Social Reading:
Wie die Buchwelt und das
Netz sich langsam kennenlernen

Die Buchwelt verändert sich grundlegend – und ermöglicht damit zahlreiche neuartige digitale Konzepte rund um Social Reading, das gemeinschaftliche Lesen und Diskutieren der Lektüre. Branchenkenner Alexander Vieß gibt einen umfassenden Überblick.

Alexander Vieß ist Redakteur für Web und Social Media im Börsenverein des Deutschen Buchhandels und gibt hier seine persönliche Meinung wieder, nicht die seines Arbeitgebers. Am Freitag wird er auf der CeBIT eine Podiumsdiskussion zum Thema Social Reading moderieren. Mehr dazu am Artikel-Ende.

Foto: Flickr/falldownmoon, CC BY 2.0

Ein Gespenst geht um im Bücherland. Wo einst verdorrtes Einzelgängertum und verknöchertes inneres Exil herrschte, da entdeckt der solitär sozialisierte Leser nun seine gemeinschaftliche Ader. Nachdem die analogen Lesekreise ein kleines, zumeist sich im privaten Umfeld abspielendes und deswegen nur bedingt journalistisch zu verwertendes Revival erlebten, bald aber schon die ersten Leseblogs die Vorliebe überwiegend weiblicher Literaturbegeisterter kanalisierten und zumindest ein klein wenig vom Fame und Buzz der ubiquitären Streetfashion- und Modeblogs rüberzuwandern versprach, da entstehen nun allerorten Foren, Apps und Communities, die sich anschicken, den Leser mit der Leserin, mit dem Buch (und wie zu zeigen sein wird: mit dem Verlag und der Autorin) zu verknüpfen. Man nennt das im Allgemeinen Social Reading. Wie social die Dienste im Einzelnen ausfallen oder ob es sich doch auch manchmal um popistisch geschultes Listenwesen in Verbindung mit dem guten alten Distinktionsgewinn – mein Haus, mein Boot, mein virtuelles Bücherregal – handelt, ist aber vor allem ein technosoziale Frage. Dazu später mehr.

Cui bono?

Wie jede gut rockende digitale Entwicklung stellen sich die langweilig-kulturkritischen Bedenkenträger zunächst (und meist auch zuletzt) diese Frage: Wozu? Die Antwort fällt naturgemäß je nach Perspektive verschieden aus. Die Sache ist kompliziert.

Die Leserin: Zwischen Naivität und Monetarisierung

Dem Leser verspricht dieser Austausch über Literatur die Gewissheit, dass man auch mit einem eher marginalisierten Interesse beispielsweise an der Nacktmullzucht nie ganz allein ist im Netz. Es ist ein wenig wie mit Webporn und obskuren Fetischen: Wenn du’s denken kannst, gibt’s garantiert ein Forum dafür. Das Spezialistentum im Long Tail tendiert gegen unendlich.

Liest man in den einschlägigen Blogs nach, gesellt sich zu diesem eine ganze Reihe weiterer explizit genannter und implizit offenbar mitgedachter Gründe: Werbung für ein Buch machen, Werbung für einen Autor machen, das eigene Lesen protokollieren (das Blog als Tagebuch), sich selbst darstellen (ich bin, was ich lese), durch schriftliche Reflektion über einen Text ihn durchdringen usw.

Interessant an dieser neuen Generation von Bloggern – es handelt sich in keinem mir bekannten Fall um die alte Garde der antville-Blogger oder angrenzender Blog-Vorreiter, denen man mit einigem Recht allein durch ihren Duktus literarischen Stilwillen oder zumindest ein tieferes Verständnis von Sprache als Spiel unterstellen konnte – ist, dass sie die Durchkapitalisierung ihres Schreibens gleich mitdenken. Anzeigen von Verlagen und anderen, die Zielgruppe schnuppern, scheinen nicht mehr als anrüchig oder auch nur problematisierbar gesehen zu werden. Die Monetarisierung läuft halt mit. Man könnte und würde auch ohne, aber mei, wenn’s schon angeboten wird … Klar, reich wird man dadurch nicht, aber das ewige Medienbranchen-Versprechen “Arbeite erstmal für umme, vielleicht reicht’s ja irgendwann für ein paar Kröten.” scheint angesichts des Erfolgs der Les-Mads-Bloggerinnen zumindest nicht mehr die ganz große Lüge zu sein.

