Google Glass und die vierte Welle:
Der menschliche Körper geht ans Netz

Nach den ersten drei Wellen der globalen Vernetzung sind die Anfänge der vierten Welle sichtbar: Der menschliche Körper wird ans Web angeschlossen. Google Glass ist der erste Vorläufer.

Ralf Wienken ist technischer Redakteur und verantwortlich für den Bereich technische Kommunikation der Xinfo Wieland Sacher GmbH.

Die globale Vernetzung, die mit der Verbreitung des Internets in den neunziger Jahren ihren Anfang nahm, ist oft als wellenförmiger Verlauf analysiert worden. Die meisten Forscher unterscheiden drei Wellen, die bis heute durchlaufen. In der ersten Welle wurden die Computer ans Internet angeschlossen. Heute ist ein Computer ohne Internet nicht nur undenkbar, sondern auch sinnlos. Die zweite Welle bestand in der zunehmenden Verbreitung von internetfähigen Mobilfunkgeräten, wie Smartphones und Tablets. Dieser Prozess ist noch nicht abgeschlossen und hat das Internet in unsere Alltagswelt gebracht. Die dritte Welle startet gerade, sie bringt die Vernetzung aller Maschinen, die uns umgeben. Kühlschränke, Autos, Fotoapparate, Roboter – das Internet der Dinge wird alle technischen Artefakte einbeziehen, mit denen wir uns umgeben. Man sieht einen klaren Trend: In jeder Welle erreicht die Vernetzung weitere Lebensbereiche. Dieser Trend wird sich fortsetzen, nur wohin? Immerhin ist nach Abschluss der dritten Welle ja bereits unsere gesamte künstliche Umwelt betroffen.

Vernetzung der biologischen Systeme

Ich glaube, dass die vierte Welle der Vernetzung darin bestehen wird, dass sie sich sozusagen von außen nach innen wendet und den menschlichen Körper einbezieht. Das Einfallstor sind die Sinne, mit denen wir die Umwelt wahrnehmen. Eine Vorform davon ist schon zu erkennen: die zunehmende Verbreitung von Augmented Reality oder erweiterter Realität. Augmented Reality meint allgemein die Erweiterung der Realitätswahrnehmung durch Informationen, die von einem Computer erzeugt werden. Es wird eine zweite, künstliche Ebene in die Umwelt eingeblendet, die in Echtzeit zusätzliche Informationen zur Verfügung stellt. Diese zweite Ebene wird momentan meist durch ein Mobiltelefon oder einen Tablet-Computer erzeugt. Das Display zeigt den durch die Kamera aufgenommenen Realitätsausschnitt, dem die gewünschten Informationen und Objekte hinzugefügt sind.

Anwendungen mit Augmented Reality auf der Basis von Smartphones/Tablet-Computern sind heute schon recht überzeugend. Dennoch: Trotz allen Potentials wird diese Art der Informationsvermittlung eine Übergangstechnologie sein. Sie ist immer noch zu sehr von der zwischengeschalteten Technik abhängig, dem Display, was eine ganzheitliche Sinneserfahrung verhindert.

Wirklich abheben wird die nächste Stufe der Vernetzung in dem Moment, in dem die Informationen direkt in die Sinne eingespeist werden, ohne dass die dafür nötige Hardware für den Benutzer erkennbar ist. Dies lässt sich nicht mit der simplen Informationsübertragung über das Display eines Smartphones vergleichen. Es ist vielmehr ein umfassender visuell-akustischer Sinneseindruck, der die komplette Erfahrung der äußeren Umwelt beeinflusst: halb eingetaucht in die künstliche Realität, halb verbunden mit der Wirklichkeit. Es handelt sich um ein Medium, das noch interaktiver und noch situationsbezogener ist als alles Vorangegangene.

Google Glass ist keine Brille

Der Einstieg in das, was ich mit der vierten Stufe meine, existiert schon: Google Glass. Diese Behauptung mag überraschen, wenn man nur die reine Hardware betrachtet. Und in der Tat, die Hardware ist nichts wirklich Neues, sondern eine Weiterentwicklung von schon Vorhandenem: ein Smartphone wird soweit verkleinert, das es in eine Brille passt, und die Ausgabe der Daten erfolgt nicht mehr über ein Display, sondern direkt ins Auge.

Das Neue ist vielmehr das Konzept, das dahinter steckt. Bei Google Glass handelt es sich nicht um eine Brille, sondern um eine Idee: Die Idee, die Technik komplett vergessen zu können, während sie Daten über die Sinne ins Gehirn überträgt, und während der Nutzer umgekehrt mit der Außenwelt kommuniziert. Man muss nichts einschalten, aus der Tasche holen oder installieren. So wird die Technik zu einem Teil unserer Sinnesausstattung. Sie ist einfach da, wenn man sie braucht, so wie das Auge oder das Ohr. Die Idee hinter der Idee ist, damit einen solch unabweisbaren Vorteil für die Benutzer entstehen zu lassen, dass das Abheben der vierten Welle ausgelöst wird, so wie es in den vorangegangenen Wellen auch schon geschehen ist. Und, nicht zuletzt, um einen riesigen Markt entstehen zu lassen.

Ich glaube, dass genau dies passiert. Der entscheidende Vorteil für die Benutzer ist das ungehinderte Eintauchen in eine virtuelle Realität, in der nicht mehr unterschieden wird, ob die Daten vom Computer erzeugt sind oder aus der Realität stammen. Insgesamt ergibt sich eine noch einmal enorm gesteigerte Einfachheit und Schnelligkeit der Informationsbeschaffung und der Kommunikation. Ein von Apple her bekanntes Prinzip, das die vierte Welle anschieben wird.

