der junge Anbieter Glooko etwa bietet neben einer App ein Verbindungskabel an, mit dem sich das Smartphone an die sechs führenden Blutzuckermessgeräte anschließen lässt. Die manuelle Datenerfassung erübrigt sich so.

Doch trotz diverser Hürden, die es zu nehmen gilt, spricht einiges für mySugr: Ein sehr benutzerfreundliches, optisch ansprechendes Design, ein solides Geschäftsmodell sowie die eigene Erfahrung der Teammitglieder mit Diabetes – zwei der drei Gründer sind selbst Diabetiker und wissen somit sehr genau, worauf es bei einer App zur Erhöhung der Lebensqualität von Betroffenen ankommt. Für die nächsten Monate ist eine Expansion in weitere Länder neben Deutschland, Österreich und Großbritannien geplant – Anfang 2013 soll es dann in die USA gehen. Für das nächste Jahr ist auch der Launch einer Android-App vorgesehen – der Plattformwechsel sei bei einer medizinischen App nicht ganz einfach, heißt es von den Wienern dazu.

Noch könnten einige potenzielle Nutzer von der Kostenpflichtigkeit der uneingeschränkten App abgeschreckt werden. Erklärtes Ziel des Unternehmens ist es aber, in allen Märkten Sponsoring-Partner zu finden und so für engagierte Anwender eine Gratis-Nutzung zu erlauben.

Link: mySugr

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

Mehr lesen

OvulaRing: Leipziger E-Health-Startup entwickelt intelligenten Vaginalring

26.2.2014, 1 KommentareOvulaRing:
Leipziger E-Health-Startup entwickelt intelligenten Vaginalring

Ein Leipziger Startup hat mit OvulaRing einen intelligenten Vaginalring auf den Markt gebracht. Er liefert Daten, die Paaren bei der Schwangerschaftsplanung und natürlichen Verhütung helfen sollen.

E-Health: BetterDoc liefert Arztempfehlungen von Ärzten

6.5.2013, 2 KommentareE-Health:
BetterDoc liefert Arztempfehlungen von Ärzten

Häufig wissen Ärzte genau, welche ihrer Kollegen die größte Expertise auf einem bestimmten Gebiet besitzen. BetterDoc will dieses Wissen für Patienten zugänglich machen.

E-Health: CrowdMed verspricht Online-Krankheitsdiagnosen ohne Nebenwirkungen

30.4.2013, 1 KommentareE-Health:
CrowdMed verspricht Online-Krankheitsdiagnosen ohne Nebenwirkungen

Das Internet kann Kranken mit wertvollen Informationen weiterhelfen, sie aber auch massiv verunsichern. Das US-Startup CrowdMed setzt auf Crowdsourcing und Anreize, um Diagnosen zu liefern, die mitunter die von praktizierenden Ärzten übertreffen sollen.

Spielmechanik: Mit Gamification der Prokrastination ein Schnippchen schlagen

29.8.2014, 2 KommentareSpielmechanik:
Mit Gamification der Prokrastination ein Schnippchen schlagen

Prokrastination zu widerstehen, ist mitunter sehr schwierig. Unter Einsatz von Spielmechanik allerdings kann es funktionieren. Gamification stellt zumindest teilweise eine Lösung für ausuferndes Aufschiebeverhalten dar. Teil vier unserer Serie.

Gamification: Warum die Paywall für Medien ein Irrtum ist

11.2.2013, 39 KommentareGamification:
Warum die Paywall für Medien ein Irrtum ist

Bezahlschranken, wie wir sie heute sehen, sind keine nachhaltige Lösung zur Monetarisierung von Onlinemedien. Ein Blick auf die Spiele-Branche zeigt, wie mit Journalismus im Netz künftig Geld verdient werden kann.

Digital statt Plastik: Wie Nutzern künftig die Kundenkarte schmackhaft gemacht wird

15.3.2012, 8 KommentareDigital statt Plastik:
Wie Nutzern künftig die Kundenkarte schmackhaft gemacht wird

Die Tage der Kundenkarte sind gezählt. Innovative Startup-Lösungen sollen künftig eine noch bequemere und effektivere Bindung von Konsumenten an Unternehmen, Händler und Marken ermöglichen.

Linkwertig: mySugr, Instapaper, Abos, Facebook

5.6.2012, 0 KommentareLinkwertig:
mySugr, Instapaper, Abos, Facebook

Nach Instagram kommt auch Instapaper auf Android, mySugr offiziell gestartet und mehr.

Startup-Ideen: mySugr und das Interesse  an echten Problemlösern

7.10.2011, 7 KommentareStartup-Ideen:
mySugr und das Interesse an echten Problemlösern

mySugr will mit einer mobilen App die Lebensqualität von 350 Millionen Diabetikern erhöhen. Das Wiener Jungunternehmen ließ sich auf der Startup Week feiern und unterstreicht das allgemeine Interesse an wirklichen, internetgestützten Problemlösern.

Linkwertig: MySugr, Yahoo, Flickr, Google+

7.10.2011, 1 KommentareLinkwertig:
MySugr, Yahoo, Flickr, Google+

MySugr gewinnt die Startup Challenge der Startup Week, Microsoft bekunde ein erneutes Übernahmeinteresse an Yahoo und mehr.

Ein Kommentar

  1. Finde die Idee allgemein gut, aber daraus wieder eine Datenkrake zu machen, halte ich für verwerflich und denke deshalb wird es scheitern.

2 Pingbacks

  1. [...] Sponsoring sollen dabei helfen, Nutzer zur erforderlichen Dateneingabe zu bewegen.Link zur Website Link zum Artikel Empfohlen: 81 Mal3. pepperbill Orderbird ist nicht mehr das einzige Startup aus Deutschland, das [...]

  2. [...] LinkedIn und die Dynamiken des sozialen NetzesTablet-Magazine: Die humpelnde RevolutionReviewsMit Gamification zu mehr Lebensqualität: Wie mySugr Diabetiker zur Datenerfassung bewegen will“Window Shopping”: ShopLove vereint Onlineshops in eleganter iPad-AppMobiler [...]

vgwort