Kuration von Onlineinhalten:
Quote.fm übernimmt, wozu der Google Reader nicht mehr fähig ist

Vor fast einem Jahr beschnitt Google sein RSS-Werkzeug Reader – zum Leidwesen mancher lesefreudiger Nutzer. Mit der neuen iPad-App füllt das aus Hamburg stammende Startup Quote.fm diese Lücke endlich.

Fast ein Jahr ist es nun her, dass Google im Zuge seiner strategischen Umgestaltung sein RSS-Tool Google Reader um einige praktische Funktionen bereinigte. Was dabei besonders traurig war: Der Wegfall der eingebauten Funktionen “Shared Items” zum Weiterempfehlen von Artikeln aus RSS-Feeds für andere Google-Reader-Nutzer. Der Internetkonzern sah wenig Sinn darin, neben seinem damals einige Monate alten sozialen “Layer” Google+ in seinen Diensten parallel noch weitere, eigenständige Systeme zur Interaktion von Usern anzubieten. Widerstand und Proteste gab es zwar, konnte die Maßnahme aber nicht verhindern. Schon beim Google Reader selbst handelt es sich um ein Tool für eine sehr spitze, sehr aktiv eine große Zahl an Onlineinformationen konsumierende Nutzerschaft, von der wiederum nur ein kleiner Teil von den Shared Items überhaupt Gebrauch machte. Wir wissen jedoch, dass das Feautre bei zahlreichen Leserinnen und Lesern von netzwertig.com beliebt waren.

Zwar gewöhnte ich mich im Laufe des Jahres langsam an das Fehlen der immer sehr interessanten Leseempfehlungen meiner einstigen Google-Reader-Kontakte und versuche seitdem, Linkempfehlungen der von mir bei Twitter gefolgten Anwender stärker zu berücksichtigen, die ich dann jeweils via ifttt in Instapaper oder via Flipboard lese. So ganz wunschlos glücklich bin ich aber mit diesem Workaround nicht, denn bei Twitter werden vorrangig tagesaktuelle Inhalte und Eilmeldungen verlinkt, weniger Analysen und längere Texte aus nicht so bekannten Quellen. Doch seitdem das aus Hamburg stammende Startup Quote.fm seine iPad-Applikation präsentierte, vermisse ich die Shared Items überhaupt nicht mehr.

Wir haben in der Vergangenheit schon häufiger über Quote.fm berichtet. Persönlich mache ich aus meiner Sympathie für den jungen Dienst auch keinen Hehl (was mich nicht daran hindert, Kritik zu äußern – siehe unten). Bei dem kostenfreien Service empfehlen sich Nutzer über Browser-Erweiterungen einander lesenswerte Onlineinhalte, und zwar über spezifische Absätze oder Zitate, die sie Markieren, und die ihre Quote.fm-Follower anschließend in ihrem Stream vorfinden. Schon immer befand sich Quote.fm konzeptionell damit nicht so weit von den Shared Items des Google Reader entfernt – doch da man im Gegensatz zu dem RSS-Werkzeug für die Lesetipps extra eine neue Anwendung im Browser besuchen musste, existierte eine höhere Barriere für eine regelmäßige Anwendung.

Doch seitdem die iPad-Applikation von Quote.fm ihren Weg auf mein Apple-Tablet fand, vergeht kaum noch ein Tag, an dem ich nicht wenigstens einen kurzen Blick auf die Artikeltipps meiner Kontakte werfe oder selbst einen spannenden Beitrag aus dem Netz dort verbreite. Veröffentlicht wurde die App vor knapp zwei Wochen, ich konnte allerdings seit Anfang August eine Beta-Version ausprobieren. Gut sechs Wochen später steht mein Fazit fest: Quote.fm auf dem iPad macht um ein Vielfaches mehr Spaß als Quote.fm im Browser, wo ich nur selten vorbeischaue, und hat für mich mittlerweile als Lieferant von durch Menschen kuratierte Leseempfehlungen den Status erreicht, den einst die Shared Items des Google Reader einnahmen.

