Pinterest:
Auf den Hype folgt… Wachstum

Vor bald einem Jahr schob sich der visuelle Bookmarkingdienst Pinterest schlagartig in das Bewusstsein einer breiten internationalen Öffentlichkeit. Verschiedene Statistiken deuten darauf hin, dass für das kalifornische Startup auf den Hype kein kritischer Einbruch beim Wachstum folgt.

Kein Onlineservice sorgte zum Jahreswechsel 2011/2012 für mehr Aufmerksamkeit als Pinterest , der Bookmarking-Dienst für Fotos und Bilder. Damals schon mehr als zwei Jahre alt, ließ sich das anfangs von einer vorrangig weiblichen, amerikanischen Nutzerschaft eingenommene Startup aus Facebooks einstigem Heimatort Palo Alt einige Zeit, bevor es ins Visier von Presse und anderen demographischen Gruppen abseits von US-Hausfrauen gelangte. Doch war der Tipping Point erst einmal erreicht, entwickelte sich die für Internethypes typische Aufwärtsspirale aus verstärkter Medienbewachung, zunehmender Sichtbarkeit in sozialen Medien und steigenden Anwenderzahlen. Ein Jahr davor ließ sich Ähnliches bei der Frage-Antwort-Community Quora beobachten. Allerdings folgte bei besagter Q&A-Plattform auf den rasanten Aufstieg der fast unvermeidliche Einbruch bei Euphorie und Neuregistrierungen, und auch heute ist der nach wie vor sehr nützliche Dienst nicht über seinen Nischen-Status hinausgekommen – selbst wenn es bergauf geht.

Eine derartige Dynamik ist typisch für den Lebenszyklus von auf der viralen Welle schwimmenden Endnutzer-Angeboten. Es sprach eigentlich wenig dafür, dass Pinterst eine Ausnahme darstellen würde. Doch selbst wenn sich die Nennungen von und Berichte rund um Pinterest in den Twitter-Streams und RSS-Feeds von Social-Media-Apologeten und Early Adoptern in den letzten Monaten verringert haben sollten, deuten verschiedene Metriken darauf hin, dass Pinterest bald ein Jahr nach seinem gefühlt sehr schlagartigen Durchbruch eher in Richtung Olymp denn Tal der Ernüchterung strebt.

Zwar zeigen die bedingt verlässlichen Trafficstatistiken von Alexa und Google Trends für Websites ein seit längerer Zeit anhaltendes Plateau bei den Zugriffszahlen, doch andere, eher auf das Engagement und die Aktivität der Mitglieder blickende Metriken legen nahe, dass die Pinterest-User, die sich regelmäßig auf der Site einfinden, ihre Nutzung sukzessive intensivieren. Ein Beleg dafür ist etwa die jüngste Statistik des Social-Sharing-Plugin-Anbieters Shareholic, nach der Pinterest für externe Websites mittlerweile ein wichtigerer Trafficlieferant ist als Yahoo, Bing und Twitter. Shareholic blickt dabei auf die Gesamtheit aller 200.000 Sites, die Shareholic-Funktionalität bei sich integriert haben. Nachrichtenangebote und Blogs, deren Content primär aus Text besteht, werden in ihrer Besucherstatistik wahrscheinlich nur sehr wenige von Pinterest kommende Anwender aufgelistet bekommen. Für Angebote mit einem hohen Anteil visueller Inhalte allerdings gilt laut Shareholic: Nur Google, Facebook und Direktaufrufe sind bedeutsamere Trafficquellen als das “nur” “mehr als 20 Millionen Nutzer zählende” Pinterest. Ein beeindruckendes Zeugnis darüber, welche Relevanz sich Pinterest im Social-Media-Segment erarbeitet hat.

Vor zwei Wochen gaben die Marktforscher von Hitwise bekannt, dass es sich bei Instagram und Pinterest um die zwei global mit großem Abstand am schnellsten wachsenden Nische-Netzwerke handelt. Während die angegebenen Prozentwerte eine geringe Aussagekraft besitzen, passt die Feststellung in das Gesamtbild eines bisher keine kritische Delle in der Expansion erlebenden Aufsteigers. In Deutschland legt Pinterest ebenfalls zu, wenn auch in kleinen Schritten. Im April wurden die Pinnwände von Pinterest laut Comscore von etwas mehr als 300.000 Besuchern aus Deutschland aufgerufen – nicht viel, aber hierzulanden benötigen neue US-Angebote traditionell mehr Zeit, um von einer nennenswerten Anwenderzahl angesteuert zu werden. Bei Facebook und Twitter war dies nicht anders.

