Die “Big Four” des Internets:
Begegnung auf Augenhöhe

Wenn Amazon demnächst ein eigenes Smartphone auf den Markt bringt, erreicht die Transformation der vier führenden Internetkonzerne einen kritischen Punkt. Der Onlinehändler, Google, Microsoft und Apple stehen sich dann so nah gegenüber wie nie zuvor.

Noch vor einigen Jahren waren die Kerngeschäfte der führenden IT- und Internetfirmen klar abgesteckt und deutlich voneinander abgegrenzt: Google wurde vorrangig mit seiner Suchmaschine assoziiert, Amazon verkaufte Produkte über das Internet, Microsoft verdiente sein Geld mit Windows, Office, der Xbox und Enterprise-Lösungen, und von Apple kamen formschöne Computer sowie der iPod. Doch die stetig zunehmende Bedeutung von Informationstechnologie sowie der Drang nach permanentem Wachstum sorgten dafür, dass alle vier Firmen ihr Territorium auszuweiten begannen und neue Märkte betraten. Immer häufiger kam es dabei zu Überschneidungen der jeweiligen Angebote. Betroffen war jedoch selten das Kerngeschäft, weswegen sich die Konkurrenzkämpfe bisher auf kleinere Scharmützel beschränkten. Doch indem die “Big Four” der Webwelt sich alle zu Hardware-Anbietern im Zukunftsmarkt “Mobile” wandeln, beenden sie die Ära der relativ ungestörten Koexistenz für immer.

Apple hat das iPhone und iPad. Google verteilt nicht nur sein Android-Betriebssystem an Smartphone- und Tablet-Hersteller, sondern verkauft mit dem Galaxy Nexus auch ein Smartphone unter eigner Marke. Das kommende Nexus 7-Tablet manifestiert Googles neuen Hardware-Fokus, der nicht zuletzt auch durch die Übernahme von Motorola Mobility unterstrichen wurde. Auch Microsoft steht kurz vor der Veröffentlichung eines eigenen Tablets, dem Surface. Noch fehlt im Portfolio der Redmonder ein hauseigenes Smartphone, aber die enge Zusammenarbeit mit Nokia geht durchaus in diese Richtung. Gerüchten zufolge soll der Softwareriese auch an BlackBerry-Hersteller Research In Motion interessiert sein. Und natürlich bietet es mit Windows Phone ein eigenes mobiles Betriebssystem an, das Hersteller lizensieren können – auch wenn sich der Marktanteil des OS bisher noch in Grenzen hält.

Amazon zieht nach

Bis zum Herbst 2011 war Amazon der einzige Vertreter der Big Four, der abgesehen von seinen E-Book-Lesegeräten keine eigene Hardware vorzuweisen hatte. Dann jedoch lancierte der Onlinehändler sein preiswertes Android-Tablet Kindle Fire – das sich schnell als großer Erfolg erwies und ein Anlass für Google gewesen sein dürfte, ebenfalls ein preiswertes 7-Zoll-Tablet zu entwickeln. Denn Amazon strengt sich an, die Präsenz von Android auf seinem Tablet-Neuling möglichst nicht zu sehr in den Vordergrund zu rücken – anstelle von Google Play ist sogar ein eigener App Market integriert.

Mit dem Kindle Fire, das derzeit in Europa noch nicht erhält ist, verdeutlichte Amazon seine Ambition, sein eigenes um das Onlinekaufhaus aufgebautes Ökosystem nicht gegen die Konkurrenz in Rückstand geraten zu lassen. Dass es da bei einem Tablet-PC nicht bleiben würde, war abzusehen: Gerüchte zu einem Amazon-Smartphone sind schon länger im Umlauf, und Bloomberg will nun weitere Details erfahren haben. Unter anderem wird berichtet, dass Apple-Zulieferer Foxconn die Herstellung übernimmt.