Besonders nützlich an der Quote.fm-App ist das eingebaute “Read it later”-Feature, das ich bei meinem ersten Blick auf die Anwendung Anfang August völlig übersah. Wer keine Zeit hat, einen im Netz gefundenen Artikel sofort zu lesen, kann diesen über die Quote.fm-Browsererweiterung oder direkt über die iPad-App zum späteren Lesen vormerken. Analog zu Diensten wie Instapaper und Pocket (ehemals Read it Later) wird der jeweilige Text dann von seinem ursprünglichen Layout befreit und kann in purer, augenfreundlicher Fassung in der iPad-App betrachtet und von dort auch direkt per Quote.fm empfohlen werden. Mittelfristig hoffe ich im Sinne der App-Konsolidierung darauf, auf Instapaper gänzlich verzichten zu können, derzeit fehlen Quote.fm allerdings noch wichtige Integrationspunkte mit anderen Webservices (wie etwa ifttt oder Flipboard), wie sie Instapaper aufweist – die erforderliche API ist aber vorhanden.

Mittlerweile habe ich bei Quote.fm die Artikeltipps von gut 100 Personen abonniert. Noch hält sich die Aktivität mancher davon zwar in Grenzen, aber seit dem die iPad-Anwendung im App Store steht, vernehme ich ein Ansteigen der täglichen Empfehlungen. Zumal die App natürlich auch einfach zum Konsum der Inhalte verwendet werden kann, die andere bei Quote.fm verbreiten, ohne dass man selbst unter die Kuratoren geht.

Wer freiwillig oder aus beruflichen Verpflichtungen viel Zeit dafür aufwendet, digitale Inhalte zu lesen, und mit Hilfe anderer Nutzer auch Quellen abseits des “Mainstreams” und der einschlägigen Nachrichtenportale und Blognetzwerke im Auge behalten möchte, der sollte Quote.fm in jedem Fall testen – auch deshalb, weil es in seiner Form im Netz eigentlich einmalig ist. Dieses Prädikat heißt jedoch nicht, das die Elbstädter bereits den Zustand der Perfektion erreicht haben. Abgesehen von gelegentlichen Bugs in der App, die zeitnah behoben werden dürfte, und der stetigen Gefahr juristischer Auseinandersetzungen mit der Verlegerlobby (Stichwort Leistungsschutzrecht) habe ich folgende Bedenken:

  • Sich jeweils ein Zitat oder einen Absatz aus einem Text herauspicken zu müssen, kann manchmal einiges an Zeit in Anspruch nehmen. Ab und an stoße ich auch auf Beiträge, die ich unbedingt bei Quote.fm anpreisen möchte, die aber einfach keine gute Stelle zum Hervorheben in meinem Quote.fm-Stream mitbringen. Notlösung ist dann, einfach die Überschrift als Zitat auszuwählen. Sofern sie aussagekräftig ist.
  • Die Analogie zu den Shared Items des Google Reader heißt natürlich auch, dass Quote.fm in seiner jetzigen Form eine ähnlich spitze Zielgruppe anspricht – und es damit schwer haben wird, in den Mainstream vorzustoßen. Eventuell ist dies gar nicht der Plan, es wäre aber für die geplante Monetarisierung über kostenpflichtige Premiumkonten hilfreich.
  • Die Discovery-Funktion, mit der sich in der Quote.fm-Community besonders populäre Artikel aus verschiedenen Themenbereichen auffinden lassen sollen, spült seit Wochen die gleichen Beiträge nach oben. Zeitliche Filter wären wünschenswert.
  • Keine fakultative Login-Möglichkeit über bestehende Social-Web-Anbieter wie Facebook oder Twitter.
  • Beschränkung auf iOS. Quote.fm-Mitgründer Marcel Wichmann erklärt zumindest, dass man der Entwicklung einer Android-App gegenüber nicht abgeneigt sei.
  • Der starke Designfokus und die Detailverliebtheit von Quote.fm sprechen nicht jeden an. “Mir zu schön” war ein Urteil, das ich im Gespräch hörte. Geschmackssache.

Das vierköpfige Team hat also noch einige Hausaufgaben zu erledigen und Herausforderungen zu meistern. Alles andere wäre aber ohnehin nicht normal.

Was bei Quote.fm Spaß macht: Ein Blick auf die öffentliche Statistik. Mit 9936 registrierten Mitgliedern zum Zeitpunkt des Schreibens könnte heute die Marke von 10.000 erreicht werden. 48.307 Artikel wurden bisher von 8548 unterschiedlichen Quellen empfohlen.

Link: Quote.fm

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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