Noch eines springt ins Auge: als journalistisch oder kritisch versteht sich in der Literaturblogger-Szene kaum jemand. Der anti-intellektuelle Reflex richtet sich mit Vorliebe gegen die “verstaubten Feuilletons” und die dort repräsentierten Literaturen. Natürlich gibt es auch jenseits dieser Szene, die sich mit ihren eigenen Blogs rund um das von der Verlagsgruppe Holtzbrinck clever eingekaufte und charmant moderierte LovelyBooks niederlässt, Gruppen, die ihren Schwerpunkt nicht auf historische und Liebes-Romane legen. Aber die online verbundene Community fehlt. Es stellt sich die Frage, warum so hervorragend editierte und durchaus stark untereinander vernetzte junge Literaturmagazine wie Bella triste, Edit oder [sic] (Kenntlichmachung: der Autor ist mit den Herausgebern der letztgenannten Site freundschaftlich verbunden) es nicht schaffen, jenseits der im real life stattfindenden Treffen ihren Einfluss auch online auszuspielen. So jedenfalls präsentiert sich die hiesige Litblogszene als extrem homogen – sowohl ihre Argumentationsmuster als auch die Auswahl der Bücher betreffend.

Die Dienste: Analogvirtuell und technosozial

Wo LovelyBooks verstreute Communities zusammengeführt hat und für die eigene Zielgruppe zu einem nicht mehr umgehbaren Benchmark der eigenen Vernetzung wurde, zugleich klugerweise aber keine Anstalten macht, als One-stop-Portal die verstreut auf verschiedenen Plattform liegenden Blogs seiner Mitglieder zu inkorporieren, da beginnen andere Dienste die Vernetzung von anderer, technischer und technosozialer Seite zu denken. Gewissermaßen ist LovelyBooks Social Reading in Version 1, es ist in seiner ganzen Virtualität gleichsam analog: es denkt und gestaltet die Interaktion zwischen allein seinen Nutzern, nicht aber seinem social object, dem Text. Dieser bleibt ganz eigenständiges Werk mit klar definiertem Anfang und Ende. Und während der Platzhirsch ein gesundes Wachstum, vor allem aber immer mehr Sichtbarkeit zu verzeichnen scheint, fangen an ganz anders sozialisierter Stelle die Programmierer an, Frühlingsluft zu schnuppern.

A new dawn: Neues kommt von außen

In den letzten beiden Jahren schossen die Startups dermaßen aus dem Boden, dass sich die notorisch traditionelle und innovationsferne Buchbranche verdutzt die Augen reibt. Ihr Dünger ist nicht mehr das Buch in seiner papierenen Form sondern das überall auf jegliche Art zu lesende Digitalisat. Während (man muss es leider so betonen: in Deutschland) vor allem im Sortiment noch über den geringen Umsatzanteil des E-Books am Gesamtmarkt wahlweise geunkt oder geklagt wird, scheint es dann doch für ein ganz neues Ökosystem aus Geschäftsmodellen zu reichen. Und, Überraschung, die Modelle skalieren sogar. Man muss sich nur einmal die einschlägigen Jobbörsen anschauen: Der Bedarf an Entwicklern und Programmierern, an Projekt- und Accountmanagern, an Grafikern und Interaction Designern steigt und steigt. Dass diese kleinen und agilen Startupideen nicht dem Schoß der Buchbranche entsprangen, ist eine Tragik, die andernorts noch viel stärker durchdacht werden sollte.