Die Big Four begegnen sich auf Augenhöhe

Inwieweit sich dieses Detail sich als korrekt erweisen wird oder nicht, sei dahingestellt. Entscheidend ist, dass Amazon in einigen Monaten auch ein Kindle-Smartphone anbieten wird. Daran besteht sehr wenig Zweifel. Und damit wäre die Transformation von Google, Microsoft, Apple und Amazon von auf einige Anwendungsszenarien spezialisierten Firmen zu auf die gesamte Palette an digitalen Dienstleistungen abdeckenden Allroundern vorläufig abgeschlossen. Alle vier Konzerne würden eigene Smartphones und Tablets anbieten (sofern wir Nokia als Microsofts inoffizielle Smartphone-Sparte ansehen) und hätten dabei gemein, dass nicht (nur) die Erlöse aus dem Verkauf der Geräte im Vordergrund stehen, sondern auch die künftigen Umsätze, die über sie mit dem Vertrieb von Apps, Medieninhalten, physischen Produkten sowie mit Werbung erwirtschaftet werden.

Die Big Four standen sich noch nie derartig von Angesicht zu Angesicht gegenüber wie jetzt. Vier konkurrierende Firmen und vier Ökosysteme aus Software und Hardware, welche das digitale Leben von Menschen auf der ganzen Welten auf Jahre hin prägen werden. Wer sich darüber nicht freuen kann? Unter anderem deutsche Medienfirmen und Facebook. Offensichtlicher als heute war noch nie, dass es das soziale Netzwerk ohne eigene Hardware schwer haben könnte. Vielleicht werden aus den Big Four ja demnächst die Big Five.

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

Mehr lesen

Linkwertig: Pulitzer, Drohnen, Gnip, TED

16.4.2014, 0 KommentareLinkwertig:
Pulitzer, Drohnen, Gnip, TED

Der Guardian und die Washington Post haben für ihre Berichterstattung der Dokumente von Edward Snowden den Pulitzer-Preis erhalten und mehr.

Linkwertig: Privacy, Journalismus, Heartbleed, ComiXology

14.4.2014, 0 KommentareLinkwertig:
Privacy, Journalismus, Heartbleed, ComiXology

Laut dem Spiegel verzichtet die Regierung in dieser Legislaturperiode auf ein Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung und mehr.

Linkwertig: HBO, WhatsApp, Amazon, PC

10.4.2014, 0 KommentareLinkwertig:
HBO, WhatsApp, Amazon, PC

Amazon ist mittlerweile nach Netflix und YouTube schon der drittgrößte Anbieter von geströmten Bewegtbildern und mehr.

Linkwertig: Flying, Vernetzung, Apple, Hasselhoff

23.4.2014, 0 KommentareLinkwertig:
Flying, Vernetzung, Apple, Hasselhoff

Laut McKinsey ist Deutschland ganzheitlich betrachtet weltweit am besten vernetzt und mehr.

Linkwertig: Microsoft, Yahoo, Apple, Journalismus

8.4.2014, 0 KommentareLinkwertig:
Microsoft, Yahoo, Apple, Journalismus

Laut dem Upload-Magazin gibt es Leser, die für gut gemachte digitale journalistische Inhalte auch zahlen, und mehr.

Linkwertig: iTunes, Camouflage, Glass, Twitter

24.3.2014, 0 KommentareLinkwertig:
iTunes, Camouflage, Glass, Twitter

Günter Hack über konzeptionelle Camouflage als Technik gegen die Überwachung und mehr.

Offener Brief an Eric Schmidt: Die Ängste von Springer-Chef Mathias Döpfner

16.4.2014, 27 KommentareOffener Brief an Eric Schmidt:
Die Ängste von Springer-Chef Mathias Döpfner

In einem offenen Brief in der FAZ schildert Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner seine Befürchtungen im Bezug auf die Macht und Abhängigkeit von Google. Er spricht einige wichtige Dinge an - und ruft in Erinnerung, warum neben der Sorge über Google auch die über den Verlagslobbyismus angebracht ist.

Linkwertig: Google, Verlage, Angst, Kunst

11.4.2014, 0 KommentareLinkwertig:
Google, Verlage, Angst, Kunst

Der mit den deutschen Verhältnissen wohl nicht besonders gut vertraute Eric Schmidt appeliert an die Vernunft der Verlage und mehr.

Linkwertig: MindMeister, Barkoo, Moo, Google

2.4.2014, 0 KommentareLinkwertig:
MindMeister, Barkoo, Moo, Google

Anfang April erwachen traditionell die Unternehmen aus ihrem Winterschlaf und entlassen kollektiv die aufgestaute kreative Energie. Ein kleiner Überblick.

