Mitmachen oder abwarten:
Wie Nutzer mit der Volatilität und Mortalität der Digitalwelt leben

Nutzer, die Inhalte im Netz publizieren – egal ob privat oder im geschäftlichen Kontext – müssen mit einem hohen Maß an Frustration leben können. Wenn Dienste urplötzlich schließen, haben sie Zeit und Wissen umsonst investiert.

Von Martin Meyer-Gossner

Die Mail kam aus dem Nichts und schlug ein wie eine unangenehme Geschäftsentscheidung eines Businesspartners, der die Zusammenarbeit mal eben ohne Vorankündigung aufkündigt:

„Nach einigen Überlegungen haben wir entschieden, dass es Zeit ist, Amplify zu schließen. Im Namen des Teams will ich mich bedanken, dass ihr ein Teil unserer Reise wart. Es ist wichtig für uns, dass wir den Dienst auf verantwortungsvollste und überlegte Art und Weise geschlossen haben.“ (Offizielle Mail vom 28.02.2012)

Da stellt man sich die Frage, was der Kooperationspartner dort als „verantwortungsvollste und überlegte Art und Weise“ definiert und was man davon halten soll? Wo sind die generierten Vernetzungen? Wo sind die gewonnen Kontakte? Wo sind die selbst produzierten Inhalte und ihre Kommentare der Leser? Wo ist angesammeltes Wissen, das man wieder zurückholen könnte? Pech gehabt. Alles weg.

Was Amplify hier macht, ist pure Berechnung. Es ist die bittere Pille, die jeder Nutzer einer auf User Generated Content basierenden Plattform schlucken muss, die keine Sicherung oder Archivierung anbietet. Wer diese Plattformen verwendet, ist der Volatilität der Nutzer und Mortalität der Plattformen ausgesetzt.

Als Plaxo im Sommer 2001 seine Business-Plattform in den Markt schob – noch Jahre vor LinkedIn und XING – da gab es wenig Optionen, Inhalte auf sozialen Netzwerken zu publizieren. User veröffentlichten Inhalte auf ihren Websites und einige wenige hatten schon eigene Blogs. Dort waren Inhalte beheimatet und über den eigenen Server gesichert. Das Wissen war zudem im persönlicher Festplatten-Container dupliziert.

Anwender beten, dass Inhalte dauerhaft verfügbar sind

Heute schreiben wir bei Facebook, Twitter und Co. und beten, dass wir das nicht umsonst machen, dass Inhalte weiterhin permanent verfügbar sind. Facebooks Timeline hat zwar eine Archivierung ermöglicht, aber bei Twitter, XING oder LinkedIn verschwinden Inhalte auf Nimmerwiedersehen. Grundsätzlich werden Plattformen schnell unpopulär und erliegen der Volatilität der Nutzer. Das geschieht oft grundlos und ohne Vorwarnung. Vorbereitet ist fast niemand darauf.

Jeder User, der eigenen Inhalte produziert, muss sich aber im Klaren sein, dass Plattformen Beliebtheitsschwankungen der Anwenderschaft unterliegen, schnell unpopulär werden, dass die Zugriffe ausbleiben und dass Plattformbetreiber dann ebenso schnell den Hahn der Inhaltsabbildung zudrehen können. Damit sterben Inhaltsarchive kurzfristig. Wissen und Informationen werden ohne Rücksicht auf Verluste zerstört.

Schließt eine Plattform, sind Inhalte halt einfach weg. Gestorben. Gestorben aufgrund der Volatilität der Anwenderschaft, die die Plattform nicht ausreichend genutzt hat. Gestorben aber auch wegen der Mortalität der Plattformen, welcher der User-Generated-Content-Produzent sich aussetzt, wenn er eben kein Geld in die Plattform investiert. Oder zu wenig Zeit investiert, um die Plattform am Leben zu halten.

Der größte Verlust ist die investierte Zeit

Gestorben sind aber nicht nur Inhalte, die man mühsam und ehrgeizig über die Plattform produziert und geteilt hat. Der höchste Wert, der stirbt, ist Zeit. Zeit, die man (umsonst) investiert hat und die nun überhaupt keinen ROI mehr bietet – weder für den Produzenten der Inhalte noch für die Leser.

