Girls Around Me:
Unangemessene Empörung über vermeintliche “Stalker-App”

Zahlreiche englischsprachige Medien zeigten sich am Wochenende entrüstet über die iPhone-App Girls Around Me, welche auf einer Karte über Frauen (und Männer) in der Nähe informierte. Die Aufregung ist völlig übertrieben.

Screenshot: Cult of MacWenn es um vermeintliche Privatsphäre-Verletzungen und Datenschutzskandale geht, dann machen nicht nur mit derartigen Fragen befasste, für den Staat tätige “Experten” sowie Politiker gerne aus einer Mücke einen Elefanten, sondern auch Journalisten und Blogger. Grund dafür ist meist entweder ein technisches oder konzeptionelles Unverständnis über den jeweiligen Sachverhalt, oder aber das Streben nach Seitenaufrufen und Aufmerksamkeit – denn potenzielle Missstände der digitalen Welt sind immer gut für eine Schlagzeile und werden mit Begeisterung von den Kollegen aufgegriffen.

Am Wochenende war es einmal wieder so weit: Eine aus Russland stammende iPhone-App namens “Girls Around Me” machte nach einem kritischen Bericht bei Cult of Mac in englischsprachigen Medien schnell Karriere als angebliche Stalker- und Vergewaltiger-Anwendung und verdeutlicht nach der Darstellung zahlreicher Artikel, wie Anwender von Location-Diensten den Schutz ihrer Privatsphäre vernachlässigten.

Girls Around Me ermöglichte es Anwendern, sich auf einer Google-Karte anzeigen zu lassen, welche Personen öffentlich über foursquare in der unmittelbaren Umgebung eingecheckt sind. Die Anwendung erlaubte dabei die Filterung nach Männern oder Frauen. Der gewählte Name unterstreicht allerdings, welche Zielgruppe vorrangig angesprochen werden sollte: männliche Nutzer, die wissen wollten, ob sich in ihrer Umgebung gerade interessante Damen aufhielten.

Aggregation öffentlich verfügbarer Daten

Girls Around Me präsentierte zu den in der Nähe über foursquare eingecheckten Personen Links zu Facebook-Profilen, welche diese in ihrem foursquare-Profil angegeben haben, und erlaubte so bei nicht für fremde Zugriffe geschützten Facebook-Profilen den schnellen Abruf weiterer persönlicher Angaben und Fotos.

Die App, die mittlerweile von der aus Moskau stammenden Betreiberfirma in Folge der allgemeinen Aufregung aus dem App Store entfernt wurde, aggregierte öffentlich verfügbare Informationen (öffentliche foursquare-Check-Ins, in foursquare-Profilen angegebene Facebook-Profile) und erforderte den Login über das persönliche foursquare-Konto. Allein weil die Applikation im Prinzip nichts anderes tat, als öffentliche Standortangaben bei foursquare inklusive von Nutzern angegebener Links zu Facebook-Profilen auf einer Google-Karte darzustellen, ist die mediale Empörung nicht nachvollziehbar.

Andere Apps setzen auf das gleiche Konzept

Hinzu kommt die Tatsache, dass eine ganze Reihe anderer Apps durch die Aggregation externer Signale ähnlich transparent machen, welche Personen (und damit auch Frauen) sich gerade in der direkten Umgebung aufhalten. Sonar (unser Review), Banjo oder Gauss (unser Review) heißen die Dienste, die öffentlich verfügbar Informationen aus foursquare, Facebook und Twitter verwenden, um in Listen- oder Kartenform über interessante Menschen in der näheren Umgebung zu informieren.

Vom grundsätzlichen Konzept her verfahren diese Dienste sehr ähnlich wie Girls Around Me. Lediglich der Fokus auf einer geschlechterspezifischen Filterung fehlt, zudem – und hier hat sich Girls Around Me nach dem bisherigen Erkenntnisstand einen formellen Schnitzer erlaubt – präsentieren sie die Informationen über benachbarte Personen nicht geordnet nach Locations. foursquares Entwicklerschnittstelle darf dazu verwendet werden, öffentliche Check-Ins aus dem Umfeld abzurufen, aber nicht, um gesammelt auf einer Karte anzuzeigen, welche Menschen sich gerade an welchen spezifischen Locations (z.B. Clubs, Bars, Cafés) befinden. Das klingt nach einer feinen Linie, aber foursquares Entschluss, Girls Around Me den Zugriff auf die API abzuklemmen, legt nahe, dass diese Linie hier überschritten wurde.

foursquare selbst liefert entsprechende Informationen

Dennoch rechtfertigt dieser Verstoß gegen eine Formalität von foursquare nicht die Welle der Entrüstung, die am Wochenende durch die englischsprachige Tech-Medienwelt schwappte. Zumal auch foursquare selbst Informationen darüber liefert, welche Personen sich gerade um einen herum befinden: Wer mit dem Locationservice an einem Ort einchecken möchte, erhält eine Liste mit Plätzen der Umgebung, die anzeigt, ob auch andere Nutzer dort präsent sind. Die Profilseite der jeweiligen Location liefert dann nähere Informationen zu den jeweiligen Personen.