Linkwertig: Microsoft, Yahoo, Apple, Journalismus

8.4.2014, 0 KommentareLinkwertig:
Microsoft, Yahoo, Apple, Journalismus

Laut dem Upload-Magazin gibt es Leser, die für gut gemachte digitale journalistische Inhalte auch zahlen, und mehr.

Linkwertig: EU, Build, Hamburg, Amazon

3.4.2014, 0 KommentareLinkwertig:
EU, Build, Hamburg, Amazon

The Verge hat die gestrige Keynote Microsofts Konferenz Build protokolliert und mehr.

Linkwertig: CarPlay, Daten, OSM, Cortana

4.3.2014, 1 KommentareLinkwertig:
CarPlay, Daten, OSM, Cortana

Apple bringt iOS endlich auch in die Autos und mehr.

Barriere zwischen \

6.1.2014, 14 KommentareBarriere zwischen "online" und "offline":
Warum ich auf die Ablösung des Smartphones warte

Smartphones sind toll, aber errichten eine unnötige Barriere zwischen Anwendern und ihrer Umgebung. Wearables, insbesondere Cyberbrillen, können dieses Problem lösen.

Das Smartphone: Ein venezianischer Spiegel

31.10.2013, 2 KommentareDas Smartphone:
Ein venezianischer Spiegel

Unser Smartphone begleitet uns auf Schritt und Tritt. Ohne fühlen wir uns rastlos und unvollständig. Die Tatsache, dass gerade dieses Gerät unsere Überwachung so einfach macht, verdrängen wir gezwungenermaßen.

Aufstieg der Smarthone-Messenger: Skypes große verpasste Chance

7.10.2013, 6 KommentareAufstieg der Smarthone-Messenger:
Skypes große verpasste Chance

Während Smartphone-Messenger mit Chat-, VoIP- und Videofunktionen rasant Anhänger gewannen, schaute das vor allem für den Desktop konzipierte Skype nur zu. Nun verspricht der Microsoft-Dienst Anpassungen. Wahrscheinlich zu spät, um Services wie WhatsApp und Viber in die Quere zu kommen.

Repräsentative Studie: Besitzer von iPad- und Android-Tablets ticken unterschiedlich

27.11.2013, 16 KommentareRepräsentative Studie:
Besitzer von iPad- und Android-Tablets ticken unterschiedlich

27 Prozent der Internet-Nutzer in Deutschland nennen mittlerweile einen Tablet-PC ihr Eigen, die Hälfte davon ein iPad. Eine Untersuchung von Fittkau & Maaß zeigt, in welchen Punkten sich die Besitzer von Apples-Tablet von denen von Android- und Windows-Geräten unterscheiden.

Grünes Licht für Gadget-Nutzung während Start und Landung: Ein Grund weniger, auf Printleser neidisch zu sein

14.11.2013, 1 KommentareGrünes Licht für Gadget-Nutzung während Start und Landung:
Ein Grund weniger, auf Printleser neidisch zu sein

Bald wird man auch in Europa bei Flügen während Start und Landung elektronische Geräte nicht mehr abschalten müssen. Damit verschwindet einer der wenigen verbliebenen Gründe, auf Printleser neidisch zu sein.

Million-Finanzierung, iPhone-App, Meilensteine: ShopLove setzt auf Boom des mobilen Einkaufens

17.7.2013, 1 KommentareMillion-Finanzierung, iPhone-App, Meilensteine:
ShopLove setzt auf Boom des mobilen Einkaufens

Knapp ein dreiviertel Jahr nach dem Launch stehen die Zeichen bei dem Münchner Startup ShopLove dank einer siebenstelligen Finanzierungsrunde, der Veröffentlichung einer iPhone-App und 100.000 Downloads der iPad-Anwendung auf Wachstum.

6 Kommentare

  1. Hier wurde das Thema schon sehr ausführlich aufgegriffen: http://fastcompany.com/ma…pple-google-facebook

  2. Ich denke, dass es schon Big Five sind und zwar mit Samsung: Eigene Hardware, eigener AppStore (der gepushed wird) und mit Tizen bald ein eigenes ernsthaftes OS.

    • Noch sehe ich Samsung nicht da. Klar, sie versuchen ihr eigens Ökosystem zu errichten. Aber dass dies klappt, davon bin ich noch nicht überzeugt. Die erfolgreichsten Mobile-Produkte von Samsung sind eben doch Android-basiert.