Diese Startups haben andere Fragestellungen als LovelyBooks. Ihr Antrieb sind Probleme von digitaler Zitierbarkeit, von Schnittstellen zu anderen Diensten und deren Gestaltung, von Textinteraktion, von (Re-)Kontextualisierung, von digitalen Identitäten, von semantischen Einheiten, nicht zuletzt von ambientigen Faktoren wie Sexyness, Typographie, User Experience oder Lesbarkeit. Kurzum, es geht um die Entitäten des digitalen Textes an sich. Die größte und das Fundament bildende Herausforderung ist diese: Wo der Text digital wird, lässt sich auf ihn referenzieren; dadurch verändert sich nicht notgedrungen der Text an sich – die Experimente mit hyperlinktem Text, sich selbst fortschreibenden Geschichten oder Ebenenüberlagerungen sind schnell gealtert oder semiologisch marginalisierte Avantgarde geblieben, jedenfalls aber nicht in größerem Stil monetarisierbar und werden dies bis auf Weiteres auch bleiben. Um den Text herum aber entsteht das Potential, dass sich alles ändert, die Beziehung des Textes mit der Leserin wie die des Autors mit dem Verlag, letztlich auch: der Text als abgeschlossenes und in sich geschlossenes System, als Werk.

The Institute for the Future of the Book und die praktische Grundlagenforschung

Das Institute for the Future of the Book, eine Art Think Tank der Buchbranche, denkt am klarsten in diese Richtung, mit der Social-Reading-Umsetzung von Doris Lessings The Golden Notebook und anderen Experimenten zeigen sie, was heute schon, allein durch Zuhilfenahme eines Browsers, also bewusst auf die walled gardens der Appwelt verzichtend, möglich ist: Die Kommentierbarkeit nicht bloß eines Textes (des “Werks”) sondern seiner semantischen Einheiten ausgehend vom Wort, über die Phrase, den Satz, den Absatz bis hin zum Kapitel. Auf einer zweiten Ebene schließlich die soziale Sphäre öffnend die Kommentierbarkeit des Kommentars und damit der Diskussion. Die Projekte des Instituts aber enthalten keine Geschäftsmodelle, eher sind sie Experimente zur Auslotung des theoretisch Möglichen. Der Kopf hinter dem Institute, Ben Stein, war dann auch der erste, der Social Reading als Begriff durch eine Matrix zu definieren versuchte. In seinen Experimenten scheint sich der Wunsch Toni Morrisons zu verwirklichen: “Reading is solitary, but that’s not it’s only life. It should have a talking life, a discourse that follows.”

Readmill und der Wald vor lauter Bäumen

Beim Institute in die Schule gegangen sind mit Sicherheit die Gründer von Readmill, einem Social-Reading-Dienst mit eigener Leseapp, über die Textbestandteile markiert, annotiert und geshared werden können um sie dann nach automatischer Synchronisierung auf der Website zur Diskussion zu stellen. In technosozialer Hinsicht macht Readmill alles richtig: Das Berliner Startup baut auf den offenen epub-Standard ohne DRM; es bietet ein Design, eine User Experience und Typographie, die direkte Konkurenten wie dem geschlossenen, aus Reader, App und Community bestehenden Ökosystem Kobo oder die Kindle App wie Microsoft anno ’98 aussehen lässt; es bietet eine API an, die zu dem Killerfeature einer Dropbox-Synchronisation führte (enstanden innerhalb eines Wochenendes während eines Hackathons).

Das Damoklesschwert im Fall Readmill hängt aber guillotinentief und hört auf den Namen Community. Zwar ist diese durchaus vorhanden und offenbar sehr umtriebig und aktiv aber die Interaktionsmöglichkeiten des Web 2.0 (hier muss einmal dieser Begriff verwendet werden) reichen noch immer nicht an das prä- bis proto-webzwonullige Forum heran. Kommentierbarkeit ist nicht gleich Diskussion (in dem Maße wie Diskussion noch nicht gleich zwingend dialektischer Diskurs ist), die Kommentarspalten unserer großen Zeitungen wissen davon ein trauriges Lied zu singen. Und so schafft es Readmill noch nicht, seine Nutzer jenseits der Vernetzung zu tieferen Diskussion zu motivieren, wie sie bei auf Foren basierenden Diensten möglich sind.

