Zitatplattform:
Quote.fm und die
Herausforderungen der Zukunft

Noch ist die Zitatplattform Quote.fm ein Nischenphänomen. Doch sollte es dem Startup aus Hamburg gelingen, die Masse der Nutzer anzusprechen, wird es sich mit einigen wichtigen Fragen auseinandersetzen müssen – und die Art, wie Onlinetexte geschrieben werden, verändern.

Der Onlinedienst, der momentan bei digitalen Viellesern zumindest im deutschsprachigen Raum für die größte Beachtung sorgt und sich anschickt, ihr persönliches Informationsmanagement zu verändern, heißt Quote.fm. Wir haben in den vergangenen Monaten schon häufiger über das Startup aus Hamburg berichtet – nicht zuletzt deshalb, weil es sich dabei um einen der überraschenden Newcomer unter den Webdiensten 2011 gehandelt hat.

Mehrmals täglich empfehle ich mittlerweile über das Quote.fm-Bookmarklet empfehlenswerte Artikel mittels mal kurzer, mal längerer Textabschnitte – denn genau darum geht es bei dem kostenfreien Service, der kürzlich seine geschlossene Beta-Phase verlassen hat. Auch versuche ich, mindestens einmal pro Tag einen Blick in meinen Feed zu werfen, in dem sich die Zitate aus Onlinetexten ansammeln, die von den von mir abonnierten Quote.fm-Anwendern hervorgehoben wurden. Von einigen ausgewählten Mitgliedern des Dienstes beziehe ich außerdem den RSS-Feed.

Je mehr sich der Service in meinem Onlinealltag breit macht, desto häufiger stelle ich mir die Frage, welche Auswirkungen einige aktuelle Debatten rund um die Netzwelt auf die weitere Entwicklung des Dienstes haben werden, und auch, wie dieser unsere Art der Informationsverbreitung und -schaffung beeinflussen könnte. Denn klar ist: Sollte Quote.fm tatsächlich aus seiner momentan noch belegten Nische herauskommen und das zitatzentrische Empfehlungsprinzip für Content massentauglich machen – was eher unwahrscheinlich erscheint, aber nicht unmöglich ist – dann wird es gleichermaßen anecken und die Arbeit von Textproduzenten im Netz (Journalisten, Blogger, Website-Betreiber etc.) verändern.

Leistungsschutzrecht für Presseverlage

Die wohl größte Unsicherheitskomponente, die sich dem Quote.fm-Gründertrio Marcel Wichmann, Philipp Waldhauer und Martin Wolf in den Weg stellt, ist das Leistungsschutzrecht für Presseverlage. Anfang des Monats haben sich FDP und CDU/CSU bekanntlich trotz zahlreicher Kritikpunkte auf die Einführung eines derartigen Gesetzes geeinigt. Herzstück dessen wäre die Pflicht von Lizenzzahlungen für gewerbliche Onlineangebote, die Presseerzeugnisse ganz oder in Teilen nutzen.

Ob ein derartiges Gesetz angesichts des breiteten Widerstands und zahlreicher offener Frage tatsächlich Realität wird, ist zum aktuellen Zeitpunkt offen. Angenommen, es käme dazu, so würde diese Quote.fm empfindlich treffen. Denn das gesamte Konzept des Startups von der Elbe basiert auf der Nutzung von Presseerzeugnissen. Und auch wenn der Dienst momentan noch auf eine Monetarisierung verzichtet, wird er früher oder später die Profitabilität anstreben und spätestens dann gewerblich agieren.

