“Gesehen von”:
Wie soziale Netzwerke Nutzer zwingen, Spuren zu hinterlassen

Verstärkt setzen Social-Web-Dienste auf Maßnahmen, die genau darüber Auskunft geben, wann welche Teilnehmer einer Interaktion oder Konversation Zugriff auf bestimmte Information hatten. Für stille, passive Beobachter brechen harte Zeiten an.

Ein netzwertig.com-Leser meldete sich heute bei uns, weil er den Verdacht hegte, einen ernsthaften Bug bei Facebook entdeckt zu haben. In einer Gruppe des sozialen Netzwerks war ihm aufgefallen, dass sich unter sämtlichen Pinnwand-Eintragen von Nutzern eine Angabe über die Zahl der Gruppenmitglieder befand, die das entsprechende Update bereits gesehen haben. Fuhr er mit der Maus über den entsprechenden Menüpunkt, informierte ihn Facebook im Detail über die Namen der Personen sowie den genauen Zeitpunkt, an dem sie den Eintrag zu Gesicht bekamen. Andere Teilnehmer der Gruppe wissen somit exakt, wer sich auf welchem Kenntnisstand befindet.

Was der aufmerksame Leser für eine Fehlfunktion seitens Facebook hielt, ist in Wirklichkeit ein neues, offizielles Feature, das derzeit nach und nach für alle Gruppen aktiviert wird (Beispiel). Dass die genaue Auflistung derjenigen Anwender, die mit einer bestimmten Information versorgt wurden, allerdings von Nutzern als Bug identifiziert wird, spricht Bände: Facebook wagt sich einmal mehr in neues Terrain – allerdings eines, das zuvor schon von anderen Diensten beschritten wurde.

Path, das “intime” soziale Netzwerk, gibt seit jeher genau Auskunft darüber, welche Kontakte die eigenen Einträge im Stream gesehen haben, und informiert auch darüber, wenn das Profil von Kontakten besucht wurde. Mobile Chatservices wie WhatsApp oder Kik lassen Anwender wissen, wenn der Gesprächspartner ihre Nachrichten erhalten hat – Kik signalisiert auch, wenn sie gelesen wurde. Beide Services zeigen wie auch beispielsweise Skype und andere Instant Messenger an, wenn der Gegenüber gerade eine Mitteilung verfasst. Dauert dieser Prozess eine Minute, führt jedoch schließlich nur zur einer wortkargen Antwort, kann man sich ziemlich sicher sein, dass der Chatkontakt sehr lange an der Antwort und richtigen Formulierung herumgeschustert hat.

Genau genommen ist das “Gesehen von”-Feature bei Facebook Gruppen auch für das soziale Netzwerk kein vollständiges Novum: Denn seit einigen Wochen zeigen die mobilen Facebook-Apps bei Konversationen mit Freunden an, wenn die Gesprächspartner eine Nachricht gesehen haben – also analog zum Verfahren anderer Smartphone-Chat-Apps. Der Unterschied ist jedoch, dass es dabei um den Austausch zwischen zwei Personen geht. Die Neuerung für die Gruppen hat zur Folge, dass nun jeder erfahren kann, wann ein spezifisches Mitglied über den neuen Eintrag in Kenntnis gesetzt wurde – was dann problematisch werden kann, wenn der betreffende Anwender eigentlich verbergen wollte, dass er überhaupt bei Facebook eingeloggt war.

Facebook hat sich bisher nicht dazu geäußert, inwieweit “Gesehen von” auch für andere Bereiche des sozialen Netzwerks aktiviert werden könnte. Klar ist, dass das Social Network einen Trend vorantreibt, der – wie oben beschrieben – auch von anderen Onlinediensten forciert wird: Das zunehmende Zwingen der Nutzer, Spuren zu hinterlassen, statt sich lautlos durch die Weiten des Webs bewegen zu können. Wer aus irgendwelchen Gründen im Social Web unsichtbar sein will, muss bereits heute sehr aufpassen – er darf weder versehentlich Chatnachrichten entgegennehmen, noch bei Skype einen Antwortentwurf schreiben und diesen dann ohne Ersatz löschen, noch sich bei Facebook einloggen, wenn eine neue Benachrichtigung über einen Eintrag in einer abonnierten Gruppe wartet. Zu erfahren, dass eine spezifische Information oder Mitteilung den Gegenüber erreicht hat, ist aus Sicht des Verfassers durchaus praktisch. Empfänger setzt es jedoch deutlich stärker unter Druck als bisher, da sie nicht mehr ohne weiteres vorgeben können, die jeweilige Nachricht nicht erhalten zu haben.

