Oink:
Die etwas andere Bewertungsplattform

Digg-Gründer Kevin Rose hat mit Oink eine iPhone-App veröffentlicht, bei der man nicht Orte, Restaurants oder Bars bewertet, sondern die dort erhältlichen Dinge, Gerichte und Getränke. Die Frage, wo es die besten Cocktails oder Pizzen der Stadt gibt, steht damit vor der Auflösung.

Ich habe eine Schwäche für Hamburger. Sobald in einem Restaurant oder einer Bar ein entsprechendes Gericht auf der Speisekarte steht, tendiere ich dazu, dieses zu bestellen, ungeachtet welche kulinarischen Köstlichkeiten sonst noch angeboten werden. Je mehr Burger ich verspeise, desto besser kann ich sie miteinander vergleichen und bewerten. Doch diese “Expertise” eines leidenschaftlichen Hamburger-Fans blieb der Öffentlichkeit bisher weitgehend verborgen.

Sicherlich könnte ich nach einer Mahlzeit das jeweilige Restaurant bei Qype, plazaa oder Yelp bewerteten und in meinem Kommentar eine kurze Kritik des von mir verzehrten Burgers hinzufügen. Ich könnte auch bei foursquare einen Tipp hinzufügen, der anderen Nutzern beim Check-In in der Umgebung angezeigt wird und sie explizit auf den Hamburger hinweist. Doch in beiden Fällen handelt es sich um isolierte, nicht strukturierte Informationen, die von anderen nur durch Zufall entdeckt werden. Bei Qype und Yelp kann ich vielleicht das beste Hamburger-Restaurant finden, erhalte aber keine schnelle, kollektive Aussage darüber, wo es den besten Hamburger der Stadt gibt.

An diesem Punkt setzt Oink an, die erste iPhone-App des von Digg-Gründer Kevin Rose gestarteten Entwicklerstudios Milk (eben schon kurz in Linkwertig erwähnt).

Seit wenigen Tagen steht Oink (das keinerlei Verbindung zu dem einstigen gleichnamigen Torrent-Tracker hat) in Apples App Store zum Download und möchte Verbraucher dazu bringen, nicht wie bei den klassischen Bewertungsportalen üblich Locations zu beurteilen, sondern angebotene Produkte und Waren – mit einem derzeitigen Schwerpunkt auf Essbarem.

Angenommen, ihr sitzt in eurem Lieblingscafé, genießt irgendeine Kaffeespezialität und wollt euren Eindruck davon mit der Außenwelt teilen. Ihr öffnet also Oink, wählt aus der Liste der umliegenden Orte das entsprechende Café (oder fügt es hinzu) und bekommt angezeigt, welche Gerichte, Getränke oder sonstigen Produkte bisher von anderen Anwendern hinzugefügt worden sind. Ist der von euch bestellte Kaffee nicht dabei, könnt ihr diesen in der App anlegen, verschlagworten (z.B. coffee) und mit einem Foto illustrieren. Anschließend kommt der entscheidende Schritt: Die Bewertung auf einer vierstufigen Skala sowie ein fakultativer, zusätzlicher Kommentar oder Mini-Review.

Je mehr Votes einzelne Dinge bei Oink erhalten haben, desto aussagekräftiger ist das Ergebnis. Im derzeitigen Anfangsstadium herrscht bei den meisten gelisteten Restaurants, Bars und Geschäften noch gähnende Leere, was bewertete Dinge betrifft. Der tatsächliche Nutzwert über das tagebuchartige Festhalten der eigenen Erfahrungen hinaus wächst somit mit steigender Anwenderzahl. Ein Blick auf bereits mit vielen Bewertungen versehene gastronomische Einrichtungen in der Oink-Heimatstadt San Francisco zeigt aber sehr schön, wie sukzessive eine Liste der beliebtesten Gerichte/Getränke am jeweiligen Ort entsteht. Wer sich einen Blick auf das Menü sparen möchte, bestellt einfach, was auf der Oink-Beliebtheitsskala ganz oben rangiert.

Oink in Bildern
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Auch zu jedem Schlagwort (wie “Hamburger” oder “Pizza”) erstellt Oink ausgehend von den Bewertungen ein Popularitätsranking. Über die Discover-Funktion können Oink-Anwender so innerhalb weniger Sekunden eine Zusammenstellung der bestbewerteten Hamburger, Pizzen, Sandwiches, Salate, Cocktails oder Biere innerhalb eines bestimmten Radius abrufen. Sofern Oink zu einem globalen Erfolg avanciert (was ich für möglich halte), werden sich Anbieter, Gastronomen und Geschäfte heftige Auseinandersetzungen um die Spitzenplätze in den jeweiligen Produktkategorien liefern.

Entsprechend groß ist auch das Risiko geschönter oder gefälschter Bewertungen, zumal sich derzeit Dinge an Orten bewerten lassen, an denen man sich zum aktuellen Zeitpunkt nicht aufhält. Oink-Macher Kevin Rose und sein Entwicklerteam wollen auf diese Weise vermutlich “rückwirkende” Bewertungen erlauben und so den Datenbestand erhöhen. Mittelfristig wäre es aber sinnvoller, nur Bewertungen an Ort und Stelle zuzulassen.

Zu den weiteren Funktionen von Oink gehört ein Follower-System, eine To-Do-Liste für Dinge, die man selbst anschauen, ausprobieren oder kosten möchte, Facebook-, Twitter- und foursquare-Integration, Orts- und Produktprofilseiten mit eindeutiger URL sowie eine “Cred” genannte Statusanzeige, die wiedergibt, wie aktiv man Produkte/Dinge bewertet hat, für die man meint, besonders kompetente Urteile abgeben zu können (in meinem Fall z.B. “Hamburger”).