Amplify ist natürlich kein Einzelfall. Wer hat nicht schon so manchen Social-Media-Trend umsonst mitgemacht? Plaxo, Bebo, Myspace, Empire Avenue oder die VZ-Netzwerke sind einige Beispiele – eine Reihe von Plattformen, die von Usern in eine börsenähnliche Hausse geschickt wurden, um dann dank der Volatilität der Nutzer schnell wieder in einer Baisse vergessen zu werden. Auch bei Plattformen, die noch blühen, fragt man sich, welche als nächste in der Versenkung der Bedeutungslosigkeit untergeht – und damit dann wieder so manches persönliche Social-Network-Profil.

Parallelen zur Unvorhersehbarkeit des Börsengeschäftes

Die Dynamik der Social-Web-Launches erinnert immer mehr an die Unvorhersehbarkeit des Börsengeschäftes. Heute Facebook. Morgen Pinterest. Übermorgen vielleicht Diaspora.

Eine Welt, die viele Menschen – egal ob geschäftlich oder privat – vermutlich in Zukunft fragen lässt, wie es um die Nachhaltigkeit nutzergenerierter Inhalte steht. Und ob Abwarten nicht eine kluge Alternative wäre. Nur wer weiß schon, wie die Börse tickt. Da könnte man auch ewig warten und einen entscheidenden Trend verschlafen.

Wer bloggt, bleibt. Gestern wie heute. Wer auf kostenfreien Plattformen archivieren will, muss entweder zweifach publizieren und sichern, oder… Screenshots erstellen. Und künftig sollte man sich wohl überlegen, ob man sich auf einen neuen Service wie Clipboard, das Amplify übernommen und dann geschlossen hat, tatsächlich einlassen sollte.

Sonst bleibt für den Erschaffer von User Generated Content wohl nur eine Option: Die Volatilität der Nutzer in Kauf nehmen, auch mit dem Wissen, dass die potentielle Mortalität der Social-Web-Plattformen die moderne Digitalwelt zu einem Perpetuum Mobile macht.

 

Mehr lesen

Abhängigkeit: Die Sorge über die Zukunft von ifttt

17.4.2012, 11 KommentareAbhängigkeit:
Die Sorge über die Zukunft von ifttt

Richtig eingesetzt kann der US-Dienst ifttt zu einem äußerst leistungsfähigen persönlichen Assistenten für das digitale Leben werden. Doch die so entstehende Abhängigkeit von dem Service hat eine Schattenseite.

Das neue digitale Medienökosystem: Reichweite kann jeder

14.4.2014, 2 KommentareDas neue digitale Medienökosystem:
Reichweite kann jeder

Überall sprießen Medienangebote aus dem Internetboden, die innerhalb von kürzester Zeit Millionen Menschen erreichen. Dies zu bewerkstelligen, war noch nie einfacher.

\

14.2.2014, 0 Kommentare"Freunde finden"-Funktion in Apps:
Die Wahl ist schwieriger als gedacht

Ein Kontaktabgleich mit sozialen Netzwerken ist für junge Apps mit kommunikativer Komponente ein idealer Weg, um Nutzer schnell mit "Freunden" zusammenzubringen. Doch die Wahl der "Provider" - ob Facebook, Twitter, Xing oder LinkedIn - will gut überlegt sein.

Flying und Mileways: Alles, was Flugreisende brauchen, in zwei Apps

13.2.2014, 3 KommentareFlying und Mileways:
Alles, was Flugreisende brauchen, in zwei Apps

Die zwei deutschen Startups Flying und Mileways wollen alle für Flugreisenden nützlichen Informationen in einer App vereinen. Es deutet sich ein interessanter Zweikampf an.

Es kam, wie es kommen musste: Yelp vergeigt die Abwicklung von Qype

15.11.2013, 22 KommentareEs kam, wie es kommen musste:
Yelp vergeigt die Abwicklung von Qype

Es zeichnete sich schon im Vorfeld ab, nun ist es eine Tatsache: Yelp hat es geschafft, mit der Abschaltung von Qype und der selektiven Migration dortiger Inhalte viele aktive Nutzer und Unternehmen ordentlich vor den Kopf zu stoßen.

Qype geht in Yelp auf: Warum Verschmelzungen von Social-Web-Diensten so schwierig sind

21.10.2013, 30 KommentareQype geht in Yelp auf:
Warum Verschmelzungen von Social-Web-Diensten so schwierig sind

Nach der Übernahme durch Yelp schließt Qype die Pforten. Inhalte der User hat die Neubesitzerin automatisch migriert, Anwender aber müssen sich manuell bei Yelp registrieren. Der Prozess zeigt, wieso Produktverschmelzungen bei nutzergenerierten Inhalten so schwierig und selten sind.

