“Marktplatz für gute Taten”:
Solvish will kleine wie große Missstände beheben lassen

Solvish heißt ein neuer Onlinedienst aus Hamburg, bei dem Nutzer auf Probleme aus ihrer Nachbarschaft, ihrer Stadt oder von anderen Orten aufmerksam machen. Ein Follower- und Anreizsystem soll Anwender motivieren, bei der Lösung mitzuhelfen.

Angesichts der Masse an Startups, die der Selbstverwirklichung und Unterhaltung der Nutzer dienen, ist es immer etwas ganz Besonders, wenn sich ein junges Webunternehmen der Lösung tatsächlicher, drängender Probleme verschreibt. Manchmal müssen derartige Anbieter leider verfrüht aufgeben, manchmal erhalten sie aber auch eine zweite Chance. Nicht nur einer Problemlösung sondern gleich einer schier unbegrenzten Zahl nimmt sich das aus Hamburg stammende Startup Solvish an. Die Gründer Benjamin Facius, Anton Exner und Ole Golombek beschreiben ihren jungen Onlinedienst als “Marktplatz der guten Taten”.

Bei Solvish sollen Menschen Probleme benennen und lokalisieren, die ihnen in ihrer Nachbarschaft, Stadt, in ihrem Land oder an einem anderen Ort der Welt aufgefallen sind, und auf diese Weise andere Personen auf den Sachverhalt aufmerksam machen und zur Mithilfe bei der Problemlösung animieren. Bei den eingetragenen Missständen kann es sich sowohl um lokal begrenzte Phänomene wie einen verdreckten Geldautomaten oder fehlende Parkplätze, um nationale Angelegenheiten wie die Abschaffung von Relegationsspielen oder internationale Fragen wie bedrohte Gorillas in Afrika oder Kinderarbeit in Afghanistan handeln.

Jedes von Nutzern eingetragene Problem erhält eine eigene Profilseite mit allen verfügbaren Informationen, einem Kartenausschnitt sowie einem Kommentarfeld für Diskussionen und Lösungsvorschläge. Das Entscheidende: Solvish-Nutzer können einzelnen Problemen folgen und auf diese Weise die Aufmerksamkeit schaffen, die zur Lösung erforderlich ist. Denn die meisten Sachverhalte, die auf der Plattform eingetragen werden, lassen sich natürlich nicht mit einem Fingerschnippen beheben. Wobei sich die Macher durchaus wünschen, dass Solvish-Anwender aktiv werden und Probleme selbst lösen. Als Anreiz dafür erhalten sie sogenannte Kudos, sofern sie den monierten Missstand aus der Welt räumen. Die Zahl der Kudos, die für eine Problemlösung winkt, entspricht der Zahl der Follower. Wer sich also bereiterklärt, den verdreckten Geldautomat der Commerzbank auf der Reeperbahn zu reinigen (oder die Bank dazu bringt, dies zu tun), der erhält nach dem aktuellen Stand sechs Kudos. Ob ein Problem gelöst wurde, darüber entscheidet der Anwender, der es bei Solvish eingetragen hat.

Die drei Gründer haben durchaus die Vision, Solvish als kommerzielles Unternehmen aufzuziehen, versprechen aber, dass Userprofile und auch die ebenfalls angebotenen, erweiterten Profile für gemeinnützige Organisationen immer kostenfrei bleiben werden. Mitgründer Anton Exner erklärt, dass eine Monetarisierungsoption in kostenpflichtigen Profilen für profitorientierte Organisationen liegen könnte. Jedes Geschäftsmodell müsse aber in Einklang mit der Philosophie des Startups gebracht werden. Bisher hat das Trio die Entwicklung von Solvish aus eigener Tasche finanziert und möchte auch weiterhin unabhängig bleiben.

Die Idee eines Follow-Systems für Probleme, die bei einem Erreichen der kritischen Masse so entstehende öffentliche Beachtung für identifzierte Missstände sowie das Anreizsystem in Form von Kudos machen Solvish zu einem spannenden Projekt – wenn sich auch erst zeigen muss, inwieweit wirklich eine Bereitschaft zur Problemlösung und ein Interesse, sich regelmäßig über die Anliegen der Community per Abo zu informieren, existiert. Auch sollten sich die Initiatoren überlegen, ob sie Kudos nicht an “echte” Belohnungen knüpfen sollten, statt sie nur als virtuelles Abzeichen für Engagement zu behandeln, die auf dem jeweiligen Anwenderprofil dargestellt werden.

An anderen Plattformen, die aus Netznutzern Aktivisten und Mithelfer für eine bessere Welt machen wollen, mangelt es im Netz nicht – von betterplace.org über Avaaz bis zu Thunderclap. Andererseits kann es von derartigen Diensten eigentlich kaum genug geben – sofern eine Fragmentierung der Initiativen am Ende nicht eine Schwächung der einzelnen Projekte und Kampagnen zur Folge hat.

Link: Solvish

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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Ein Kommentar

  1. Das Konzept gefällt mir. Ich vermisse jedoch -wie leider bei so vielen Diensten- die Möglichkeit, mich umschauen zu können, ohne mich zuerst registrieren zu müssen.

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