Die Entwicklung weist Parallelen zur ebenfalls von vielen Webfirmen angestrebten, aber auch von Politikern propagierten Abkehr von der Anonymität im Netz auf. In beiden Fällen wird eine zivilisiertere Interaktion und Kommunikation auf Augenhöhe und mit größtmöglicher Transparenz über die partizipierenden Personen angestrebt, beide Male bestehen jedoch begründete Bedenken, dass gleichzeitig Freiheiten verloren gehen, die bisher essentielle Eckpfeiler des Internets darstellten.

Schwere Zeiten für passive Teilnehmer und stille Beobachter. Gute für alle diejenigen, die wissen möchten, wer wann auf welche Informationen Zugriff hatte, und die Rechenschaft einfordern.

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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18 Kommentare

  1. Also wird man verstärkt Fake-Accounts anlegen, unter denen man “inkognito” unterwegs ist. Oder den Erst-Account canceln.

  2. UhOh! Also in Facebook-Groups find’ ich das gar nicht mal so schlimm. Aber projiziert auf andere Kontaktkanäle… nee, ich mag Transparenz; aber hier geht mir das genau drei Schritte zuweit. Ich will doch noch sagen können: “hab ich nicht gesehen”.

  3. Fast schon lustig, wie sich mein Verhalten dadurch ändert: ich gehe nur noch in What’s App oder in die FB-Gruppe, wenn ich tatsächlich die Absicht habe zu antworten.
    Ansonsten lese ich die Push-Benachrichtigung bzw. lasse mir von FB-Gruppen bei Posts eine Mail schicken. Nervt zwar ein bisschen, aber soweit ich weiß werde ich dann nicht als “Mitwisser” angezeigt…

  4. Es ist relativ einfach. Steuere dein digitales ich so gut es geht und stelle nur Informationen online die du morgen auch in der Zeitung veröffentlichen würdest. Das ist zwar langweilig, hilft aber.

    MfG Bastian

    • Sehe ich grundsätzlich ähnlich. Facebook und ähnliche Angebote sind halt nichts für echtes Privatleben.

      Das bloße Verfolgen/Dranbleiben bei Themen/Unternehmen in der oben beschriebenen Weise zu dokumentieren, hat aber noch einmal eine andere Qualität.

  5. Psychologischer Druck hin oder her. Ich sehe das wie beim Telefon. Es kann von mir aus klingeln so viel es will, aber rangehen tue ich nur wenn es mir passt (privat natürlich).

  6. Eine etwas unbequeme, aber durchaus machbare Möglichkeit, diese erfassung der Onlineaktivität zu umgehen, wären Proxy-Anwendungen. Gemeint sind keine Netzwerk-Proxys.

    Ich meine dabei, dass die Anwendung (Facebook, Skype…) ständig läuft, und um die Uhr und alles, was man lesen soll, ständig liest. Damit sind diese Erfassungsdaten völlig nutzlos – der Benutzer sucht sich dann aus den Daten, die die Proxy-Anwendung für ihn bereitstellt, die Sachen heraus, die er wirklich lesen will, als würde er ganz normal den Dienst benutzen. (Ähnlich den Bouncern beim IRC.)
    Jetzt könnten die Leute trotzdem noch meinen “du hast das doch gelesen!” – aber wenn er sowas benutzt, dann muss das nicht der Fall gewesen sein. Und es lässt keine Rückschlüsse auf sein Einlogg-Verhalten zu.
    *gibt den Aluhut an der Rezeption wieder ab*

  7. Ich sage in sozialen netzwerken immer die wahrhei, wenn ich gerade nicht lüge…

  8. Aus der Sicht von Facebook durchaus nachvollziehbar um die Aktivität der Nutzer zu steigern.

    • Das wird aber nicht unbedingt funktionieren.
      Wie weiter oben schon geschrieben wurde, kann es auch dazu führen, dass man nicht mehr wahllos bei facebook rumturnt, sondern sich nur noch dann einloggt, wenn man auch die Zeit hat, um zu antworten.