Quote.fm-Macher Marcel Wichmann wollte sich auf meine Frage, wie das junge Unternehmen die Bedrohung durch das Leistungsschutzrecht beurteilt, nicht äußern. Dennoch wären er und seine zwei Mitstreiter gut darin beraten, sich Szenarien zu überlegen, wie sie auf eine Einführung von Lizenzgebühren reagieren würden. Eine Option wäre, Inhalte der Websites von Presseverlagen für die Verbreitung über Quote.fm zu sperren – was jedoch gleichzeitig jedes theoretische Mainstreampotenzial des Projekts zunichte machen würde. Dass Blogs als Zugpferd nicht ausreichen, um ein innovatives Angebot rund um die Aggregation, Filterung und Distribution von Content ins Rampenlicht der Öffentlichkeit zu hieven, wissen wir spätestens seit Rivva.

Aus dem Zusammenhang gerissene Zitate

Als deutlich wurde, dass Joachim Gauck der nächste Bundespräsident werden würde, formierte sich im Netz schnell Widerstand. Kritik näherte sich vor allem aus einer Reihe von umstrittenen Aussagen Gaucks zu polarisierenden Themen. Andere verteidigten den DDR-Bürgerrechtler und konstatierten, dass seine Aussagen in Medien unzureichend oder ganz falsch zitiert wurden.

Während gewisse Zitate unmissverständlich für sich selbst stehen können, benötigen manch andere Ausführungen tatsächlich einen Kontext, um nicht falsch verstanden zu werden. Einfaches Beispiel: Ich könnte einen ausführlichen Beitrag verfassen, in dem ich mit dem Leistungsschutzrecht für Presseverlage abrechne, und im Sinne der Ausgewogenheit in einem einzigen Absatz mögliche Vorteile des Vorhabens erläutern. Ein Quote.fm-Nutzer, der genau dieses Zitat von mir seinen Followern empfiehlt, würde mich zumindest auf den ersten Blick zu einem Befürworter des Gesetzesvorhabens machen.

Das Konzept von Quote.fm nimmt hin, dass durch das selektive Auswählen von einzelnen meinungsstarken und pointierten Absätzen bestimmte Informationen und Kommentare aus dem Zusammenhang gerissen werden. Für Mitglieder kann dies eigentlich nur bedeuten, dass sie sich darauf einstellen, selbst noch so sensationelle Bemerkungen in ihrem Quote.fm-Feed nicht mental abzuspeichern, ohne den dazugehörigen Beitrag gelesen zu haben.

Quote.fm-Optimierung bei Texten

Angenommen, wir schreiben das Jahr 2013 und Quote.fm ist zu einer führenden Empfehlungsplattform für journalistische Inhalte geworden, die von Millionen Menschen besucht wird und den über Zitate verlinkten Quellen mächtig Besucher zuspielt – die Folge wäre genau das, was nach der Etablierung von Suchmaschinen als Trafficmagneten geschehen ist: Contentproduzenten würden ihre redaktionellen Texte für Quote.fm optimieren.

Wer die Zitatplattform noch nicht ausprobiert hat, wird diese Aussage womöglich befremdlich finden. Persönlich merke ich aber beim Schreiben schon jetzt, wie ich ab und an darüber nachdenke, ob ein gerade verfasster Artikel von mir Abschnitte enthält, die für Quote.fm hinreichend aussagekräftig, handlich und pointiert sind. Aus Lesersicht stört es mich nämlich, wenn ich einen spannenden Text gefunden habe, den ich gerne mit meinen Quote.fm-Kontakten teilen würde, der jedoch griffige Absätze vermissen lässt.

Je größer die Zahl aktiver Quote.fm-Anwender und damit die Bedeutung als Trafficlieferant ist, desto mehr Autoren und Blogger werden sich Gedanken darüber machen, wie sie ihre Inhalte für Quote.fm optimieren können. Im schlimmsten Fall sorgt dies dafür, dass die bisher besonders Überschriften betreffende Boulevardisierung von Inhalten im Netz auf Texte übergreift. Im Idealfall allerdings strengen sich Verfasser an, durchdachtere, kreativere und unterhaltsamere Texte zu produzieren, die Inhalte in einem Quote.fm- und leserfreundlichen Format auf den Punkt bringen.

