Europa-Expansion:
Twilio liefert Telefonie- und SMS-Funktionen aus der Cloud

Twilio erlaubt es Webdiensten, Startups und mobilen Apps, über die Cloud betriebene Telefonie- und SMS-Funktionen per API in die eigenen Services zu integrieren. Ende 2012 will das junge Unternehmen aus San Francisco im ganzen deutschsprachigen Raum vertreten sein.

Was haben bekannte Webdienste wie LinkedIn, Airbnb, Hulu, Zendesk und Quora gemeinsam? Sie alle setzen für Telefonie- bzw. SMS-Dienste auf die Schnittstellen des aus San Francisco stammenden Cloud-Communications-Anbieter Twilio.

Das von dem ehemaligen Amazon-Produktmanager Jeff Lawson sowie Evan Cooke und John Wolthuis im Jahr 2008 gegründete Jungunternehmen hat es sich auf die Fahnen geschrieben, Entwicklern die Möglichkeit zu bieten, mit minimalem Aufwand Voice- und SMS-Funktionen in ihre Onlinedienste und mobilen Apps zu integrieren. Twilio stellt dafür lokale Telefonnummern sowie verschiedene APIs bereit, und Entwickler zahlen nur für die tatsächliche Nutzung (durchgeführte Gespräche oder gesendete SMS).

Twilio erledigt somit für Telefonie und SMS das, was Amazon Web Services für Rechenprozesse macht. Für dieses Unterfangen haben die Kalifornier bisher rund 15 Millionen Dollar Venture Capital eingesammelt.

Statt dass sich Startups und App-Entwickler über die Beschaffung von Rufnummern und die umständliche Integration in die eigenen Projekte den Kopf zerbrechen zu müssen, erledigt Twilio die notwendigen administrativen und technischen Arbeiten. Onlinedienste und mobile Apps können deshalb mit wenigen Zeilen Code die gewünschten Dienste (z.B. SMS-Benachrichtigungen, SMS-Abfragen oder telefonische Abfragen, Hotlines, SMS-/telefonische Abstimmungen, telefonische Verfizierungen etc.) umsetzen.

Voraussetzung, um Twilio sinnvoll nutzen zu können, sind lokale Telefonnummern. Kein App-Betreiber möchte Anwender aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz dazu zwingen, mit einer US-amerikanischen Nummer zu interagieren (ungeachtet von der Tatsache, dass die anfallenden Gebühren gar nicht so hoch sein müssen).

Ende Oktober gab Twilio Pläne für eine unmittelbar bevorstehende Europa-Expansion bekannt. Im Rahmen dieser werden sukzessive in einer Reihe von europäischen Ländern lokale Telefonnummern eingeführt, zudem baut das kalifornische Startup gerade ein Büro in London auf. Die Liste der berücksichtigten Länder war lang und umfasste auch die Schweiz und Österreich. Nicht aufgeführt war jedoch Deutschland.

Wir haben uns daraufhin bei Twilio erkundigt, wieso Deutschland vorläufig nicht in den Twilio-Fokus zu rücken scheint. Twilios Marketingverantwortliche Danielle Morrill ließ uns wissen, dass Deutschland zu einer Gruppe von Ländern gehöre, die aufgrund von speziellen Vorschriften im Telekommunikationsbereich eine etwas längere Vorbereitungsphase erfordern. Morrill unterstrich aber, dass der Deutschland-Launch für das Jahr 2012 fest eingeplant sei.

An welcher Stelle genau die deutsche Regulierung für Twilio Herausforderungen schafft, die in anderen Ländern nicht auftreten, wollte Morill nicht erklären. Grundsätzlich gilt für deutsche Nummern aber, dass die Adressdaten validiert werden müssen und dass derjenige, der eine lokale Rufnummer nutzt, auch tatsächlich in Deutschland gemeldet sein muss. Inwieweit es hierfür bereits Schlupflöcher gibt, darüber kann ich an dieser Stelle nicht urteilen (über Ergänzungen von Lesern mit Expertise in diesem Fachgebiet freue ich mich).

Auch wenn die fortschreitende Digitalisierung die telefonische und SMS-Kommunikation zunehmend überflüssig macht, wird es auf absehbare Zeit noch hinreichend viele Szenarien geben, in denen Onlinedienste und Startups um die Integration derartiger Funktionalität nicht herumkommen. Twilio bietet hierfür die notwendigen Werkzeuge und mit dem Twilio Client SDK auch eine zusätzliche Lösung, um Nutzer von Webservices und Apps via VoIP miteinander in Kontakt treten zu lassen.

Neben Twilio stellt auch der New Yorker Dienst Tropo APIs für SMS- und Telefonieleistungen bereit – laut FAQ sogar für deutsche Nummern. Allerdings soll es dort Probleme mit der Zuverlässigkeit geben. 46elks aus Schweden bietet bisher lediglich schwedische Nummern. Wer sich nicht von einem Anbieter abhängig machen möchte, kann Plivos Framework nutzen und sich um Hosting und Netzbetreiber selbst kümmern.