Google arbeitet längst an der notwendigen Infrastruktur. Die Entscheider dort wissen genau, dass nicht allein die neue Technik über ihren Erfolg entscheidet. Die ganze Umgebung muss stimmen: die Serverfarmen, die Software (etwa zur Spracherkennung oder zum Tracking der Augenbewegungen), das Marketing, die gesellschaftlichen Bedingungen. Dies ist bei jeder neuen Technik zu beobachten. Die Leistung Edisons beispielsweise war es nicht, die Glühbirne zu erfinden, sondern die Bedingungen zu schaffen, unter denen sie sich durchsetzen konnte.

Das Ende der vierten Welle

Übrigens ist mit Google Glass heute schon der Endzustand der vierten Welle vom Prinzip her definiert. Alles was noch kommt, werden Weiterentwicklungen sein, wahrscheinlich in Richtungen, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können. Die Datenbrille selbst zum Beispiel wird in kurzer Zeit veraltet sein, und nach fünf Jahren dürften sich viele darüber wundern, wie primitiv die alte Technik doch war. Aber das Prinzip wird bei jeder neuen Hardwaregeneration das gleiche sein: Die Technik zur Datenübertragung ist Teil unserer Sinnesausstattung. Wahrscheinlich wird es irgendwann sogar möglich sein, die Daten direkt ins das richtige Hirnareal einzuspeisen. Aber selbst dann sind die Sinne nicht zu umgehen, denn das Gehirn muss die Daten genau in der Sprache empfangen, in der sie normalerweise von den Sinnen geliefert werden, sonst kann es sie nicht verarbeiten.

Abgesehen von der Erweiterung der Sinne sind sicherlich viele weitere Anwendungen möglich, die den Körper ans Netz anschließen. Denkbar sind vernetzte Prothesen, Herzschrittmacher mit Anschluss an eine Datenbank, digitales Doping oder virtuelle Realitäten, die besser sind als jede Droge. Ich habe das in diesem Artikel bewusst außen vor gelassen, denn das meiste ist zum heutigen Zeitpunkt doch Spekulation.

Ralf Wienken ist technischer Redakteur und verantwortlich für den Bereich technische Kommunikation der Xinfo Wieland Sacher GmbH. Ein wichtiges Arbeitsgebiet des Unternehmens ist die Entwicklung von Applications für den industriellen Bereich.

 

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Google Glass kann jetzt auch vom gemeinen Volk erworben werden und mehr.

8 Kommentare

  1. Oh, Transhumanismus bei netzwertig!? Gut! Mehr bitte! Klasse Text, Herr Wienken!

    Zum Thema: Das werden spannende Zeiten; allerdings sehe ich die “Ethik der Mitt-Westler” etwas hinderlicher; und bin nicht ganz so forsch, was das mit den “in 5 Jahren ist das alt” angeht. Dazu hängt hier (BRD) einfach noch zuviel konservatives CDU-Pack rum. ICH jedenfalls bin der erste, der so ne Brille hat. Wenn sie nach Brille aussieht ;)

    • Ach ja, die Ethik. Hatte ich ganz vergessen, weil’s mir zu langweilig erschien. Muss man wirklich daran erinnern, dass sich schon die Griechen und die Römer über die schrecklichen Veränderungen und den daraus folgenden Niedergang und die Verrohung der Jugend beklagt haben? Und hat’s den Lauf der Geschichte irgendwie zurückgehalten?

      Gruß

      Ralf

  2. Musste gerade an die Borg denken.

  3. Salve!

    Vor der 4. Welle der “Sichtkonvertierung” wird sicher ein in die Netzhaut implantierbarer Chip mit allen Funktionen, die sodann visuell steuerbar sein werden, angeboten – die Frage, die uns dann bleibt: Avisieren wir lieber einen Daumen oder ein Pluszeichen?
    In diesem digital-augmentierten Sinne verbleibe ich mit Greeetz
    Sabine

  4. Eine Technik wie Google Glass fügt kombiniert aber nicht die Realität mit der virtuellen Realität, sondern sie integriert sie, sodass die virtuelle Realität mit der hier beschriebenen 4. Welle endlich das Virtuelle verliert und zur Realität wird. Das ist ein guter Schritt, denn sie war längst auf dem Weg dahin und wurde immer nur aufgehalten vom Tun: dem Herausnehmen, Hervorziehen, Anschalten des Devices. Das Sehen und die übrigen Sinne sind immer an.

    Die nachgezeichneten 3D-Städte von Google Maps könnte ich mir auf die echten legen lassen. Dann sind die, die jetzt noch echt genannt werden, vielleicht bald nicht mehr die, die wir brauchen, weil sie weniger klar wird.

    Das könnte die 5. Welle werden: Die Ablösung des dann Dagewesenen.

  5. Wenn ich bereit bin, meine Wahrnehmungskanäle (im Hirn!) anzubinden und mich ggf. Kontrolle, Manipulation oder Angriffen zu öffnen (s. Total Recall), werde ich heute unmögliche Erlebnisse haben können.

    Insbesondere im “Adult Entertainment” gibt es ja schier unglaubliche Möglichkeiten.

    • Hallo TvF,

      Hast recht. An adult entertainment hatte ich gar nicht gedacht, warum auch immer. Wieder ein Argument mehr, dass die vierte Welle nicht aufzuhalten sein wird.

      Gruß

      Ralf

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