Eine neue Ära beginnt:
diaspora plant mit Y Combinator
den großen Neustart

Das dezentrale Social Network diaspora ist über den Nischenstatus bisher nicht hinausgekommen. Eine Teilnahme am renommierten Y-Combinator-Programm soll dies ändern – und könnte gleichzeitig den bisherigen diaspora-Gedanken beschädigen.

Gut zwei Jahre ist es nun her, dass das dezentrale soziale Netzwerk diaspora für Schlagzeilen in der Tech- und Mainstreampresse sorgte. Auf eine erfolgreiche Crowdfunding-Finanzierung mittels Kickstarter, die deutlich über den Erwartungen lag, folgte im Herbst 2010 die Veröffentlichung des Quellcodes und der Launch einer gehosteten Version in geschlossener Beta-Phase. Doch der ultimative Durchbruch für das von vier New Yorker Studenten initiierte Vorhaben, das wir bei netzwertig.com intensiv begleitet haben, blieb bis heute aus. Das Netzwerk mit dem Alleinstellungsmerkmal, dass jeder technisch versierte Anwender seinen eigenen diaspora-Server aufsetzen und damit eine gewisse Kontrolle über persönlich Daten ausüben kann (aber nicht muss), hat seine Rolle als Nischenangebot für Facebook-Überdrüssige, die auch bei Google+ keine Zuflucht fanden, bisher nicht verlassen können. Der Selbstmord des Mitgründers lya Zhitomirskiy im November 2011 führte zu einer zeitweiligen Entwicklungspause und stellte die zwei verbliebenen diaspora-Gründer Max Salzberg und Daniel Grippi vor die Frage, ob und wie es mit dem Projekt weitergehen kann.

Ein aktuelles Businessweek-Porträt, das die Entstehungsgeschichte des einst als Facebook-Killer angepriesenen Social Networks detailliert wiedergibt, enthüllt nun, zu welchem Entschluss Salberg, Grippi und die zwei jüngst als neue Co-Founder hinzugezogenen Mitstreiter Dennis Collinson und Rosanna Yau gekommen sind: Sie werden sich im Juni unter die Fittiche von Y Combinator (YC) geben, dem weltweit bekanntesten und erfolgreichsten Startup-Inkubator (oder “Accelerator”). Das Unternehmen aus Mountain View investiert jedes Jahre kleine Geldbeiträge in Dutzende handverlesene Startups und hilft ihnen innerhalb von drei Monaten mit Know-how und einem enormen Kontaktnetzwerk, ein fertiges Produkt aufzubauen und die Chancen auf Venture Capital zu maximieren.

YC ist bekannt dafür, jungen, motivierten aber unsicheren Startup-Teams schnell die Schwächen ihres Produktes aufzuzeigen und Empfehlungen für erforderliche Veränderungen auszusprechen, um einem Durchbruch so nahe wie möglich zu kommen. Vor kurzem berichteten wir über das von vier Deutschen gegründete Startup Popset (ehemals Eeve), das als eines der wenigen hiesigen Internetunternehmen in das YC-Programm aufgenommen wurde. Dies führte unter anderem zu einer Modifikation des Konzepts sowie zum Namenswechsel.

Dass diaspora die Dinge anders angehen muss, um doch noch zu einer echten Alternative zu den zentralisierten sozialen Netzwerken zu werden, ist angesichts des bisherigen Verharrens in der Nische offensichtlich. Die Fähigkeit zur vollen Kontrolle der persönlichen Daten in Form eines Selbsthostings und der Open-Source-Charakter sind für das Gros der User einfach nicht interessant genug, um sich ernsthaft eine aktiv gepflegte digitale Präsenz bei einem weiteren Social Network zuzulegen. Der zu erwartende Herz-und-Nieren-Check durch die YC-Mentoren kommt da sehr gelegen. Einige Ideen, wodurch sich das neue diaspora auszeichnen könnte, bringen die Gründer bereits mit zu YC. So soll diaspora Anwendern beispielsweise Tools anbieten, um das optische Erscheinungsbild ihrer veröffentlichten Inhalte an ihre Gemütslage anzupassen.

