Crowdsourcing:
doo bezahlt Nutzer für Dokumentenuploads

Die Bonner Dokumentenplattform doo will ihre künstliche Intelligenz zur Kategorisierung von Dokumenten verfeinern. Ein “umgekehrtes Kickstarter-Projekt” soll dabei helfen – und riecht nach einem richtig smarten Coup.

doo ist das derzeit wohl ambitionierteste Vorhaben eines deutschen Startups auf dem Weg zum papierlosen Büro (sofern man nicht an diesem Konzept zweifelt). Noch vor ihrem offiziellen Launch haben die Bonner zwei Finanzierungsrunden in Millionenhöhe durchgeführt und bereits einen ordentlichen “Buzz” generiert. Invites werden derzeit noch sehr sparsam verteilt. Einen ersten Review gab es jüngst bei Basic Thinking.

Eine der Besonderheiten der Dokumentenplattform soll die automatische Erkennung und Kategorisierung von Dokumenttypen darstellen. Für diese müssen die doo-Algorithmen aber erst einmal ordentlich trainiert werden. Das Startup aus dem Rheinland beschäftigt dazu zahlreiche Hilfskräfte, die den ganzen Tag Vorlagen einscannen. Doch jetzt sind doo-Gründer Frank Thelen und sein Team auf eine smarte Idee gekommen, wie sie ihre Software mit deutlich mehr Textmaterial füttern und dabei gleich noch künftige Nutzer eng an sich binden können: Indem sie Anwender anonymisiert Dokumente hochladen lassen und dafür bezahlen.

Das klingt erst einmal trivial, ist aber von dem jungen Unternehmen auch aus Marketinggesichtspunkten hervorragend aufgezogen worden: Betitelt wird die Aktion nämlich als “umgedrehtes Kickstarter-Projekt” – in Anlehnung an die populäre US-Crowdfundingplattform Kickstarter. Während bei Kickstarter Konsumenten Geld zur Realisierung von in der Planung befindlichen Projekten und Produkten bereitstellen, steuern sie bei doo Dokumente bereit, um die künstliche Intelligenz des Startups zu erhöhen – und werden dafür von dem Startup bezahlt.

Analog zu Kickstarter existieren verschiedene Unterstützerebenen. Wer zehn oder mehr Dokumente hochlädt, erhält sofortigen Zugang zur privaten Beta-Phase (derzeit nur für OS X). Ab 50 oder mehr gestifteten Dokumenten verspricht doo eine Bezahlung in Form von Amazon-Gutscheinen. Für jedes beigesteuerte und von doo akzeptierte Dokument winken 0,40 Euro. Zusätzlich gibt es ab 100 hochgeladenen Dateien drei Monate doo Premium gratis (nach dem offiziellen Launch). Ab 500 Dokumenten spendieren die Bonner außerdem ein exklusives doo-Fankit. Sofern es tatsächlich Nutzer gibt, die 1000 Dokumente beisteuern, werden diese zusätzlich zur doo-Launch-Parter eingeladen. Und die Verrückten, die es auf 2500 Dokument-Uploads bringen, lädt doo zur Party ein und bezahlt obendrein Flug und Unterkunft. Der Wert des Amazon-Gutscheins würde sich an diesem Punkt auf 1000 Euro belaufen.

Auf dieser Seite findet sich eine Anleitung mit den einzelnen Schritten, die für den Upload und die Anonymisierung notwendig sind. Dem doo-Team geht es darum, ihrer Software beizubringen, was eine Mahnung von der Rechnung unterscheidet, was ein Handbuch ausmacht und wie eine Visitenkarte normalerweise aussieht. Es stehen weniger zusammenhängende Inhalte im Vordergrund sondern einzelne Wörter, die anonymisiert in Töpfe mit ähnlichen Begriffen gesammelt werden. doos Datenpflege-Team überprüft jeden Nutzerupload und speist die Daten in die künstliche Intelligenz ein. Wer also einfach das Telefonbuch kopiert, wird nicht in den Genuss der Goodies kommen können.

100.000 von Anwendern hochgeladene Dokumente erhofft sich das Startup. Derzeit steht der Zähler bei 6429 Uploads von 852 Unterstützern. Wer ein paar Nächte durchackert, hat also durchaus noch die Gelegenheit, sich zu doos Launch-Event einladen zu lassen. Schlafen wird ohnehin überbewertet.

Die Aktion ist in jedem Fall vorbildlich, da sie doo gleich dreifach Nutzen stiftet: Das Unternehmen verschafft sich den für die Verfeinerung der Software notwendigen Datenbestand, bindet voraussichtlich einige tausend Anwender eng an sich (durch Invites, Amazon-Gutscheine, kostenlose Premium-Zugänge und Fankits) und bringt sich obendrein noch ins Gespräch. Respekt!

Fraglich bleibt, was Kickstarter dazu sagt, dass doo sich seines Namens bedient (die URL der Aktion ist kickstarter.doo.net). Aber wollen wir mal keine Spielverderber sein.

 

Mehr lesen

E-Health: CrowdMed verspricht Online-Krankheitsdiagnosen ohne Nebenwirkungen

30.4.2013, 1 KommentareE-Health:
CrowdMed verspricht Online-Krankheitsdiagnosen ohne Nebenwirkungen

Das Internet kann Kranken mit wertvollen Informationen weiterhelfen, sie aber auch massiv verunsichern. Das US-Startup CrowdMed setzt auf Crowdsourcing und Anreize, um Diagnosen zu liefern, die mitunter die von praktizierenden Ärzten übertreffen sollen.

