Onlinevideo- und TV-Markt:
Eine Branche verändert sich

In den kommenden zwölf Monaten wird sich im Onlinevideo-Segment viel bewegen. Etablierte wie junge Internet- und Technologiefirmen werden versuchen, sich ein Stück vom neu zu verteilenden TV-Kuchen zu sichern. Ein Blick in die Glaskugel.

Fernsehen ist reif für die Disruption. Das ist zumindest die klare Ansage von Venture Capitalist Mark Suster, der die TV-Industrie im klassischen “Innovators Dilemma” gefangen sieht. Er ist mit seiner Einschätzung nicht allein. Von Microsoft mit der XBox und Kinect bis zu Google mit Google TV bringen sich die Internetgrößen in Position, um sich ein möglichst großes Stück vom neu zu verteilenden TV-Kuchen zu sichern. Auch um Apple verdichten sich die Gerüchte, dass in Kürze ein Apple TV mit integriertem Bildschirm auf den Markt kommen wird. Vollbild-Apps auf dem Fernseher sind bereits heute mit der Apple-TV-Box über einen Umweg möglich.

2012 erleben wir bestimmt nicht das Ende des Fernsehens. Doch der TV-Screen, TV-Inhalte und Videos werden dieses Jahr eine bedeutende Rolle im Netz einnehmen; sowohl was die Investments in Inhalte und Startups anbelangt, als auch hinsichtlich Neuentwicklungen in diesem Bereich.

YouTube als erster weltweiter TV-Sender
Auch wird 2012 vielen Produzenten und Videomachern klar werden, dass sie mit YouTube einen globalen TV-Sender bedienen, der die weltweite Distribution ihrer Inhalte gewährleistet. Mit über einer Billion Abrufen in 2011 und einem weltweiten Marktanteil von knapp 44 Prozent aller Videoabrufe ist YouTube über 20 Mal so groß wie der nächste Konkurrent Youku aus China (Marktanteil rund zwei Prozent).

YouTube kann mit dieser Marktmacht wie kein anderer Player Videoinhalte weltweit verbreiten. Googles Videoportal ist somit bestens positioniert, um von jeglicher Umwälzung im TV-Bereich zu profitieren.

Vor diesem Hintergrund erscheint auch das 100-Millionen-Dollar-Investment von Google in exklusive YouTube-Inhalte sinnvoll. Mit den Skaleneffekten von YouTube und der weltweiten Distribution muss und kann Google ganz anders kalkulieren als traditionelle Produzenten. Diese Kalkulation werden wir 2012 deutlich öfter erleben, wenn Produzenten und Künstler die traditionellen Fensterverwertung der Inhalte überdenken und sich stattdessen für eine sofortige weltweite Distribution entscheiden. Mit Louis C.K. gibt es für diesen Trend bereits eine erste Erfolgsgeschichte jenseits von YouTube.

YouTube als Plattform
Dass man auf dem Rücken von YouTube gute Geschäfte machen kann, haben die Plattenfirmen erkannt. Vevo, das Joint Venture der Labels mit Musik von Sony, Universal und EMI, konnte über 100 Millionen Dollar Lizenzgebühren an Künstler und Plattenfirmen auszahlen und ist mit 53 Millionen eindeutigen Betrachtern der größte YouTube-Partner in den USA. Diesem Beispiel werden in 2012 weitere Inhalteanbieter folgen. Zudem liefert Vevos Erfolg natürlich die finanziellen Argumente für eine Einigung zwischen der GEMA und YouTube in Deutschland: Die Vevo-Zahlen zeigen, dass in der momentanen Situation schlicht massiv Geld vernichtet wird.

Der “Second Screen” wird in Deutschland populär
Während sich die etablierten Anbieter um die Verbreitung und Akquise von Inhalten kümmern, haben Startups die Videoentdeckung und die Interaktivität für sich entdeckt. Die jungen Firmen setzen dabei auf die parallele Internetnutzung während des Fernsehens, die in Deutschland bei über 50 Prozent liegt.

Dieses Zielpublikum bedienen bereits Couchfunk (Review) und TunedIn (Review) mit ihren iOS Apps. Tweekin private Beta-Phase – und Zapitano stehen in den Startlöchern, um 2012 das Fernsehen dank Smartphone und iPad interaktiver zu gestalten und die Zuschauer einfacher zu guten Inhalten zu geleiten.

Neue Angebote in Deutschland
Die nächsten zwölf Monate könnten noch weitere interessante Services bereit halten. Schaut man in die Schweiz, konkurrieren dort mit Wilmaa, Teleboy, Zattoo und nello vier TV-Livestreaming-Dienste miteinander. Davon ist nur Zattoo mit einem eingeschränkten Programm in Deutschland verfügbar. Ermutigt von der hohen Nachfrage in der Schweiz und dem Erfolg von TV-Apps in den USA könnten dieses Jahr die privaten Sender ihre Livestreaming-Blockadepolitik aufgeben und damit in Deutschland einen ähnlich bunten Wettbewerb wie in der Schweiz ermöglichen. Im zweiten Quartal 2012 soll zudem mit Germany’s Gold das Video-on-Demand Portal des ZDF und der ARD an den Start gehen. Und auch Hulu sondiert wieder einmal den deutschen Markt.

TV und Webvideo als Wachstumsfeld

Einen Frontalangriff auf das Fernsehen wird es in 2012 vermutlich nicht geben, auch weil das klassische Fernsehen noch zu tief in der Gesellschaft verankert ist. Doch in vielen angrenzenden Industrien – von TV-Zeitschriften bis hin zum Filmmarkt – werden wir weitreichende Veränderungen erleben. Und vielleicht gelingt es Apple, Google oder Microsoft, den Trick aus dem Mobilfunkmarkt auf dem TV-Markt zu wiederholen. Die Antwort darauf werden wir sehr wahrscheinlich Ende 2012 kennen.

(Foto: Flickr/LGEPR, CC BY 2.0)

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