diaspora und Y Combinator sind ein ungleiches Paar

Mit der Partizipation beim YC-Programm beginnt für diaspora ein neues Zeitalter. Während kaum jemand besser in der Lage ist als YC-Chef Paul Graham und sein Team, die Weichen von vielversprechenden, aber leicht orientierungslosen Webangeboten auf Erfolg zu stellen, könnte der Schritt jedoch auch die ursprüngliche, stark von Offenheit und Rücksicht auf die Anwenderbedürfnisse geprägte Philosophie von diaspora beschädigen. Den wer bei YC mitmacht und Anteile an das kalifornische Unternehmen und im weiteren Verlauf an Risikokapitalgeber abgibt, erlegt sich damit gewisse Verpflichtungen in puncto Montarisierung und der Schaffung guter Exit-Optionen auf, die traditionell den Fokus von Startups verändern. US-Blogger Robert Scoble traf einen Nerv, als er im Februar Y Combinator dafür kritisierte, Webdienste und Apps zu sehr auf Viralität zu trimmen – die von Anwenderseite mitunter als Spam und Bevormundung aufgefasst werden kann.

Die YC-Mentoren werden diaspora, das sich bisher allein durch Spenden finanzierte, nicht mit Samthandschuhen anfassen, nur weil sich die derzeitige Nutzerschaft primär aus Open-Source-Evangelisten, Offenheits-Anhängern und Netzaktivisten rekrutiert. Diese gewöhnlich sensibel auf eine Kommerzialisierung und Ausschlachtung von Onlineangeboten reagierende Ziegruppe wiederum wird auf die Barrikaden gehen, sofern sie merkt, dass sich das neue diaspora von seiner bisherigen Vision verabschiedet und die Befriedigung der Ansprüche von Investoren in den Mittelpunkt stellt.

Im Oktober rief ReadWriteWeb Mozilla dazu auf, sich bei diaspora finanziell zu engagieren. Die Non-Profit-Organisation hätte zu der bisherigen Ideologie von diaspora deutlich besser gepasst als das allein auf wirtschaftlichen Erfolg ausgerichtete Y Combinator, wäre andererseits aber wohl nicht in der Lage gewesen, die Stellschrauben zu identifizieren, die diaspora bisher an einem Aufstieg in den Mainstream hinderten. Für Y Combinator dürfte genau dies ein Leichtes sein.

Vielleicht muss man einfach einsehen, dass ein ebenbürtiger Kontrahent zu den sozialen Datensilos der großen Internetkonzerne nicht einfach aus Luft und Liebe realisiert werden kann. Ein kommerzialisiertes diaspora mit echtem Potenzial, Facebook zu bedrängen, könnte für die Zukunft des offenen Internets die bessere Wahl sein als ein vollkommen unabhängiges, dafür aber völlig harmloses Geek-Projekt. Ob die diaspora-Community dies ähnlich sieht?

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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7 Kommentare

  1. Nicht einmal Google Plus ist bisher bei der Masse angekommen. Warum? Weil die Leute es langsam Leid sind, alles überall über sich zu erzählen. Unthink und Anybeat sind ja schon von der Bildfläche verschwunden und am Geld hat es dabei sicher nicht gelegen. Und jetzt will Diaspora noch einmal durchstarten? Jeder hat das Recht, es zu versuchen, aber ich denke nicht, dass daraus noch etwas wird. In meinen Augen Geldverschwendung.

    • Du meinst, es ist für die nahe Zukunft gelaufen? Also Fb hat quasi den Markt für die nächsten Jahre für Neueinsteiger blockiert?

    • Nicht nur Facebook, auch Google Plus, die noch viel ins Marketing investieren werden. Dann hast du noch Twitter, das um Aufmerksamkeit buhlt. Pinterest, Path, … Ich merke nebenbei, dass bei vielen das Interesse an Facebook abnimmt. Man hat sich erst einmal genug erzählt und vor der Welt entblößt. Wozu dann jetzt noch Diaspora?