Neben dem bestechenden Konzept stimmen bei Oink auch die strukturelle Umsetzung sowie die Wahl der grafischen Elemente. Der Dienst befindet sich in einer semigeschlossenen Beta – alle Inhalte sind zwar zugänglich, aber wer selbst Bewertungen abgeben möchte, benötigt dafür eine Einladung. Diese tauchte bei mir jedoch innerhalb von wenigen Stunden auf und kann direkt aus der App angefordert werden.

Oink hinterlässt trotz einiger noch vorhandener Bugs (Beta!) einen sehr gelungenen ersten Eindruck und animierte mich am gestrigen Sonntag dazu, extra außer Haus zu essen, um die Applikation einsetzen zu können (ein sehr leckerer Hamburger). Schaffen es Kevin Rose und sein Team, Oink auf Millionen von Smartphones weltweit zu bringen und auch für andere Plattformen neben iOS verfügbar zu machen, wird die App den Markt der Bewertungsplattformen ordentlich durcheinanderwirbeln.

Partiell erinnert Oink auch an das Berliner Startup Amen. Während letzteres sich nicht nur auf Dinge begrenzt, streben beide Dienste danach, durch Meinungsaussagen strukturierte Daten zu sammeln, die anschließend auf verschiedene Weise (z.B. Rankings, Marktforschung, Marketing) genutzt werden können. Im Gegensatz zu Amen besteht bei Oink jedoch nicht eine Sekunde lang Zweifel über den praktischen Nutzwert, zudem wird ein nuancierteres Bewertungsbild geschaffen, als dies bei den Schwarz-Weiß-Aussagen von Amen (“das Beste” oder “das Schlechteste”) möglich ist.

Der Horizont von Amen geht weit über den von Oink hinaus. Bei Oink wird man nicht erfahren, wer der beste Schauspieler aller Zeiten oder welches die schlechteste Fluggesellschaft ist. Dennoch zeigt Kevin Rose mit seinem neuen Projekt, wie sich strukturierte Daten sammeln lassen, ohne dass Anwender dazu in ein allzu enges Korsett gezwängt werden, und ohne dass sie sich die Frage stellen, wozu das Ganze. Das allein sagt zwar nur wenig über das tatsächliche langfristige Potenzial aus, macht aber für neue User den Einstieg leichter.

Oink gehört für mich zu den sinnvollsten Ideen, die im Jahr 2011 realisiert wurden. Ich bin gespannt, ob andere dies ähnlich sehen (Update: alleine bin ich mit dieser Sicht schon mal nicht).

Link: Oink

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8 Kommentare

  1. Andreas
    schrieb am 7. November 2011 um 10:00 Uhr (#)

    Die Idee ist wirklich nicht schlecht, aber die geschönten Bewertungen werden mit Sicherheit auch wieder eine große Rolle spielen!

  2. Victorius
    schrieb am 7. November 2011 um 17:00 Uhr (#)

    Ich kann mich Andreas nur anschliessen.

    “Mittelfristig wäre es aber sinnvoller, nur Bewertungen an Ort und Stelle zuzulassen.” Richtig, jedoch gehören dazu nur Smartphone-Besitzer mit Internet-Flat. Wenn ich mit Begleitung essen gehe, dann nehme ich mir bestimmt keine Zeit, um eine Bewertung zu schreiben.

    1. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 7. November 2011 um 17:06 Uhr (#)

      Evtl bist du dann einfach nicht Kernzielgruppe ;)

    2. Victorius
      schrieb am 7. November 2011 um 20:51 Uhr (#)

      Na, dass hoffe ich doch :)

      Vielleicht machen mich die paar Jahre in Italien zu einem besseren Genussmensch, bis dahin, überlasse ich das lieber den sachkundigen Feinschmecker.

  3. Stefan
    schrieb am 9. November 2011 um 12:12 Uhr (#)

    Einige Nutzer geben auf Oink nicht nur ihre Meinungen zu Speisen und Gertränken wieder, sondern auch zu Apps, Büchern und Gadgets. Wenn man diese breitere Nutzung zulässt, wäre der Zwang eine Bewertung an einen Ort zu binden eher hinderlich.

    1. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 9. November 2011 um 12:21 Uhr (#)

      Da hast du recht. Ich glaube aber, dass Oink hier noch sein Profil schärfen muss. Dass ich Essens- und Getränkereviews zusammen mit Empfehlungen für eine tolle Aussicht oder ein Buch im selben Stream sehe, erscheint mir eher destruktiv. Das stört mich zumindest momentan bei einem Blick in meinen Stream.

    2. Sefan
      schrieb am 9. November 2011 um 12:45 Uhr (#)

      Im Stream der Personen, denen ich folge, finde ich es momentan persönlich eher gut. Hier interessieren mich weniger bestimmte Kategorien als vielmehr die Meinungen eben dieser Personen. Wie auf Twitter kann man die Thematik wahrscheinlich stark durch die Auswahl der Personen, denen man folgt, beeinflussen. Gerade weil Oink zur Zeit in Deutschland eher wenig genutzt wird, haben die Essenreviews für mich kaum Relevanz. Eine Filtermöglichkeit wäre allerdings hilfreich, falls das Durcheinander doch stören sollte. Ich bin gespannt wie sich Oink weiter entwickelt, denn mir gefällt es bisher sehr gut und ich stimme dir zu, es hat jede Menge Potential.

    3. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 9. November 2011 um 12:47 Uhr (#)

      Jup Oink wird sich da sicher noch ausgehend vom Verhalten der User weiterentwickeln. Und eine Filtermöglichkeit wäre vermutlich ausreichend,richtig.

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