Diversifizierung:
Onlinefirmen experimentieren mit eigenständigen Apps

Noch nie war es einfacher, in kurzer Zeit solide Software-Anwendungen für mobile Geräte zu entwickeln. Immer mehr Internetfirmen experimentieren deshalb mit eigenständigen Apps abseits vom Kernprodukt.

Auch wenn es für Startups und Internetservices noch nie eine Rezept für garantierten Erfolg gab, so scheint es in Zeiten großer Konkurrenz und eines zunehmend gesättigten Marktes (in etablierten Segmenten des Webgeschäfts) unsicherer denn je, ob sich Konzepte am Markt durchsetzen oder – sofern ihnen dies erst einmal gelungen ist – sie auch langfristiges Potenzial besitzen. Und selbst wenn alle Zeichen auf Wachstum stehen, kann jederzeit ein besserer Wettbewerber auftauchen und sich blitzschnell zu einer Bedrohung entwickeln.

Jungen Unternehmen, die mit ihren Ressourcen haushalten müssen, bleibt keine andere Wahl, als sich auf den volatilen, schnelllebigen Markt einzustellen und jederzeit zu einem “Pivot”, also einer Modifizierung des Geschäftsmodells oder der Grundidee, bereit zu sein. Und was machen die Anbieter, die genug Kapital und Entwickler zur Verfügung haben? Diese basteln nicht nur am Kernprodukt, sondern lancieren parallel eigenständige Dienste oder Apps, die mal mehr, mal weniger und mal nichts mit dem ursprünglichen Angebot zu tun haben. Eine derartige Diversifizierungsstrategie ist in letzter Zeit immer häufiger zu beobachten.

Das Online-Notizbuch Evernote war im Dezember einer der ersten größeren B2C-Anbieter, der sich zur Veröffentlichung zweier eigenständiger Applikationen veranlasst sah: Evernote Food, eine iPhone-Anwendung zum Festhalten von Speisen, sowie Evernote Hello, eine ebenfalls nur für das Apple-Smartphone angebotene Gedächtnisstütze, um sich begegnete Menschen besser zu merken. Beide Apps funktionieren größtenteils losgelöst von Evernote – die Benutzerdaten sind jedoch die gleichen. Das US-Unternehmen versucht mit dem Unterfangen, neue Zielgruppen für sich zu gewinnen, in der Hoffnung, dass sie anschließend auch Evernotes primäres Produkt ausprobieren.

Schon einige Monate zuvor präsentierte Facebook mit Messenger seine erste spezialisierte Applikation, die für iPhone- und Android-User eine einzige Funktionalität des sozialen Netzwerkes ins Rampenlicht stellt, nämlich die Nachrichten. Kürzlich folgte mit Camera eine weitere App, vorerst nur fürs iPhone und Nutzer im englischsprachigen Markt, die sich ganz dem Thema Fotos widmet. Auch die geplante Übernahme von Instagram für eine Milliarde Dollar folgt dem Muster der Diversifizierung – denn vollständig in das Social Network einbauen lässt sich die rasant wachsende und bei Usern eine enorme Popularität genießende Foto-App vorerst nicht.

Während im Falle von Evernote und Facebook jeweils eine direkte Verbindung zur eigentlichen Unternehmensvision besteht, lässt das Spin-Off des mobilen Chatdienstes Kik einen derartigen Zusammenhang vollständig vermissen: Mit Clik haben die New Yorker eine App für iPhone und Android publiziert, mit der sich der Browser eines Rechners zum Abspielen von YouTube-Videos durch mehrere Personen gleichzeitig fernsteuern lässt. Da sich Kik im Wettbewerb gegen WhatsApp, iMessage und andere Chat-Apps eher schwer tut, soll Clik – das lediglich als Präsentation der Technologie zur Fernsteuerung von Inhalten auf anderen Bildschirmen gedacht ist – dem Unternehmen neue Wachstumsmöglichkeiten eröffnen. Es handelt sich also um die Vorbereitung eines Pivots.

Der jüngste Onlineanbieter mit dem Drang, neue Territorien zu erforschen, ist der Anbieter der Mediencenterplattform Boxee. Kürzlich gab das ebenfalls aus New York stammende Startup bekannt, die Weiterentwicklung seiner Software für PCs zu beenden und sich künftig darauf konzentrieren zu wollen, die Software auf eigene und externe Hardware-Lösungen zu bringen. Doch auf den Abschied vom PC folgte vor einigen Tagen das Debüt einer neuen mobilen App unter eigenem Branding: Cloudee positioniert sich irgendwo zwischen Path, Facebook, Socialcam und Viddy und will Nutzer zum privaten Teilen von Fotos mit Familienmitgliedern und engen Freunden animieren. Derzeit existiert keine Integration mit Boxee, in Zukunft sollen Nutzer direkt aus dem Boxee-Mediencenter auf ihre Cloudee-Videos zugreifen können.

Egal ob es darum geht, neue Anwenderkreise auf sich aufmerksam zu machen, neue Märkte zu erschließen oder eine andere, besser funktionierende Geschäftsidee zu finden – eigenständige Nebenprodukte mit experimentellem Status liegen im Trend – nicht zuletzt, weil es noch nie so einfach und kostengünstig war, in kurzer Zeit eine solide Software-Anwendung zu entwickeln. Wir sind gespannt, welches Webunternehmen sich als nächstes in fremde Gefilde begibt.

(Foto: Flickr/ilamont.com, CC BY 2.0)

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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Ein Kommentar

  1. Die Chance liegt ja auch darin, aus dem bestehenden Kundenkontakt (inklusive Vertrauen und Aufmerksamkeit) mehr zu machen. Wenn das Neue zu weit weg ist vom Kernprodukt, bin ich skeptisch. Aber wenn es thematisch bzw. von der Markenwahrnehmung her passt, halte ich das für eine gute Idee – allein schon, um sich breiter aufzustellen und abzusichern.

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