Eine neue Wissenschaft entsteht: Die Suche nach Rezepten für nutzergenerierte Inhalte

4.10.2012, 8 KommentareEine neue Wissenschaft entsteht:
Die Suche nach Rezepten für nutzergenerierte Inhalte

Viele erfolgreiche Onlinedienste setzen auf die rege Partizipation ihrer Anwender - und sind von dieser abhängig. Rund um die Frage, wie Nutzer zur Generierung von Inhalten animiert werden können, entsteht eine neue Wissenschaft.

3 Kommentare

  1. Es gibt auch noch mehr Möglichkeiten.. Einfach vehementer sinnvolle Backup-Varianten fordern. (z.B. html oder xml)
    (Bilder finde ich nicht so geeignet weil diese nur schwer weiter verarbeitet werden können)

    Aus XML könnte man dann mit ein wenig Frikelei das Format umwandeln so dass man es woanders wieder hochladen kann.

    Übrigens, wann habt ihr euch das letzte Mal eine Kopie von Wikipedia gezogen? Die deutsche Variante ohne Bilder ist gerade mal 2,5GB groß.

  2. Max, das ist sicherlich richtig. Dennoch frage ich mich, warum keiner der Anbieter im Sinne der Monetarisierung der Plattformen einen solchen Dienst einfach anbietet. Wunderbar skalierbar und für jeden verständlich im Mehrwert.

  3. Zumindest Plaxo sollte in dieser Hinsicht doch vorbildlich gewesen sein – immerhin hoben sie mit PortableContacts einen nicht ganz unwichtigen Data-Portability-Standard aus der Taufe.

    Das Problem bleibt allerdings oft bestehen – wenn der Kontext entrissen wird ist auch der Inhalt (als XML auf der eigenen Platte) nicht mehr viel wert. Es sollte aber nicht vergessen werden, dass dies auf Kommentare auf Blogs, die geschlossen werden, genauso zutrifft.

8 Pingbacks

  1. [...] schon morgen (oder in einem Jahr) in der Versenkung verschwunden sein. Dies ist eine Tatsache, die sich Anwender bewusst sein sollten, und die bei Beobachtern der Branche weitgehend als Binsenweisheit gilt.Doch die Einsicht, dass [...]

  2. [...] Netzwertig: Wie Nutzer mit der Volatilität und Mortalität der Digitalwelt leben [...]

  3. [...] dem Debüt – zieht er den Stecker.In der vergangenen Woche erläuterte Martin Meyer-Gossner die Problematik der Volatilität und Mortalität der Digitalwelt. Nutzer müssen immer darauf gefasst sein, dass ein von ihnen geschätzter, auf User Generated [...]

  4. [...] damit gerechnet, dass vielleicht irgendwann Schluss ist, wenn das Projekt keinen Erfolg hat, wie es so vielen Startups ergeht. So stößt die Nachricht, dass ich lediglich Teil eines Tests war zumindest mir doch etwas sauer [...]

  5. [...] ist ein baldiger Schlussstrich für Posterous sehr wahrscheinlich.Lange nicht mehr konnte man die Vergänglichkeit und Veränderlichkeit der bunten Startup- und App-Welt so stark spüren wie in diesen Tagen. Die zwei genannten Beispiele verdeutlichen, dass auch eine [...]

  6. [...] haben und im Falle eines ausbleibenden Erfolgs so schnell verschwinden, wie sie gekommen sind, beobachten wir immer wieder. Dass aber von einen Tag auf den anderen die Zukunft eines Angebots in Frage [...]

  7. [...] Abhängigkeit von dem Service hat eine Schattenseite.Die vergangenen Wochen waren geprägt von einer Reihe teils unerwarteter Schließungen sowie Übernahmen, welche einmal mehr die Nachhaltigkeit und [...]

  8. [...] Webplattformen auftauchen, können sie auch wieder sterben. Mit dieser Tatsache und deren Folgen müssen nicht nur die User leben, sondern auch die Betreiber. Diese tun sich aber oft schwer damit, die User oder gar Kunden [...]

Kommentar schreiben

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen. Mehr dazu in unseren Kommentarregeln.

* Pflichtfelder