Apps sollen Traffic-Kosten der Nutzer übernehmen können:
Der gefährliche Plan von AT&T

Der US-Telekommunikationskonzern AT&T möchte Anbietern von mobilen Onlinediensten die Möglichkeit einräumen, die Kosten für das Datenvolumen der Nutzer zu übernehmen – ein gefährlicher Plan, bei dem es nur Verlierer gibt.

Foto: Flickr/renatomitra, CC BY-SA 2.0

Die Betreiber von Mobilfunknetzen sorgen sich um ihre künftige Profitabilität. Allein zwischen 2011 und 2016 soll sich der mobile Internet-Traffic verzehnfachen. Nur mit einem permanenten Ausbau der Kapazitäten sowie einem zielgerichteten LTE (“4G”)-Vorstoß kann die explosionsartig steigende Nachfrage bedient werden. Gleichzeitig brechen den Netzbetreibern die Einnahmen aus dem herkömmlichen Telefonie- und SMS-Geschäft weg, weil Konsumenten auf datenbasierte VoIP- und Chat-Apps ausweichen.

Der hohe Investitionsbedarf im Kontext der Erweiterung der Netze bei gleichzeitig sinkenden Umsätzen aus dem traditionellen Mobilfunkbusiness fordert die Kreativität der Mobilfunker, neue potenzielle Erlösquellen anzuzapfen. Ein gemeinsam forcierter SMS-Nachfolger steht hierbei genauso auf der Agenda wie das derzeit auf dem Mobile World Congress in Barcelona heiß diskutierte Thema von über die Mobilfunkrechnung abgewickelten Smartphone-Transaktionen.

Doch wenn einst als sicher geltende Gewinne auf dem Spiel stehen, neigen der guten alten Zeit nachtrauernde Firmen leider auch dazu, vollkommen absurde Vorschläge zu machen. Der US-Telekommunikationskonzern AT&T fällt dieser Tage mit einem Vorstoß auf, der zwar in erster Linie den US-amerikanischen Markt beträfe, der aber – sofern in die Tat umgesetzt – ein fatales Zeichen für die Zukunft des mobilen Internets weltweit setzen würde.

Apps sollen Traffic-Kosten der Nutzer übernehmen können

Nach einem Bericht des Wall Street Journal (Paywall, die aber über eine Google-Suche umgangen werden kann) will AT&T Entwicklern von mobilen Webdiensten und Apps eine Möglichkeit einräumen, die Traffic-Kosten ihrer Anwender zu übernehmen. Der in dem Artikel zitierte AT&T-Manager John Donovan vergleicht den anvisierten Service mit kostenfreien Telefonnummern, bei denen nicht der Anrufer sondern der Angerufene die Gesprächsgebühren zahlt.

In der Praxis könnten Kunden, die das monatliche Inklusiv-Datenvolumen ihres Mobilfunkvertrags aufgebraucht haben, dann beispielsweise trotzdem weiter munter Videos oder Musik streamen, ohne die sonst anfallenden Zusatzgebühren von mindestens 10 Dollar je überzogenem Gigabyte zahlen zu müssen. Stattdessen würde AT&T den Betreibern des jeweiligen Dienstes, beispielsweise Hulu oder Netflix, die Option anbieten, die Rechnung zu übernehmen.

Aufweichung etablierter Prinzipien durch die Hintertür

Konkrete Details, wie sich der Telekommunikationsriese den Porzess vorstellt, liefert der Artikel nicht. Man muss nicht Gedanken lesen können, um die eigentliche Intention des Unternehmens zu verstehen: Schon seit Jahren träumen Mobilfunker davon, neben den Endkunden auch die Internetdienste für die Nutzung ihrer Netze und den Transport der Daten zur Kasse zu bieten. Bisher blieb dies jedoch eine Wunschvorstellung. AT&T versucht nun, aus dieser durch die Hintertür Realität werden zu lassen.