  9. Wieder ein Grund mehr sich keinen privaten Facebook-Account anzulegen.

    Es ist doch erstaunlich wie alles immer wieder neu erfunden wird. Beim Emailstandard ist schon damals eine Lesebestättigung mit eingebaut worden und der Empfänger kann selber wählen ob er sie senden will oder nicht.

  10. Wie sagte doch der CSU-Abgeordnete Uhl kürzlich im Zusammenhang mit dem neuen Meldegesetz: “Keiner hat das Recht, sich zu verstecken”.
    Die Facebook-Community folgt dem big brother in freiwilliger Dumpfheit.

  11. Ja, find ich gut. Wenn man Angst vor “der Datenkrake” hat oder meint, das seine Daten ja so wertvoll sind, wie die Medien einem das weiß machen, dann soll man sich halt dort überhaupt nicht anmelden.
    Ach ne, man will ja heimlich bei anderen spannern oder stalken…

  12. Da kann man nur hoffen das soziale Netzwerke aus de Mode kommen, bald. Vor allem Facebook mit seiner Zwangs Chronik wo man alles penibel einstellen muss. Und diesem Datensammler Charakter (nicht einmal durchsuchbar ist Facebook: Sprich es ist in ein paar Jahren alles vergessen toll.
    Und wenn man etwas öffentlich postet darf es auch die Staatsanwaltschaft/ Polizei benutzen. Google + ist eine andere Geschichte wenn man damit gut umgeht finde Ich es wesentlich besser als Facebook.
    Auf facebook werden oft nur Partybilder und wirklich intimes geteilt. Da fragt man sich müssen das “500 ” oder mehr Kontakte und Freunde womöglich auch noch lesen.
    Freunde bei facebook sind ja nicht wie im wahren Leben.
    Oder hat einer von euch 500 Freunde / Bekannte im wahren Leben?

  13. Nachdem ich das hier gelesen habe hab Fb Acount gelöscht.
    Der Facebook Überwachung.Nicht Zukunft, sondern schon heute Praxis.Was ich heute gelesen habe, hat mich umgehauen.Nämlich ein Artikel von Erich Moechel

    http://you-big-blog.com/2…-totale-uberwachung/
    Die totale Überwachung rückt immer näher.
    LG Kataj

  14. Wenn die Daten mit dem Löschen des Accounts ebenfalls gelöscht werden würden, wäre das evtl. noch tragbar. Es gibt jedoch keinen Anlass davon auszugehen, zumal es sich bloß um eine Deaktivierung handelt.

  15. online funktioniert Kommunikation wie offline: Wer über den Marktplatz in seiner Stadt geht, wird gesehen und sieht andere. Facebook ist genauso. Wer da drin ist, muss eigentlich wissen, dass er das öffentlich tut.

    Was bisher fehlt, ist das online-Äquivalent der Kommunikation in einem Haus. Dort spricht man nur mit Menschen, die man eingeladen hat. Und man spricht offen, da man weiß, dass niemand mithört.

7 Pingbacks

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  2. [...] die sich gerne über andere Leute informiert, ohne dass jemand etwas davon mitbekommt, wird per Facebook-Zwang [...]

  3. [...] ist solch ein offe­nes Sur­fen nicht — XING macht es bereits vor, wie Mar­tin Wei­gert von netz­wer­tig erklärt. Ob es sich aller­dings für alle Ange­bote von Face­book eig­net, ist frag­lich, [...]

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