    • Ich glaube je länger je mehr, dass Twitter doch noch im Mainstream ankommt und ähnlich gross wie Facebook werden kann. Warum? Weil Twitter eben KEINE Kopie von Facebook ist, sondern einen anderen Ansatz verfolgt: Interest Graph statt Social Graph.
      Bin gespannt auf den neuen (?) Ansatz von Diaspora.

  2. Mir würde es gefallen, wenn sich aus dem YC-Startup ein kommerzieller Fork für Unternehmen herausbildet und die freien Alternativen (und auch andere FSW-Projekte wie Friendika) von dem wachsenden offenen Netz profitieren.

    Firmen sollten keine Probleme mit der Pflege solcher Systeme haben (s. die Firmenausrichtung von Status.Net), aber mindestens ein ebenso großes Interesse Daten unter ihrer vollen Kontrolle zu haben wie der normale Nutzer.

  3. Wenn Diaspora nicht irgendetwas wirklich sehr innovatives macht wird es einfach keine Chance haben. Es braucht doch keiner einen Facebook abklatsch aber vor allem wird keiner wechseln wenn Diaspora nicht irgendetwas besonders kann, was der User auch sieht.

  4. DIASPORA hat etwas innovatives für die Leute die macht über ihrer Informationen wollen. Sobald man bei FB oder G+ Informationen eingetragen hat, hat man auch keine große macht mehr darüber, es scheint zwar so das wir deutsche durch die Datenschutzgesetze noch macht darüber haben… und wir wohl froh sein sollten das einige Staatliche Einrichtigung Facebook oder G+ für uns auf die Füße treten, aber Diaspora bietet einen ganz einfach mehr freiheit, ich kann dort eintragen was ich will in das Feld “Geschlecht”.. nur als Beispiel…

    Twitter, FB und G+ sind auf allen Smartphones vorinstalliert, wie viele Aktivierung hat Android PRO TAG? TAUSENDE. Ohne Werbekampagne hat DIASPORA da keine große Chance, G+ wird Google sehr viel Geld kosten, aber wird sich auf dauer bestimmt durchsetzen können z. m. soweit das dieses auf der selben stufe wie FB stehen, den wie gesagt.. Android.
    FB wurde einfach zur richtigen Zeit gegründet und veröffentlicht und der Ansturm auf FB kam auch erst Jahre später. Wenn DIASPORA in der lage ist zu überleben, dann wird es auch in der lage sein sich durchzusetzen, linux wurde auch totgesprochen so oft. DIASPORA hat aber OpenSource Unterstützung, firmen wie FB und G+ investieren viel in OpenSource… aber mal abgesehen davon sind viele Entwickler bei Diaspora oder leute und kleinere gruppierungen die dort aktiv sind. Mein “Stream” ist nicht so gigantisch wie in FB.. aber wer will auch schon wissen wann einer auf der Toiltete sitzt?

    DIASPORA ist eine gute sache und sollte unterstützt werden, ich bin sogar für eine Staatliche Förderung, wenn DIASPORA in deutschland eingetragen wäre, könnte es sofern ich mich an meine letzten WL unterricht errinere der “Konzern” sogar mit Staatlicher Unterstützung zur Konkurrenzfähigkeit rechnen, oder nicht? Wirtschaftsexperten unter uns? :)

    Ich finde DIASPORA toll, jeder sollte in der lage sein einen POD ganz einfach aufsetzen zu können und es ist doch viel Cooler die bilder die auf dem PC oder handy liege ganz einfach frei zu geben und unter eigener kontroller sind? Es hat potential und bräuchte hier und dort noch einen tritt in den Hintern. :)

2 Pingbacks

  1. [...] für viele Startup-Erfolge verantwortlichen US-Inkubator, und einem leicht veränderten Ansatz versucht sich diaspora nun an einem neuen Anlauf. Das kann durchaus klappen, wird aber angesichts nicht vorteilhafter Assoziationen mit dem Projekt [...]

  2. [...] eine Art Anlaufstelle für Standards und deren Dokumentation.» WebPlatform Diaspora Das dezentrale Social Network Diaspora gibts jetzt als Community-Version.Außer der Entfernung des als experimentell eingestuften [...]

 
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