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

Mehr lesen

Technisch anspruchsvoll: Wie Spotify den Herausforderungen des Musikstreamings begegnet

8.10.2013, 0 KommentareTechnisch anspruchsvoll:
Wie Spotify den Herausforderungen des Musikstreamings begegnet

Musikstreaming-Pionier Spotify hat viele Jahre Zeit gehabt, um die technischen Herausforderungen des Musikstreamings zu meistern. Noch sind eigene Rechenzentren mit 6000 Servern notwendig, um Songs schnell auszuliefern. In Zukunft soll alles über Amazons Cloud abgewickelt werden.

PRISM: ...und plötzlich erscheint die Cloud wie eine dumme Idee

12.6.2013, 25 KommentarePRISM:
...und plötzlich erscheint die Cloud wie eine dumme Idee

Lange war sich die Netzwirtschaft einig: Daten und Rechenprozesse sind in der Cloud am besten aufgehoben. Doch im Lichte der US-Internetüberwachung erscheint das Konzept plötzlich wie eine ziemlich dumme Idee.

Die eigene Cloud im Kasten: Protonet erreicht Crowdfundingziel in 48 Minuten

29.11.2012, 1 KommentareDie eigene Cloud im Kasten:
Protonet erreicht Crowdfundingziel in 48 Minuten

Das Hamburger Startup Protonet hat eine Crowdfinanzierungsrunde für seine Mini-Cloudinfrastruktur in Rekordzeit abgeschlossen: superchic wäre es – aber nicht gerade billig.

Textkommunikation spiegeln: mysms erleichtert den Alltag von Menschen mit zwei Smartphones

19.9.2013, 1 KommentareTextkommunikation spiegeln:
mysms erleichtert den Alltag von Menschen mit zwei Smartphones

Der österreichische Messagingdienst mysms hat eine App für iOS und Android veröffentlicht, die auf einem Smartphone eingehende SMS- und mysms-Chatnachrichten auf einem zweiten Mobiltelefon spiegelt.

Mobiles Zahlen ohne Kreditkarte: Ein Überlebensstrohhalm für die SMS

5.9.2013, 12 KommentareMobiles Zahlen ohne Kreditkarte:
Ein Überlebensstrohhalm für die SMS

Die SMS scheint wie ein Relikt aus alter Zeit. Als Bezahlmittel hätte sie aber weiterhin grosses Potential, was weitgehend ignoriert wird.

Das Ende der SMS: Aus der Prognose wird Wirklichkeit

2.5.2013, 22 KommentareDas Ende der SMS:
Aus der Prognose wird Wirklichkeit

2012 wurden erstmals mehr IP-basierte Nachrichten verschickt als SMS. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass die SMS in den entwickelten Märkten innerhalb weniger Jahre komplett verschwindet.

FaceTime audio: Apples neue VoIP-Funktion für iOS bringt Netzbetreiber in Bedrängnis

11.6.2013, 7 KommentareFaceTime audio:
Apples neue VoIP-Funktion für iOS bringt Netzbetreiber in Bedrängnis

iOS 7 wird eine eingebaute VoIP-Funktion beinhalten - also ein FaceTime ohne Video. Es könnte auf herkömmliche Telefongespräche den selben Effekt haben wie iMessage auf SMS.

Taxicaller: Ein Grund weniger,  Telefonate zu führen

1.11.2010, 12 KommentareTaxicaller:
Ein Grund weniger, Telefonate zu führen

Taxicaller ist eine neue mobile Applikation für das iPhone, mit der sich in allen deutschen Großstädten ortsbasiert ein Taxi bestellen lässt. Mit Klicks statt mit einem Anruf.

Zunahme der Textkommunikation: Der Tod des Telefonats

23.8.2010, 67 KommentareZunahme der Textkommunikation:
Der Tod des Telefonats

Mit der Zunahme der digitalen Textkommunikation verlieren Telefonate an Bedeutung. Sie haben ohnehin nur wenige Vorteile.

5 Kommentare

  1. Thank you for covering our European expansion, we are excited to serve our voice and SMS APIs to German customers and appreciate you pointing out that they can already use Twilio Client. We will keep you posted on our progress. Danke.

  2. Es gibt aber auch einige dt Anbieter, die solche SMS-Gateways anbieten. Habe das mal in einem Projekt eingebaut: Ein Redakteur konnte so aus seinem TYPO3 Massen-SMS verschicken.

Ein Pingback

  1. [...] in zahlreichen Ländern zur Verfügung, darunter Großbritannien, Frankreich und Österreich. Wie Netzwertig im vergangenen Jahr berichtete, gehört Deutschland zu einer Gruppe von Ländern, die eine längere Vorbereitungsphase erfordern. [...]

 
vgwort