Zwei Aspekte haben letztlich dafür gesorgt, dass Girls Around Me als besonders unheimlich und problematisch angeprangert wurde: Die Namenswahl sowie der Geschlechterfilter. Das sind jedoch letztlich Kleinigkeiten, welche die Aufregung um die Anwendung nicht rechtfertigen – einerseits, weil andere Dienste ähnliche Funktionalität bieten, und andererseits, weil sämtliche verwendeten Daten eigenhändig und öffentlich von foursquare-Anwendern publiziert worden sind.

Check-Ins sind unzuverlässiger Standortindikator

Und noch ein weiterer Fakt relativiert die Kritik an dem Dienst: foursquare-Check-Ins sind ein recht unzuverlässiges Instrument, um den genauen Standort einer Person zu erfahren. Schon eine Minute nach dem Check-In können Nutzer den jeweiligen Ort wieder verlasssen haben. Es ist unklar, wie viel Zeit maximal vergangen sein durfte, damit eine Person auf der Girls Around Me-Karte positioniert wurde. Eine gewisse Toleranz gab es mit Sicherheit. Wie bei Sonar, Banjo und Gauss bedeutet dies, dass keineswegs garantiert war, dass die über Girls Around Me gezeigten Frauen sich wirklich noch am vorgegebenen Ort befanden.

Nur Applikationen wie Highlight (unser Review) oder Glancee, die nicht Standortangaben aus 3rd-Party-Apps importieren, sondern permanent im Hintergrund die aktuelle Koordinaten der Anwender überprüfen, sind in der Lage, permanent in Echtzeit Auskunft über den derzeitigen Standort zu geben, und signalisieren, welche anderen Anwender sich in der selben Gegend aufhalten. Und man mag es kaum glauben, aber auch dort gibt es weibliche Anwender, die freiwillig mitmachen.

Pauschale Unterstellung mangelnder Privatsphäre-Kompetenz

Der Fall Girls Around Me hat den positiven Nebeneffekt, dass Anwendern einmal mehr ins Bewusstsein gerufen wird, wie öffentlich über Social-Web- und Location-Plattformen publizierte Inhalte auf verschiedene Weise von Dritten nutzbar gemacht werden können. Doch speziell bei foursquare, das mit seinen 15 Millionen Nutzern noch immer ein vorrangig von versierten Early Adoptern verwendetes Nischenangebot darstellt, ist der Anteil der mit nur geringer Medien- und Privatsphäre-Kompetenz ausgestatteter Anwender eher gering. Will heißen: Diejenigen Frauen (und Männer), die auf den Karten von Girls Around Me sichtbar waren, dürften sich über die Möglichkeit einer derartigen Aufbereitung ihres Check-Ins größtenteils bewusst sein. Doch das können sich die Kritiker, welche die Applikation jetzt als ganz große Gefahr für die Privatsphäre der foursquare-Nutzer verkaufen, natürlich so gar nicht vorstellen.

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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3 Kommentare

  1. Bei der Badoo iPhone App sieht man schon immer ohne Anmeldung/Registrierung sofort Personen aus der Umgebung. Da schreit auch niemand trotz eindeutiger Studien ;-)

  2. Es ging mir in meinem Text um die tolle Datenschutz-Vorführung von John, die auch unbedarften Nutzern zeigt, was sie unter Umständen alles über sich preisgeben, sowie um die eindeutig sexuell konnotierte Werbung von GAM.

  3. So eine alberne scheiße. Wofür gehen denn die Leute in einen Club oder eine Bar. In der Regel doch um Leute des anderen Geschlechts zu treffen, kennenzulernen und vermutlich auch um jemanden abzuschleppen. Wenn ich Single wäre würde ich die App nutzen. Und zwar nicht um jemanden zu stalken oder zu vergewaltigen, sondern weil es vielleicht als technisch orientierter Mensch überaus angenehm sein kann mal mit jemandem zu reden, der überhaupt weiß was Location Based Services sind. Mir kann doch niemand allen Ernstes erzählen, dass jemand der seinen Aufenthaltsort ins Netz stellt die Implikationen dessen nicht kennt (falls doch sollte man ihm sein Handy wegnehemen), aber das hast Du ja auch schon angedeutet. Darüber hinaus ist es absolut legitim und menschlich seine Kontakte oder die Leute die man treffen könnte nach Geschlecht filtern zu wollen. Im übrigen ist nicht nur die mangelnde Kompetenz-Unterstellung der Nutzer ein Problem, sondern auch der ständige unterschwellige Vorwurf im Netz seien nur Stalker zu Hause.

2 Pingbacks

  1. [...] seine API für die App, woraufhin der Entwickler die App aus dem iTunes Store zurückzog. wsj.com, netzwertig.com [...]

  2. [...] Aufschrei in London. Vermeintliche „Stalker-App“ Girls Around Me sorgt für Aufregung in englischen Medien. Martin Weigert sagt, die Aufregung ist völlig übertrieben. Netzwertig [...]

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