Statt ungeniert von den führenden Internetfirmen eine Beteiligung an den durch das schnell wachsende Datenvolumen anfallenden Kosten zu fordern, verkauft der einstige Monopolist das Unterfangen nun als Gelegenheit für Verbraucher, ihre mobile Internetnutzung erhöhen zu können, ohne dafür tiefer in die Tasche greifen zu müssen. AT&T möchte durch das Versprechen die moralische Unterstützung der Konsumenten erhalten, um so erstmalig und im Idealfall ohne lautstarke Protestbewegung doppelt für den mobilen Datenverkehr kassieren zu dürfen – einmal von den Endkunden, die weiterhin 50 Dollar pro Monat für gerade mal fünf Gigabyte Daten hinblättern müssen, und das andere Mal von Diensteanbietern, die dann einspringen dürfen, wenn ihre Anwender deutlich mehr Traffic generieren.

Türöffner für Mautstellen im mobilen Internet

Was in der Theorie nach einer interessanten Alternative für kostenbewusste mobile Vielsurfer und an hoher Nutzung interessierte Startups und Webservices klingt, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als gefährlicher Türöffner für weitere Maßnahmen zur Errichtung von Mautstellen auf der mobilen Datenautobahn.

Denn hat AT&T erst einmal eine solche, für die App-Anbieter freiwillige Mautstelle errichtet, wird der Konzern alles dafür tun, um deren Zahl zu erhöhen und die Möglichkeiten, gratis an ihr vorbeizufahren, zu beschränken. Stellschrauben dafür existieren genug: Der Mobilfunkanbieter könnte die Preise für das Inklusiv-Datenvolumen erhöhen, die Menge an monatlich inkludiertem Traffic verringern oder bestimmte Datenarten mit zusätzlichen Einschränkungen belegen. Oder er könnte aus dem für mobile Apps anfänglich freiwilligen Angebot sukzessive eine Pflichtabgabe machen oder versuchen, die Dienste mit Geschwindigkeitsdifferenzierungen zu ködern. Da die in den USA festgeschriebene Netzneutralität nicht für das mobile Internet gilt, stehen AT&T viele Wege offen, um das anfängliche Zusatzangebot in eine Cash-Cow zu transformieren.

Dass es AT&T allein darum geht, bisher von Endkunden getragene Kosten optional auf die Schultern der Betreiber von mobilen Onlineservices zu verlagern, erscheint in höchstem Maße unwahrscheinlich. Nein, der Telekommunikationsgigant möchte mit dem Schritt selbstverständlich seine Einnahmen erhöhen. Sonst hätte er ja gar nichts davon.

Scheinargument Sparpotenzial

AT&T strebt nichts anderes als eine schleichende Aufweichung des bisher nicht in Frage gestellten Marktprinzips in Frage, bei dem Endkunden sowie Internetfirmen jeweils ihre direkten Zugangsanbieter für den Datenverkehr entlohnen. Dies geschieht mit dem Scheinargument von potenziellen Kosteneinsparungen für die Nutzer. Doch sofern Apps wie Netflix, Hulu oder Rdio tatsächlich für das Datenvolumen ihrer Nutzer gegenüber AT&T aufkommen können (oder eines Tages vielleicht “müssen”), werden sie diese zusätzlichen Kosten auf die Anwender umlegen müssen. Die Rechnung tragen schlussendlich trotzdem die Endnutzer.

Auch wenn diese Idee von AT&T lediglich den US-Markt betrifft, so würde eine Verwirklichung schnell hiesige Netzbetreiber dazu inspirieren, auf eine ähnliche Strategie zu setzen. Auch europäische Provider liebäugeln schon länger mit dem Gedanken, Facebook, Google und Konsorten an den Kosten für die mobile Internetnutzung zu beteiligen. Setzt AT&T seinen Plan um, könnte dies zu einem Dammbruch führen und in kurzer Zeit die gesamte Wertschöpfung im mobilen Internet verändern.

Genau aus diesem Grund ist es wichtig, bereits in dieser frühen Phase die eigene Ablehnung gegen derartige, die Netzneutralität beschädigende, die Gesamtkosten für die Internetnutzung erhöhende und kleine, wenig finanzkräftige Internetdienste benachteiligende Maßnahmen deutlich zu machen.