Zudem kommt Readmill seine Fortschrittlichkeit in die Quere. Das Verständnis von Microcontent im Sinne von Textschnippseln ist vorhanden, darüber wurde aber anscheinend vergessen, dass das Werk immer noch die Mutter des Schnippsels ist. So ist es bis heute nicht möglich, sich, analogen Lesekreisen gleich, zu Gruppen zusammenzufinden, um ein Buch zu lesen. Ebenso kann man sich nicht alle Kommentare aller Leser zu einem bestimmten Buch anzeigen lassen. Readmill sieht diesbezüglich den Wald vor lauter Bäumen nicht. Vielleicht nur kleine Feature Gaps, vielleicht aber auch fehlendes Verständnis für den sozialen Prozess des Lesens.

Quote.fm und die Kuratierung des Netztextes

Der Essay ist zurück. Das Lieblingsgenre aller poetisch veranlagten Journalisten gleich neben der Reportage erlebt ein unglaubliches Comeback. Vom klassischen Zuhause, dem New Yorker, über neue, hippe Magazine wie n+1, den Wochenendausgaben der großen Zeitungen bis hin zur Editionsform als Buch ploppen die langen Stücke überall wieder auf. Zur Überraschung der kulturkritischen Dogmatiker aber auch an unverhoffter Stelle: dem Netz. Dienste wie der wöchentliche Newsletter Longreads oder die Website Arts&Letters Daily verzeichnen allein Hinweise auf die richtig langen und richtig gut geschriebenen Riemen zu allen möglichen Themen. Und Apps wie Readability und Instapaper machen nichts anderes, als lange Texte auf Webseiten von ihrem unnötigen Ballast (Werbung, Seitenspalten, Banner, Kommentare, Sharingfunktionen) zu befreien und in angenehmer Typo nichts mehr als schwarz auf weiß zu präsentieren. Ja, offenbar liest man im Netz. Und nein, nicht nur die kurzen “Infohäppchen”.

Quote.fm hat das verstanden. Das Liebeskind dreier befreundeter Grafiker und Programmierer ist der “heisse Scheiss” der Stunde – was wohl nicht zuletzt an der sehr zurückhaltenden Aufnahmepolitik des Dienstes in seiner Betaphase lag. Man setzte auf das Pferd Exklusivität und die Auswahl der zugelassenen Nutzer nach Qualität und fuhr damit ganz richtig. So konnte der Dienst langsam aber stetig wachsen, der Contentberg wuchs schneller als die Nutzerzahl und als vor zwei Wochen der Türsteher alle reinließ, nicht nur die mit den richtigen Sneakern, war hinreichend Angefixtheit aufgebaut. Quote.fm erlaubt das Posten von Textauszügen via Bookmarklet: man markiert eine Textstelle, klickt auf ein Symbol in der Lesezeichenleiste des Browsers und lädt so den Text zu Quote.fm hoch, wo sich dann mit anderen darüber unterhalten lässt.

Quote.fm, das lässt sich aus den Blogbeiträgen des Gründerteams herauslesen, kommt es vor allem auf eine Art nichtalgorithmisches Empfehlungswesen an. Einzelne Nutzer kuratieren bestimmte Themenbereiche. Diese kann man dann als am Thema Interessierte verfolgen. So könnte mit und mit ein kulturelles Archiv entstehen, ein textliches äquivalent zu einem Dienst, der das wichtigste Museum des Bewegtbildes unser Gegenwart darstellt und den wir YouTube nennen.

Putting money where the mouth is: Wie könnte die Buchbranche profitieren?

Auf Seiten der content-, nicht communitybasierten Dienste ist zur Zeit noch keine Monetarisierbarkeit abgesehen von Anzeigen möglich. Aber das Venture-Kapital sitzt längst nicht mehr so locker wie zu Zeiten der Dotcom-Blase. Man darf davon ausgehen, dass die Finanzierung auf soliden Businessplänen beruht.