Kurzversionen von Onlinetexten: tldr.io lässt das Netz zusammenfassen

22.3.2013, 7 KommentareKurzversionen von Onlinetexten:
tldr.io lässt das Netz zusammenfassen

In der digitalen Ära stehen zu vielen Informationen zu wenig Zeit gegenüber. Das französische Startup tldr.io hat eine Lösung für dieses Dilemma entwickelt: Es lässt Onlinetexte durch Nutzer zusammenfassen und stellt die Kurzversionen über eine Browser-Erweiterung und eine API bereit.

On-Demand-Fotos von Orten: eyeQuest stellt sich der Herausforderung

10.12.2012, 0 KommentareOn-Demand-Fotos von Orten:
eyeQuest stellt sich der Herausforderung

"Schau dir die Welt durch die Augen eines anderen an", so der Aufruf von eyeQuest. Das Berliner Startup stellt sich den damit verbundenen Herausforderungen.

Papierloses Büro: Startups wollen Dokumente  sexy machen

10.5.2012, 9 KommentarePapierloses Büro:
Startups wollen Dokumente sexy machen

Eine Reihe von Startups aus dem deutschsprachigen Raum will mit digitalen Dokumentenplattformen das Papier aus dem Büro und Alltag verdrängen. Die Idee überzeugt besonders beim Blick auf das langfristige Potenzial.

doctape: Onlinezentrale für persönliche Dateien

14.3.2012, 9 Kommentaredoctape:
Onlinezentrale für persönliche Dateien

doctape bietet Anwendern einen Browserdienst, um private und geschäftliche Dateien zu archivieren, zu verwalten und anderen zugänglich zu machen. Das Startup aus Hannover betritt einen umkämpften Markt.

Das neue Mister Wong: \

13.10.2010, 5 KommentareDas neue Mister Wong:
"Was empfiehlst du?"

Mister Wong verlagert seinen Schwerpunkt von Social Bookmarking zu "Social Information". Neben dem Follower-Prinzip und einem Aktivitätenstream gibt's als neues Feature auch eine integrierte Dokumentenplattform.

Linkwertig: Ruby, Doo, Twitter, DailyDeal

25.2.2013, 0 KommentareLinkwertig:
Ruby, Doo, Twitter, DailyDeal

Google hat DailyDeal an die Gründer zurück verkauft und mehr.

Smarchive, Doo, fileee, Doctape: Ein Jahr voller Probleme auf dem Weg zum papierlosen Büro

11.12.2012, 3 KommentareSmarchive, Doo, fileee, Doctape:
Ein Jahr voller Probleme auf dem Weg zum papierlosen Büro

Innerhalb der vergangenen Jahre sind mehrere deutsche Startups angetreten, um den alltäglichen Papierkrieg zu entzerren und Dokumente elektronisch in der Cloud zu archivieren. Doch bis heute ist keines davon plattformübergreifend verfügbar. Es gab größere Probleme als erwartet.

Linkwertig: LSR, Doo, Video, TOA Berlin

18.6.2012, 0 KommentareLinkwertig:
LSR, Doo, Video, TOA Berlin

Stefan Niggemeier dekonstruiert wie so oft mit spitzer Feder die kafkaesken Dimensionen des Leistungsschutzrechts und mehr.

Linkwertig: Surface Pro, Todesstern, Big Data, Cookies

7.2.2013, 0 KommentareLinkwertig:
Surface Pro, Todesstern, Big Data, Cookies

Die New York Times mit einer kleinen Geschichte über Big Data und mehr.

Crowdfunding: Wenn ein Kickstarter-Produkt niemals ausgeliefert wird

5.9.2012, 1 KommentareCrowdfunding:
Wenn ein Kickstarter-Produkt niemals ausgeliefert wird

Kickstarter-Projekte sind in den vergangenen Monaten teils schwindelerregend erfolgreich gewesen. Aber kommen die entsprechenden Produkte jemals auf den Markt? Das ist alles andere als sicher und für den Fall der Fälle darf man keine Hilfe von Kickstarter erwarten.

Linkwertig: Google+, Kickstarter, Streetpay, Auto

12.7.2012, 0 KommentareLinkwertig:
Google+, Kickstarter, Streetpay, Auto

Google hat Plus auf das iPad gebracht, Kickstarter streckt die Fühler nach Europa aus und mehr.

3 Kommentare

  1. Das ist ja geil … nicht nur, dass doo immer noch nach langer Zeit kein reales Projekt vorweisen kann – maximal die OSx Beta – nein, jetzt werden die Benutzer schon für das Befüllen bezahlt. Wird Zeit, das ich für meinen Dropbox Account auch Geld bekomme, an Stelle zu bezahlen. Naja, hauptsache neues schickes Büro und nen tolles teures Apple Paket für jeden neuen Mitarbeiter. Liebe Investoren – ihr müsst echt nen hartnäckigen Glauben an dieses Projekt haben!

  2. Statt “Kickstarter andersrum”, würde ich das eher “PR-Buzz um jeden Preis” oder noch besser “VC verschenken” nennen!

Ein Pingback

  1. [...] waren das Erscheinen von doo, die damit verbundene Berichterstattung (deutsche-startups.de, netzwertig.com) und ein Artikel über den Mythos des papierlosen Büros. Um den Abschied vom Papier wenigstens [...]

Kommentar schreiben

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen. Mehr dazu in unseren Kommentarregeln.

* Pflichtfelder

 
vgwort