Dass die Netzbetreiber sich nach neuen Erlösquellen umschauen, ist legitim. Ziel sollte es jedoch sein, dies mit einem echten, nachhaltigen Mehrwert zu verbinden (wie das eingangs erwähnte “Carrier Billing”). Maßnahmen, bei denen am Ende ausnahmslos die Mobilfunker selbst Nutznießer sind, und bei denen sich die Rahmenbedingungen für alle anderen Marktteilnehmer verschlechtern, verdienen dagegen weder Verständnis noch Unterstützung. Die aktuelle Idee von AT&T stellt eine maskierte, radikale Preiserhöhung dar, bei der nebenbei auf irreparable Weise in das Ökosystem der digitalen Wirtschaft eingegriffen wird. Es bleibt zu hoffen, dass weder AT&T noch ein anderer Mobilfunkanbieter mit einem derartigen Vorhaben die Ziellinie erreicht.

(Foto: Flickr/renatomitra, CC BY-SA 2.0)

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

Mehr lesen

28.2.2012, 5 KommentareApps sollen Traffic-Kosten der Nutzer übernehmen können:
Der gefährliche Plan von AT&T

Der US-Telekommunikationskonzern AT&T möchte Anbietern von mobilen Onlinediensten die Möglichkeit einräumen, die Kosten für das Datenvolumen der Nutzer zu übernehmen - ein gefährlicher Plan, bei dem es nur Verlierer gibt.

10.4.2014, 7 KommentareBedrohung oder nicht:
Warum es sinnvoll ist, sich über den Niedergang des mobilen Webs Sorgen zu machen

Ist die Popularität mobiler Apps und das parallele Desinteresse für mobile Websites langfristig eine Bedrohung für das freie Internet oder nicht? Egal welche Position man in dieser Debatte vertritt, empfiehlt es sich, potenzielle Gefahren anzuerkennen. Denn ausnahmsweise haben Optimisten nichts zu gewinnen.

Mesh-Netzwerke: FireChat macht Hoffnung auf ein \

27.3.2014, 13 KommentareMesh-Netzwerke:
FireChat macht Hoffnung auf ein "neues" Internet

Die neue iPhone-App FireChat führt eine Funktion vor, die unter iOS-Apps den kettenartigen Datenaustausch von Endgerät zu Endgerät gestattet. Von intensiver Netzzensur Gebrauch machende Staaten könnten bald Grund zum Zittern haben.

Wegweisendes Experiment: Hier kommt Kutsuplus, der smarte On-Demand-Bus

14.3.2014, 7 KommentareWegweisendes Experiment:
Hier kommt Kutsuplus, der smarte On-Demand-Bus

Die Verkehrsbetriebe in Helsinki haben einen Busdienst gestartet, der das herkömmliche Fahrplansystem hinter sich lässt und stattdessen wie ein persönlicher On-Demand-Transportservice à la Uber funktioniert. Das Pilotprojekt gibt einen Vorgeschmack auf die Zukunft des öffentlichen Personennahverkehrs.

Überraschung: WhatsApp wird in Deutschland zum Mobilfunkanbieter

25.2.2014, 30 KommentareÜberraschung:
WhatsApp wird in Deutschland zum Mobilfunkanbieter

Das kommt unerwartet: WhatsApp wird erstmalig als Mobilfunkanbieter auftreten - und zwar in Deutschland. Möglich wird dies dank einer Partnerschaft mit E-Plus.

xycall: App-Startup will mobile Telefonflatrates intelligenter nutzen

30.4.2012, 11 Kommentarexycall:
App-Startup will mobile Telefonflatrates intelligenter nutzen

Das Berliner Startup xymatic hat mit xycall eine Android-Applikation entwickelt, die durch die intelligente Nutzung von Telefonflatrates die Gesprächskosten für alle Anwender reduzieren soll. Im Sommer folgt eine App für das iPhone.

SMS-Nachfolger: Warum Joyn ein Erfolgsmodell  werden kann

8.3.2012, 21 KommentareSMS-Nachfolger:
Warum Joyn ein Erfolgsmodell werden kann

Während kostenlose Messenger-Dienste die App-Charts dominieren, lanciert eine Allianz von Netzbetreibern einen kostenpflichtigen „SMS-Nachfolger“. Marktbeobachter zweifeln an den Erfolgsaussichten des Modells. Dieses bietet jedoch auch Chancen.