Bei einer hinreichend großen Community ist durchaus denkbar, wohin der Weg gehen könnte: Verlage könnten Zugang zu den auflaufenden Nutzerdaten der Dienste bekommen (Wer liest was wann in welchem Format? Welche Kapitel erzeugen besonderes Interesse, wo wird das Lesen abgebrochen?), diese für ihre Zwecke nutzen und fokussierte Marktforschung betreiben. Aus Sicht des Lektorats und der Programmmacher böten sich auch Testleserunden an, um das Marktpotential eines Textes zu prüfen – vergleichbar mit den Testscreenings Hollywoods. LovelyBooks startet in regelmäßigen Abständen Leserunden zu Büchern, die von den Moderatoren der Community vorgeschlagen werden. Es sind dies nicht allein die Produkte des Mutterhauses Holtzbrinck und so kann man davon ausgehen, dass LovelyBooks sich die hervorgehobene Präsentation entlohnen lässt. Aber auch Verlagsbesuche für die Communitymitglieder z.B. bei Bastei Lübbe oder Egmont bot LovelyBooks schon an.

Nebenbei hat Social Reading auch einen direkten Einfluss auf die Programmgestaltung britischer und amerikanischer Verlage gezeitigt. So schreibt Katharina Liehr in ihrer Untersuchung ”Gemeinschaftliche Lektüre im Social Web. Untersuchungen zum Potenzial von Online-Leserunden für die Buchbranche” (Mainz 2011): “Der Reading Group-Boom in den USA und Großbritannien […] zog zwei spezifische Publikationsformen nach sich: Ratgeber für diese Lesergruppen und sogenannte Reading Group Guides zu Titeln, die gelesen werden.”

Schließlich natürlich die naheliegendste Form: der im Internet sich potenzierende Wert des Word-to-mouth-Marketings. Letzteres versucht bereits ein Startup anzuzapfen: der aus Aachen stammende Dienst EPIDU vermittelt über Blogg dein Buch zwischen Verlagen bzw. selbstveröffentlichenden Autoren und Litblogs. Die Verlage können sich so neben dem existierenden Rezensions- und Presseverteiler eine weitere besprechende Zielgruppe erschließen, während die Blogs Rezensionsexemplare und die üblichen Pressebeigaben erhalten. EPIDU ist also gar nicht auf die eigene große Community angewiesen, es ist lediglich der auf Provisionsbasis arbeitende Mittler zwischen Anbieter und Rezensent. Die Verlage wiederum profitieren von den perfekt vernetzten Blogs und einer größeren Sichtbarkeit ihrer Produkte, die sie mit SEO allein längst nicht mehr erreichen können. Liehr: “Ausführliche Gespräche von engagierten und am Produkt Buch überaus interessierten Nutzern, die überwiegend ohne Anmeldung für jeden Surfer zugänglich sind, vergrößern die Aufmerksamkeit und Bekanntheit von einzelnen Titeln und bieten optimale Ansatzpunkt[e] für Verlage, um ihre eigenen Kompetenzen zum Zusatznutzen der Leserunden-Teilnehmer und damit letztendlich zu ihrem eigenen Nutzen einzubringen […]”

Bleibt das letzte Glied der Verwertunskette, der Buchhandel

Die Erfahrungen mit Reading Groups in Großbritannien und den USA sollten aufhorchen lassen. Liehr: “Moderate Schätzungen gehen von 500.000 Reading Groups in den USA und 50.000 in Großbritannien aus. Höchstwahrscheinlich sind diese Zahlen für das Jahr 2011 nach oben zu korrigieren. Eine von ReadingGroupGuides.com durchgeführte Umfrage ergab, dass nahezu ein Viertel der Reading Group-Mitglieder zu einer sich online treffenden Gruppe gehören.” Das sind bereits alles andere als Peanuts und es spricht nichts dagegen, dass die Entwicklung hier ähnlich verlaufen könnte.