    • Soweit ich weiß ist Samsung doch der größte Hersteller von Smartphones und sicherlich auch von netzfähigen TVs, die ja auch alle ein bestimmtes OS mit eigenen Apps besitzen, oder? Da Samsung dadurch genug Einfluß hat um die Entwicklungen des gesamten Marktes in diesen Bereichen (Smartphones, TV, vielleicht auch Tablets im Hinblick auf Hardware, Preise, Marktverteilung der Betriebssysteme) maßgeblich mitzubestimmen würde ich auch von “Big Five” sprechen. Oder werden diese “Big Four” nur durch das eigene Ökosystem definiert? Würden beispielsweise alle Samsung-Smartphones mit WP7 laufen, hätten sich die Leute mehr an Metro gewöhnt und ich bin mir sicher das das Wirkung auf die Bedienung von Web-Diensten hätte.

  3. Und von diesen vier für die Zukunft am besten Aufgestellt ist aus meiner Sicht derzeit Google. Amazon ist trotz IaaS-Führerrolle hauptsächlich eine E-Commerce Story, Apple liebt die Cloud noch immer nicht wirklich, und Microsoft ist gefangen in seiner Geschichte. Wobei ich Microsoft durchaus zutraue, sich noch mal aufzurappeln, am ehesten durch eine Fusion mit Facebook. Google hat ein Mobile OS, eine Cloud Infrastruktur, eine Cloud Plattform und unglaublich viele Cloud Anwendungen. Ich habe nach mehreren Jahren iPhone mir mal ein Galaxy S3 angeschnallt, dadurch wurde mir erst richtig klar, wie viele Anwendungen ich von Google nutze. Google ist die einzige Firma, der vier, die das Web als offene Plattform sehen und sich dort deswegen überall einnistet, die anderen wollten alle am liebsten selber das Web sein, darum versuchen sie geschlossene Systeme zu schaffen. Auch deswegen ist Google in der Pole Postion :-)

  4. Google und Amazon haben im Smartphone+Tablet-Markt jeder für sich gewisse Marktchancen, und jeder hat in einem Bereich seinen Vorteil gegenüber der Konkurrenz (kurz und vereinfacht: Amazon hat die Logistik und erreicht so ziemlich jeden Endkunden in unserer westlichen Welt; und Google hat eine einzigartige Infrastruktur aus Cloud-Applikation, …). Also, dass Google & Amazon diesen Markt mitgestalten wollen ist für beide durchaus mehr als einen Versuch wert.

    Soweit so gut.

    Aber Microsoft: wenn man mal kurz ausblendet, dass sie “irgendwas im Bereich Computing & IT” machen, dann sich MS und dessen Geschäftsfelder anschaut bleibt doch nur noch das Fazit zu ziehen, dass MS ein großer bunter Mischkonzern ist.

    Und sie haben eine klassische Mischkonzern-Taktik: alles, was andere Konzerne erfolgreich macht wird kopiert, durch die Abteilungen geschleift, vermarktet; dann wird aussortiert was erfolgreich war [x], und so weiter.

    [x] – der Haken: weder zune, noch die diversen ms-handys, noch ihre tablet-versuche waren jemals erfolgreich. über ihre kläglichen versuche, selbst desktop-pcs zu bauen und zu vermarkten reden wir mal garnicht.

    Microsoft fehlt die große Strategie, und wahrscheinlich auch eine Führungskraft, die es schafft die Ressourcen in diesem Konzern-Moloch auf ein Ziel zu bündeln. — statt immer wieder nur zu kopieren — Deshalb werden MS-Smartphones und Tablets einfach kläglich scheitern.

2 Pingbacks

  1. [...] hat VorteileNach der bevorstehenden Lancierung des Microsoft Surface wird jeder der “Big Four”-Anbieter digitaler Ökosysteme ein eigenes Tablet vertreiben und dieses Geschäft mit aller Kraft, Werbemillionen und dem [...]

  2. [...] mögliche Produktpalette von Hardware über Software bis hin zum Vertrieb von (digitalen) Gütern abzudecken versuchen. Derzeit fehlt Facebook in dieser Aufzählung, da das soziale Netzwerk bisher (noch) nicht von der [...]

 
vgwort