Frontlinie im Kampf um die Netzneutralität: Niemand braucht die \

7.4.2014, 2 KommentareFrontlinie im Kampf um die Netzneutralität:
Niemand braucht die "Spezialdienste" der Netzbetreiber

Der Neid auf die erfolgreichen Internetfirmen bringt die Netzbetreiber dazu, unter dem Vorwand von Innovation "Spezialdienste" als neue Erlösquellen anbieten zu wollen. Doch diese braucht niemand.

Netzneutralität ja, Roamingebühren nein: Europa, das hast du gut gemacht!

4.4.2014, 6 KommentareNetzneutralität ja, Roamingebühren nein:
Europa, das hast du gut gemacht!

Mit dem Beschluss der Durchsetzung von Netzneutralität und Abschaffung von Roamingebühren setzt die europäische Politik ein Zeichen, das symbolische und praktische Bedeutung für ein geeintes Europa besitzt. Anhänger dieser Idee haben endlich wieder einen Grund zur Freude.

Linkwertig: Netzneutralität, Gmail, Neustart, ZunZuneo

4.4.2014, 0 KommentareLinkwertig:
Netzneutralität, Gmail, Neustart, ZunZuneo

t3n startet mit Neustart ein neues Magazin und mehr.

4 Kommentare

  1. Klingt mir irgendwie nach den seltsamen Blüten des Kapitals. Wir leben nunmal in einer Welt die aus mysteriösen Gründen ein immerwährendes Wachstum erfordert. Nachdem uns die Mobilfunker Jahrzentelang mit überzogenen Gebühren abgezockt haben und dies noch immer tun, ist der Vorschlag ziemlich dreist. Wir haben den Netzausbau bereits mehrfach bezahlt. Im übrigen wurde diese ganze schöne überall-online Geschichte ja eben von den Leuten forciert, die jetzt mal wieder den Hals nicht vollkriegen können. Meine Mobilfunkrechnung beträgt jeden Monat knapp 150 Euro (Telefonflat, Datenkarte, Zusatzkarte für´s iPad). Bei dem schlechten Service den man dafür geboten bekommt muss man sich ernsthaft die Frage stellen, wo das noch hinführen soll.

    Es wird vermutlich darauf Hinauslaufen, dass Konzerne wie Google oder Microsoft ein paar Milliarden jährlich in den Netzausbau der Mobilfunker stecken und wir am Ende wieder so tolle abgeschottete Systeme wie seinerzeit T-Online oder AOL bekommen… #schöneneuewelt

  2. In so einem Fall wär mir sogar lieber, der Staat übernimmt einen Teil der Kosten (z.B. von der Netzagentur festgelegt; bis zu 20% der reelen Kosten für die Bandbreite) – das würde mMn immerhin die Netzneutralität sichern.

  3. Sehr interessanter Artikel wobei ich denke das es eine Mär ist, dass die Netze von Mobilfunkbetreibern überlastet sind und Sie die Investitionskosten für den Ausbau in die Knie zwingen. Chapeau für die Lobbyarbeit.
    Mobilfunkbetreiber agieren profitabel und in Analogie zum stationären Internet wird sich das Wachstum nach einiger Zeit auch im mobilen Internet abflachen. Man darf auch nicht vergessen, dass Mobilfunkanbieter Abzocke wie Roaming als legitimes Geschäftsmodell darstellen.

  4. spannend die ganze Geschichte und ob das in Deutschland so umsetzbar ist.
    Eigentlich kann ich auch gar nicht nachvollziehen, dass die mobilfunkanbieter so überrascht sind, ist doch klar, wenn kostenlose alternativen zur völlig überteuerten sms auftauchen, dass diese dann auch genutzt werden. da sieht man mal wieder, was da für seltsame leuten in den konzernen sitzen und von der modernen Zeit anscheinend keine Ahnung haben.

Ein Pingback

  • Sponsoren

  • Neueste Artikel

  • Newsletter

    Pflichtfelder
    OK
    Bitte füllen Sie das Feld "E-Mail-Adresse" aus.
    OK
    Bitte geben Sie Ihren Vornamen ein.
    OK
    Bitte geben Sie Ihren Nachnamen ein.
 
vgwort