Um Mittel zur Finanzierung der weiteren Expansion müssen sich die Kalifornier keine Sorgen machen: Im Mai hatte sich der japanische E-Commerce-Riese Rakuten mit 100 Millionen Dollar an Pinterest beteiligt. Das weltweit über 10.000 Angestellte zählende Unternehmen aus Fernost streckt seine Fühler seit einiger Zeit in ausländischen Märkten aus und hat sich unter anderem das überaus ambitionierte Ziel gesetzt, in Deutschland in fünf Jahren an Amazon vorbeizuziehen und zur Nummer eins im E-Commerce aufzusteigen. Mit Hilfe der strategischen Beteiligung Pinterest wollen die Japaner eine webweite Shopping-ID etablieren. Anwender sollen künftig in der Lage sein, über Pinterest entdeckte Produkte zu erwerben, ohne dabei ihre Zahlungsdaten bei den verschiedenen Händlern immer wieder aufs Neue angeben zu müssen. Stattdessen würde das einmalige Hinterlassen der Kontodaten bei Pinterest/Rakuten umfangreiches und vor allem komfortables Einkaufen im Web erlauben – bei allen Shops, die Rakutens Shopping-ID verwenden.

Ein Vorteil von Pinterest gegenüber anderen Social-Web-Startups sind die offensichtlichen Monetarisierungschancen. Ein Service, bei dem Millionen Anwender Abbildungen von Produkten speichern, anderen zugänglich machen und dadurch implizite Kaufempfehlungen oder -wünsche aussprechen, wird signifikante E-Commerce-Umsätze nach sich ziehen – bei denen Pinterest als Vermittler vorzüglich mitverdienen könnte. Zwar zog der Versuch von Pinterest, die Links zu Produkten auf User-Profilen in eigene Affiliate-URLs umzuwandeln, für Verstimmung in der Community. Doch in dem Augenblick, in dem sich die drei Jahre alt Firma aus Palo Alto ernsthaft der Errichtung von Erlösquellen verschreibt, müsste es sich schon ausgewöhnlich dumm anstellen, um damit zu scheitern. Voraussetzung ist, dass die Zahl aktiver Anwender sich in die richtige Richtung entwickelt – nach oben. Der bisherige Trend sieht vielversprechend aus.

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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3 Kommentare

  1. Die bisher sehr einfach strukturierte Social Network-Welt wird sich in den nächsten Jahren auffächern – Pinterest ist ein Symptom dieser Entwicklung. Ob das alles funktioniert, vor allem, ob eCommerce und Werbung das einzige Geschäftsmodell bleiben, bezweifle ich aber. Mir scheint das sehr getrieben von den Investoren, die auf Viralität und schnellen Return-on-Investment setzen.

  2. @Harald, die Frage die sich mir dabei stellt ist, wie “eCommerce und Werbung” als recht träger Ertragsgenerator mit “schnellen Return-on-Investment” zusammenpasst. Die Zukunft wirds zeigen, so oder so…

    Grüße aus Stuttgart!

  3. Pinterest ist für bestimmte Kunden schon seit einiger Zeit ein guter Traffic-Lieferant – auf jeden Fall um einiges Besser als Twitter. Online Shops, ausgerichtet auf Frauen mittleren Alters bekommen mit den richtigen Pin-Methoden viel Aufmerksamkeit und dazu eine hohe Share-Rate. Die Reichweite ist zwar nicht mit der der US-Staaten zu vergleichen, aber dennoch lohnt es sich Pinterest Aufmerksamkeit zu schenken!

4 Pingbacks

  1. [...] von Shareholic sorgt Pinterest für mehr Traffic auf externen Websiten als Yahoo, Bing und Twitter. Übertroffen wird das Netzwerk damit nur noch von Google, Facebook oder [...]

  2. [...] in Deutschland mit Platz 192 im Alexa Ranking noch etwas hinter dem Durchschnitt, aber auch hier wächst der [...]

  3. [...] Netzwertig: Pinterest – Auf den Hype folgt Wachstum [...]

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