Doch wo analoge Lesekreise noch klare Vorteile auch für inhabergeführte (Stadtteil-)Buchhandlungen bieten – sie können sich einen Namen als Veranstalter oder Ausrichter machen, den einleitenden und kontextualisierenden Experten geben, den eigenen Laden zum lokal-sozialen Hotspot gestalten – da verspricht Social Reading keine so eindeutigen Verwertungsmöglichkeiten. So schreibt auch Liehr: “Doch diese Serviceleistungen, die die Kunden binden und zu einer Umsatzsteigerung beitragen, auf Online-Leserunden zu übertragen, ist nur schwer möglich.” Dennoch: das Einbringen von Expertise, zum Beispiel als Spezialist für ein bestimmtes Genre oder die Verknüpfung von Social-Reading-Funktionen mit der eigenen (Shop-)Website könnte Erfolg zeitigen.

Vielleicht kommt es gerade für den einzelnen Buchhändler jetzt darauf an: entweder der Erste sein oder der Beste sein. Da Social Reading gerade erst im Entstehen begriffen ist (obwohl es LovelyBooks bereits seit 2007 gibt), ist die Konkurrenzsituation noch überschaubar. Dem Autor dieses Textes jedenfalls ist kein Buchhändler bekannt, der aktiv in Social-Reading-Diensten mitmischt, um so sich selbst einen Namen zu machen und seinen Umsatz zu steigern. Freilich fällt die Kosten/Nutzen-Rechnung auch eher zu Ungunsten des Social Readings aus: Online-Diskussionen fressen nämlich ein gehörig Stück am wertvollsten Gut der kleinen Buchhandlungen, der Arbeitszeit ihrer Inhaber.

The shape of things to come: ein Ausblick

Ob Social Reading zum Erfolg wird, hängt vor allem davon ab, wie man diesen Erfolg definiert. Fest steht: In anderen Ländern sprießen die Reading Groups aus dem Boden. Fest steht auch: Eine Monetarisierung ist für alle Branchenbeteiligten möglich (wenn auch am schwierigsten innerhalb des kleinen Sortiments umzusetzen). Fest steht weiterhin: Andere Contentbranchen haben es geschafft, auf Microcontent basierende Geschäftsmodelle aufzubauen: im Musikbereich zum Beispiel Last.fm, Soundcloud oder iTunes (der Niedergang des Albums zu Gunsten des Tracks), im Bereich des Bewegtbildes YouTube und andere. Fest steht schließlich: Das One-Trick-Pony ist mit Social Reading nicht gefunden.

Um Social Reading langfristig zum Massenphänomen gedeihen zu lassen, werden sich die Dienstarten aufeinander zu bewegen müssen. Der analogvirtuelle Buchclub wird seine technosozialen Hausaufgaben machen müssen. Der technosoziale Service wird lernen müssen, Community weiter und tiefer als bis zur Kommentarspalte zu denken. Der Verlag muss weg vom breit aufgestellten Zielgruppen-, hin zum fein austarierten Communitymodell, vor allem aber muss er weg vom leserfeindlichen DRM, das Social Reading nur in sehr abgesteckten Bereichen möglich und damit das Entstehen von großen Communities schwierig macht. Der selbstveröffentlichende Autor – und davon wird es zweifelsohne immer mehr geben – muss seine Position zwischen Urheber, Verwerter und Verkäufer genau definieren. Der Buchhandel muss sich als kommunikativer Experte begreifen. Und der Leser? Der Leser profitiert im Sinne einer weit verstandenen Reader-response-Theorie von neuen Einflussmöglichkeiten und größeren Lesefreiheiten.

Social Reading ist ein Baustein einer sich verändernden, an den Rändern ausfransenden Branche. Es bietet Möglichkeiten für all jene, die in der Lage und willens sind, jenseits der ausgetretenen Pfade der eigenen Geschäftsmodelle zu denken. Social Reading verändert die Buchwelt nicht grundlegend, die veränderte Buchwelt macht Social Reading erst möglich.