Insofern könnte man auch behaupten, eine Ausrichtung von Texten an Quote.fm sei die bessere Suchmaschinenoptimierung. Denn bei ihr schreiben Menschen für Menschen, nicht für Maschinen.

 

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4 Kommentare

  1. Insofern könnte man auch behaupten, eine Ausrichtung von Texten an Quote.fm sei die bessere Suchmaschinenoptimierung. Denn bei ihr schreiben Menschen für Menschen, nicht für Maschinen.

    Schöne Zukunftsvision. Zwei Anmerkungen:

    Das Konzept von Quote.fm nimmt hin, dass durch das selektive Auswählen von einzelnen meinungsstarken und pointierten Absätzen bestimmte Informationen und Kommentare aus dem Zusammenhang gerissen werden.

    Und genau deshalb betont Marcel ja auch immer wieder, dass man nicht Zitate, sondern Texte liken soll: Aktuell geben wir uns größte Mühe klar zu machen, dass dieser Like sich auf den Text bezieht, auf das Gesamtwerk, nicht auf den einen Satz, anhand dessen jemand diesen Text empfohlen hat.

    Dass Blogs als Zugpferd nicht ausreichen, um ein innovatives Angebot rund um die Aggregation, Filterung und Distribution von Content ins Rampenlicht der Öffentlichkeit zu hieven, wissen wir spätestens seit Rivva.

    Aber Rivva indexiert doch auch andere Onlinemedien?

  2. Es ist eins, dass Marcel das erwähnt. Wichtiger ist aber, dass es bei den Nutzern so ankommen muss. So richtig verinnerlicht habe ich das bisher nicht. Sprich, intuitiv like ich eher das Zitat, als den Artikel dahinter (was auch ganz einfach damit zu tun hat, dass ich den Artikel noch nicht gelesen habe, wenn das Zitat in meinem Stream auftaucht – was wiederum damit zu tun hat, dass ich Beiträge gerne bei Instapaper zum späteren Lesen speichere).

    Zu Rivva. Ja, macht es. Jahrelang wurde es aber als Aggregator der Blogosphäre wahrgenommen. Und ich glaube, dass ändert sich nur sehr langsam.

  3. Jep, darum fliegt die Like-Funktion auch noch diese Woche raus und kommt erst wieder, wenn es den “Read”-Bereich gibt, bei dem es dann klar ist, dass man den Text und nicht das Zitat liked. Mehr dazu hier: http://uarrr.org/2012/03/…mpfehlungen-braucht/ :)

  4. Tja, Quote.fm ist so ein Dienst, an dem die Early Adopters wohl noch etwas stärker und länger ziehen müssen, bevor er für “Middle Adopter” wie mich interessant wird.

Ein Pingback

  1. [...] Die Frage ist, ob sie sich gegenseitig klein halten oder das Genre an sich stärken. Das entscheidende für jede dieser Apps ist die Masse an Nutzern. Erst wenn die erreicht ist entsteht ein Nutzen.  ***  Je mehr sich der Service in meinem Onlinealltag breit macht, desto häufiger stelle ich mir die Frage, welche Auswirkungen einige aktuelle Debatten rund um die Netzwelt auf die weitere Entwicklung des Dienstes haben werden, und auch, wie dieser unsere Art der Informationsverbreitung und -schaffung beeinflussen könnte. Denn klar ist: Sollte Quote.fm tatsächlich aus seiner momentan noch belegten Nische herauskommen und das zitatzentrische Empfehlungsprinzip für Content massentauglich machen – was eher unwahrscheinlich erscheint, aber nicht unmöglich ist – dann wird es gleichermaßen anecken und die Arbeit von Textproduzenten im Netz (Journalisten, Blogger, Website-Betreiber etc.) verändern.Zitatplattform: Quote.fm und die Herausforderungen der Zukunft [...]

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