Alexander Vieß ist Redakteur für Web und Social Media im Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Der Artikel gibt seine persönliche Meinung, nicht die seines Arbeitgebers wieder. Er arbeitet am Forum Zukunft des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels mit, dort u.a. im Bezug auf die Organisation des ersten BarCamps der Buchbranche, dem BuchCamp sowie bei protoTYPE. Mehr Infos über ihn finden sich auf seinem Blog.

Im Rahmen der C3-Konferenz auf der CeBIT veranstaltet die Buchmesse Frankfurt eine Podiumsdiskussion zu Social Reading. Bei “Der virtuelle Leseclub – Zukunft Social Reading?” diskutieren die Gründer von QUOTE.fm, EPIDU, KreativeKK und LovelyBooks über zu Grunde liegende Technologien und mögliche Geschäftsmodelle. Alexander Vieß wird die Diskussion moderieren.

(Foto: Flickr/falldownmoon, CC BY 2.0)

 

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6 Kommentare

  1. Hallo Alexander,

    vielen Dank für diesen interessanten Artikel, ich freue mich schon sehr auf unsere Diskussion am Freitag.

    Eine kleine Korrektur sei mir aber erlaubt: LovelyBooks ist grundsätzlich offen und kostenlos für alle Teilnehmer der Community, also neben den Lesern auch für Autoren und Verlage – wir unterscheiden da nicht.

    Wir finanzieren uns zwar auch über die Durchführung von Leserunden und andere Aktionen für Leser (vollständige Abwicklung und Bewerbung), die meisten der über 400 Leserunden auf LovelyBooks im letzten Jahr wurden aber tatsächlich von Lesern, Autoren und Verlagen eigenständig und kostenfrei veranstaltet.

    Gerade von Autoren bekommen wir sehr oft das Feedback, dass ihnen dieses “Community-Ding”, also der Kontakt mit Lesern und die gemeinsame Auseinandersetzung mit dem eigenen Buch, sehr wichtig ist.

    Liebe Grüße
    Marcel

  2. sehr schön zusammengefasst. wie ist das denn nun dann mit dem LSR (leistungsschutzrecht)? wars das dann in deutschland mit allen diensten, die systematisch auf zitaten aufbauen?

  3. danke für die ergänzung, marcel.

    martin, ja, das ist ne hochspannende frage. ist die frage, ob die zitate (z.b. im fall von quote.fm) den nutzern zugerechnet werden (nicht kommerziell) oder dem dienst (kommerziell). ich glaube und hoffe aber auch, beim #lsr ist das letzte wort noch nicht gesprochen.

  4. ja, aber selbst wenn nicht-kommerziell (wie bei mir): als manischer highlighter erstelle ich ja sowas wie ein öffentliches exzerpt aus originalstellen, das andere an stelle des originals benutzen können.

    bei belletristik eher kein problem, aber bei thesenbüchern hat das wohl schon kommerzielle folgen. oder? das ähnelt tatsächlich der derzeitigen lage bei der musik mit privaten kopien: das “unbundling” des buchtextes in lose serien von mikro-tracks. man könnte auch hier argumentieren, dass da auch positive effekte für den verkauf entstehen.

  5. ich würde das tatsächlich auch als marketinginstrument für verlage verstehen wollen. das panische festhalten an drm deutet aber imho eher daraufhin, dass diese verlage den wert von empfehlungen über freien content noch nicht richtig einschätzen. das riesige problem daran ist, dass, so zumindest mein eindruck, diese panik eher bei den publikumsverlagen herrscht, also genau jenen, die für eine höhere akzeptanz von e-books sorgen könnten.

  6. “(…) das von der Verlagsgruppe Holtzbrinck clever eingekaufte und charmant moderierte LovelyBooks (…)”

    Kleine Ergänzung dazu: LovelyBooks wurde nicht eingekauft, sondern seitens Holtzbrincks hochgezogen – konkret von Sandra Dittert und Lothar Kleiner. Detail-Info hier im alten Turi2-Eintrag:

    http://lexikon2.blog.de/2…elybooks_de~1988199/

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